So nett! Vanitas! Schmäh! · Willimox · Sonett

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     Willimox



So nett! Vanitas! Schmäh!

   05.02.2015, 10:01 / 4 x geändert



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Übersicht:

Introitus: Schädel-Scherze

(1) Je nun:

Textsequenz: Gretchens poetisches Gebet Nur das, ich bitt! und Nochsojemands Gedicht mit Seeblick - Ein Halt (willimox), eine poetische Antwort

(2) Ich sag mal so:

Die verdeckte Sonettstruktur in Gretchens Gebet

(3) Details:

Spitzes, Lichtes, das Quantum Restverstand - in summa ein Schmähgedicht

(4) Aber:

Kritische Würdigung

(5) Bonustrack:

Die Paul-Heyse-Unterführung

Open Ending: Anmerkungen zum Priming (Prägungseffekte)

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Introitus: Schädel-Scherze



0.1 Morbidezza-Scherze und Kipp-Phänomene

Einstmals, bei Jugendlichen der 80er Jahre, kam ein bissiger Scherz auf: Man befragte sein Gegenüber, ob man wisse - Seitenblick auf eine zu befrotzelnde nichtsahnende Person X - wie man es technisch bewerkstelligen könne, das Gehirn von X auf Erbsengröße zu bringen. Wenn die Antwort ausblieb, gab man sie - mit Fingertippen an den Schädel - selbst zum besten: "Indem man es aufbläst."

Eine ähnliche Strategie verfolgen auch einige und nicht die schlechtesten Sonettdichter, allerdings mit einem ernsthafteren Vorlauf, der nicht gleich den Scherz erwarten lässt.

Hoffmannswaldau arbeitet so, sein "Sonnet" Vergänglichkeit der Schönheit wurde 1695 von Neukirch im Druck herausgegeben - nach Hoffmannswaldaus Tod /1679). Neukirch hat es dem Kapitel "Galante Gedichte" eingeordnet (siehe Bild unten).

Unlängst erst wurde eines seiner Sonett-Anreger erfasst und in die Deutungs-Diskussion einbezogen: Giuseppe Salomonis Sonett "Bellezza, caduca e crudele" ist offensichtlich Vorbild von Hoffmannwaldaus "Vergänglichkeit der Schönheit".

Die gewisse Ähnlichkeit der beiden Gedichte und die recht eindeutige italienische Überschrift plausibilisiert die These vom möglichen "Ohrfeigenschluss" des deutschen Gedichtes: Das lyrische weibliche Du, so diese durchaus überzeugende Lesart, wird wegen seiner diamantenen Hartherzigkeit offen-latent getadelt.

Es mag sich der weibliche Adressat als Folge davon dem erotischen Begehren öffnen. Dann hat der lyrische Adressant seinen Spaß. Die schöne Frau mag sich ihm verschließen: Dann hat der Adressant mit einem Morbidezza-Joke sein Mütchen gekühlt und die Zurückweisungen gerächt.

Es mag das ganze aber auch - ganz unverfänglich - als Loblied auf innere Schönheit und Tugendhaftigkeit zu lesen sein, nach exzessiver Beschreibung verfallender körperlicher Schönheitsattribute.

Schließlich könnte - so vorläufig abschließend - es könnte das Gedicht mit seinem polysemen Schluss zwischen den Lesarten oszillieren wie ein kostbarer Diamant. Hofmannswaldau brilliert mittels installierten Kipp-Bildern.

http://www.synekdoche.de/thema3530.htm



(Man vergleiche den Exkurs im Anmerkungsteil.)




In unserer Neuzeit operieren neben poetae minores auch Größere, Harig, Grass oder Grünbein, mit diesem Feature. Gretchen Darloni (Salomoni) ist auch dabei.

0.2 Aufbau der Untersuchung

Im folgenden (1) eine illustrative Textsequenz - Nochsojemand, Darloni Gretchen, willimox.

Dann - in einem analytischen Langteil (Augustine: langatmig) - soll vor allem das Gretchen-Sonett und sein Genusspotential kritisch gewürdigt werden (2) (3).

Das Gretchen-Sonett - soviel sei vorweggenommen - verfremdet Patterns des "Klinggedichts", nutzt dessen gravitätischen Wortschatz und seine Disposition zur überraschenden Pointe.

