Weihnachtsgrippe · Nochsojemand · ab 16 Zeilen

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     Nochsojemand



Weihnachtsgrippe

   04.01.2015, 17:36 / 1 x geändert



Es lebt sich nicht schlecht
mit einer kleinen Grippe zu Weihnachten,
wenn der wütende Kopfschmerz vergangen,
nur unglaubliche Schwäche
dich platt auf die Matratze noch bügelt.

Keine Bescherung, keine Besuche, kein Gänsebraten
nur ab und zu
ein wenig Galle in den Kotzeimer gewürgt.

Es stürbe sich nicht schlecht so,
mit einem lauwarmen Kräutertee auf dem Tisch
und einem lauten Rachmaninow im Kopfhörer,
mählich in eigener Schwäche,
im Nichts versinkend.

Das wäre die Hoffnung.
Doch das ist die Furcht:

Dass die Angst dich zerreißt
mit schartigen Zähnen
vor der Zeit,

dass in Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarrt,
ehe du gehst,

und Schmerz dich anfällt, tage-
wochen- monatelang
beherrscht und
du ihn leben musst,
bevor du stirbst.


------------------------------------------------------
Erste Version:
(damit der Thread nachvollziehbar bleibt)


Es lebt sich nicht schlecht
mit einer kleinen Grippe zu Weihnachten,
wenn der wütende Kopfschmerz vergangen,
nur unglaubliche Schwäche
dich platt auf die Matratze noch bügelt.

Keine Bescherung, keine Besuche, kein Gänsebraten
nur ab und an
ein wenig Galle in den Kotzeimer gewürgt.

Es stürbe sich nicht schlecht so,
ein Tässchen lauwarmen Kräutertees auf dem Tisch
und einen starken Rachmaninow im Kopfhörer,
mählich in eigener Schwäche,
im Nichts versinken.

Das wäre die Hoffnung.
Doch das ist die Furcht:

Dass die Angst noch vor der Zeit
dich zerreißt mit schartigen Zähnen,

dass Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarrt, noch ehe
du gehst,

dass Schmerz dich anfällt, tage-
wochen- monatelang
beherrscht und
du ihn leben musst,
bevor du stirbst.

 

     Jolante



Weihnachtsgrippe

   05.01.2015, 17:45 / 1 x geändert



Hallo Nochsojemand,
dein Gedicht hat mich so angesprochen, dass ich der Versuchung nicht widerstehen konnte, es (für mich) noch besser les- und liebbar umzugestalten:

Weihnachtsgrippe

Es lebt sich nicht schlecht
mit einer kleinen Weihnachtsgrippe,
wenn der wütende Kopfschmerz vorbei
und nur lähmende Schwäche
auf die Matratze dich bügelt.

Keine Bescherung, keine Besuche, kein Gänsebraten,
nur ab und zu ein wenig Galle
in den Kotzeimer gewürgt.

Es stürbe sich nicht schlecht
mit einer Tasse lauwarmem Kräutertee auf dem Tisch
und einem heißen Rachmaninow im Kopf.

Das wäre die Hoffnung.
Doch dies ist die Furcht:

Dass die Angst noch vor der Zeit
dich zerreißt mit schartigen Zähnen,

dass Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarren, noch ehe du gehst,

dass Schmerz dich anfällt,
tage-, wochen-, monatelang
du ihn leben musst,
bevor du im Nichts versinkst.
- - -

Betroffen, aber unverkrippt, grüßt Jolante

 

     Nochsojemand²



Weihnachtsgrippe

   07.01.2015, 21:41



Hallo Jolante,

es freut mich, dass das Gedicht dich angesprochen und ein Echo gefunden hat. Deine Version gab mir Gelegenheit, den Text noch einmal Wort für Wort zu überdenken.

Allerdings sehe ich mich nicht veranlasst, Deine Vorschläge anzunehmen. Sie scheinen mir lediglich geeignet, den Text flacher und spannungsärmer zu machen.

