Das Pflaumengedicht · Elise · Substituenten

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     Elise



Das Pflaumengedicht

   01.06.2007, 08:10



Damit du Bescheid weißt

Das Pflaumengedicht
gibt es ja schon.
Wozu sich noch
mühen? Verzeih.

- stand auf dem Zettel,
den sie ihm an die
Kühlschranktür klebte,
bevor sie
. . . . . . . . . . . . . .verschwand.

 

     Schreibtisch



RE: Das Pflaumengedicht

   01.06.2007, 19:24 / 4 x geändert



Liebe Elise,
ich danke Dir für dieses Gedicht.
Es ist für mich geheimnisvoll auch wenn es so aussieht,
als würde nur im Vorbeigehen schnell ein Zettel beschrieben
und ganz nebenbei, dass eine gegangen ist für immer.
Ich kannte das Pflaumengedicht nicht und war erst unsicher, ob ich es suchen soll. Eigentlich kannwillsollte es auch ohne die Kenntnis des anderen Gedichtes verständlich sein?
Ich konnte mein Unwissen aber nicht aushalten und habe es hier gefunden: http://www.uni-klu.ac.at/ide/1-04_gedicht.pdf Hm…jetzt habe ich natürlich viele Querverbindungen im Kopf, die sich auch auf das Verständnis Deines Gedichtes auswirken. Die will ich aber jetzt bewusst an den Rand schieben und schaue nur Deine Zeilen an:
Eine Frau verschwindet für immer.
Aus dem Leben? Oder „nur“ aus dem Haus, in dem der Kühlschrank steht?
„Nur“ aus der Beziehung? Bevor sie aber verschwindet, schreibt sie für einen anderen Menschen einen Zettel, den sie an den Kühlschrank klebt. Auf dem Zettel steht: Verzeih! oder dort steht: Das Pflaumengedicht/von Williams/gibt es ja schon. /
Wozu sich noch /mühen? Verzeih.
Mit Blick auf den Menschen, der den Zettel am Kühlschrank liest, wäre es mir lieber es stünde dort nur: Verzeih. Denn die Zeilen davor wirken so müde und abgefunden, es klingt nach Ausrede: so als müsse sie sich nicht mehr bemühen ihr Gehen zu erklären, weil ja ein anderer an einem anderen Ort einer anderen Person etwas erklärt hat...jede, die geht, muss versuchen zu erklären, warum, wünsche ich mir. Wozu sich noch mühen? Um eine selbst willen! Und für den, der mit zittriger Hand den Zettel vom Kühlschrank abnimmt.
Oder ist das Leben sinnlos geworden, weil man selbst nicht mehr das Pflaumengedicht schreiben kann? Auch eine Möglichkeit…
Der Zettel am Kühlschrank tut mir weh und lässt mich frieren.
Dein Gedicht bewegt mich, es zerrt an mir herum und lässt mich mit vielen Fragen zurück.
Es kommt ganz schlicht daher, tut so als wäre es einfach so nur ein paar Zeilen, aber die haben es in sich.
Vielen Dank! Viele Grüße
vom Schreibtisch

 

     Elise²



RE: Das Pflaumengedicht

   02.06.2007, 01:24



Um ganz ehrlich zu sein, Schreibtisch:

Viele Jahre lebte ich vor mich hin, ohne das Pflaumengedicht zu kennen.
Am Mittwoch, den 30.05.2007, abends, las ich es zum ersten Mal, ein Zu-fall, es fiel mir zu und gefiel mir so gut, dass ich es (das Pflm.ged.) weitertreiben wollte, in ein "jetzt" hinein. Aber mehr als das, was da oben steht, fiel mir nicht ein dazu.

Ja, so kam dieser Text zustande.

Grüße von Elise.

 

     zuppanova



RE: Das Pflaumengedicht

   03.06.2007, 10:28



Yes(sas), Elis goes Imagism, ja?

Das ist doch nicht übel als weibliche Antwort an einen Pflaumenfresser, der hirn- und herzlos triebgesteuert die in all ihrer Süße so widerständig kalten Früchte (so sweet and so cold: in der Combo steckt der drog-ische Wirkstoff darinnen, der dem Pflaumengedichtleser den Kick gibt!) in sich hineinkonsumiert, ja so ein Zampano, und der meint, mit einem sinnigen "Verzeih mir" wärs gerichtet und wieder gut, aber SIE hat keine Lust mehr: Wozu sich noch mühen? ... hmm ... Susan Sonntag, Alice Schwarzer, Judith Butler wirk(t)en doch nicht umrasunst, oder ...

