Lyrik über das Alter(n) · Homer · Nach Gusto

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     Homer



Lyrik über das Alter(n)

   26.01.2015, 19:39 / 1 x geändert



Er tut's schon wieder: Homer fragt nach Texten, insbesondere lyrischen, über das Alter / Altern.

Hier gibt es eine Auswahl: http://www.gedichtepool.de/thema/alter.htm#3

Aber da es hier ja Tieftaucher (Willimox!) gibt, die es irgendwie schaffen, scheinbar zu allem Wissen und Material gehortet zu haben, lade ich ein, mich an der Hand zu führen oder meine Ergebnisse mit mir zu teilen.

Bevorzugt suche ich ein mehrstrophiges Gedicht - am besten wäre natürlich ein Sonett, nachdem die Klasse das schon beherrscht. Darf aber auch was anderes sein. Nur eben nicht zuuu kurz, so dass man sich im Unterricht zwanzig Minuten damit beschäftigen kann!

Los geht's!

 

     Willimox



Lyrik über das Alter(n)

   26.01.2015, 20:28 / 1 x geändert



Naja guckst du in diesem forum nach Ludwig Harig.
und in der barockzeit googelt homer gar selbstterlei.
mag auch sein, dass der augeweckte junglehrer den arno holz und den Dafnis ergoogelt.
ww

 

     Homer²



Lyrik über das Alter(n)

   26.01.2015, 21:20



Gryphius An sich selbst:


Mir grauet vor mir selbst; mir zittern alle Glieder,
Wenn ich die Lipp und Nas und beider Augen Kluft,
Die blind vom Wachen sind, des Atems schwere Luft
Betracht und die nun schon erstorbnen Augen-Lider.

Die Zunge, schwarz vom Brand, fällt mit den Worten nieder
Und lallt ich weiß nicht was; die müde Seele ruft
Dem großen Tröster zu; das Fleisch ruft nach der Gruft;
Die Ärzte lassen mich; die Schmerzen kommen wieder.

Mein Körper ist nicht mehr als Adern, Fell und Bein.
Das Sitzen ist mein Tod, das Liegen meine Pein.
Die Schenkel haben selbst nun Träger wohl vonnöten.

Was ist der hohe Ruhm, und Jugend, Ehr und Kunst?
Wenn diese Stunde kommt, wird alles Rauch und Dunst,
Und eine Not muß uns mit allem Vorsatz töten.

http://www.digitalphoto.de/galerie/menschen/portrait/alter-mann

 

     Homer²



Lyrik über das Alter(n)

   26.01.2015, 21:22



Da fällt mir noch die Vorgeschichte zu "up" von Pixar ein...Bekannt?

https://www.youtube.com/watch?v=6vpJ0RKZMG0
schlechte Quali, aber...seeehr berührend!

 

     Homer²



Lyrik über das Alter(n)

   26.01.2015, 21:29



Und danke für den Tipp zu Ludwig Harig -
ich denke, ich habe nun genug Material, um etwas zu schaffen!

 

     ruelfig



Lyrik über das Alter(n)

   27.01.2015, 20:27



Romanze

Neulich ging die alte Dame
in den Park, um zu spazieren.
Sah dort auf die jungen Burschen,
wie sie um die Teiche liefen.

Späte Sehnsucht unterm Rocke,
an den Stöcken welkten Rosen,
sank sie nieder auf die Parkbank,
neben Herrn Professor Weyen.

"Ach", hört er sie leise seufzen,
"einmal noch und dann ist Ruhe",
schloss er sanft sie in die Arme
und begann sie zu liebkosen.

"Nimm mich hart, du geiler Stecher",
rief sie und begann zu hecheln.
Ihr Gebiss flog in die Büsche
und die Brille war beschlagen.

Sportlich sprinten junge Menschen
durch den Park, um zu trainieren.
Rollatoren stehn am Wegrand,
friedlich ruhen Senioren.

 

     Willimox



Seel- und Augenweide - Barockes Alte

   28.01.2015, 22:04 / 2 x geändert



Seel- und Augenweide (auch von Otto Dix gestiftet)



Einer Jungfrauen Klage über nahendes Alter

Ach, wo ist nun die Zeit, in der man pflag zu gleichen
Der Rosen schöner Zier mein' edele Gestalt?
Ja freylich bin ich so, nun ich bin grau und alt.
Eh' als der Sonnen Glantz die Rose kan erreichen,

So muß sie durch die Lufft der Nacht zuvor verbleichen
Und hat nur von dem Thau ein wenig Unterhalt;
So netzen mich jetzt auch die Threnen mannigfalt,
Weil ich die junge Zeit nun habe lassen schleichen.

