versuch. machart: mise en abyme. · zuppanova · Substituenten

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     zuppanova



versuch. machart: mise en abyme.

   29.03.2006, 23:51 / 4 x geändert



exhibition: picture of a self-reflecting person:
dr. med. Karlotta Synagowitz stellt fest, dass ihr selbst etwas fehlt

mir fehlt ein stück
zunge ich weiß nicht:
hat da ein liebhaber ab
gerissen im rausch oder
war ich es selber als ich
die zähne zusammen gebissen
oder auch bin ich
als ganz kleines mädchen
beschnitten beschrieben
gestempelt gerollt
wie papier ---
weil ich so gefährlich beim kämmen
nie still halten immer nur weg fliegen wollte
durch den kamin oder ist es
was ist denn da vieles
geschehen an oder mit mir
mein ich es weiß nicht:
fehlt ein stück
zunge doch
spricht: es
in mir
immer
fort




mehr zu Karlotta Synagowitz hier:

Dinner mit Lotti
Bei Glenn auf einem roten Sofa
spot
anatomie

 
        arisia
        (Gast)

RE: versuch. machart: mise en abyme.

   11.10.2006, 12:50 / 1 x geändert



hi, zuppa,

ich war mal wieder im Forums-Keller, es gibt sie anscheinend fast überall, die Keller.:)

na, das ist gar nicht so einfach einen Einstieg zu finden.
Ich zäume das Pferd mal vom Schwanze her auf.

"spricht: es
in mir
immer
hin"

es gibt also Gedanken, die das LI innerlich erreichen, zu ihm sprechen, die es aber nicht nach außen bringen kann, weil für diesen Vorgang etwas fehlt. Dieses Fehlende wird vom LI auf die ganz materielle Zunge übertragen

"mir fehlt ein stück
zunge ich weiß nicht:"

und das LI sinniert darüber, wie dieses Stück Zunge ihm abhanden gekommen sein könnte. (Der ganze Text zwischen den von mir zitierten Teilen).
Verschiedene Möglichkeiten werden aufgeführt, erst der handfest materielle Verlust eines Stücks der Zunge,

"hat da ein liebhaber
ab gerissen im rausch oder
war ich es selber als ich
die zähne zusammen gebissen"

dann der immaterielle Aspekt des 'nicht sprechen dürfens'

"oder auch bin ich
als ganz kleines mädchen
beschnitten beschrieben
gestempelt gerollt
wie papier ---
weil ich so gefährlich beim kämmen
nie still halten immer nur weg fliegen wollte
durch den kamin oder ist es
was ist denn da vieles
geschehen an oder mit mir
mein ich es weiß nicht:"

des 'nicht der Phantasie folgen dürfens'.
Dem Kind wird anscheinend oft die Rede abgeschnitten, es wird körperlich wie sprachlich ruhiggestellt, niemand will etwas von seinen Phantasien hören.
Doch das Bedürfnis des LI seine Phantasien mitzuteilen sind immer noch da, nur können sie nicht nach außen transportiert werden, weil da eine Barriere ist, die das LI nicht überwinden kann, diese Barriere spiegelt das LI in dem Stück Zunge.
Ich sehe es mal als Spiegelung, weil der Titel:
"mise en abyse" auf die Spiegelung hinweist.
Ich habe jetzt eine Stunde wp zu m.e.a. gelesen, kann aber doch noch nicht beurteilen, ob dieser Text jetzt die Kriterien dafür erfüllt. Wieweit ist dieses Gedicht eine Geschichte in der Geschichte, gleich einer Matroschka, oder reicht die Variationen des Verlustes der Zunge und ihre Übertragugn vom Materiellen ins Immaterielle aus um den Titel zu rechtfertigen?
Wäre schön, wenn eine/r der mit diesem Thema (m.e.a.) mehr Vertrauten noch was dazu sagen könnte.
Jau, soweit bin ich also gediehen, :) schau'n wir mal, was sich noch so ergibt.
Jedenfalls jetzt ganz unwissenschaftlich gesagt:
ein Text der mich schon lange fasziniert, ich kann ihm auch emotional folgen, habe aber doch immense Probleme, meine Gedanken dazu für andere verstehbar zu machen. Vielleicht fehlt mir dafür auch ein spezielles Stück Zunge. :)

liebe Grüße
arisia

 

     zuppanova²



RE: versuch. machart: mise en abyme.

