Elise
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andere worte
zwischen den alltagszeilen
sind anderworte versteckt:
aus dem wasser gerettete
flüchtlinge
verschwiegen unruhig unbehaust
übers meer getrieben
sehnsüchtig
immer weiter getrieben
bis hierher. zwischen die zeilen.
nun liegen am ufer
wie hageres schwemmholz
die flüchtigen
ruhen sich aus
bergen ihr hölzernes hartes
getriebensein
in diesen engen kammern
hinter den worten
einen tag eine nacht lang vielleicht
bis alle kleider getrocknet sind
dann treiben sie
weiter
zurück bleibt
zwischen die alltagszeilen geschoben
alles: was fehlt

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augustine
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Liebe Elis,
ich schreib' nur ein bis zwei Gedanken auf, die mir heute am Abend zu Deinen "anderworten" gekommen sind (gefällt mir als Wort):
Ich kann sehr Realistisches erkennen: Flüchtlinge, boat-people, die gerettet wurden und nun erschöpft am Ufer liegen, die Kleider trocknen - das lesen wir in Zeitungen.
Dann Vergleiche: "wie hageres Schwemmholz"/deshalb ist ihr "getriebensein" 'hölzern' und 'hart'
Und zwischen den "alltagszeilen" der Zeitungsmeldung, den "engen kammern" der bloßen und im Wortsinn all-täglichen Nachrichten sind die "anderworte" versteckt, das wirklich Wichtige.
WENN jemand so liest, WENN jemand so schreibt.
Was heißt aber: "zurück bleibt/.../alles: was fehlt." Du gebrauchst nur zwei Satzzeichen, die beiden Doppelpunkte. Der erste (so lese ich das heute) weist auf das ganze gedicht hin; der zweite muss aber ähnlich bedeutungsvoll sein. Was also fehlt? die "anderworte"? Und damit: "alles"?
Liebe Grüße von augustine

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Elise²
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18.03.2006, 18:07 / 1 x geändert
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Ja, boat-people, Flüchtlinge, Medienmeldungen als Metaphern .... ev. eine Frage hinter dem Text: Wo steckt noch etwas Lebendigkeit? Im Alltag? In den Medien = der Flut der täglichen Informationen + Bilder + vorgekautem und vorverdautem Instant-Lebensgefühl? In einem "Engagement" (für was auch immer)? In der Phantasie? Vielleicht...! Nischen? Fluchten? Oder am Ende im Körper? Keine Ahnung, wahrscheinlich bin ich einfach nicht schlau genug.... also hier noch eine Textstelle dazu:
Wagnis. - Wir haben das Land verlassen und sind zu Schiff gegangen! Wir haben die Brücke hinter uns - mehr noch, wir haben das Land hinter uns abgebrochen! Nun, Schifflein! Sieh dich vor! Neben dir liegt der Ozean, es ist wahr, er brüllt nicht immer, und mitunter liegt er da, wie Seide und Gold und Träumerei der Güte. Aber es kommen Stunden, wo du erkennen wirst, dass er unendlich ist und dass es nichts Furchtbareres gibt als Unendlichkeit. [...] Wehe, wenn das Land-Heimweh dich befällt, als ob dort mehr Freiheit gewesen wäre - und es gibt kein 'Land' mehr! (F. Nietzsche, la gaya scienza - Die fröhliche Wissenschaft)
augustine: danke Dir fürs Lesen und Schreiben! Elis.