Geht dann der Morgen an, so wird die Rose roth;
Ich werde schamroth auch, gedenck ich an die Noth.
Doch hab ich diesen Trost, daß gleich wie von den Winden

Die Rose, wann der Tag sich neigt, wird abgemeit,
So werd' auch ich, weil nun mein Abend nicht ist weit,
Kan ja es hier nicht seyn, doch Ruh' im Grabe finden.
vgl. Opitz-G, S. 28




An Miranden

Wer muß, Miranda, sich nicht wundern über dir?
An Schönheit bist du mehr als menschlich anzuschauen,
so tugendhaft, so keusch, daß dich auch selbst die Frauen
mit Lust gewinnen lieb und seufzen für Begier

mit dir bekant zu sein. Ich lobe deine Zier,
die nichts Gemeines hat. Will dir denn Niemand trauen,
will kein Geselle denn auf deine Treue bauen?
Das wundert mir noch mehr, das kömmt mir seltsam für.

Mich dünkt, ich gläub' es nicht, daß du nicht Freiers gnung
gehabt hast und hast noch. Sie stehen auf den Sprung
und treten immer ab, weil immer Ander kommen.

Wer aber hat denn Schuld, sie oder Jungfrau du?
Immittelst nimt dein Glanz nur ab, dein Alter zu.
Du wirst zu viel geliebt, zu wenig doch genommen.
vgl. Fleming-Dt. Ged., S. 503-504



Rede einer vormals stolzen und gleich jetzt sterbenden Jungfrau

Letzte Rede Einer vormals stoltzen und gleich jetzt sterbenden Jungfrawen (1638)


Ich armer Madensack! Der ich vor wenig Wochen
Belebt / gerad und schön gleich einem Hirsche gieng
Und hoch geehret ward / und manchen Gruß empfieng /
Lieg hie nun hergestreckt und bin nur Haut und Knochen;

Die Glieder sterben mir / die Augen sind gebrochen.
War dieses / daß ich mich mit Golde so behieng?
Jhr Freunde / haltet Mund und Nase zu / ich stinck.
Ach Gott! So wird mein Pracht und Übermuth gerochen!

Jhr Jung- und Frawen kompt / kompt spiegelt euch in mir!
Lernt hie / was Hochmuth sey / was Stand / Gestalt und Zier!
Jhr seht / ich muß davon / mein Leben wil sich schliessen.

Lebt alle wol / und habt euch stets in guter acht!
Gedenckt / wie mich der Todt so scheußlich hat gemacht!
Ich tantze nur voran / jhr werdet folgen müssen.

Simon Dach (1605-1659) (Autorschaft umstritten)


 

     Jolante



Lyrik über das Alter(n)

   29.01.2015, 11:53



perspektiven

wenn du schlaflos liegst
manche lange nacht
weil kein guter geist
deinen schlaf bewacht

wenn kein fremder mehr
dir im park zulacht
und dein ehemann
früh das licht ausmacht

wenn dein spiegelbild
dir die wahrheit sagt
dann sei nicht verzagt

dann sei nicht verzagt


jolante

 

     Willimox



Traurigkeit, unnötige

   29.01.2015, 16:24



Hüte dich für vnnötiger trawrigkeit:

O weh dem/ welcher ist mit trawrigkeit geplaget!
Er schläfet ohne schlaf/ er ruhet ohne ruh/
Er wachet mit verdruß/ vnd eilt zum grabe zu/
Er frisst sich selbst/ vnd weiss doch oft nicht/ was jhn naget.

O wol dem der in Gott nach frewd' vnd wonne jaget!
Er lebt in höchster lust/ jhm ist vor nichtes bang'/
Im spinnet Lachesis den Faden noch so lang.
Er ist an Gott vergnügt/ auf den er alles waget.

Drumb fass' ein frölich hertz'/ vnnd sey eins frischen muthes/
Treib' angst vnd trawren auß/ vnd thu dir selber gutes/
Frewd' ist des hertzens hertz' vnd stellet es zur ruh.

Was ist Melancholey? ein brunnenquell des zweifels
An Gottes gütigkeit: ein bett' vnd bad des teufels.
Sie stürtzt viel leut' in's grab vnnd dient doch nirgend zu.

[Johannes Plavius: Trauer- und Treugedichte, S. 279. (vgl. Dt. Lit.-Barock Erg.-Bd., S. 152)]



Das hier ist ein Bild von Lachesis.
In der griechischen Mythologie eine der drei Moiren/Parzen.
Sie misst den Lebensfaden, ihre Schwestern spinnen und kappen ihn, sie weiß, "wie lange es noch geht".
Der liebenswerte, kluge Johannes Plavius hat christlich-heidnisch (und tröstlich) der schönen Parzen-Frau in seinem Weltbild ihren Platz gegeben.

 

     Nochsojemand



Mit Seeblick

   30.01.2015, 11:52



Oft
schickt der Tod Albträume
ein fauler Apfel von tausend Wespen zerfressen
der Kopf

Auch
schickt das Leben Sexträume
nicht schlecht in frischen jungen Frauen
zu baden für einen alten Mann

Dann
fiel aus einem Buch ein vergilbter Zettel
diese eine Nacht zwischen edlen Möbeln
und der kleine halbrunde Balkon
mit Seeblick

 

     Gretchen Darloni



Nur das, ich bitt!