Die poetische Strategie Grätchens zielt darauf ab, die erhabene Form eines ernsten, todesnahen Gebets zu nutzen und Nochsojemands Altersgedicht auf komische Weise dem Lachen preiszugeben.

Schließlich (4) wird zu prüfen sein, inwiefern das ästhetische Urteil über das "Opfer" plausibel ist.

Als Bonustrack (5) stellen wir ein recht überzeugendes Eisenbahn- und Todessonett von Paul Heyse (1830-1914) vor.

Ganz am Schluss einige Anmerkungen, vor allem für Interessenten der Lesartenproblematik und der offenen Verstehensmöglichkeiten. Anskizziert wird der "Priming-Effekt": Bestimmte Überschriften (und anderes) prägen in der Begegnungsphase das Vorverständnis und setzen sich dabei oft - gegen eine latente Mehrdeutigkeit - durch.

(1) Je nun:
Textsequenz: Gretchens Gebet nach der Lektüre von Nochsojemands Gedicht mit Seeblick- darauf "Ein Halt", eine poetische Antwort





mit seeblick

Oft
schickt der Tod Albträume
ein fauler Apfel von tausend Wespen zerfressen
der Kopf

Auch
schickt das Leben Sexträume
nicht schlecht in frischen jungen Frauen
zu baden für einen alten Mann

Dann
fiel aus einem Buch ein vergilbter Zettel
diese eine Nacht zwischen edlen Möbeln
und der kleine halbrunde Balkon
mit Seeblick

Nochsojemand

Nur das, ich bitt!

Alte(r)s Gebet

Wenn mir dann später mal die Haut in schlaffen Falten
auf der Visage hängt, wenn Zahn um Zahn mir ausbricht, wenn die lieben
Augenfensterlein sich trüben und schier blind sind,
wenn so gut wie gar nichts mehr ich höre,
wenn das weiß gewordne Haar die fahle
Kopfhaut nur noch spärlich flaumend deckt,
wenn mit der Glieder Spannkraft Liebe, Lust,


Spitzzüngigkeit und Biss und Feuer mir genommen fast,
ach, wenn es dann einmal so weit mit mir gekommen, lass
doch, Gott, so es Dich gibt, großmütig Gnade walten!
Lösch mir im Hirn nicht ganz und gar das Lichte,
sondern gewähre bis zuletzt mir jenes Quantum Restverstand,
das nötig ist, um zu verhindern, dass ich geschmelzt
wie manch ein Sonstnochjemand dichte.

(Gefunden auf einem vergilbten Zettel,
der mir justament aus einem edel möblierten Buch
vor die Füße fiel, als ich halbrund den Seeblick kostend
auf dem Balkon stand ...)


Gretchen Darloni



Call and Response - poetische Antwort:

Ein Halt

Es glost in Gretchens Zeilen Salamander-Feuer.
Es gleichet ihre Zunge einer Degen-Spitze.
Es sprühen ihre schmalen Augen Schatten-Blitze.
Es reichte ihr Villon die Läster-Zungen-Leier.

Apoll ist fern, ganz fern, verstummt die sanfte Flöte.
Die sämgen Dichter dreier Strophen, die wackligen Idyllrhapsoden,
sie liegen flach, sie fressen Staub vom Boden.
Und über ihnen sitzt mit breiter Brust die Zankes-Kröte.

Ach, wem da nicht die Kraft samt Lust entwich!
Es fluten Klage-Ströme ungezügelt -
Halt ein! Da gab es doch noch andres Lyr´sches Ich?

Hat Gretchen lächelnd nicht gar oft beflügelt,
die Texter rings, verzaubert - wie auch sich,
so dass sich hier im Forum Nächstenliebe spiegelt?
(- ob´s nu den Schöpfer geben tut oder auch nich -)

willimox/willi wamser

(2) Ich sag mal so:
Die verdeckte Sonettstruktur in Gretchens Gebet


Hier ein erster Blick auf Besonderheiten von Gretchens Sonett-Textur:

2.1 Die latente Sonettstruktur - Abweichungen vom Schema

Gretchen hat - auf den ersten Blick erkennt man´s nicht - ein prosaisches (reimloses oder reimarmes) Sonett geschrieben, geistreich, witzfunkelnd, gebrochen, mit Anklängen an Gryphius, Fleming, Gottfried Keller ("Augen, meine lieben Fensterlein"), verdeckt durch die Typografie.