Beispielsweise die "Weihnachtsgrippe" zu wiederholen - als wäre das ein feststehender Begriff. Die "Grippe zu Weihnachten" hingegen löst den kleinen Wortwitz zwischen "Grippe" und, im Weihnachtskontext, die automatisch mitgedachte "Krippe" auf, ohne ihn - so hoffe ich - überzustrapazieren. Der Kopfschmerz ist "vergangen"; allenfalls "gegangen" ginge eventuell noch, und er ist damit zwar auch vorbei, aber vergangen und vorbei sind doch schon zweierlei. Vorbei ist auch knapp daneben, aber nie vergangen.

Es muss auch "ab und an" heißen und nicht "ab und zu", weil das leicht archaisierende ein notwendiges Gewürz dieses Textes ist. Auch das Tässchen mit dem lauwarmen Inhalt muss ein Tässchen sein, um zum doch eher wuchtigen, vielleicht pathetischen, auf jeden Fall ganz und gar nicht heißen Rachmaninow zu kontrastieren. Und den hat das lyr. Ich nicht im Kopf, sondern gibt sich ihm bzw. seiner Musik per Kopfhörer hin.

Und natürlich erscheint dem lyrischen Ich die Schwäche unglaublich und nicht einfach nur lähmend. Unglaublich, dass es derart umgenietet wurde. Dass die Schwäche lähmend ist, erscheint da lediglich tautologisch.

Und so weiter; auch zu meinen Umbrüchen stehe ich.

Unsicher war und bin ich im Bezug auf die fehlerhafte Form "Einsamkeit und Kälte ... erstarrt". Möglich wäre evtl. "in Einsamkeit und Kälte erstarrt", aber: Vorher zerreißt die Angst, dann macht die Kälte das Herz erstarren und sodann erfolgt der Anfall der Angst. Diese Übel erscheinen somit als aktive, und das soll so sein.

Am Schluss wird natürlich im Klartext gestorben und nicht euphemistisch im Nichts versunken, das hatten wir doch bereits bei der soften Wunsch-Version.

In diesem Vers sehe ich auch noch eine Problemstelle, da dieses aktive "den Schmerz leben müssen" mir ein bisschen nach solchem eso-meditativem Psycho-Grenzänger-Yoga-Sprech klingt, was ich überhaupt nicht haben will. Es ginge, in dieser Hinsicht neutraler, eventuell "durchleben", was mir dann aber wieder schwächer erschiene. Wir durchlebten ein paar schöne Weihnachtstfeiertage und so - geht gar nicht.

Grüße, Nochsojemand

 

     Jolante



Weihnachtsgrippe

   07.01.2015, 22:31 / 3 x geändert



Hallo Nochsojemand,
hättest du, was in Klammern stand, richtig gelesen oder gar verstanden, wäre es wahrscheinlich nicht zu dem Missverständnis gekommen, dass ich dir mit meiner Version (ausdrücklich meiner) einen Änderungsvorschlag machen wollte. Es war meine Art, mich mit deinem Gedicht zu beschäftigen. Nicht mehr und nicht weniger. Es bleibt natürlich Dainz, wie es holpert und stolpert!

Jolante grüßt

 

     Gretchen Darloni



Nur kurz -

   08.01.2015, 07:23



Folgende Stelle ist prekär, da klemmt die Grammatik:
Zitat:
dass Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarrt
, noch ehe
du gehst
Korrekt könnte es wohl heißen:
Zitat:
dass Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarren lassen, noch ehe
du gehst
Ich meine, erstarren sei ein intransitives Verb (bzw. als ein Verbum des Zustandswechsels ein sogenanntes unakkusativisches Wort) und könne also den Akkustaiv nicht regieren. Aber kann sein, ich irre mich ... und
Zitat:
dass in Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarrt
wäre auf jeden Fall grammatikalisch richtig, aber (mir) doch eine Spur zu pathetisch (Floskelwarnung! Kitschalarm!).


