augustine
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12.02.2006, 20:02 / 4 x geändert
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Rote Laterne
Die Haustür war offen wie meistens. Durch die Wohnungstür hörte ich unser Cellokonzert. Aber Oliver wusste doch gar nicht, dass ich schon kommen würde. Als das Licht im Treppenhaus ausging, sah ich rings um die Tür einen roten Lichtrand. Ich klingelte. Niemand öffnete, nur das Konzert wurde sachte ausgeblendet. Durch den Spion sah ich das Licht in meinem Zimmer und dass mein Schlüsselbund an seinem Platz hing. An der Garderobe hing eine Jacke, die hier nicht an ihrem Platz war. Minutenlang starrte ich sie an. Dann klingelte ich Sturm und donnerte mit den Fäusten an die Tür. Weiterhin nichts. Aus den Tagungsunterlagen zog ich einen Zettel und schrieb: Bin in 20 Minuten zurück. Erwarte mein Bett spurenlos vorzufinden. Das war dann so. Die Wohnungstür war angelehnt, und Olivers Tür war geschlossen. Im Badezimmer zog ich aus meiner Kosmetiktasche eine teure Flasche Parfum, die nicht ich gekauft hatte. O! Im Spiegel lächelte ich mir zu und versprühte dann eine dichte Duftwolke, die auch die Nachklänge des Konzerts aufsog. Über meiner Schreibtischlampe war ein rotes Tuch vergessen worden, das mir gehörte. Ich ließ es vom Balkon flattern. Es blieb sehr schnell in einem Baum hängen und spielte mit ihm Rote Laterne.
AugenblickeBlickwinkel 2

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Marcel Frank
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"Lichtrand", so hatte wer Neon-Röhren nie gesehen. Nein, niemand ging so hin, dass er "Durch den Spion sah [...] das Licht in [einem] Zimmer und dass [ein] Schlüsselbund an seinem Platz hing." Mein Leseeindruck ist der: Assoziativ getragen von "Der Späher" (Nabokov), einer dramatisierten Erzählerin hic alsô, eine Späherin, die bemerkenswert kühl ("Bin in 20 Minuten zurück. Erwarte mein Bett spurenlos vorzufinden.") die Spurensicherung betreibt, sie ist keine Bovary, sie macht keine Szene, und sie liest auch keine roman-tischen Bücher, nein, sie ästhetisier(el)t die anti-biederliche Biederkeit ihres Lebensabschnitts, sieht sich nicht als Opfer, ihr geht der Begriff "Tagungsunterlagen" nicht ab in diesem Moment, da Olliwiä völlig abgetaucht ist, wohin auch immer. Es ist die Kurzgeschichte eines stichhaltigen, kurzknappen Pleitegehens und der schnellen Rekapit(al)ulierung. Das aufrechte Selbst ist so gesehen ebf. ein Konzert-Nachklang, es ist ein sehr ordentliches, bürgerliches Über-Ich in der Sprecherin, dem Sprecher am Werk, das noch das "Vater Unser" des Cello korrekt übereinanderblendet mit etwas, das man als "des-concert-ado" zu betrauern erwartet hatte. Welche Laterne hätte da noch ins Schimmer zeinen sollen ? Gutes Stück.

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arisia (Gast)
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05.08.2006, 12:15 / 2 x geändert
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hi, augustine,
ich habe die Geschichte doch glatt übersehen. Gut, daß sie nochmal hervorgeholt wurde.
Ich könnte mir diese Geschichte gut als kurzes Theaterstück vorstellen, überall spielbar, bedarf nur einer Person.
Das Lapidare der Erzählung spricht mich an, kurz, trocken, läßt dem Leser, der Leserin Raum für eigene Gedanken zu dem Geschehen. Der Zorn, die Wut, die Trauer, die auch irgendwo in dem Geschehen stecken sind nicht sichtbar, nicht mal als Ahnung andedeutet, dennoch von anspringender Präsenz für mich in den Zeilen:
| Zitat: |
Aus den Tagungsunterlagen zog ich einen Zettel und schrieb: Bin in 20 Minuten zurück. Erwarte mein Bett spurenlos vorzufinden. Das war dann so.
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Diese drei Sätze rufen in mir einen riesigen, sich im Zeitraffer abspielenden, heftigen inneren Dialog hervor, der, wenn er niedergeschrieben würde, schon etliche Seiten eines Romans füllten könnte.
Genau das gefällt mir an dieser Geschichte so gut, sie enthält einen ganzen Roman, den jeder selbst für sich ausspinnen kann, ohne ein dickes Buch in den Händen halten zu müssen.
Und dann die Zeile:
| Zitat: |
Ich ließ es vom Balkon flattern
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Es wurde nicht im Zorn zerknüllt, zerdrückt, nein, eine sehr sparsame Geste des einfach "Loslassens", auch hier wieder für mich die Präsenz eines großen inneren Dialoges.
Ich würde so ein Thema als Roman wahrscheinlich nie lesen, aber diese Geschichte werde ich nicht vergessen, Komprimierte Erfahrung, auch integriert in die schreibende Person auf der einen Seite, und integrierbar für Leser/Leserin auf der anderen Seite, abrufbar; um es im PC-Terminus auszudrücken: kann nach Bedarf "entpackt" werden.
Habe ich gerne gelesen, auch wenn es mir erst schwer fiel, nach Marcels Beitrag, zu eigenen Gedanken zu kommen.
lg
arisia
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augustine²
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06.08.2006, 18:03 / 2 x geändert
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Liebe arisia, lieber Marcel, danke fürs Hochholen dieser Kürzest-Geschichte (die übrigens Ihre Kürze einem Zwischenstadium als Gedicht verdankt). Aber habt Ihr denn wirklich beide die Doppelbödigkeit nicht bemerkt (oder ist sie allzu versteckt??), die darin liegt, dass die Heimkehrende doch selbst mit einem außerehelichen Abenteuer in allen Sinnen und im Leib auch zurückkam? Einen Tag früher als zu erwarten war (und der Tag wurde ja ausgenutzt) - nun ja, das konnte noch 'harmlose' Gründe haben. Aber die teure Flasche Parfum in der Kosmetiktasche, doch einem recht intimen Ort, die nicht 'ich' dahineiein gesteckt hatte - die sagte doch Eindeutiges aus; dachte ich. Nicht?
Liebe Grüße von augustine