Ändern wir die Typografie, damit das überprüfbar wird. Zusätzlich: Ein paar Besonderheiten im Text sind farblich markiert. Sie werden später noch eine Rolle spielen, wenn es - nach der Sonett-Großform - an die Details (3) des Bittgebetes geht..

Alte(r)s Gebet

Wenn mir dann später mal die Haut in schlaffen Falten
auf der Visage hängt, wenn Zahn um Zahn mir ausbricht, wenn die lieben
Augenfensterlein sich trüben und schier blind sind,
wenn so gut wie gar nichts mehr ich höre,

wenn das weiß gewordne Haar die fahle
Kopfhaut nur noch spärlich flaumend deckt,
wenn mit der Glieder Spannkraft Liebe, Lust,

Spitzzüngigkeit und Biss und Feuer mir genommen fast,
------------------------------------------------------------

ach, wenn es dann einmal so weit mit mir gekommen, lass
doch, Gott, so es Dich gibt, großmütig Gnade walten!
Lösch mir im Hirn nicht ganz und gar das Lichte,

sondern gewähre bis zuletzt mir jenes Quantum Restverstand,
das nötig ist, um zu verhindern, dass ich geschmelzt
wie manch ein Sonstnochjemand dichte.



2.2 Das Spielfeld Sonett

Das Sonett ist eine typische lyrische Großform.
Sie verfügt im Standard über zwei vierzeilige Strophen - oft auch graphisch -optisch von einander abgesetzt - mit dem Reimschema abba abba oder abba cddc.
Dazu kommen dann noch zwei Dreizeiler. Die Terzette sind mit cdc und ded oder ccd und eed gebunden.
Shakespeare arbeitet gern mit einer besonderen Variante: abab - cded- efef -gg.

Mit dem (formalen) Übergang von Sextett zu Oktett ist oft auch im Inhalt, in der Rhetorik, eine Zwei-Teilung verbunden, zwei größere Sinnabschnitte in der poetischen Rede der vierzehn Zeilen:

Das zentrale Thema und dessen Weiterführung findet sich im ersten und zweiten Quartett, dem Oktett.
In den beiden Terzetten (dem Sextett) natürlich der Abschluss. Und zwar mit Varianten im Sextett:
Ziehen die Terzette ein Fazit aus der Gedankenfolge der Quartette? Wird also das Sonett von einem fortlaufenden Gedankengang dominiert?
Ziehen Sie eine gängige Folgerung aus ihrem Vorlauf in den Quartetten? Also hier etwa die Bitte an Gott um himmlische Gnade in der Todesnähe, Vergebung der Sünden, Aufnahme in den Himmel, einen seligen Tod, Tröstung der Hinterbliebenen, allgemeines Wiedersehen der Verwandtschaft im Jenseits jenseits der Hölle oder Vorhölle?

Oder ganz was anders? Manchmal liefert der Schlussteil eine unvermutete, konventionsbrechende Aussage. Eine, in der sich Witz, Spott, Scharfsinn, Spitzfindigkeit (argutia, acutezza), humorvolle Versöhnlichkeit bis aggressiver Spott, all das in Szene setzt.


2.3 Gretchens Spielzüge

Wie sieht das bei Gretchen aus?

Einziger deutlicher, aber nicht zwingender Indikator bei Gretchen ist die Zahl 14, die Zeilenzahl von "Nur das, ich bitt!". Dazu kommen versteckte Hinweise. Eine altertümlich-barocke Codierung in der Sprache ("schier", "ach", "lass, höchster Gott") und für Eingeweihte die Reminiszenz an typische Floskeln eines Fleming oder Opitz oder Gryphius aus deren Oden- und Sonettproduktion. Hier als Beleg ein Gryphius-Sonett:

ABEND

1. Der schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn /
2. Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen
3. Verlassen feld und werck / Wo Thier und Vögel waren
4. Trauert itzt die Einsamkeit. Wie ist die zeit verthan!

5. Der port naht mehr und mehr sich / zu der glieder Kahn.
6. Gleich wie diß licht verfiel / so wird in wenig Jahren
7. Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
8. Diß Leben kömmt mir vor alß eine renne bahn.