Auf jeden Fall muss der "er", dem sie den Zettel hingeklebt hat vor ihrem Abgang, das Pflaumengedicht kennen, denn offenbar ist sie sich sicher, dass er wird deuten können, was sie ihm geschrieben hat - und dass ER es wird deuten können, das ist das Wichtigste. Wie es um andere Leser steht, ist diesem Elisegedicht wahrscheinlich egal.
(Mein ich halt, denn es wirkt so autark. Fast ein Freistoß, das Elisegedicht.)

Conmovida. Afirmativamente.
LG, zuppa.

 

     Elise²



RE: Das Pflaumengedicht

   14.06.2007, 00:51



Hallo zuppa (oder: serv.s?)!

Mit Susan Sonntag, Alice Schwarzer und Judith Butler kann ich nichts anfangen.
Und was Imagismus sei, weiß ich nun erst - nach einigem Gegoogele.
Aber alles andere, was du geschrieben hast - gefällt mir ziemlich gut.

Danke. Elise.

 

     Elise²



RE: Das Pflaumengedicht

   19.06.2007, 13:07



Mir fällt eben ein, es könnte sinnvoll sein, das Pflaumengedicht hier auszustellen, einzustellen ... und auch ein Link noch zu einem Artikel über Williams. Elis.


This Is Just To Say

I have eaten
the plums
that were in
the icebox

and which
you were probably
saving
for breakfast

Forgive me
they were delicious
so sweet
and so cold


________________________

Nur damit du Bescheid weißt // Ich habe die Pflaumen / gegessen / die im Eisschrank / waren // du wolltest / sie sicher / fürs Frühstück / aufheben // Verzeih mir / sie waren herrlich / so süß / und so kalt
(Hans Magnus Enzensberger)

 

     Jolante



RE: Das Pflaumengedicht

   19.06.2007, 22:33



Liebe Elis,

der Zeit-Artikel über Williams war sehr interessant für mich, die ich bis zu dem von dir eingestellten Pflaumen-Gedicht noch keine Bekanntschaft mit ihm gemacht hatte. Vor diesem Hintergrund, dem Williams-Gedicht in der Enzensberger-Übersetzung und dem Artikel habe ich auch dein Gedicht mit neuer Aufmerksamkeit gelesen und war sehr davon angetan. Danke !

LG Jolante

 

     Elise²



RE: Das Pflaumengedicht

   21.06.2007, 00:14



Liebe Jolante,
vielen Dank für dieses positive Feedback.
Den Artikel fand ich als Einstieg auch gut.
Es freut mich, dass du ihn gern gelesen hast.
Eine gute Nacht wünscht
Elis.

 

     rollerball



RE: Das Pflaumengedicht

   21.06.2007, 18:00



Ja, jetzt erinnere ich mich wieder an dieses kleine Gedicht, das ich vor vielen Jahren bei meinem Studium von einem amerikanischen Gastprofessor hörte und das mich damals sehr amüsierte. Es ist ja auch herrlich in seiner lakonischen Knappheit, in seinem "unverfrorenen" (und das auf einem Kühlschrank!) genusshungrigen Egoismus, der nicht einmal um Verzeihung bittet, sondern sogar noch boshaft Salz in die Wunde reibt.
Ob sich die Mühe in Elises Gedicht auf die des Schreibens oder auf die des Zusammenlebens und der damit verbundenen Haushaltsarbeit bezieht, ist wohl schwer zu sagen, es scheint mir aber jedenfalls eine nicht besonders mutige oder faire Methode, seinen Lebensabschnittspartner abzuservieren oder kaltzustellen, um im Bild zu bleiben, aber sicher ein Ausdruck von Hilflosigkeit.
Aber solche Konstellationen gibt es wohl, und sowohl die Idee als auch die Ausführung des Gedichts gefallen mir, wenn mir auch dabei trotz der hohen Sommertemperaturen ein kühler Schauer über den Rücken lief ...