   08.11.2006, 13:16



servus, arisia,

und erst einmal danke für deine archäologischen grabungen und die wirklich sorgsame interpretation eines fast verjährten textes. zum thema m.e.a. möchte ich noch etwas sagen, und "fast verjährt" ist schon das stichwort, die überleitung:
im dezember wird es 1 jahr, dass ich in dieses forum gekommen bin, oder, anders gesagt, dass zuppanova geboren wurde (s. auch geburtsdatum in der mitgliederliste, haha -).
zuppanova ist ja nicht ganz das, was "ich" bin, so wie arisia nicht ganz das ist, was "du" bist. zuppanova ist also etwas wie die 1. ableitung von "mir", einer tatsächlich existierenden frau mit (zu?) vielen kindern, die just that moment am lap sitzt und schreibt und sich zuppa "entworfen" hat als nick für die aktivitäten im forum. diese zuppa (fast deckungsgleich mit "mir", aber eben: nicht ganz!) hat nun wiederum angefangen, hier texte und geschichten hereinzuschreiben, viele davon verknüpft miteinander (um das zu sehen, muss man aber eher viel lesen hier).
u.a. hat zuppa über eine figur "Porgy" geschrieben, eine art alter ego, das wäre vielleicht so die 2. ableitung. und Porgy nun erlebt verschiedenes, kennt alle möglichen leute, und in diesem Porgy-umkreis befindet sich auch Dr. Karlotta Synagowitz (eine "abzweigung"), die hier in diesem text als lyrIch zu wort kommt und über sich selbst reflektiert. so kann man den text einzeln lesen, als eines von vielen bildern einer ausstellung betrachten, oder man baut den text in den ganzen forums-schreib-kontext von zuppa ein, das wäre dann so in etwa das m.e.a. an der sache (also wie ichs halt in meiner zuppischen begrenztheit verstehe): die puppe in der puppe in der puppe, so ungefähr ... ja, eigentlich wüßte ich zu gern, ob verständlich geworden ist, was ich da ausdrücken wollte ...??? any feedbacks?

hmm, meine ganzen stränge hier, hätt ich ja gern alle schon viel weiter getrieben, aber einige wissen ja, dass "ich"(also die frau am laptop) noch mehrere andere sachen am hals hab, dass die zeit mein henker ist usw. - immer wenn ich was schreiben will, kommt was dazwischen, beim Heiligen Markus mit dem Leopoardenfell um die Lenden! und dann gibt es auch hin und wieder die kreative depression, vulgo schreibhemmung, wer kennt sie nicht ...

also, nochmals danke, arisia, für die ausdeutung
und lg, die zuppa (par-ti-ta).

als PS noch: mise en abyme, in den abgrund geworfen, könnte man aber auch so ganz direkt nehmen, wörtlich, nicht als literarische technik, und dem lyrIch des textes als motto beigeben. hast du, arisia, auch bereits angesprochen. (hoffentlich fragt niemand, wieviel von einem autorenich in einem lyrIch stecken kann, muss, darf ...)

 

     juey dai jia ren



RE: versuch. machart: mise en abyme.

   08.11.2006, 23:08



Liebe zuppanova,

Dein Gedicht erinnert mich an Kindheiten und deren Folgen.
Was man da verliert oder abgeschnitten bekommt, fehlt einem das ganze Leben lang.
Und es spricht immer wieder aus einem heraus, obwohl es fehlt.
Ich bin keine grosse Interpretatorin, aber daran musste ich denken.

Das Gedicht ist trotz der saloppen Sprache sehr traurig und geht einem nahe.
Na ja, mir gefällts jedenfalls, Kompliment.

juey

 

     Elise



RE: versuch. machart: mise en abyme.

   09.11.2006, 08:43 / 1 x geändert



Hallo, zuppa!

Wollte dir kurz mitteilen, dass ich deine Ausführungen verstehe. Interessant, was du dir da denkst. Auf solche Gedankengänge käme ich nie.
Dann noch: in deinem Text sehe ich auch wieder so Eskapistisches: durch den Kamin davon fliegen - eine kleine "Roberta"? ... überhaupt ist der Kamin so ein Symbol, so: Phallussymbol, und im Kamin verbrennt Holz, aus dem wiederum das Papier gemacht ist, zu Asche, und mit Asche und Kohle kann man schreiben, und ums schreiben/sprechen und ums Papier geht es hier ja irgendwie auch. Dein Text sieht klarer aus als er ist, eigentlich finde ich ihn ziemlich verwirrend, vielleicht sogar überladen, vielleicht hast du versucht, zuviel hineinzupacken? Ich weiss es nicht. Die Kindheit ist ja auch noch mit drin - ja, es gibt diese Kindheits-Traumen, die so sind, dass man ein Leben lang das, was fehlt, mit sich herumträgt -
ach, ich höre auf. Je mehr ich schreibe, desto komplizierter wird es.
Schließlich möchte ich mich nicht in irgendetwas hineinsteigern.

Liebe Grüße, Elise.

 

     ear



RE: versuch. machart: mise en abyme.

   09.11.2006, 09:30



Hi, zuppa, die Traeume als Kind, befluegelt durch das Vorlesen von Geschichten und Maerchen durch zwei liebe Tanten liessen mir die Welt sehr gross erscheinen. Und doch blieb ich natuerlich als Kind im Kreis der Famlie mit Vorschriften und genau geregeltem Alltag. Frueher war alles strenger, man gehorchte, aber die Sehnsucht, eine andere Person zu sein, war maechtig. Als Erwachsener reiste ich viel in fremde Laender waehrend ausgedehnter Schulferien, doch dann verliess ich den Beamtenberuf , verliess Heimat und Familie, um eine eigene Familie im Ausland zu gruenden. Mein Mann haette sich nicht wohlgefuehlt in Deutschland, sein Beruf war zu spezialisiert im Architect’s Department und er haette seine Pubs, die anheimelnde Landschaft in Suffolk vermisst. Fuer mich war es einNeubeginn als Ehefrau und Mutter. Meine Kinder wuchsen zweisprachig auf und haben inzwischen mehrere weitere hinzu erworben. Nun sind sie fast “fluegge” und ich hoffe, meine "Wanderlust” wieder aufnehmen zu koennen, obwohl mein Mann lieber “Armchair-Traveller” ist.

 

versuch. machart: mise en abyme.




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