zu.gestellt · gregor libkowsky · Liebe

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     gregor libkowsky



zu.gestellt

   22.11.2014, 12:33



1
wenn du schläfst
werfe ich briefe
kein absender
aber deine schrift

so kannst du
mich lesen

2
eines morgens
klopfe ich an deine tür
und bringe den
verschwiegenen brief

3
ich weiß
der blaue vogel
trägt deine ungeschrieben
in mein nest

das wort braucht wärme

4
dieser brief ist nicht zu halten
auf dem flug zu dir
wird er leichter
über den bergen

doch vielleicht bist du meer

 

     Nochsojemand



zu.gestellt

   22.11.2014, 16:13



Verschwiegene Briefe in der Schrift des Empfängers, ungeschriebene Briefe, und der Adressat ist vielleicht auch etwas ganz anderes, das große weite Meer - mir gefällt das. Auch wenn ich nicht weiß, was es bedeutet, und nicht einmal, ob es bedeuten will.

Mir ist dazu eingefallen: "Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken", Kafka-Brief an Milena.

Jedenfalls - für mich - ein Text, in den ich eine ganze Menge hineinträumen, hineinlegen, hineinassozieren kann, aber auch einer, der sich gar zu spröde gibt. Vielleicht verarscht er mich bloß? Macht teuer aussehende, aber billige Versprechungen? Stellt mir letztlich nicht einen Brief, sondern die Sicht zu? Mir gefällt das nicht.

Grüße, Nochsojemand

 

     gregor libkowsky²



zu.gestellt

   22.11.2014, 16:29 / 1 x geändert



Danke für das schöne Kafka-Zitat. Sehr anregend.
Zitat:
Mir ist dazu eingefallen: "Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken", Kafka-Brief an Milena.



Grüße von Libkowsky

 

     Jolante



zu.gestellt

   25.11.2014, 17:59 / 3 x geändert



Wenn ich versuche, das Gedicht zu deuten, bewege ich mich auf dünnem Eis. Es schwankt zwischen Verbergen und Enthüllen, wie viele gute Gedichte, aber was seine Stärke ausmacht, scheint gleichzeitig seine Schwäche zu sein. Warum? Weil es m.E. zu viel Raum lässt für Deutungstümelei, der ich allerdings nicht widerstehen kann. - Beim ersten Lesen mutmaßte ich, es handele sich um die gestörte Kommunikation zweier Menschen, die sich einmal sehr nahe waren und jetzt nicht mehr die Worte finden, um Trennendes zu überwinden. Das lyrische Ich versucht eine briefliche Annäherung ohne Absender, aber in der Schrift des DU`s, "so kannst du mich lesen" Damit endet die erste Strophe. Sie beginnt mit "wenn du schläfst/werfe ich briefe". Ich stelle mir vor, dass damit entwerfen gemeint sein könnte, vielleicht aber auch werfen im Sinne von einem Wurf Briefe, die aus dem Ich geradezu herausgeschleudert werden, während das DU schläft, vielleicht sogar im Zimmer nebenan. Denn in der zweiten Strophe klopft der Absender an dessen Tür und bringt den "verschwiegenen" Brief. - Rätselhaft - Verschweigt der Brief etwas oder wird er wem verschwiegen? Und nun die dritte Strophe, die mir besonders gut gefällt: "ich weiß/der blaue vogel/trägt deine ungeschrieben/in mein nest//das wort braucht wärme. Das Ich weiß also, dass es keine verbindliche Antwort zu erwarten hat, dass es ein kaltes Wort ist, das ihm der blaue Vogel ungeschrieben zum Wärmen in sein Nest legt. So könnte es vielleicht sein, aber auch ganz anders. - Hm, ganz schön verzwickt. -
Und nun die letzte Strophe: "dieser brief ist nicht zu halten/auf dem flug zu dir/wird er leichter über den bergen// doch vielleicht bist du meer". Berge kann man überwinden. In schwindelnder Höhe wird die Last der Worte leichter. Aber es kann auch mehr notwendig sein als das Überfliegen eines Gipfels, nämlich dann, wenn dieses "mehr", der Weg zum DU, gar ein Meer ist: weit, tief, unersättlich.
Beim zweiten Lesen denke ich eher an eine heimliche, verschwiegene Liebe, die keine Erfüllung findet, keine Erfüllung finden darf. Die Strophen sind fortlaufend nummeriert. Es könnte sich um Botschaften an ein DU handeln, die sich das lyrische Ich in seiner Fantasie ausmalt. - Es könnte, es könnte, es könnnte...
Um meine kleine unprofessionelle Betrachtung in dem Sinne abzuschließen, wie ich sie begonnen habe: Es könnte zum Beispiel sein, dass ich nichts Wesentliches aus dem Gedicht heraus-, aber auch nichts Wesentliches in es hineingelesen habe. - Na immerhin, ich happs versucht.