9. Laß höchster Gott mich doch nicht auff dem Laufplatz gleiten
10. Laß mich nicht ach / nicht pracht / nicht luft / nicht angst verleiten.
11. Dein ewig heller glantz sei von und neben mir /

12. Laß / wenn der müde Leib entschläfft / die Seele wachen /
13. Und wenn der letzte Tag wird mit mir abend machen /
14. So reiß mich auß dem thal der Finsternuß zu dir.

Die beiden Gretchen-Quartette präsentieren mit temporalen Wennsätzen die Progression menschlichen Elendes bei zunehmendem Alter, dann folgt in den Terzetten bei Wiederaufnahme des "wenn" zunächst eine kumulierende Summenbildung der körperlichen Verfallserscheinungen, kombiniert mit einer Interjektion der Wehmut "ach":

ach, wenn es dann einmal so weit mit mir gekommen

Gefolgt und abgeschlossen in den Terzetten von einer zunächst fromm anmutenden letzten Bitte an den - eventuell vorhandenen und mit Menschen interagierenden - Gott.

Soweit, so genrekonform, spürt der aufmerksame Leser. Dann aber ein Salto, ein Bruch im Argumentationsduktus. Die argute Spitze kommt unvermittelt und ganz, ganz am Schluss:

Lösch mir im Hirn nicht ganz und gar das Lichte,
sondern gewähre bis zuletzt mir jenes Quantum Restverstand,
das nötig ist, um zu verhindern, dass ich geschmelzt
wie manch ein Sonstnochjemand dichte.

Was im religiösen Duktus ein frommer, reumütiger, himmlische Gnade erbittender Sterbenswunsch sein müsste, das ist in der Wirklichkeit dieses Bittgebetes eine superbe Ausgrenzung und Abwertung von Texte(r)n des Typs Nochsojemand. Treffer.

(3) Details
Spitzes, Lichtes, das Quantum Restverstand - in summa ein Schmähgedicht


Nun zu einigen Details. Dafür hier noch einmal Gretchens Text im Überblick:

Alte(r)s Gebet

Wenn mir dann später mal die Haut in schlaffen Falten
auf der Visage hängt, wenn Zahn um Zahn mir ausbricht, wenn die lieben
Augenfensterlein sich trüben und schier blind sind,
wenn so gut wie gar nichts mehr ich höre,
wenn das weiß gewordne Haar die fahle
Kopfhaut nur noch spärlich flaumend deckt,
wenn mit der Glieder Spannkraft Liebe, Lust,

Spitzzüngigkeit und Biss und Feuer mir genommen fast,
ach, wenn es dann einmal so weit mit mir gekommen, lass
doch, Gott, so es Dich gibt, großmütig Gnade walten!
Lösch mir im Hirn nicht ganz und gar das Lichte,
sondern gewähre bis zuletzt mir jenes Quantum Restverstand,
das nötig ist, um zu verhindern, dass ich geschmelzt
wie manch ein Sonstnochjemand dichte.

3.1 Das Spitze

Der Strophenumbruch, den Gretchen verwendet, demontiert, besser unterspielt das Sonettfeature bis zu einem gewissen Grade: Keine Vierteilung in zwei Quartette und zwei Terzette.

Der Zeilenumbruchbruch (sic! ww) und Strophenschub nach der siebten Zeile unterläuft den Rückhalt, den der „Systembaustein zweites Quartett“ reimtechnisch und typografisch normalerweise bietet.
Dadurch verschärft, dass hier ein Wennsatz mit den Subjekten "Liebe, Lust" radikal umgebrochen wird. Die drauf folgenden Lexeme "Spitzzüngigkeit, Biss, Feuer" sind ebenfalls Subjekte, lagern im gleichen Satz und werden nun in einem maximalen Enjambement isoliert und akzentuiert. Ein Spiel mit der Syntax, ein Spiel mit Strophenkonventionen.

Die spielerische Abkehr von ästhetisch-poetisch-rhetorischen Normen isoliert splendid, worauf es dem Texter, der Texterin wohl vor allem ankommt, die

Spitzzüngigkeit. Biss! Feuer!

So außerhalb ihres Normalverbundes werden die Lexeme erhöht, man versteht sie als Leitbegriffe, Lebensmaximen, Glückselemente - der Texterin. Markiert ist eine, ist ihre (existentielle, lebensobligatorische) Legitimation für das Aufspießen des Vorgängertextes, fassbar in zwei kompatiblen Sätzen:

Witz ist Leben.
Tod ist Witzlosigkeit.

