seraphina
|
17.12.2006, 11:46 / 1 x geändert
|
|
wie herbstfallendes laub
wirbeln rote und gelbe gedanken
durch meinen tag
ein einzelnes blatt
wehrt sich noch sanft
gegen das loslassenmüssen
es ist nicht mehr als ein windhauch
doch für das blatt
mag es ein orkan sein
wenn es fällt
ich versuch es zu fangen
und zwischen rot und gelb
einen klecks grün
zu finden
denn grün ist die hoffnung....

|  |
Jolante
|
Hallo, seraphina,
ich grüße dich und finde es schön, dass du dich mit einem stimmungsvollen Gedicht in unserer Runde vorgestellt hast. Was fällt mir zu deinem Text ein ? Nun, zunächst einmal gefällt er mir durch seine Gliederung, vier Strophen mit zweimal drei und zweimal vier Zeilen, und durch seinen Klang, der in den ersten beiden Strophen durch Alliterationen und Assonanzen geprägt wird. Die Metaphorik steht für unruhige, aufgeschreckte Gedanken eines lyrischen Ichs, das im Herbst seines Lebens steht und sich gegen das Dahinwelken wehrt. Es fällt ihm schwer, loszulassen, in eine neue Lebensphase überzuwechseln. Das wird besonders in der dritten Strophe deutlich. ("es ist nicht mehr als ein windhauch, doch für das blatt mag es ein orkan sein, wenn es fällt.") - Das lyr.Ich versucht, den Herbst seines Lebens noch eine Weile aufzuhalten, Ruhe in sein aufgestörtes Gemüt zu bringen. Die durcheinander wirbelnden Gedanken werden durch die Farben Rot und Gelb symbolisiert, die aufkeimende Hoffnung durch die Farbe Grün.
Mir gefällt das Gedicht sehr gut, allerdings würde ich den Schluss-Satz weglassen.
Ich hoffe, ich habe mich nicht all zu sehr vergaloppiert bei meinem Interpretationsversuch. Auf weitere Lesarten gespannt,
grüßt in die Runde
Jolante

|  |
windflug
|
Hallo seraphina,
auch mir gefällt dein Gedicht mit den wirbelnden Gedanken. Ich glaube, es müssen nicht unbedingt die eines alternden Menschen sein, vielleicht aber schon solche, die man in einer Phase des Umbruchs denkt, wo alles noch so chaotisch und wild daherwirbelt. Zentral scheint mir das Loslassenmüssen und Festhaltenwollen, das sich für andere so leicht wie ein Windhauch ausnimmt, für das LI aber eine Zeit des Orkans darstellt, in der es schwer fällt Hoffnung zu finden.
Beim Lesen fiel es mir schwer rot und gelb als matte Farben des Herbstes zu sehen. Sie wirken im Kontext der ersten Strophe auf mich sehr lebendig und kraftvoll.
Ich freue mich schon darauf mehr von dir zu lesen.
Liebe Grüße
windflug

|  |
arisia (Gast)
|
17.12.2006, 19:26 / 1 x geändert
|
|
hi, seraphina,
ich kann mich Jolantes (und Windflugs, sie kam mir gerade dazwischen) Interpretation nur anschließen, auch mir gefällt dein Gedicht sehr
gut, und ich kann die beschriebene Situation aus eigener Anschauung nachempfinden.
Noch zwei Anmerkungen:
1.
Da "Grün" vom Symbolgehalt her sowieso für die Hoffnung steht, würde ich Jolantes
Empfehlung folgen und die letzte Zeile weglassen, auch der Leser/die Leserin will ja noch
etwas zum deuten haben. :)
2.
Da "Wie-Vergleiche" sich bis auf seeeehr wenige Ausnahmen sich in Gedichten nicht gut
machen, würde ich empfehlen, die ersten beiden Zeilen so zu gestalten:
herbstallendes laub
wirbelt rote und gelbe gedanken
...
das würde auch eine gewisse dichterische Wahrheit in den Text bringen. Der Vergleich ist
mir hier zu schwach, da die Gedanken ja so wie es erscheint, von dem fallenden Laub
ausgelöst worden sind.
um diese Jahres- und Lebenszeit gerne gelesen
arisia

|  |
augustine
|
Seraphina - sei gegrüßt.
Verzeih mir, wenn ich nichts Direktes zu Deinem Gedicht sage; nur: Bleib.
Solche wie Du zu sein scheinst, sollten hier schreiben. Lass uns mehr lesen! augustine

|  |
seraphina²
|
Vielen lieben Dank für eure Antworten und Anregungen...
Hier nun die "eigentliche" Bedeutung meines kleinen Gedichtes...
Die "Hoffnung" bezieht sich auf eine aufkeimende Liebe - im Oktober (nur jahreszeitlich gesehen). Der Betreffende hat sich aus einer alten Beziehung noch nicht gelöst. Daher die Assoziation mit dem "Loslassen". Und da es autobiographisch - das lyrische Ich und die Verfasserin sind demzufolge identisch - ist und gerade sehr aktuell, muss ich noch hinzufügen, dass es sich um 2 junge Menschen um die 20 handelt und nicht um das reifere Lebensalter.
Den Schluss-Satz finde ich in diesem Zusammenhang daher äußerst treffend und eben auch sehr, sehr wichtig, um die den Titel zu untermalen bzw. zu unterstreichen.
Was meint ihr?
Liebe Grüße, Eure Seraphina

|  |
augustine
|
Es ist Dein Erleben, Seraphina (das Du als autobiographisch nicht hättest zu offenbaren brauchen). Aber so oder so: gerade die Verdoppelung des sinnträchtigsten Wortes halbiert den Eindruck, den es beim Leser hinterlässt.
Soll/darf ich schreiben, dass die Hoffnung sich erfüllen möge? Grad auch, weil das Jahr sich wendet und ein neues so voller Unbekanntem steckt? Gute Wünsche jedenfalls von augustine!

|  |
Jolante
|
Oh jeh, seraphina,
ich habs ja geahnt, dass ich in dein Gedicht mehr hinein- als aus ihm herausgelesen habe. Zum Glück war windflug mit ihrer Interpretation sehr nah dran, so dass du eine Bestätigung dafür hast, dass man deinen Text auch durchaus "richtig" interpretieren kann. Ja, diese Deutungsversuche sind immer wieder spannend !
Liebe Grüße
Jolante

|  |
|
|
| |