augustine
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11.06.2007, 14:50 / 1 x geändert
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in den verliesen der vergangenheit
hocken die untoten.
köpflings gestürzt
geknebelt gebunden.
tauschen sich aus
im seelensumpf.
reiben sich auf
steigen empor
zum deckelgitter
zischen feuer hindurch
jagen bilderschlamm nach
in den tag
den ich meinen glaubte.

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Elise
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augustine, es geht um Erinnerungen in deinem 13-zeiligen ("Unglückszahl") Text: keine guten - 'von unten' (be-)drängen sie.
Zunächst eine Verständnisfrage:
Zeile 11: 'jagen bilderschlamm nach' - wie ist dies zu lesen?
Ich lese es eher so, dass die Untoten (den/einen, Akk.) Bilderschlamm nach- bzw. hineinjagen (=werfen) in den Tag.
Es könnte aber auch sein, dass die Untoten dem Bilderschlamm (Dat.) nach- bzw. hinterherjagen (=rennen) bis in den Tag hinein? Welche Version ist von dir gemeint.
Grüße aus dem Kunstlicht (Büro): Elise.
PS: Du hattest ursprünglich 'bilderpamps' geschrieben, nicht wahr? Oder las ich falsch?

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augustine²
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12.06.2007, 14:37 / 1 x geändert
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Ja, Elise, das mit dem Bilderschlamm hast du so beschrieben, wie ich es meinte: sie jagen den Schlamm der Erinnerungsbilder in den Tag. Die Doppeldeutigkeit ergab sich, aber nachdem zuvor (wie ich jedenfalls finde) zwei (andere doppelt zu deutende Wörter) da sind, war mir das recht, also dass es auch die andere Verstehensmöglichkeit gibt. - Ja, es stand auch zuerst "-pamps" da, klang mir dann aber zu sehr nach Kleinkindermatsch oder Pampers. Zu allererst hatte ich sogar 'Pampe' im Sinn (berlinisch für den Matsch, den die Kleinen so gern durch die Finger quetschen) Lg augustine

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Jolante
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12.06.2007, 15:50 / 3 x geändert
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in einem bestimmten Alter kennt sie jeder, die Verliese der Vergangenheit. Wehe, wenn die Untoten aus dem Seelensumpf emporsteigen und das tun, was du, augustine, in deinem Gedicht so eindrücklich in Bilder kleidest. Sie durchdringen nicht nur das Dunkel der Nacht, nein, sie jagen den "bilderschlamm" (treffliche Metapher) unliebsamer Erinnerungen in den Tag hinein, von dem das lyr.Ich zuvor glaubte, es sei die von ihm frei von unerwünschten Einflüssen aus dem eigenen Innern zu gestaltende Gegenwart. Habe ich das richtig verstanden ("in den tag den ich meinen glaubte")?
Mir gefällt dieses expressive Gedicht sehr, und ich finde (alle Adorno-Fans aufgepasst), es enthält nichts Überflüssiges. Alle Worte sind bedeutsam.
LG Jo

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zuppanova
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grüss euch alle!
zwei kurze anmerkungen:
1. zum aufbau: es regieren oppositionen den text:
- die untoten zu beginn <--> das lyrIch am ende
- unten, verlies, dunkelzone <--> oben, freiheit, tagzone
- vergangenes <--> heute gelebter tag
- erinnerung, verdrängtes, bereich des „es“ <--> bewußtheit, bereich des „ich“
- im titel steckt implizit die opposition bzw. die ganze bewegungslinie, die den text führt: „von unten“ („nach oben“, wäre zu ergänzen).
die untoten (gedanken, erinnerungen, erlebnisse, inhalte), welche per deckelgitter (verdrängung) im keller oder hadesbereich oder kanalsystem der psyche (unbewusstes, es) gehalten werden, sind dennoch vital genug, um den (vermeintlich) gesäuberten und gesicherten, vom „ich“ besetzten (all)tag(s)bereich der psyche anzuzünden mit feuer, mit bilderschlamm zu überschwemmen und zu verseuchen bzw. dies zumindest zu versuchen: sie wollen wahrgenommen, integriert, erlöst werden - könnte das vllt. bedeuten.
die vom ich beständig zu leistende abwehr und wiederverdrängung der untoten, also des im bewusstsein nicht erwünschten, zensierten materials, zieht eine menge lebenskraft ab: genau dieser prozess ist (u.a.) im mythos vom blutsaugenden (= lebenskraftsaugenden) vampir enthalten.
2. mich irritiert, dass die untoten einerseits gebunden und geknebelt sind, andererseits aber (einige verszeilen weiter) aufsteigen, feuer zischen und bilderschlamm in den tag jagen können. ist hier die innere logik in der textführung gewahrt?
nur so anstösse auf die schnelle: lg, zuppa.