Wenn es so etwas wie einen letzten Wunsch und eine zugänglich existierende Gottheit gibt, dann geht es um die möglichst lange Ermangelung dessen, was dem Dreistrophendichter in schmelziger Fülle aus der Feder fließt.

Anders: Witzloses Leben und Schreiben ist nichts, ist wenig wert. Es ist fern von poetischem Leben und Tun, jedenfalls.

3.2 Das Lichte und der Schmelz

Und der in diesem prosaischen Kontext auffällige, wiewohl versteckte Reim mit "Lichte" und "dichte" markiert deutlich, was sich das Lyrische Ich zuschreibt und dem Adressaten abspricht: Jene Levitationskraft und Aufhellung, die Witz und Spott und souveräne Handhabung der Sprache und ihrer Spielelemente entwickeln können. Im altdeutsch anmutenden, spielerischen "das Lichte" mit seinem verspielten "e" steckt zweierlei, das "Licht" als eine Leuchtquelle. Und das Ergebnis, nämlich eine Helle in der Dunkelheit: das Lichte.

Gezielt wird - treffen wollend - auf eine gewisse Prätentionalität des Dreistrophers, insbesondre dort, wo es in der dritten Strophe heißt:

Dann
fiel aus einem Buch ein vergilbter Zettel
diese eine Nacht zwischen edlen Möbeln
und der kleine halbrunde Balkon
mit Seeblick

Insinuiert wird im Verstehensprozess "Schmelz und Schmalz", so legt das Verb "geschmelzt" nahe, und darin steckt - ein wenig neutraler - wohl auch das Modell des Einschmelzens und Verschmelzens.
Zu vermeiden - so das Lyrische Ich - sei, "dass ich geschmelzt ... dichte". Das Partizip hat eine latente Doppelbeziehung. Einmal lässt es sich zum Verb ziehen. Dann geht es darum eine schmelzend, schmalzige Dichtung zu vermeiden. Bissige, kantige Klartextdichtung natürlich mit allen ihr möglichen Spielelementen ist angesagt. Dann lässt es sich auch zu dem Ich ziehen: Ein angeschmelztes Individuum hat seine besten geistigen Produktionskräfte verloren, das Spitzfindige und das Spitzzüngige - weg.
Was bleibt, ist ein Weichzeichnertyp ohne Eier(stöcke) und präzises Mundwerk.
Für den goutierenden Dechiffrierfreund eine mentale Gaumen-Weide.

Und in Gretchens Postskriptum, eine Art von nachgezogenem Motto wird die Stoßrichtung auf das, was poetisch Plüsch und Plunder sei, in Kleinschrift, aber doch sehr deutlich avisiert, so dass sich die Bedeutungsfindung von "geschmelzt" verifiziert:

Zitat:
(Gefunden auf einem vergilbten Zettel,
der mir justament aus einem edel möblierten Buch
vor die Füße fiel, als ich halbrund den Seeblick kostend
auf dem Balkon stand ...)


3.3 Das Quantum Restverstand

Es mag sein, der Verstand des Lesers wird in einer Art Stillbeschäftigung mit dem Subtext so okkupiert, dass er eine weitere Strategie nur am Rande wahrnimmt:

Der Sprecher des Gretchengedichtes bittet Gott um die Gnadengabe eines Restverstandes, knapp vor dem "ganz und gar", aber noch locker ausreichend, das zu vermeiden, was der Vorredner - und das ist nun eine eher fiese Präsupposition - bei lebendigem Leib und gar nicht in Todesnähe - recht selbstüberzeugt präsentiert. Nämlich eben Gedichte vom "geschmelzten Typ".

Das heißt in der Logik des Schmähgedichts: Selbst in einer Restquantität von Klarheit im Kopfe ist das zu vermeiden, was der andere offensichtlich bei vollem Bewusstsein an poetischer Produktion liefert. Was im Umkehrschluss bedeutet, dass der Text des Vorredners ein Übermass von Dumpf- und Drögheit und Schmalz aufweist. Und dass das gegenwärtige Normalquantum des quietschebendigen Gretchenichs beachtlich groß ist.

Eine beliebte Strategie, solche Interpretation als fehlerhaft abzutun, lautet, die Kritik ziele ja nicht ad personam, sondern auf den Text einer Person, das aber sei richtig und angemessen.