Die folgenden Verse enthalten (mir [ist ja immer Geschmackssache, woll ...]) zu viel der würziglich archaisierenden Tümelei; vor allem der Genitiv kommt arg penetrant rüber:
Zitat:
Es stürbe sich nicht schlecht so,
ein Tässchen lauwarmen Kräutertees auf dem Tisch
und einen starken Rachmaninow im Kopfhörer,
mählich in eigener Schwäche,
im Nichts versinkend (?).
Manchmal ist ja weniger mehr: Ich zöge Jolantens (mir bündiger, wahrhaftiger, weniger in die eigene Verkünstelung verliebt, verstrickt erscheinende) entschlackte Version vor:
Zitat:
Es stürbe sich nicht schlecht
mit einer Tasse lauwarmem Kräutertee auf dem Tisch
und einem heißen Rachmaninow im Kopf.
Ob Rachmaninow nun IN WIRKLICHKEIT stark oder heiß oder sonstnochwie ist - wäre dies mein Text, so wählte ich ohne zu zögern hier das Adjektiv heiß und machte aus dem Kopfhörer einen Kopf, weil sich damit eine Anspielung auf den "heißen Kopf" ergäbe, den man bei Grippe hat: poetischer Mehrwert. Auch bemühte ich nicht ein zweites mal die Schwäche, der Leser hat ein paar Verse vorher bereits von ihr gehört; und sie gar als eigene noch extra zu attribuieren, scheint mir redundant, denn von wessen Schwäche sollte hier denn die Rede sein, wenn nicht von der "eigenen"!?


Im letzten Teil würde ich der syntaktischen Geschmeidigkeit zuliebe und auch, um das Geschehen zu pointieren, das dich wiederholen, so:
Zitat:
dass Schmerz dich anfällt, tage-
wochen- monatelang
dich beherrscht und
du ihn leben musst
oder so:
Zitat:
dass Schmerz dich anfällt, dich tage-
wochen- monatelang
beherrscht und
du ihn leben musst
oder gleich a la Jolante unverschnörkelter zugreifen:
Zitat:
dass Schmerz dich anfällt,
tage-, wochen-, monatelang
du ihn leben musst


Btw., hier in foro steht noch ne andere, mittlerweile ganz schön
alt gewordene -> Weihnachtsgrippe rum.
MfG, Gretchen -> zum armen Wort

 

     Nochsojemand²



Re: Nur kurz -

   09.01.2015, 16:42



Hallo Jolante,

so missverstanden solltest Du dich da nicht fühlen - Deine Art, Dich mit dem Gedicht zu beschäftigen, war völlig in Ordnung, zumal in einem Literaturforum; sie ermöglicht dem Autor einen neuen Blick auf seinen Text, woran ihm gelegen sein sollte.

Hallo Gretchen Darloni,

bezüglich des intransitiven Verbs "erstarren" irrst Du keinesfalls. Und inzwischen sehe ich, dass dieser Regelverstoß hier keinen lyrischen Mehrwert hervorbringt. Wenn ich auch das "in ... erstarrt" nicht haben will, wäre wohl ein anderes Verb wie

"dass Einsamkeit und Kälte
dein Herz lähmt, noch ehe
du gehst"

eine bessere Wahl.

Vielleicht lasse ich zum Kräutertee den starken Rachmaninow einfach nur hören, egal wie und womit, und die "eigene Schwäche" sollte dann zumindest ohne Adjektiv auskommen. Evtl. sollte dann auch das Wort "Schwäche" insgesamt nur einmal erscheinen, muss ich mal sehen.

Ob es aber "versinken" oder "versinkend" heißen sollte, ist für mich noch nicht ausgemacht. "im Nichts zu versinken" wäre vielleicht ebenfalls weniger prätentiös.

Mit dem Schmerz hadere ich noch ein wenig - erstaunlicherweise scheint Euch das "etwas leben", "den Schmerz leben" gar nicht zu stören.

Und noch: Die andere Weihnachtsgrippe im Forum ist klasse! Scheint gar kein so weit hergeholter Gedanke zu sein, das mit der {G,K}rippe!

Dank für Eure Beiträge. Werde das ein paar Tage ablagern und dann evtl. eine neue Version bringen.

