windflug
|
Hallo zuppa,
es ist schwer dein in Form und Inhalt wildes Gedicht zu kommentieren, aber ich wag mich mal in die Brandung.
Beim Lesen fühle ich mich bedrängt von der Wucht der Worte, die auf mich einstürmen. Es entsteht ein atemlos machender Rhythmus, der erst in den letzten beiden Zeilen zur Ruhe kommen lässt - erschöpft aber erleichtert, dass das LD noch atmet.
Was ich hineinlese, ist die Beschreibung einer Situation, in der auf das LD Überwältigendes einstürzt, so dass es den Boden unter den Füßen verliert und zu ertrinken droht. Es wird gedrängt, hat sich (?) übernommen, das Ich wird genommen, da es gar nicht mehr zu sich kommen kann. Dieser Prozess ist zerstörerisch, hinterlässt Blessuren, alles sich Wehren und Schreien nützt nichts, es scheint zu ertrinken, bis es hinter der Brandung doch erschöpft wieder zu Atem kommt.
Wie gesagt, das ist das, was ich ganz persönlich in dein Gedicht hineinlese, aber ich denke, es lassen sich noch ganz andere Bedeutungsschichten herauslesen. Da ist noch "ein anderes Toben", vieles, das ich noch nicht packen kann. Auch ich wäre gespannt auf andere Lesarten.
Liebe Grüße
windflug

|  |
Jolante
|
13.12.2006, 19:41 / 2 x geändert
|
|
Hallo zuppa,
ich trau mich fast nicht, dein Gedicht zu kommentieren, weil es mich einerseits überwältigt durch seine atemlose Spannung, andererseits ratlos im Nebel stochern lässt. Die Form, die du gewählt hast, entspricht ganz der Dynamik und Dramatik des Geschehens. Aber was geschieht da eigentlich ? Vordergründig geht es darum, dass ein DU beinahe ertrinkt in der Brandung (initiiert durch ein lyrisches Ich), letztlich aber doch (hinter der Brandung) erschöpft atmet, also lebt.
Was ich aus dem Gedicht herauslese, bzw. hineinlese (letzteres entspricht eigentlich nicht den Regeln für Interpretation, ich wage es trotzdem) ist, dass es sich hier um einen wilden, leidenschaftlichen Liebesakt handelt, vielleicht zunächst gegen den Willen des DU, jedenfalls mit der Absicht des Unterwerfens, Mitreißens, Hinreißens, Untergehens. Das Du wird mitgerissen, es versinkt in den Wogen der Begierde, leistet keinen Widerstand mehr, gibt sich auf, lässt sich fallen, fliegt, ertrinkt beinahe...., das sind alles Bilder, die ich mit entfesselter Leidenschaft verbinde. Das Gedicht könnte aber, und das ist das Spannende an ihm, auch ganz andere Assoziationen wecken. Sicher gibt es weitere Lesarten. Ich hoffe aber, zuppa, du schreibst auch noch was dazu.
LG Jolante

|  |
ear
|
14.12.2006, 08:42 / 1 x geändert
|
|
Fuer mich ist dein Gedicht eine Erinnerung an den Roman “Brandung” von Martin Walser, in welchem der Protagonist, H.Halm, ein Englisch/Deutschlehrer, seinen Schwierigkeiten mit Kollegen und Schuelern zu entkommen meint, als er den Ruf seines Freundes , nach Los Angeles zu kommen annimmt.
Seine erstes Erlebnis mit der Brandung des Atlantiks laesst ihn fast ertrinken. Er laesst sich ein mit einer seiner Studentinnen, glaubt durch andere Diaet und Kleidung sich aendern zu koennen.
Die Ausarbeitung eines Vortrages sollen dem Maedchen Fran imponieren, aber enttaeuschend fuer ihn, sie bleibt weg. Es geht in dem Vortrag um H. Heines Laura und Asra, die, wenn sie lieben, sterben muessen.
Er muss mit Kreislaufkollaps ins Krankenhaus. Bei einer Abschiedsfeier fuer ihn, stuerzt er beim Tanzen, muss wieder zurueck ins Krankenhaus und die Studentin bricht sich den Knoechel.
Er kehrt nach Deutschland zurueck, in den alten Trott, und weiss, eine Veraenderung nuetzt nichts.
Aus Los Angeles hoert er, dass das Auto der Studentin in die Brandund stuerzte und sie getoetet wurde.
Die Brandung mit den stuerzenden Wellen veraendern den Strand, die Kueste. Menschen hingegen? Die Gischt koennte ein Symbol der heissen Liebe sein, wie Gaerungsschaum beim Alkohol.