Nun, abgesehen davon, dass man mit der Qualifizierung eines Textes als dumm durchaus auch die Qualifizierung seines Produzenten impliziert: Im vorliegenden Text wird direkt die Person des Bittenden als begabt mit Gottes Verstandeslicht und bedacht mit ästhetischer Kompetenz eingeführt. Ein hohes Maß liege vor, das selbst bei Maximalreduzierung noch - und jetzt kommt wieder eine Person ins Spiel - das Normalquantum, das sich im anderen Text als Quantum seines Texters ausweist, weit übertrifft. Also ein poetischer Angriff ad personam.

3.4 Schmäh

Und, natürlich, in der Selbstvergewisserung des eigenen Schreibens jenseits von Plüsch- und Rosamunde-Kultur liegt eine Fremdabwertung mit Selbstaufwertung. Ein Selbstkult, oft, wenn nicht immer eine Triebfeder öffentlichen Auftretens, kaum hintergehbar und ganz sicher ist er produktiv nützlich und auch so gemeint. Erkennbar in dem stolzen Hinweis des Titels "Alte(r)s Gebet" - solch eine Bitte, das Lichte zu erhalten, mag schon früh dem entsprochen haben, was das lyrische Ich und sein Autor von sich und anderen denken/denkt.

Kurz, ein Schmähgedicht, getarnt als letzte Bitte, elegant boshaft und keineswegs deswegen zu tadeln, weil es moralisch untergriffig/übergriffig agiert. Das darf man einfach in Schmähgedichten. Allerdings wird es vielleicht dann brenzlig, wenn sich die Voraussetzungen des Schmähurteils bei Überprüfung als weniger belastbar erweisen.

(4) Aber: Kritische Würdigung

Man prüfe: Vielleicht ein wenig voreilig, diese komische Vernichtung des Vorrednertextes? Der Vortext hat ja doch auch andere Lesarten jenseits der mottenfraßigen Theatervorhänge edler Design/Daseinskulturen und eines darin agierenden lyrischen Ichs.

In der zweiten Strophe konstatiert ein wohlwollender Leser vielleicht ein Quantum Sexismus, aber durchaus auch so etwas wie Selbstironie, da dort "alte Männer sich in jungen Frauen baden", allerdings in wenig ergiebigen Sexträumen. Diese nämlich sind als Träume schon Schäume, die der Realität nicht standhalten. Hier aber sind sie zusätzlich noch Antidotum zu/für/gegen die "Albträume" des wurmstichigen Apfelkopfes. Also doch eine eher herbe Bild-Tinktur ohne synthetische Zuckerglasur.

(Übrigens, wenn man sich mancher kruden lyrischen Tagträume des Autors im Sanitätsgefreiter-Neumann-Stil hier noch erinnert,




dann ist da vielleicht doch nicht soviel Selbstir.... Aber ziehen wir lieber die rettende Argumentation durch und also weiter ...)

Und der vergilbte Zettel in einer edel möblierten Wohnung mag ja auf das Wohlfühlbild einer upper-class-Existenz verweisen oder auf ein entsprechendes Hotel in Hanglage mit Blick auf Wasser, sei es süß, sei es salzig im "See". Oder eben auf eine erotische Begegnung in der vergilbenden Vergangenheit. Aber was ist daran ästhetisch so schlimm?

Dann: Der Zettel kann in einem Buch "antiquarischer" Sonett- und Vanitas-Texte liegen, er mag dort ein Liebesgedicht markieren, er mag vielleicht selber ein (ab)geschriebenes Gedicht enthalten. Das legt ja das Memento-Mori-Bild der ersten Strophe nahe und der ganze Strang mit seinem Thema "Alterslyrik" nahe.

Es mag das ein Zettel aus der vergangenen Privatwelt des Lyrischen Ichs sein, es mag aber auch ein Zettel von ganz fremder Hand sein und so wiederum all das sein, Einmerkzettel oder Gedichtträger und Reminiszenz an eine vergangene Beziehung, eine vergangene Zeit, eine vergangene Welt. Kitschig-aufdrehend prahlerisch im Pseudo-Understatement? Ja? Was weiß man schon.

Jedenfalls ist der volle Vorwurf progredienter Schmelzerei nicht recht gerechtfertigt.

