windflug
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11.04.2007, 01:02 / 4 x geändert
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im gestrüpp der tage
haben sich träume
verfangen
zwischen die zeit
gerutschtes
leben
tröpfelt
auf moosgründiges
vergessen
genährt
von solchem dünger
wuchert
das dickicht

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augustine
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11.04.2007, 09:53 / 1 x geändert
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Liebe windflug, es gibt ja Literaturbetrachter, die Genitiv-Metaphern nicht mögen (hier: "gestrüpp der Tage" und "moosgrund des vergessens"). Mir gefallen sie, wenn sie nicht gestelzt sind und nicht | nicht zueinander Passendes zusammenzwingen wollen. Also das "gestrüpp der tage": sie laufen ja nacheinander ab, einer folgt dem anderen, so dass da eigentlich kein gestrüpp entstehen kann, in physikalisch gemessener Zeit. Wenn doch, wenn so empfunden, dann lese ich daraus die im Zurückschauen in solcher Weise 'gefühlte' Zeit, als habe man nicht genug oder das Falsche aus ihr gemacht. Die in die Zukunft gerichteten "träume" haben sich "verfangen". - Sind diese Träume identisch mit dem 'zwischen die zeit/gerutschten/leben'? (Das allerdings gefällt mir nicht: wie kann irgendetwas "zwischen die zeit" rutschen?) Ob sie es nun sind oder nicht: da "tröpfelt" "leben" "auf den moosgrund/des vergessens", auf ihn und auch hinein. Der wird "genährt/von solchem dünger", dem Dünger "leben", das also wieder eingeht in den Kreislauf der Natur. Die Folge aber: "wuchert/das dickicht", klingt mir bedrohlich, und das "dickicht" recht ähnlich dem "gestrüpp" am Anfang. Für mich bekommt das Gedicht dadurch einen düsteren Ton von Klage um Vergeblichkeit des Lebens. War's aber so gemeint?
Liebe Grüße von augustine
Eine Frage möchte ich noch anhängen: warum steht dies unter einer Rubrik, die nur formal ist und nicht (wie 'Sonett' etwa) auf eine bestimmte Machart hinweist, sondern nur in etwas gänzlich Unwichtiges sich einordnet, die Anzahl der Zeilen? a.

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Elise
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Liebe windflug,
dieser - ja, verdichtete, dichte -Text sprach mich sehr an beim Lesen, möchte daher nicht weiter analysieren. Er rief zunächst Bilder in mir auf von Landschaft, von einer Klamm, die ich einmal durchwandert habe, wo es feucht war, schattig, felsig, aber - da der Stein allenthalben überwuchert ward von Moos und Farn - zugleich auch "weich". Still war es. Kühl. Ein ganz bestimmtes Licht, sowie die gedämpfte Präsenz von Pflanzenleben, Pflanzenbewusstsein, welches mir bei dieser Wanderung merkwürdig zugänglich, verstehbar schien - dies fiel mir als erstes ein, dann auch anderes, was ich für mich behalte.
Dass du den Text - auf 13 (dreizehn) Zeilen hast du ihn aufgeteilt - nicht in eine Rubrik einordnest, finde ich absolut passend. Er ist ja kein Sonett, noch ist er Haiku, Limerick, Ballade, er ist weder konkrete Poesie noch Dada, er hexametert nicht, der Text, die Barocklyrik ahmt er nicht nach, und im Dialekt geschrieben ist er schließlich auch nicht.
Ihn bei -Religion, -Alltag, -Gegenwart, -Philosophie, -Soziales oder wo auch immer einzuordnen, käme mir ganz merkwürdig vor. Die Rubriken sind eine zwiespältige Sache, manchmal hilfreich, aber manchen Texten, finde ich, tut es besser, nicht einsortiert zu werden. Sie wollen ohne rubrikbedingt voreingestellten Tunnelblick vom Leser aufgenommen sein.
Die formale Zuordnung (Zeilenzahl) finde ich ganz sinnvoll. Mir persönlich sind drei solcher Rubriken lieber als nur eine.
Danke für diese 13 Zeilen, windflug. Elise.

