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     toltec-head



Literarische Salons und Foren

   20.12.2014, 11:33 / 1 x geändert



Zitat:
Florian Kessler freut sich in der SZ, dass immer mehr Autoren bloggen - zwar nicht in eigenen Blogs, aber in Verlagsblogs oder im Freitext-Blog von ZeitOnline. Hier erblüht für Kessler eine neue "Salonkultur", die Rückschlüsse auf den Funktionswandel von Verlagen und Autoren zulässt: "Die Salonkultur der neuen Blogs ist öffentliche Bewusstmachung der Köpfe und Ideen der Verlagskultur" und die Autoren "dokumentieren im Rahmen der Salonkultur der neuen Blogs ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Liga der unverkennbaren Köpfe und Ideen." Dass die Verlage heute ihre liebe Not haben, "Midlist"-Autoren zu lancieren, und diese wiederum auf Nebeneinkünfte angewiesen sind, verschweigt Kessler ebenfalls nicht. Neben Freitext stellt Kessler dabei auch das Logbuch Suhrkamp, den Ullstein'schen Resonanzboden und S. Fischers Hundertvierzehn vor.


http://www.perlentaucher.de/efeu/2014-12-17.html

Auf richtigen Literaturblogs schreiben richtige Schriftsteller, die folglich auch keine Nicks sondern ihre richtigen - bürgerlichen - Namen verwenden. Damit zeigen sie, dass sie einen Vater und eine Mutter haben und das Finanzamt ihnen Steuerbescheide zustellen kann. Oft schreiben sie ja auch in Romanform über ihren Vater oder ihre Mutter oder den Partner, mit dem sie - was man ja auch nicht unter einem Nick tut - eine Beziehung eingegangen sind; bei "Midlist"-Autoren interessiert sich das Finanzamt nur leider in den wenigsten Fällen dafür. Trotzdem scheint es so, dass nur richtige Namen, die auf reales Erficktsein hindeuten, und nicht die vom Sirius reputationsfähig sind. Reputation erlangt man nicht dadurch, dass man schon durch die Verwendung eines bloßen Nicks zu erkennen gibt, dass es einem mit dem Schreiben nicht ganz ernst ist. Das Produzieren von Literatur ist schließlich heutzutage eine nicht weniger ernsthafte Angelegenheit als das Produzieren von Würstchen (was aber nicht ausschließt, dass in den Pausen auch mal geklönt werden darf).

Kein richtiger Schriftsteller begibt sich in ein Literaturforum, wo jeder mal mal abspritzen darf, sondern es gilt das sogenannte Salon-Prinzip, man trifft sich unter Erwählten. Die Bezeichnung Salon-Prinzip ist gleichwohl nicht ganz richtig, da ja immerhin jeder, der potentieller Käufer ist, mitlesen und in der Regel auch kommentieren darf - also alle. In einem richtigen Salon wie dem der Madame de Staël waren die Leute sich selbst genug. Das ist aber nicht der Fall unserer richtigen Schriftsteller. Es wäre witzig zu beobachten, was geschähe, wenn man unsere richtigen Schriftsteller in einen richtigen Salon ohne Publikum einsperrte. Nach einer Weile würden sie sich wahrscheinlich nicht einmal selbst zerfleischen, sondern es geschähe sehr schnell - gar nichts mehr. Vielleicht fingen auch sie mit Yoga an. Die Madame de Staël unserer richtigen Schriftsteller ist schließlich die Frau oder der Herr, in aller Regel aber die Frau, Konsument.

Aus denselben Gründen ist es auch nicht richtig, von den Salons der richtigen Schriftsteller als von gated communities zu sprechen. Menschen in gated communities wollen nämlich gerade das nicht: beobachtet werden. Die sogenannten literarischen Salons gleichen vielmehr gotischen Kirchenchören zu einer Zeit als die Lettner, die dem Laienvolk den Blick versperrten, bereits abgeschafft waren. An sich ist klar, dass jetzt alles auf Mitmach-Gottesdienste à la Käsmann und "jeder sein eigener Priester" hinausläuft, aber ein paar Verrückte spielen halt gern noch mit dem Rücken zum Publikum tridentinische Messe.

Klickzahlen behält man römisch-katholisch besser für sich, wenn es aber nicht gerade um das Heiligste geht, zeigt man in den Salons schon gern richtig face und nicht etwa einen bloßen Avatar. Auch hier gilt: Nur ein richtiges face und kein bloßer Avatar erscheint reputationsfähig. Schließlich wollen die Leute ja sehen, ob ein Schriftsteller bzw. eine Schriftstellerin fickbar ist. Witz. Mit Fickbarkeit haben die faces der richtigen Schriftsteller in den seltensten Fällen zu tun. Obwohl es ja aber wahr ist, dass ein besonders schniecker Priester bei den paar alten Weiblein, die heutzutage noch in Kirchen gehen, auch besonders gut punkten kann und man ein freches Fräulein, wenn man es schon nicht flachlegen kann, als Ersatz dann eben liest. In den allermeisten Fällen wird mit dem richtigen face aber nur zum Ausdruck gebracht, dass es einem ernst ist. Was aber wichtig ist, denn Literatur ist ja eine ernste Angelegenheit.

Andererseits darf auf Pics aber doch auch gezeigt werden, wie richtige Schriftsteller untereinander schon einmal klönen, wenn sie sich real auf Buchmessen, Kongressen oder Lesungen treffen. Man kennt vergleichbare Pics auch von Literaturforen wie DSFO oder kV, allerdings mit einem bedeutenden Unterschied. Während bei den Foren auffällig ist, dass den Leuten, die sich real getroffen haben, schnell die Lust am Publizieren zu vergehen scheint, publizieren die richtigen Schriftsteller, obwohl sie sich ständig untereinander treffen, trotzdem munter weiter. Haben sie doch den Trick raus, sich ihre Madame de Staël, den Konsumenten, wie die Troubadour-Sänger ihre große Liebe persönlich fern zu halten, auf welche Weise verlorene Illusionen sich nicht einstellen und das Spiel ewig weiter gehen kann.

Ganz wichtig: in den literarischen Salons der richtigen Schriftsteller gibt es keine Trolle. Schriftsteller sein ist schließlich eine ernste Angelegenheit; alle wissen dies und respektieren es auch.

http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzei...le-Seidentapete

 

     Nochsojemand



Literarische Salons und Foren

   28.12.2014, 13:24



Ein verdienstvoller Hinweis.

Von mir aus darf ein solcher ruhig etwas aufgepimpt daherkommen, gerade wenn er diesen oder jenen kleineren Gedanken zu Literatur, ihrer Darstellung im Netz etc. enthält. Aber wozu dieser überreichliche Gebrauch von "fickbar" und "abspritzen"?

 

Literarische Salons und Foren




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