Grüße, Nochsojemand

 

     Jolante



Nur kurz -

   09.01.2015, 16:57



..., dass Einsamkeit und Kälte
dein Herz lähmen (statt lähmt)
...
wäre grammatikalisch korrekt.

Gruß Jolante

 

     Nochsojemand²



Nur kurz - und neue Version

   10.01.2015, 20:03



Ja, Schlamperei, das!

Aber nun - hoffentlich unverschlampt - meine aktuelle Version. Als letzten Schritt habe ich die Kommas weggeputzt, gefällt mir besser.

Grüße, Nochsojemand

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Weihnachtsgrippe

Es lebt sich nicht schlecht
mit einer kleinen Grippe zu Weihnachten
wenn der wütende Kopfschmerz vergangen
nur unglaubliche Schwäche
dich platt auf die Matratze noch bügelt.

Keine Bescherung keine Besuche kein Gänsebraten
nur ab und zu ein wenig Galle
in den Kotzeimer gewürgt.

Es stürbe sich nicht schlecht so
eine Tasse lauwarmen Kräutertees auf dem Tisch
einem starken Rachmaninow lauschend
allmählich in Schwäche
im Nichts versinkend.

Das wäre die Hoffnung.
Doch das ist die Furcht:

Dass die Angst noch vor der Zeit
dich zerreißt mit schartigen Zähnen

dass in Einsamkeit und Kälte
dein Herz erstarrt noch ehe
du gehst

dass Schmerz dich anfällt
tage- wochen- monatelang
beherrscht und
du ihn leben musst bevor
du stirbst.

 

     Willimox



Griebe?

   17.01.2015, 13:34 / 7 x geändert



Wo steckt die Kommentierung des Literaturaf(f)icionados und temporären Dreschflegels Griebe? Um 13.00 war sie noch da. Ein Abwatsch für Nochsojemand, ein Streicheldiewange für Jolante und für Gretchen ein Handrückenkuss.

Hat er sie gar selbst gelöscht? In einem mehr oder weniger klaren Moment?



Wenn ja, möge der Herr ihn auf den Pfaden zivilisatorischer Regungen fürderhin und weiter führen.

IHN (GRIEBE) gänzlich vor weiterem Straucheln, was sag ich, gotterbärmlichem Pardauzen zu bewahren, bleibet wohl ganz sicherlich ein frommer, weil moralisch berechtigter Wunsch (an Elise).

Unnötig zu sagen, aber dennoch gesagt: Der fromme Wunsch meint hier nicht, landläufig, einen irrealen Wunsch, wenngleich die hohe Frequenz Griebescher Ausfälle diese Deutung natürlich zulässt, nein, hier geht es um ein diamantenklares, herzenstiefes Desiderat klassisch-humaner und christlich-abendländischer Provenienz.

Willi Wamser

 

     Nochsojemand²



Griebe? - nschmalz??

   17.01.2015, 14:18 / 1 x geändert



Schnell schreiben sich die Wörter hin
doch dunkel bleibt der Rede Sinn.

 

     Elise



pas de lucidité

   17.01.2015, 16:08



@Willimox

Hans-Joachim Griebes Kommentar wurde
von den hauseigenen Reinigungskräften entfernt.

Wünschen wir weiter!

Elise

 

     Nochsojemand²



Letzte Grippe

   21.01.2015, 11:39



Hallo Literatrufreunde,

nachdem der Thread in anderer Sache noch einmal hoch geholt worden ist, möchte ich Euch auch meine derzeit letzte Version präsentieren, sie steht jetzt am Anfang des Startbeitrages.

Wie ihr sehen könnt, haben mich einige Vorschläge, es schlichter zu machen, überzeugt, auch wurden "noch" einige überflüssige Füllwörtchen gestrichen.

Auf den Kopfhörer hingegen konnte ich gar nicht verzichten, denn wer würde unserem Maladen noch Teechen bringen, wenn er durch die süßer nie jingelnden Weihnachtsgeräusche mit seiner vielleicht gar nicht mal weniger pastos-gefühligen Musik dazwischen donnert?

In diesem Sinne,

Nochsojemand

 

Weihnachtsgrippe




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