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Schreibtisch
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11.04.2007, 21:28 / 2 x geändert
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Das Leben wie eine Allee, die Tage aufgereiht wie Bäume rechts und links, so ist es hier nicht. Gestern, heute, morgen ist in der Wahrnehmung nicht scharf voneinander zu trennen, verharkt sich ineinander wie Gestrüpp, Wildwuchs ohne Frucht, ohne begrenzende Hand. Träume verfangen sich hier. Eigentlich wollen sie gelebt werden, vielleicht? Immerhin werden sie so aufgehalten und daran gehindert, sich in Luft aufzulösen. Das Leben, das zwischen die Zeit rutscht, ist für mich das ungelebte Leben, verpasste Chancen, eben kein kairos nirgends. Es tröpfelt, letzte Reste sickern ins Nichts, in die Verdrängung? Und dieses Destillat des ungelebten Lebens nährt doch das Dickicht, für mich die Steigerung von Gestrüpp. Es wird also alles immer schlimmer und nirgends ein Hoffnungszeichen.
So fühle ich diese Worte. Und fühle es so, weil das Gedicht eine Stimme abholt in mir die sagt: Genau! So isses! – zum Glück gibt’s noch andere Stimmen. In mir. Im Gedicht nicht.
wenige Worte. es läuft mir über den Rücken. und mir wird kalt.
Ich finde es sehr stark. Eindrücklich.
Der Titel: vielleicht eine Art Pendantdaswirdandersgeschriebenaberwie zu kairos ?
zwischen zeit: In der Zwischenzeit macht das Leben eine Pause...?
mich stört: Dünger. ich würde kürzen:
so genährt/wuchert/das dickicht
Herzliche Grüße an Windflug vom Schreibtisch

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Jolante
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12.04.2007, 12:31 / 1 x geändert
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Mit dem Gestrüpp der Tage assoziiere ich einen Alltag, in dem das Gewöhnliche dominiert und keinen Platz lässt für das Ungewöhnliche und Außergewöhnliche, sondern nur für Träume, die sich im Wildwuchs ineinander verhakter Tage verfangen. Reste von lebenswertem Leben sind zwischen die Zeit gerutscht, sie sind nicht wirklich messbar, tröpfeln auf "moosgründiges vergessen" (ein starkes Bild), lassen das Dickicht wuchern, so dass es für das lyr.Ich kein Durchkommen mehr zu geben scheint.....(Genaues weiß man nicht, auch Dickicht bleibt nicht, was es ist). Das lyrische Ich in diesem tiefgründigen kleinen Gedicht versteckt sich. Ist es ein Veilchen, das gefunden werden will ?
Sie gibt mir viel zu denken, diese Momentaufnahme, diese Zwischen-Bilanz. Was macht das Leben mit mir, was mache ich aus ihm ?
Danke Windflug
sagt Jolante

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zuppanova
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servus an alle.
das wort kairos finde ich gut in zusammenhang mit diesem text. nää-kairós -
wer vermag noch den kairos wahrzunehmen? wer überhaupt weiss noch um ihn? kein schnitt mehr gliedert die zeit.
kein mass mehr, um symmetrie (ästhetik) in den gleich-gültigen lauf zu bringen.
nur selten noch hoch-zeiten, höhe-punkte, feste und spiele, die dann auch kairoi, aus-zeiten sind.
stattdessen chronos phagos, oder sogar: chronos autophagos, sich selbst verdauende zeit, sich selber düngend, potenzierend bis zur bewusst(seins)-losigkeit: mass-loser zeitverbrauch, zeittotschlag, konsum, hektik,
darunter, dahinter wuchernde langeweile, empfindungslosigkeit.
kairos hat mit präsenz zu tun, und präsenz mit bewusstsein.
nur so anklänge.
ein anderer anklang:
alter. sehr alte menschen --> demenz. verlust des inneseins der eigenen existenz, der identität,
der eigenen biografie. vllt auch bestimmte zustände von wahn, psychosen.
erinnerungsverlust, selbst-bewusstheitsverlust.
anmutungen, die der text auslöst bei mir.
spricht mich jedenfalls an, windflug!
viele lg, zuppa.