|  |
arisia (Gast)
|
hi, zuppa,
ich finde all das, was Windflug, Jolante und ear geschrieben haben, hat seine Berechtigung,
kann so gelesen werden.
Für mich sieht es aus, als sei ein psychischer Prozess mit dem Geschehen eines Liebesaktes
vermischt worden.
Das eine, wie das andere könnte der Auslöser für das Gedicht gewesen sein, dann wurde
assoziativ das andere hineinverwoben. Aber was jetzt für was Metapher ist, ist nicht
unterscheidbar. Das Gedicht könnte genauso gut unter Erotik wie unter Psyche stehen,
kommt auf den Ursprungssimpuls an, denke ich.
gut gefällt mir die Äquivalentsetzung von Brand und Brandung, Feuer und Wasser als
gewaltige Elemente, sowohl zerstörerischer wie lebensspendender Natur, wobei die
Wortstämme ja verschieden sind, aber der Klang gleich. Interessant gelöst.
Die Atemlose Spannung, die erzeugt wird, die "Wucht der Worte" (Zitat Windflug), entspricht
der Macht der Elemente.
ja, das wars, was mir so zu deinem Text einfiel.
liebe Grüße
arisia

|  |
juey dai jia ren
|
Lieber zuppanova,
ja, welche Rubrik wäre für so ein Gedicht richtig?
Ich glaube, die gibt es noch nicht.
Vielleicht sollte man eine neue Rubrik einrichten:
Bayerische Weizenbiergedichte.
Das müsste dann nochmal unterteilt werden:
nach 1-3 Litern
nach 4-8 Litern
und darüberhinaus.
Das würde dann vieles erklären. Die Schönheit deines Gedichtes, dessen Süffigkeit ja nur mit der eines Hefeweizens vergleichbar ist. Mich erinnert dieser Text an den Bräu im Moos oder Bräumoos wie der Eingeweihte sagt, in der Nähe von Altötting. Die Brandung passt metaphorisch genau dorthin.
Prost
juey

|  |
augustine
|
Liebe zuppa, ich traute mich schon (Konj.). Nur mit "überleib" hältst Du Dir die Leute vom Leib: es folgen lauter PP's. Aber was ist dies? (Am Schluss schau ich nochmal in den GRIMM). Wenn man probeweis liest: 'die Brandung hat dich ...' (v.1-3), scheint's aufzugehen. So kann Nordseebrandung sein. Einer kämpft mit der Brandung, schluckt Wasser, schreit, der Fels zieht ihm die Haut ab, das ist wie Verbrennen. Er ertrinkt. Der Atem ist er-schöpft = (berlinisch) alle
So: un-metaphorisch. So hat es, scheint mir, Sinn genug, reichlich; es muss nicht aus realem Ertrinken gemacht werden: der Überlebenskampf.
Der Grimm: kennt ein Substantiv "überleib"=Überbleibsel. Das wäre: Dich Überbleibsel (gehäutet) hat die Brandung ... Für "streifwärts" weiß er nix; ich auch nicht.
Liebe Grüße augustine