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augustine²
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Danke Euch allen, die Ihr hierzu so schnell etwas gesagt habt.
Ad zuppam: was Dich irritierte, könnte so aufgelöst werden: die ich "Untote" genannt habe, sind keine definierten Ichs mehr, sind in einer Art von, vielleicht, halbem Verwesungszustand, in dem sie sich "austauschen", aber auch "aufreiben" (doppelt: auch: einander die Fesseln losreiben, samt der Reibungswärme, die zum Feuer wird) - so erklär ich mich hinterher; denn es war seltsam: der Text war "da", ich habe ihn nur wenig bearbeitet. Ja, war wirklich seltsam.
Lg augustine

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zuppanova
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ja, augustine, kann diese erklärung schon nachvollziehen:
hätt ähnlich angesetzt, wenn ich hätt erklären wollen/müssen.
der text gibt ja kein statisch gefrorenes bild wieder,
sondern beschreibt prozesshafte vorgänge.
beim lesen übrigens bebildert der text sich mir sehr deutlich.
könnt ein traum sein. aber ich träums, denk ich, doch lieber nicht nach.
allseits gute nacht wünscht jedenfalls:
zuppa die späte.

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windflug
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Viel Neues kann ich nicht schreiben zu deinem Gedicht, augustine, nur dass ich seine Bildlichkeit stark und dicht empfinde. Die ungeheure Macht des Verdrängten über das vermeintlich freie, selbstbestimmte Tagleben wird bedrückend deutlich.
Liebe Grüße
windflug

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Schreibtisch
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Die Untoten der Verliese führen ein irrsinniges Eigenleben,
das für uns Nichtuntote nur schwer nach zu vollziehen ist,
glaube ich. Obwohl mundtot gemacht, geknebelt, obwohl gebunden
- an alte Taten? – sind sie doch immer wieder recht beweglich und ausdrucksstark,
wenn es darum geht, sich in Erinnerung zu rufen, das wird deutlich.
Ich dachte auch die Leichen, die „man“ – also ich und vermutlich andere auch –
im Keller beheimatet…die sind ja auch oft noch recht lebendig-untot.
Mir gefällt sehr das Bild: Deckelgitter. Es zeigt für mich die Vergeblichkeit des Versuches unten und oben zu trennen (ein Gitter schützt nicht vor Diffusion)…und gleichzeitig die Notwendigkeit, den Schein eines verriegelten Abschlusses trotz aller widersprechenden Erfahrung zu wahren.
So kenne ich es auch: ein einziges Bild, aufblitzend, kann mein ganzes Tageskonstrukt aus den Angeln heben.
„Man“ – also ich und…- möchte ein Schild an das Deckelgitter hängen: Bitte nicht füttern!
Und ja nicht kokettieren mit ihnen!-
findet der Schreibtisch und grüßt augustine nach Sonnenuntergang, ach ja: die Verliese haben Verbindungsgänge, aber das weißt Du ja bestimmt. Will sagen, vermutlich ist es wohl so, dass wir alle unterirdisch auch miteinander verbunden sind. Es sind vielleicht also manchmal gar nicht die ureigensten Monster, die einen quälen.

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Elise
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augustine, den 'pamps' gegen den 'schlamm' zu tauschen, war auf jeden Fall eine gute Wahl. Ansonsten ist ja bereits alles gesagt.
Viele Grüße, Elis.

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augustine²
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Dank an Euch allen nochmal, die Ihr Euch diesem kleinen Gedicht beschäftigt habt, das so sonderbar schnell "da" war.
Nur an die Verbindungsgänge, Schreibtisch, zwischen den Vergangenheitsverliesen, glaube ich nicht. Sicher, kollektives Unbewusstes (C.G. Jung): aber ist das nicht nur ein psychologisches Konstrukt, eine Spekulation?
Nächtliche Grüße in eine möglichst entspannte Nacht: augustine

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Schreibtisch
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...ob man an die Verbindungsgänge glaubt, liegt vermutlich an den eigenen Erfahrungen damit und wie man sie wahrnehmen und deuten will...ein Konstrukt...eine Arbeitshypothese...eine Annahme...ich komme mit diesem Bild auch als Imaginationshilfe gut zurecht...kann gut damit "arbeiten"...so erschließt sich mir vieles...aber es ist natürlich (m)eine Entscheidung, anzunehmen, dass es sie gibt...man kann sicher andere Bilder und Namen für dieses Phänomen wählen,
"glaubt" der Schreibtisch.

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rollerball
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21.06.2007, 18:50 / 1 x geändert
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Liebe augustine,
Sehr plastische, aufwühlende Bilder verwendest du da, die ich gut für mich nachvollziehen kann. Jeder hat ja so seine Leichen (oder vielmehr Untoten) in seinem Seelenkeller weggesperrt, mundtot gemacht und verdrängt, aber wir tanzen auf dünnem Eis, oder auch auf einem Vulkan, aus dem das Höllenfeuer nach uns züngelt, wenn wir am wenigsten darauf gefasst sind ...
Bilderschlamm ist wirklich eine originelle Wortschöpfung, Bilderschleim wäre vielleicht eine noch ekelhaftere Alternative gewesen ("I am the slime"- Frank Zappa, falls euch das was sagt ..); Pamps kannte ich als Ösi überhaupt nicht, die Pampe ist mir allerdings vertraut, wahrscheinlichaus dem deutschen TV ...

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