 

     Elise²



RE: Das Pflaumengedicht

   22.06.2007, 00:21



Hallo rollerball,

es entzückt mich, diese Erinnerung bei dir wachgerufen zu haben.
Was nun das Abservieren des Lebensabschnittspartners betrifft:
ach, wer weiß schon, was alles dem Zettel an der Kühlschranktür
vorausgegangen sein mag.
Für deinen Kommentar dankt ermutigt
Elise.

 

     zuppanova



Klabund

   26.06.2007, 09:28



Vergib mir.
Ich tat,
Was Gott allein zu tun geziemt:
Nahm deine Hand für meine Hand,
Dein Herz für meines.
Mich verwirrte
Die schöne Nacht,
Der goldne Stern im Strauch
Und dann: der namenlose Duft der Linde.
Verzeih.

Klabund (1890-1928)

__________________________________________

zufällig gelesen, dabei sofort an das Pflaumengedicht denken müssen und deshalb schnell hierher geschrieben, mit der frage (an mich selbst und an alle anderen): könnte man sagen, dies sei das Pflaumengedicht mit anderen sprachlichen mitteln?

lg, zuppa.

 

     rollerball



RE: Klabund

   26.06.2007, 15:55 / 1 x geändert



Also an das Pflaumengedicht erinnert mich das nicht gerade, da liegen schon Welten dazwischen ... aber es gefällt mir sehr in seiner demutsvollen Zartheit -
freut mich jedenfalls, das Gedicht auf diese Weise kennengelernt zu haben,
danke, rollerball

 

     ear



RE: Klabund

   26.06.2007, 18:33



Das filigrane Klabund-Gedicht , in blosser Andeutung, oder wie rollerball es so treffend bezeichnet:'demutsvoller Zartheit', das jeder Eigenliebe entbehrt, ist fuer mich ein Gegenpol zum Pflaumengedicht.Lieben Dank, sowohl Elise wie zuppa, ear .

 

     Jolante



RE: Klabund

   26.06.2007, 21:17 / 3 x geändert



Ich habe beide Gedichte jetzt mehrmals gelesen, und ich neige dazu, zuppa recht zu geben. Beide Gedichte sind hintergründig und sagen viel mehr aus als das, was bei oberflächlicher Betrachtung aus den Zeilen herauszulesen ist. Ohne ins Detail gehen zu wollen (zu können), erkenne ich in beiden Gedichten jeweils ein lyrisches Ich, das in gewisser Weise zu "weit gegangen" ist und sich (halbherzig) dafür entschuldigt. Nein, einen Gegenpol zum Pflaumengedicht sehe ich inhaltlich nicht, wohl aber in der Gestaltung.

LG Jolante

 

     augustine



RE: Klabund

   26.06.2007, 23:42



Das verborgene Pfläumchen wirkt ja sehr anziehend! So ist das eben mit den Dingen, die nicht so ohne Weiteres sichtbar werden sollen.
Ich finde, dass zuppa und Jolante unbedingt recht haben! Da nimmt sich in beiden Gedichten einer (ein Mann, denke ich), was nicht oder noch nicht für ihn war. Und entschuldigt sich - unaufrichtig. (Er hätte auch sagen können: verzeih - aber du hast mich schließlich verlockt. Tun Männer ganz gerne. Sie können doch gar nichts dafür ...)
Ansonsten: Lest doch mal Klabund-Gedichte im Projekt Gutenberg! Das ist keiner, der "filigran" oder in "demutsvoller Zartheit" schreibt - on the contrary! Wenn man das einmal weiß, lässt sich jeder Vers in diesem Gedicht gegen den Wortlaut lesen, und dann stimmt's: das Pflaumengedicht mit anderen Worten, ja. Was findest du denn, elis?
lg augustine

 

     lost



RE: Das Pflaumengedicht

   28.06.2007, 00:49



Gedicht

zwar fragte niemand mich.
doch geb’ ich hiermit kund:
wie augustine, wie Jolante, zuppanova lese ich
Herrn Will-i-ams und auch den Herrn Klabund.

best: lost, the rhymer.