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Gerd
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Hallo Elis,
ich finde in Deinen Worten Getriebenheit zwischen Karriereorientierung, Konsumrausch, Anonymität, Vereinsamung und Ü-30-Partys. Kurze Beziehungen und One-Night-Stands sind ein vorübergehendes Stranden – beliebig – austauschbar, bis der Mahlstrom (Bindungsangst, fehlende Verantwortung, Oberflächlichkeit …) wieder alles mit sich reist. Was fehlt ist ankommen, angenommen sein, Heimat (den einen Menschen finden ist wie heimkommen). Sehnsucht ja, aber der Blick für echtes Leben – Wahrhaftigkeit ist verstellt. So gesehen fehlt alles.
Herzliche Grüße
Gerd

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Marcel Frank
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mag, gerd, dein beitrag zutreffend sein oder nicht sein, mithin faßt er lesenswert so eine houellebecq'sche light-version sexinsel-stupor-isierter städter(sss) zusammen. ansonsten: "under-worte", gut, dahin arbeitet jede zeile, gemessen am 3. beitrag wäre "das zwischen die alltagszeilen" schieben gewiss "einer erotischen lektüre beipflichtend". im übrigen, ob dem so ist oder nicht (ich wiederhole mich) ein überraschend spannen-des (im sinne von voyeur) bild, das "im" (präp.) lesen entsteht. | ich sehe, ich trage wenig bei. abbruch.
gedicht + beiträge gern ge-see-n (under-worte, inseln, U|Ü.30) ...
m

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augustine
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Jedenfalls mal wieder ein Gedicht, das Antworten hervorgerufen hat. Es wird also auch gelesen, weil die meisten ja eher die Antworten lesen als die Grundtexte.
Und die, einmal unter die Leser geworfen, eigentlich: ihnen anvertraut, brauchen die Sorgfalt, dass die ihnen nachspüren. Das ist oder sollte sein: eine Art von Demut. Denn sie sind dem je einzelnen Verständnis ausgesetzt, sobald sie öffentlich sind. (Nun gut, eine Banalität.)
Wir haben hier wirklich verschiedene Lesarten: eine politische (meine), eine ethisch-erotische (Gerds), eine dekonstruierende (Marcels), die immerhin noch rechtzeitig merkt, dass sie wenig beiträgt.
Deutungshoheiten gibt es nicht. a.

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zuppanova
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liebe leut, eure verschiedenen lesarten sind mir alle jeweils nachvollziehbar, und angesichts der palette fällt mir gar keine eigene kluge lesart zusätzlich ein --- oder? --- ja, doch: ich könnte natürlich Dr. Karl. S. um ein statement zu der sache bitten, schließlich ist sie als ärztin ja wohl zuständig für zustände, wo "etwas fehlt"! (das wäre dann, sozusagen, eine reflektierend - [kor]respondierende lesart [im sinne von: zurückspiegelnd - erwidernd], also subjektiv und persönlich, mag vielleicht skurril erscheinen, aber: is zuppa!). die frage nach der deutung führt doch aber immer wieder auch zum "schreibanlass", ist es nicht so? was meint ihr, was meint denn Elis?
lg, zuppanova.

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Elise²
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Ich bezweifle, daß Deutung und Schreibanlass irgendwas miteinander zu tun haben (müssen). Morgens aufwachen, erstes widerstrebendes Hinhorchen auf den bereits losgeflüstert habenden eigenen inneren Monolog = erster Schreibanlass des Tages. So geht´s dann weiter: Blick nach außen, Blick nach innen, niemals abreissender Text, Selbst-Reflexion, Selbst-Distanzierung, Allein-Sein. Wem (außer "sich selbst") sollte man "sich mitteilen". Oder, konkreter, folgende Szene als Schreibanlass: ich am Tisch, stoße mit einer ungeschickten, dummen Bewegung ein Schüsselchen voll winziger Perlen um. Rote Perlen tanzen über den Tisch, hüpfen runter, prallen auf den Boden, tanzen und hüpfen weiter, die meisten verschwinden in den breiten Ritzen zwischen den Fußbodendielen. Weg. Fehlen. Zwar weiß ich, wo sie stecken, daß sie da sind, aber ich kann sie nicht rausbekommen. Die Perlenschnur bleibt unvollständig. Gruß von Elis (auf den Boden starrend).

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