Jolante
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29.11.2006, 12:22 / 2 x geändert
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Als er micht fragte, ob ich für ihn arbeiten wolle, erschrak mein Herz, nicht mein Kopf. Der blieb kühl, überlegte und schüttelte sich ablehnend. Aber mein Herz geriet aus dem Takt, die Stirn wurde heiß, die Hände kalt. Also kämpfte das Gefühl siegreich gegen die Vernunft. Aus dem Kopfschütteln wurde ein Kopfnicken. Ich sagte ja, erst leise, dann laut und erstaunt: JA.
Einige Tage später trat ich die Stelle an. Ich unternahm schüchterne Gehversuche in dem luxuriösen Dienstzimmer des frischgewählten Präsidenten, der in diesem ehrwürdigen Ambiente als der lockere Typ, der mir vertraut war, einen eher merkwürdigen Eindruck auf mich machte. So kam ich häufig ins Stolpern.
Vielleicht war es der ungewohnt kostbare Teppich, der gleich nach der hemmenden Doppeltür einen verrutschten Anfang nahm und nur dazu geeignet schien, meine Hände, die gleichzeitig zwei Türen öffnen und ein Tablett balancieren wollten, zum Zittern zu bringen. Die Augen fest auf die Tasse gerichtet, schien mir der Weg zum Schreibtisch endlos zu sein.
"Nicht nach unten schauen, Du musst mich ansehen", sagte der Präsident, während er zurückweichend die überschwappende Tasse entgegen nahm.
Sein Grinsen beflügelte meinen Rückzug, was dazu führte, dass ich kurz vor dem Ziel stolperte und mir den Kopf an der Tür stieß. - "Du musst das alles in Ruhe machen", rief der Chef schadenfroh, denn er war in guter Stimmung.
Da seufzte ich und beschloss, ab sofort meine Beflissenheit unter den Teppich seines Vorgängers zu kehren.
Seitdem habe ich manchen Kaffee verschüttet und viel Mineralwasser lässig über Stühle und Hosenbeine vergossen, wenn bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens es wagten, meine glas- und porzellanklirrende Annäherung zu missachten. Neben vielen unwichtigen Dingen habe ich auch gelernt, mich mit einem coolen Lächeln auf kürzestem Weg dem Schreibtisch zu nähern, die Augen starr auf den Huldreichen gerichtet.
Aber eigenartiger Weise treffe ich nie mehr seinen Blick. Der ist jetzt immer auf irgendwelche Papiere oder fliehend in die Höhe gerichtet. Nur wenn ich aus dem Zimmer gehe, fühle ich ihn stechend im Rücken. Dann prüfe ich manchmal, ob meine Uhr noch tickt.

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zuppanova
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servus, Jolante!
pass auf, deine geschichte hab ich in den vergangenen tagen immer wieder gelesen, und es geht mir so:
1. muss ich jedes mal am meisten lachen bei dem satz: "Seitdem habe ich manchen Kaffee verschüttet und viel Mineralwasser lässig über Stühle und Hosenbeine vergossen, wenn bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens es wagten, meine glas- und porzellanklirrende Annäherung zu missachten." das gefällt mir.
2. hab ich nach dem lesen immer das gefühl, dem äusseren plot zwar gefolgt, aber dieser geschichte doch nicht wirklich auf die schliche gekommen zu sein. das beunruhigt mich. liegt es daran, dass der analytische hirnrest, den ich noch hab, versagt? nein, wohl doch nicht (dank sei den heiligen schutzengeln!), es liegt daran, dass der text gut ist. ich fühle sozusagen seinen (des textes) stechenden blick im rücken, das lachen vergeht mir - und ich schau nervös auf die uhr, weil ich nicht weiss ...
3. rätsle ich mit dem titel herum. Hemmingway? oder noch weiter zurück? for whom the bell tolls ---> das totenglöckchen? vielleicht fällt ear etwas dazu ein?
ich hab diese geschichte grad eben sicher nicht zum letzten mal gelesen.
so viel, lg für heut: die zuppa.