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arisia (Gast)
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hm, augustine,
da hätte ich noch 2x lesen sollen, diesen Satz, ich las ihn einige Male, kam aber immer wieder zu dem Schluß, das die Kosmetiktasche schon da stand, und Oliver das Parfüm gekauft hatte, oder ein Überbleibses der Frau war, die sie vergessen hatte. Konnte mir zwar nicht recht erklären, was es denn helfen sollte, dann dieses Parfüm zu versprühen, wollte auch darauf hinweisen, der Gedanke ist mir aber anscheinend während des Antwortens abhanden gekommen, da ich anscheinend in meinen eigenen inneren Dialog verstrickt war.
Vielleicht doch ein bißchen arg sparsam, die Andeutung, obwohl, mit dieser Geschichte beschäftigt sich der Leser, die Leserin ja eher länger, vielleicht käme LeserIn auch nach einer Weile drauf.
liebe Grüße
arisia

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Gretchen Darloni
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Heia, alle!
Also, ganz ehrlich, ich glaube, ich wäre auf die Sache mit dem Parfüm auch nach vielmaligem Lesen nicht gekommen. Nun, da du es aufgedeckt hast, augustine, kann ich es sehen - eine schöne Doppelbödigkeit! Aber von selber hätte ich die Andeutung nie verstanden, sie ist schon sehr verhalten, zumindest für mich, das
kopfwiegend grüßende Gretchen. Bis bald!

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Jolante
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Salü augustine und alle, die das lesen !
auch ich muss beschämt gestehen, dass ich den Wink mit der Parfumflasche nicht verstanden habe. Gefällt mir aber sehr gut dieser Einfall, der deine Kürzest-Geschichte noch pikanter macht. Ich erlaube mir deshalb, liebe Augustine (bitte jetzt nicht mit dem Parfümflaschenöffner auf mich losgehen), eine kleine Anregung, sozusagen als Einschub zum besseren Verständnis. ".......Im Spiegel sah ich mich lächeln. Schnell versprühte ich eine dichte Duftwolke, die......." Am Schluss würde ich hinter "Rote Laterne" einen Punkt machen und den Rest streichen. Wenn du das "schrecklich" findest, werde ich das demütig und zugleich unverdrossen hinnehmen.
Allerliebste Grüße
Jolante

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augustine²
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09.08.2006, 00:47 / 1 x geändert
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Danke, Jolante! Du siehst, ich bin überzeug- und belehrbar und habe Deinen Vorschlag gerne aufgegriffen.
Liebe Grüße in die Nacht von augustine

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Jolante
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Liebe augustine,
einfach genial dieses "O !" Was man mit einem einzigen Buchstaben alles ausdrücken kann. Gratuliere !
Jo

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arisia (Gast)
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hi, augustine, hi Jolante,
das ist gut geworden so. Schöne Arbeit. So kommt der Leser, die Leserin auf die
gewollten Ideen. Hoffentlich schaffe ich das mit der "Schlucht" auch so. Morgen
früh bin ich fitter als jetzt, kann im Moment nur hier rumsitzen und kleinere
Dinge tun und rumlesen. Gibt immer noch viel, was ich erst einmal gelesen
habe, und das reicht meistens nicht.
Ich mag ja solch komprimierte Sachen sehr, da habe ich oft länger drüber nach-
zudenken, als über einen Roman. Ein Bild, sehr stark herausgestellt, das dann
wie auf einer Leinwand immer weiter wächst, an Farbe und Tiefe gewinnt.
liebe Grüße
arisia

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augustine²
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Noch was Lustiges, Unwahrscheinliches zu dieser Geschichte: heute morgen hing hier an der Hecke ein rotrosaweißer Chiffonschal ... Ob den der Geist aller Geschichten hergeblasen hat?? Irgendwann danach war er nicht mehr da. a :)

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