 

     Elise²



RE: Das Pflaumengedicht

   29.06.2007, 08:13



Frappierend finde ich es, Williams (*1883) und Klabund (*1890) so nebeneinandergestellt zu sehen - und da ich von dir, augustine, direkt gefragt wurde:

Mit dem, was zuppa und Jolante andeuten und du ausführst, gehe ich - auf die beiden Gedichte bezogen - unbedingt mit. Es wäre genau so auch mein Interpretationsansatz: Übergriff, Missachten, Überschreiten einer vom lyr. Du gezogenen Grenze, männlicher Sprecher, mehr oder weniger feige und halbherzige Entschuldigung hinterher, dies elende Winseln, nicht wahr: "Die Umstände waren so und so, und ich bin eben so und so, ich konnte und kann nicht anders ... ".

Doch, diese Zusammenschau ist sehr interessant.
Danke dir, zuppa, für deinen Klabund-Beitrag.

Grüße in die Runde, Elis.

 

     zuppanova



RE: Das Pflaumengedicht

   23.07.2007, 13:03



serv.s - und ...
... einen schritt weiter geh ich hier noch, nämlich: es könnt ja die (oben mehrfach angesprochene) situation, welche das lyrIch des Pflaumengedichts ausnutzt, um vom lyrDu zur unzeit/gegen dessen willen etwas zu nehmen, so etwa ausgesehen haben:


Heidenröslein
(Volkslied-Umdichtung)

Sah ein Knab ein Röslein stehn,
Röslein auf der Heiden,
War so jung und morgenschön,
Lief er schnell, es nah zu sehn,
Sahs mit vielen Freuden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Knabe sprach: Ich breche dich,
Röslein auf der Heiden!
Röslein sprach: Ich steche dich,
Daß du ewig denkst an mich,
Und ich wills nicht leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Und der wilde Knabe brach
's Röslein auf der Heiden;
Röslein wehrte sich und stach,
Half ihm doch kein Weh und Ach,
Mußt es eben leiden.
Röslein, Röslein, Röslein rot,
Röslein auf der Heiden.

Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)


(... und das hab ich nicht sportlich abgetippt, sondern mittels copy-taste benjaminisch flugs hier reingesemmelt ... ha!)

 

     lost



RE: Das Pflaumengedicht

   19.08.2007, 01:18



die Sache ließe sich nun so betrachten, dass da ein Y sei:
dessen linker oberer Arm stelle das Pflaumengedicht (Williams) dar, der rechte Arm das Klabund’sche Vergebungsgesuch. was könnte nun die Wurzel, der Stamm sein? richtig! unser guter Goethe mit dem Rösleinknaben. ja, so könnte es gewesen sein, so bringe ich es zusammen und so sehe ich es auch: der Geheimrat beschrieb zuerst jenen Vorgang, dessentwegen Williams und Klabund sich entschuldigen, viele Jahrzehnte später.

der Elise-Text freilich wäre nun selbst wieder Wurzel eines anderen Y, denn hier wird doch ein ganz neuer Blickwinkel eingeführt - und spannend dürfte es sein, die sich aus dieser Wurzel entwickelnden Äste zu lesen ... gibt es sie schon ... oder müssen sie erst noch geschrieben werden ... any ideas?

best, lost.

 

     augustine



Das Kirschbaumgedicht

   09.10.2010, 23:40 / 1 x geändert



Diesen Faden hatte ich nie vergessen.

Am Nachmittag, beim Suchen von anderem, fiel mir dies Gedicht von W.C.Williams zu. Statt in den Fundstücke-Faden hierher; auch in der Übersetzung von Enzensberger.

Der kahle Kirschbaum
über dem Dach
trug reichlich Früchte
im letzten Jahr. Früchte?
Dieses Gerippe da?
Ist das denn überhaupt
noch am Leben? Ich
seh keine Früchte.
Also schlagt es ab
und braucht das Holz
gegen die beißende Kälte.

Grüße von augustine

 

     Pega Mund



Kurz angemerkt

   07.03.2012, 17:38



WCW - im März vor 49 Jahren gestorben => http://tinyurl.com/7kpfws3


. . . . . . . Gretchengrüße

. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> Der Lyrikautomat (klick)



Und eine Würdigung noch in english, die einzig mir im Blätterwald auffindbare:
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .=> http://blog.nj.com/njv_linda_stamato/201...ams_the_po.html

 

Das Pflaumengedicht




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