Aschermittwoch oder ein Lyrikseminar · PeHe · Metapoesie

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     PeHe



Aschermittwoch oder ein Lyrikseminar

   16.02.2014, 10:00



Wenn Gedichte sterben,
atmen sie nur noch aus.

Alles vergessen:
das Umschreiten der Flamme ...
den Höhenrausch ...
Kein Funken mehr
unter der Asche,
die Lungen von Feinstaub verschattet,
die Spiegel geblendet.

HERR! Noch ist’s nicht Zeit,
der Sommer ist noch klein,
doch die Autopsie hat schon begonnen.
Auf dem Seziertisch Mineralwasser
und geschnittenes Brot –
keine Aster, kein ersoffener Bierfahrer.
“Halte mich! Du, ich falle!
Ich bin im Nacken so müde ...“

Das ist doch wohl klar,
da darf man nicht anknüpfen.
Nur keinen Reim!
Nur keine trockene Kehle!
Nur kein Leuchten im Auge!
Selbst ein Zittern des Lides könnte schuldig machen.

Verse, die durch Jahrhunderte flogen –
jeder ein Paria jetzt, für uns unberührbar.
Wir wählen das Stroh und entsorgen das Korn.
Wir sind Individualisten,
wir sind eines Stils,
wir sind emsige Beamte des Wörterverknüpfens.
Wir erfinden das Rad neu – immer und immer
und immer wieder,
flechten Verse auf Ganzjahresreifen,
keiner davon
jemals gefahren,
doch alle schon
ohne Profil.

Entropie ringsum, das kriecht sich breit wie
Mehltau. Angenehm laues
Bad im Gemenge.
Nach unten
offene Dichterskala.
Noch nicht einmal Cover-Versionen
von römischen Brunnen oder blauen Klavieren.

Pssst!

Wenn einer liest –
brechen die anderen
den Blickkontakt ab.
Jeder schaut in den Schoß,
doch dort
wird weder gezeugt noch empfangen.
Kein Lachen. Kein Seufzen. Keine Träne herab.

Unsichere Rundgänge durch
sterile, dürre Wortgebilde.
Raschelnder Blindtext.

Vorsicht!

Nicht auf die Buchenstäbe treten!
Das Knacken könnte missdeutet werden.

Und immer wieder
kollektives, betretenes Schweigen –
leider auch diesmal
vergeblich vor dem Kreißsaal gewartet,
wieder fand keine Geburt statt.
Da kommt nichts zur Welt, das man lieben könnte.
(Richtig gehört, ich sagte: lieben.
Dieses peinliche gestrige Wort!)
Da blutet keine Nabelschnur,
da füllt sich keine Lunge,
da schreit nichts;
selbst die Nachgeburt bleibt aus.

Ihr habt ja recht!
Die Notwendigkeit neuen Lebens ergibt sich nicht.

Doch wenn ich meine Gedanken
freilasse, draußen
wo der Sommer lehnt und den Schwalben zusieht,
wo die Felder rauschen und zwischen den Wipfeln
man nur einen Hauch spürt.

Frage ich mich:
Was gibt es jenseits der Särge,
gefaltet aus Recyclingpapier
80 g/m2?

 

     Willimox



Aschermittwoch oder ein Lyrikseminar

   16.02.2014, 18:08



Wow!
Glaenzend und dabei - doch, doch - herzergreifend hell.
Respekt.

 

     Jolante



Aschermittwoch oder ein Lyrikseminar

   17.02.2014, 21:11



Dieses Stück Metapoesie habe ich ausgedruckt und zu meinen "Fundstücken" gelegt. Es kommt nicht oft vor, dass ich das tue. Überflüssig zu sagen, dass es mir sehr gefällt. Ich sag`s trotzdem.

Jolante grüßt

 

Aschermittwoch oder ein Lyrikseminar




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