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ear
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02.12.2006, 15:09 / 1 x geändert
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Jolante, dein Text ist sehr gut, steckt voller Ironie und Vielem, von zuppa schon beschrieben. ich komme nur auf zuppas 3. Punkt:
Hi zuppa, eigentlich wollte ich weiter schweigen, aber nun werde ich doch kurz antworten. Meiner Ansicht nach kommt Jolantes sehr klug geschriebene Geschichte der Meditation von John Donne nahe, (Nr 17, “No man is an island”), in welchem klar gesagt wird, dass jeder Mensch abhaengig ist von Anderen und ein Teil der Gesamtheit darstellt. Ein Mensch, der stirbt hinterlaesst eine Luecke, da er mit den Anderen zusammenhaengt. Niemand kann wie auf einer Insel isoliert bleiben und das ist es, was Ernest Hemingway in seinem Roman diskutiert,wenn er ueber die verschiedenen Ansichten des Todes berichtet. Ja, zuppa, du hast Recht, “For Whom the Bell Tolls” und gewiss durch John Donne angeregt.
Ich moechte nur einen Satz zitieren
”any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind, and therefore never send –to know for whom the bell tolls, it tolls for thee”. (Donne, Meditation XVII)

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Gretchen Darloni
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Heia, ihr alle!
Hatte diese Geschichte von Jolante als gut formulierte und witzige Darstellung genießerisch gelesen und mir dann keine weiteren Gedanken gemacht (dat iss schändlich, ja-woll!).
Durch dein Zitat, ear, bin ich nun ganz stutzig geworden, auch durch den Verweis auf Hemmingway (den kenn ich überhaupt gaa nicht), und nun tauchen Fragen auf: was ist das alles, dieser Präsident, dieses Mädchen (ist es ein Mädchen?), das für ihn arbeitet? Wie ist die ganze Situation, von der die Erzählung ausgeht, denn überhaupt zustande gekommen? Es ist sehr merkwürdig ...
Dieser John Donne, den du, ear, zitierst, gefällt mir so gut:
"any man’s death diminishes me, because I am involved in mankind" --- das ist klasse, da steckt so sehr viel drin, wenn ich nur philosophisch gebildeter wär!
Vielleicht fällt noch wem sonst was dazu ein. Ich freu mich immer über so wat. Danke, alle!
Viel Grüßlein vom Gretchen.

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lost
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Jolante, es ist gut geschrieben.
mir scheint, es spricht ein Herz,
welches aber als Verstand
sich verkleidet hat, verkleiden musste,
um überleben zu können
zwischen all den
bedeutenden Persönlichkeiten
des öffentlichen Lebens.
das Herz geht herum, tut, was
getan werden muss,
und nimmt den Leser ein wenig bei der Hand.
es fühlt sich an, als sei man
im falschen Film: aber man findet partout
nicht heraus, was der richtige Film wäre.
das ist verzwickt.
regards, lost.

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windflug
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Hallo Jolante,
deine Geschichte reizt einfach noch etwas dazu zu schreiben. Sie ist wirklich gut - hintergründig, ironisch, doppelbödig - und irgendwie erinnert sie mich an dein Gedicht "Unterwegs". Wie dort findet sich eine Frau in einer (scheinbar) unterlegenden Position einem selbstherrlichen Mann gegenüber, der es immer wieder schafft ihr ein Gefühl des Kleinseins zu vermitteln, aber hier gibt sie sich nicht auf, sondern findet ihre eigenen Formen der "Sabotage", indem sie immer wieder den wichtig(tuerisch)en Besuchern Getränke über die Hosenbeine gießt (ein herrlicher Einfall). Nur dem Chef gegenüber bleibt ihr Gefühl ambivalent - eine gewisse Unsicherheit bleibt trotz allem. Was das ganze Geschehen jetzt aber noch spannender macht, ist die Reaktion des Übermächtigen. Er schafft es nicht den Blickkontakt auszuhalten. Sein "Wenn- Blicke-töten-könnten-Blick", lässt ihn in meinen Augen selbst ziemlich klein und letztlich unterlegen erscheinen, auch wenn die Protagonistin die Macht dieses Blickes so stark fühlt, dass sie sich immer wieder vergewissern muss, dass sie noch lebt. Aber vielleicht schlägt ja hier doch "die Stunde des Patriarchen".
Noch ein paar Worte zu John Donne, den ear auf zuppas Nachfrage hin ausgegraben hat. Ich habe mir die Meditation ausgedruckt - Google sei Dank! - und ich bin ganz beeindruckt von der Schönheit dieser Worte und schaue mit etwas Wehmut auf eine Zeit, in der ein solches Gottvertrauen möglich war, ein solches Aufgehobensein in einem Glauben, dass der Autor schreiben kann "all mankind is of one author, and is one volume; when one man dies, one chapter is not torn out of the book, but translated into a better language; and every chapter must be so translated; Godemploys several translators; some pieces are translated by age, some by sickness, some by war, some by justice; but God's hand is in every translation, and his hand shall bind up all our scattered leaves again for that library where every book shall lie open to one another." Entschuldige bitte, Jolante, diesen Exkurs, aber mich haben diese Worte sehr berührt und da Gretchen fragte, ...
So, das war's jetzt aber. Einen schönen Sonntagabend wünscht
windflug