(5) Bonustrack: Paul Heyse - der Zetteldichter bei Nochsojemand

Auch - diese Aberration sei geduldet - auch nicht gerechtfertigt: Die totale Abwertung angeblich epigonenhafter, prätentiöser Dichtung wie der von Paul Heyse (1830-1914), wohl nur noch Münchnern bekannt, bekannt wegen der Straßennamenverzeichnisse und einer Unterführung mit schlechter Luft in der Nähe des Hauptbahnhofes.

 


Kurz und gut, in Nochsojemands Gedicht der Zettel, der verweist vermutlich auf ein Heyse-Sonett, sag ich jetzt mal (ein wenig launig).

Hier ist er und es. Und es ist das ein recht famoses, themaverwandtes Sonett. Und kann in Gottes Namen Nochsojemands Gedicht retten& adeln:



Stets liebt' ich's, wenn gepackt mein Koffer war

Stets liebt' ich's, wenn gepackt mein Koffer war,
Die Reise noch ein wenig aufzuschieben,
Aus dem gewohnten Bett noch nicht vertrieben,
Doch der gewohnten Tagespflichten bar.

Ein Zwischenaktsgefühl, höchst sonderbar,
Wie wenn im Wartsaal man zurückgeblieben,
Nicht völlig hüben mehr und noch nicht drüben,
Und löste noch kein Fahrbillett sogar.

So fühl' ich mich auch jetzt: noch nicht so eilig
Gedrängt zur Fahrt nach jenem Land, woher
Kein Wandrer wiederkehrt, und gern verweil' ich

Im Wartsaal, gute Freunde ringsumher.
Mein Koffer steht gepackt – nur daß er freilich
Zurückbleibt, für die letzte Fahrt zu schwer!

[Paul Heyse: (vgl. Heyse-GW Bd. 5, S. 272-273)]

willi wamser,
magister longiorum (Komparativ als Elativ: allzu lang) disputationum
illi Augustinae salutem plurimam

Open Ending: Anmerkungen zu Prägungseffekten (Priming)

1)
Die Anstöße für diese Aufhellungsversuche zur Sonettstrategie bei Hoffmannswaldau, Gretchen und andern finden sich hier: Lyrik über das Alte(r)n:

http://www.synekdoche.de/thema4867.htm

2) Zu Hoffmannswaldau und Salomoni:




Im folgenden Exkurs für Interessierte der Link zum "Bellezza, Caduca und Crudele" (Schönheit, hinfällig/vergänglich und grausam), dazu das letzte Terzett aus Hoffmannswaldaus Sonett.

Abiturienten in NRW werden 2007 mit Hoffmannswaldau konfrontiert. Die Interpretationsansprüche der schulischen Behörden führten zu einem mittleren Eklat. Gestritten wurde u.a. um die Mehrdeutigkeit und Mehrdeutbarkeit des Hoffmannswaldau-Sonetts.

Die Überschrift "Vergänglichkeit der Schönheit" trägt viel dazu bei, die Schlusszeile - völlig nachvollziehbar und korrekt - als Preis innerer Schönheit, moralischer Beständigkeit und Weltabkehr zu verstehen.

Und nicht als Tadel einer hartherzigen Schönheit, einer Frau, die den Liebhaber und Adamanten nicht zum Zuge kommen lässt, obwohl doch alle körperlichen Reize mit der Zeit verfallen und es also drängt.

Allerdings war es wohl in der Originalzeit für Eingeweihte in dieser hedonistischen Variante markiert, etwa durch den Übertitel "Galante Gedichte" (vgl. Bild).



Das führt zu einem weiteren Aspekt, der Wirkmächtigkeit von Ersteindrücken auf die Feinrezeption eines Textes. Man vergleiche etwa, wie der folgende Text wirkt, einmal mit Überschrift a, dann mit Überschrift b oder mit Überschrift c - ein interessanter Priming-Effekt:

a) Schönheit, vergänglich und grausam

b) Vergänglichkeit der Schönheit

c) Galante Gedichte: Vergänglichkeit der Schönheit

Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden /
Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden /
Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.

Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen /
Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /
Dieweil es die natur aus diamant gemacht.


http://tinyurl.com/pclggfd

(Könnte ein Italienisch-Kundiger den Bellezza-Text übersetzen? Würde mich freuen.)



 

So nett! Vanitas! Schmäh!




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