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windflug²
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Hallo, ihr Lieben,
so viele Antworten, so viele Nuancen und Zwischentöne - ich danke euch allen, dass ihr den kleinen Text so angereichert, bereichert habt, jede mit ihrem eigenem klugen und sehenden Blick. Ich fühle mich reich beschenkt.
Liebe Grüße
windflug

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arisia (Gast)
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hi, windflug,
ja, manchmal wacht man/frau morgens auf man/frau fragt sich -
“wo bin ich?”
“Wo ist die Zeit hingekommen, was ist mit den Lebensträumen passiert?”
und wir fühlen uns gefangen im Dickicht der ungelebten Träume, im Alltag.
Das “zwischen die Zeit gerutschte Leben” die Lebensträume tröpfelten unmerklich ab ins Vergessen, nährten den Wildwuchs, bis er eines Tages als schiere Unüberwindlichkeit vor uns steht, in einem Augenblick des Innehaltens, einem Augenblick des Begreifens, und die Trauer faßt uns an.
Das ist es, was der Text in mir auslöst.
Mir würde auch ein “genährt” statt “gedüngt” passender erscheinen, da Düngen ja etwas Künstliches, Absichtliches ist, das “Nähren” des Dickichts des Vergessens aber eher etwas Unabsichtliches ist, sonst wären wir nicht so entsetzt, wenn wir uns eines Tages dessen gewahr werden.
liebe Grüße
arisia

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rollerball
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Hi windflug!
Ich bin einer von denen, die solche Genitiv-Metaphern eigentlich schon satt haben, weil sie einem viel zu oft mit einer scheinbaren Willkür und Beliebigkeit aufgetischt werden. Die melancholisch-düsteren Bilder scheinen mir zwar schwer nachzuvollziehen, sind aber immerhin konsequent in ihrer floralen Symbolik und überraschen doch durch originelle Kollokationen. Ob das Leben rutschen kann, wage ich aber zu bezweifeln, und auch ich würde eher für "genährt" statt "gedüngt" plädieren, das wäre doch logischer ....
LG, rollerball

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Elise
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Guten Abend, ihr Lieben,
gedüngt? - genährt? - dazu möchte ich sagen:
ich ließe "gedüngt" stehen. Warum?
Nun, hinter "düngen" und "nähren" stehen ganz unterschiedliche
Bedeutungsfelder. Kurz ausgeführt:
nähren heißt für mich: einen angemessenen Hunger
angemessen stillen. Befriedigung, Sättigung herstellen. Homöostase.
Die Verwendung des Wortes "gedüngt" unterstreicht
wie ich finde
das verrutschte, hypertrophierte, aus dem Gleichgewicht geratene
Wachstum, das " allzu üppige, ungesunde, raumgreifende Wuchern"
(also die Thematik des Textes)
sehr passend.
Liebe Grüße, Elise.

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windflug²
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Danke, Elise,
für deine Bemerkung über das Düngen/Nähren. Es widerstrebte mir hier das Wort nähren zu nehmen, da ich damit immer eine liebevolle Zuwendung assoziiere, das mütterliche (Hunger) Stillen. Andererseits wird es ja auch in Kollokationen wie Zeifel nähren negativ verwendet und das Wort düngen drückt ja in der Regel tatsächlich etwas Planvolles aus, wie Schreibtisch und arisia bemerken. Ich war also durchaus unschlüssig, aber genau das aus der Kontrolle geratene Wuchern, etwas Ungesundes, wollte ich ausdrücken und das steckt für mich wie für Elise eher im Düngen - vielleicht einfach nur eine persönliche Präferenz.
rollerball und arisia, auch euch danke ich für eure Kommentare. rollerball, es ist schön für dich, wenn du die Bilder nur schwer nachvollziehen kannst (das meine ich wirklich genau so), und mit der Logik von Metaphern ist das so eine Sache. Natürlich kann das Leben nicht rutschen, aber es kann verrutschen, aus dem Gleichgewicht geraten, für mich - auch wenn das schwer zu erklären ist - auch zwischen die Zeit, so wie wenn etwas in irgendwelche Sofaritzen rutscht und dort vergessen wird. Das hat zum Beispiel arisia so verstanden, wie ich es gemeint hatte.
Einen schönen Sonntag wünscht euch allen
windflug

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