   30.01.2015, 19:18



Alte(r)s Gebet

Wenn mir dann später mal die Haut in schlaffen Falten
auf der Visage hängt, wenn Zahn um Zahn mir ausbricht, wenn die lieben
Augenfensterlein sich trüben und schier blind sind,
wenn so gut wie gar nichts mehr ich höre,
wenn das weiß gewordne Haar die fahle
Kopfhaut nur noch spärlich flaumend deckt,
wenn mit der Glieder Spannkraft Liebe, Lust,

Spitzzüngigkeit und Biss und Feuer mir genommen fast,
ach, wenn es dann einmal so weit mit mir gekommen, lass
doch, Gott, so es Dich gibt, großmütig Gnade walten!
Lösch mir im Hirn nicht ganz und gar das Lichte,
sondern gewähre bis zuletzt mir jenes Quantum Restverstand,
das nötig ist, um zu verhindern, dass ich geschmelzt
wie manch ein Sonstnochjemand dichte.
Gretchen grüßt -> Mach mir den Brei



(Gefunden auf einem vergilbten Zettel,
der mir justament aus einem edel möblierten Buch
vor die Füße fiel, als ich halbrund den Seeblick kostend
auf dem Balkon stand ...)

 

     Städter



Ich bitt' um gar nichts mehr

   05.02.2015, 14:30 / 1 x geändert



Wenn's einst mir scheißegal sein wird,
ich meine, dass ich lebe,
mir wurscht ist, was ihr sagt und denkt und tut,
wenn mahlzeitlich der Tag sich strukturiert,
am Arsch vorbei geht, mir, ob wer sich wo blamiert,
ich wieder Kinderlieder singe,
an nichts mehr hänge, klebe,
dann bin ich wohl, wie man mit Volksmund sagt, ein alter Sack,
zum plündern nur noch zu gebrauchen,
mit einem Bein schon außerhalb von dieser Zeit,
den Teufel längst am Hals, den Lieben Gott am Kragen,
das wollt ich bloß mal sagen,
ganz einfach so, zum Zeitvertreib,
und dran erinnern wollt' ich,
dass das Altsein nicht gleich Blödsein ist.





edit 12.02.2015

noch immer hinter dicken mauern (flucht unmöglich) grüßt städter zurück und wird, so J E N E R will, mehr schreiben demnächst, wenn ER selbst wieder kann.

sollicito animo
städter

 

     toltec-head



Moroni

   07.02.2015, 15:03 / 1 x geändert



Als du zuletzt den Moroni sahst
Es war in einer Ausstellung in Köln
Kam er dir zu alt zu männlich
Und unfuckable bärtig vor
Beim Blättern im Katalog gar nicht so viele Jahre später
Ist er herrlich jung
Sein Bart unglaublich begehrenswert
Selbst die blaue Ader seiner Hand
Die den Torso dir zeigend entzieht
Vibriert vor Grandezza
Und du bist alt

http://upload.wikimedia.org/wikipedia/co...Moroni_003a.jpg

 

     Jolante



Lyrik über das Alter(n)

   07.02.2015, 16:16 / 4 x geändert



Sie stirbt zuletzt


Was kann ich wissen, wenn der Jugend Blütenzauber
mir vom Verwelken meines Körpers nichts erzählt.
Wenn rote Rosen auf mich regnen jeden Sommer,
und nur die Gegenwart des Wunderbaumes zählt.

Was soll ich tun, wenn es mir gar nicht scheißegal ist,
im Alter nur noch brabbelnd vor mich hin zu dösen.
Wenn mir die Zukunft winkt mit einer Totenmaske
und die Vergangenheit im trüben Nebel schwankt.

Was darf ich hoffen, wenn das Leben mir zur Qual wird,
und ich das Buch des Leidens ausgelesen hab?

Dass jemand bei mir ist an meinem letzten Tage,
der mir den Schierlingsbecher reicht und sanft mich küsst.

---

Jolante grüßt Städter

 

     Jolante



Lyrik über das Alter(n)

   14.02.2015, 12:39 / 1 x geändert



Du musst nicht immer das letzte Wort haben, pflegte meine Mutter zu sagen, wenn ich ein diskussionswütiges Kind war. Sie hatte ja Recht. Ich musste es nicht, ich sollte es nicht, ich wollte es aber. Heute will ich es nicht mehr, und schon gar nicht in diesem Faden. Was ich hier geschrieben habe ist ziemlich trostlos. Leider habe ich nichts Trostreicheres anzubieten - aus meiner Sicht, und die trübt zurzeit der Graue Star. Aber der sollte hier nicht den letzten Pieps machen. Also auf zu fröhlicherem Gezwitscher!

Jolante grüßt

 

Lyrik über das Alter(n)




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