|  |
lost
|
lasse mich sehen, wie der Text gemacht ist.
da sind zwei Ebenen: ein dramatisches Geschehen findet statt
und wird geschildert - das ist die eine Ebene. dann gibt es noch
den Kommentar zum Geschehen, eingeschoben, die andere Ebene,
in Klammern gesetzt und ohne Dramatik gesprochen: ruhig, feststellend.
1. die ersten vier Zeilen - das ist die Einleitung, der Anschub, der Auftakt,
die Beschreibung: wie das lyr. Du gedrängt, übernommen, genommen wird (vom „es“?),
aber noch kämpft bis zu einem kritischen Punkt: die Haut wird zerrissen.
ab hier gibt es kein Zurück mehr.
2. dann der erste kommentierende Einschub: gib auf, gib dich hin,
lass dich los.
3. die nächsten vier Zeilen: das, was geschieht nach dem Hingeben -
das ist die Kulmination, endend mit dem Ertrinken.
4. zuletzt ein zweiter Einschub: danach. es ist vorbei. das Atmen.
das Ausruhen. die Erschöpfung.
Teil 1 steht ganz dominiert von Verben, das erzeugt Dynamik, Fluss, Tempo. in Teil 3 eine kleine Veränderung, Verzögerung: substantivierte Verben (im Fallen, Fliegen, Schlucken, Trinken).
die Adverbiale in Teil 1 wären zu überdenken, denn das eine (streifwärts) ist wohl ein Neologismus, das andere (überleib) trägt ein Fragezeichen (following augustine), das dritte (hüfthoch) kennt man wieder - nein, das gibt keine Linie (für mich) ...
sonst aber: es donnert - es rollt - es stockt - rollt weiter: in Rhythmus und Laut als Versuch, das in Sprache zu bringen, was Brandung sein mag. verschiedene Lesarten sind genannt (Natur, Psyche, Erotik, das gebeutelte Leben): alles im Rahmen.
flow.
lost.

|  |
zuppanova²
|
servus, meine lieben!!
danken möcht ich für eure rückmeldungen. sie zeigen mir, dass aus der 'Brandung' die ebenen herausgelesen werden können, an die ich beim schreiben gedacht habe. gut so weit.
was 'überleib-streifwärts-hüfthoch' angeht: ja, das sind worte, mittels derer ich versucht hab, so etwas wie "körperlichkeit" zu erzeugen. könnte, müßte verändert, verbessert werden.
LEIB, leib-haftig, auch vom wort her, ist etwas, was mich sehr interessiert. so kam ich auf 'überleib', denn: erleben, erfahrung, welche auch immer, muss durch den leib oder über den leib gehen, leib-haftig gemacht werden, ja, oft: leider.
dann noch: der eingeweihte, der da hint' sitzt, hinter 't'ötting beim Möslbräu, also der eingeweihte, der da sitzt und sinniert, der tät eher verdursten, als dass ihm ein wort wie "Weizenbier" oder gar noch "Hefeweizen" über die lippen käm. a weissbier will der, a weissbier, Kathi, hoost mi, bringst mers fei gschwind, gell ---
aber es gibt keine eingweihten mehr beim Mösl, nur noch zuagroaste, reigschmeckte und preissn hocken da rum, gschwerl halt.
(ich selber trink übrigens nur bier, wenn ich mit Lotti dinieren geh. sonst nie. schmeckt mir nicht.)
lg an alle, zuppa.

|  |
Jolante
|
Hallo, zuppa,
willst du die Neologismen "überleib- streifwärts..." wirklich ändern? Sie waren für mich ein Schlüssel zur Deutung deines Gedichts. Und wenn ich mit dieser Deutung nicht daneben liege (ha, passt irgendwie gut) , haben diese Worte doch ihre Berechtigung, oder ? Es sind zwar ungewöhnliche, aber durchaus zutreffende Metaphern für Körperlichkeit, die du ja auch in deinem Kommentar besonders herausgestellt hast.
LG Jolante

|  |
zuppanova²
|
Jolante, grüss dich -
pass auf, du liegst mit deiner deutung gar nicht daneben, sondern (ha!) sauber in der mitte: deine interpretation war das, was ich zuerst im kopf hatte, da hab ich dafür als "folie" das motiv vom körper in der brandung gefunden, ich für mich kann das in meinem kopfkino sehr lebendig ablaufen lassen, und es war der versuch, die bilder in worte hineinlaufen zu lassen - mei, besser kann ichs nicht erklären.
die anderen interpretationen, die genannt wurden: gut. gut. gut. um so besser, dass es mehrere schichten zu haben scheint, das texterl.
ändern? jamei ... tät ich dann, wenn mir wirklich was besseres einfällt. oder wem anders.
so, muss weiterhaspeln. tempus fugit ...
zuppa. lg!

|  |
|
|
| |