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augustine
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03.12.2006, 22:23 / 1 x geändert
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So viel Kluges ist schon gesagt worden, dass ich fast nichts mehr hinzufügen kann. Auch ich finde die Geschichte großartig.
Ich habe aber doch drei Fragen:
"sie" kennt den Emporgestiegenen von früher als 'lockeren Typ', daher auch das Du. Ist sie verliebt in ihn und macht also zuerst den Fehler, der Stimme des Gefühls, das sich ja deutlich genug äußert, zu folgen?
Dann findet sie ihr Selbstbewusstsein wieder und auf eine köstlich zu lesende Weise - aber würde so eine 'Ungeschickte' nicht einfach entlassen werden? Wenn nicht, wirkt da noch die besondere Beziehung nach?
Etwas bleibt im Vagen: der Blickkontakt wird von ihm verweigert, obwohl er ihn zuerst empfohlen bzw. eingefordert hat.
Und warum prüft sie, ob die Uhr, ihre, noch tickt, während sie seinen stechenden Blick im Rücken fühlt? Ist das im Ganzen nicht doch eine Situation, die so kaum länger aushaltbar ist??
Liebe Grüße in die Runde.
PS: "Stechuhr" fällt mir eben ein, ist die gemeint?

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Jolante²
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10.12.2006, 18:36 / 1 x geändert
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Seid gegrüßt, ihr Lieben,
zuppa, ear, gretchen, windflug, lost, augustine !
Ihr habt alle recht, und ich bin euch dankbar, dass ihr das Gänseblümchen behutsam entblättert, aber nicht zerpflückt habt. Mehr als das, was ihr nacheinander aus dem Text herausgelesen habt, will ich auch nicht preisgeben. Das Ende, also wessen Stunde letztlich schlägt, soll -wie in Kurzgeschichten üblich- offen bleiben. - Der Titel ? Ich habe ihn von Hemingway, der -wie ihr richtig erkannt habt- John Donne zitiert, der seinerseits in der Meditation XVII so ausdrucksstarke Worte für das gefunden hat, was mir für die Aussage meiner Geschichte wichtig war. - Die Situation, das hast du richtig erkannt, augustine, war nicht länger haltbar. Nun, es gibt Stoff für andere Geschichten aus dem "Zentrum der Macht", der noch in meinem Erinnerungskeller ruht, und den ich erst heraufhole, wenn ich eine geeignete Form für ihn gefunden habe.
Für Interesse und interessante Kommentare bedankt sich
sehr herzlich
Jolante

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zuppanova
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servus, alle!
spontan fällt mir grad ein (geht hauptsächlich an ear und windflug), ob der John Donne nicht in den poemsfaden könnt.
Jolante, vergiss nicht, ab und zu in deinen erinnerungskeller zu schauen und form(en) zu suchen ...
lg, zuppa.
PS: ear, da ist etwas angekommen, gestern schon ... ! meld mich noch ausführlicher!

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ear
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10.12.2006, 20:08 / 1 x geändert
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Hallo zuppa, ich faende es schade, wenn John Donne hier herausgerissen wuerde, er gehoert in Jolantes "Wem die Stunde Schlaegt". Da koennen wir es nachlesen, das hat sich eingepraegt. Auch koennte durchaus sein, dass der John Donne in anderem Zusammenhang wieder auftaucht. l.G.ear.

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zuppanova
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ja, ear,
habe verstanden, was du meinst!
viele liebe grüsse, zuppa.

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