Es grüßt Jolante

 

     Willimox



zu.gestellt

   25.11.2014, 18:05 / 1 x geändert





Thunderbird, ein mozilla-zustelldienst....

 

     Gerd



zu.gestellt

   29.11.2014, 12:34 / 3 x geändert



"Here lies One Whose Name was writ in Water."
Dies las ich vor einigen Jahren auf einem Grabstein in der ewigen Stadt und ich stelle mir vor, jener, der dort ruht, hätte diese Zeilen für seine Fanny geschrieben.

Nun, ich weiß, dem ist nicht so und sicher wird in diesen Zeilen auch ein anderes Gegenüber bedacht, doch springt mich der Gedanke geradezu an. Jolante hat schon so viel gesagt, dem ich beipflichten kann. Wie dem auch sei, was nehme ich ungeachtet dessen wahr:

Ein Liebesbrief und Liebesgeständnis, mit welchem sich das ICH nicht gerade leicht tut, doch sich am Ende überwindet und leicht wird - mit einer Mischung aus Bangen und Hoffen, wie dies aufgenommen wird und ob das DU seine Gefühle erwiedert.

Weitere Ansätze mit tieferem Textbezug:

Der Titel "zu.gestellt" weist in zwei differente Deutungsrichtungen. Zum einen das Zustellen einer Botschaft (Kommunikation), zum anderen das Verstellt sein - des Blicks, des Gefühls, des Raumes, der Verständigung. Die Schrift des DU hat womöglich mehr Chance auf Verstehen und Annahme der Botschaft, da dieses sich der Schrift des ICH verweigern mag, für dieses nicht offen - unempfänglich ist. Der Gegensatz von Bergen und Meer hat für mich weitere Aspekte. Das DU könnte Berg sein, unüberwindlich, uneinnehmbare natürliche Festung, doch hegt das ICH Zweifel, ob das DU nicht vielleicht Meer sei (also nicht Berg). Dem "meer" lässt sich im Verständnis auch "mehr" herauslesen - somit ein Bekenntis, das DU in seinem Sein noch nicht völlig erkannt zu haben. Ein ICH, das für mich in jeder Silbe nach Auslösung strebt und diese zu erreichen sucht. Doch wir haben einen blauen und keinen schwarzen Vogel, damit bleibt mir Hoffnung auf eine positive Auflösung, wenn es auch der Donnervogel sei, ist es nicht jener letzte, der uns alle davonträgt.

Liebe Grüße in grauen Novembertag

Gerd

 

     gregor libkowsky²



zu.gestellt

   30.11.2014, 17:28



Obwohl das Gedicht womöglich zu viel Raum für "Deutungstümelei" (Jolante) bietet und somit der Gefahr läuft vom Donnervogel in den Orcus der Beliebigkeit geworfen zu werden, geben ihm die differenzierten Kommentare vorläufigen Schutz. Dafür sei Euch im Namen des Gedichtes gedankt.

Grüße von Libkowsky

 

zu.gestellt




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