Brief an eine Tote · Jolante · Briefe

1467 Aufrufe

Neue Beiträge   |  Forenliste   |  Registrierung   |   Archiv   |   a n m e l d e n

 

     Jolante



Brief an eine Tote

   25.01.2014, 14:34 / 1 x geändert



24. Januar 2014

Liebe Oma,
gestern hättest du, wärst du noch am Leben, deinen 130. Geburtstag gefeiert. Du warst 16 Jahre jung, als das 19. Jahrhundert beendet war und das Jahrhundert, in dem meine Eltern, meine Schwester und ich geboren wurden, seinen Anfang nahm. Wie oft habe ich mich gefragt, was du zu dem zweiten Jahrtausend sagen würdest, in dem ich nun schon vierzehn Jahre lebe und mich zunehmend fremder fühle.
Als ich zur Welt kam, warst du sechzig Jahre alt, also schon eine alte Frau. Fünf Kinder hast du in bitterer Armut großgezogen, die Schrecken zweier Weltkriege erlebt, den Mann früh verloren.
Ich habe dich zärtlich geliebt, denn für mich warst du ein Sinnbild für Güte und Geborgensein. Ich vermisse dich heute noch, so wie ich deine jüngste Tochter, meine Tante Paula vermisse. Aber gerade jetzt, Oma, wo ich mich intensiv an dich erinnern möchte, wird dein Bild seltsam unscharf. Ich sehe dich in deinem langen schwarzen Kleid, über dem eine grauweiß getupfte Kittelschürze hing, in deinem Korbsessel unter der Kuckucksuhr sitzen und lesen, zu Mittag das Tischgebet sprechen und später das Dankgebet. Wehe, es wäre jemand vom Tisch aufgestanden, ohne dieses Gebet mitzusprechen, du hättest ihn scharf zurechtgewiesen. Habe ich dich jemals in farbenfroher Kleidung gesehen? Ich glaube nicht, denn daran könnte ich mich wohl erinnern. Wenn ich im Winter in deinem ungeheizten Zimmer übernachtet habe, hast du die eisigen Laken mit einer Bettflasche vorgewärmt. Ich sehe dich in einem langen weißen Nachthemd, das graue Haar, das du als Knoten im Nacken trugst, für die Nacht zu einem dünnen Zopf geflochten, auf der Kommode ein Glas Wasser, in das du deine dritten Zähne legtest. Ein ritualisierter Vorgang, der mich immer ein wenig schaudern ließ. Vor dem Einschlafen hast du mich mit Weihwasser besprengt, was ich nicht so gerne mochte. Wenn ich mich nachts fürchtete, durfte ich zu dir ins Bett. Dort habe ich es aber nie lange ausgehalten, es war mir zu warm, zu weich und zu eng. Morgens in der Frühe, wenn ich noch weiterschlafen wollte, hast du schon aufrecht im Bett gesessen und den Rosenkranz gebetet. Das hat mich manchmal wahnsinnig gemacht, aber ich liebte dich trotzdem. Auf deiner Kommode stand immer eine blühende Zimmerpflanze, und in der Schublade lag eine Dose mit grünen gezuckerten Eukalyptusbonbons und eine Flasche Uralt-Lavendel. Von beidem durfte ich mich bedienen. Du hast mir beigebracht, wie man Puppenkleidchen näht, hast mit mir Mensch-ärgere-dich gespielt, mit mir und Tante Paula gesungen, und du hast mir Heiligenlegenden erzählt, in denen es oft blutig zuging. Ich weiß nicht mehr, was und wie wir miteinander gesprochen haben, das liegt alles hinter einem Schleier, der so grau ist, wie es deine Kleidung war. Oft hattest du Herzanfälle, dann durfte man dich nicht aufregen. Manchmal hast du mir deine Träume erzählt, die fast immer auf das Jenseits gerichtet waren. Das Bigotte an dir, das mochte ich nicht, doch habe ich nie aufgehört dich zu lieben, und dein Tod hat mir ein Stück Heimat aus der Seele gerissen.

Schade, dass ich so viel vergessen habe, aber d i c h vergessen, das werde ich nie. Jetzt bin ich selbst schon so alt, wie ich dich in Erinnerung habe. In der technologisch hochgerüsteten Gesellschaft, in der ich lebe, mischen sich ständig Realität und Virtualität, so dass ich manchmal glaube, von einer Welt zur anderen zu springen.

Den Glauben ans Jenseits habe ich auf meinem Lebensweg, der dir nicht immer gefallen hätte, längst verloren. Aber beten tue ich immer noch, manchmal abends vor dem Einschlafen. Und wer weiß, vielleicht gibt es ja Gott, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde. Wenn ich könnte, würde ich es gerne glauben. Dann gäbe es auch ein Wiedersehen mit Dir, meinen Eltern und allen meinen Lieben, die ich durch den Tod verloren habe. Das ist aber leider zu schön, um wahr zu sein, deshalb halte ich mich lieber an die Wirklichkeit. Sie ist unwirklich genug.

Es umarmt dich in Gedanken
dein Mariachen

 

     augustine



Brief an eine Tote

   25.01.2014, 19:08



Das gefällt mir sehr, Jolante: ein Brief an eine Großmutter, die zwar bigott war, die du aber geliebt hast. Die Erkenntnis des Bigotten an der Schwarzgekleideten ist eine, die du erst als Erwachsene haben konntest, geliebt aber hast du sie als Kind und hast diese Liebe, die dir ein Stück Heimat war, hinübergerettet ins Erwachsensein, und sie ist von der Erkenntnis nicht ausgelöscht worden. Das gefällt mir sehr, weil solche Erinnerung inneren Ausgleich und Maß zeigt.
Deine Erinnerung hat vielleicht das Vertrauteste aufbewahrt, das Schlafen bei der Großmutter im Zimmer und sogar im Bett. Und einige Einzelheiten, die sich oft wiederholt haben müssen. Das ist doch viel.

Du weißt ja, dass ich meine Familiengeschichte aufgeschrieben habe, hast sie sogar gelesen. Die fällt mir natürlich bei deiner ein, weil sie gerade nicht Geborgenheit als eine Summe der Erinnerung enthält. Aber das Aufschreiben hat mir zur Distanz verholfen.

Aus manchen deiner Kommentare glaube ich herauszuhören, dass du noch mehr solche oder ähnliche Briefe schreiben könntest. Tu's doch.

Liebe Grüße, deine augustine

 

Brief an eine Tote




  SYNEKDOCHE.DE
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Impressum

  Online

  Aktuelle Themen

Meinung

Basissatz: Inhalt oder Gehalt?

Kurzreferat zu Friedrich Nagelmann

2zeilenTiere + Konsorten

Amiland

tasmanischen Silberbäumen lauschen

Glühender Sand

Das leere Schlachtfeld

Hoher Geburtstag

Antifeudale Lyrik im Stile Bürgers?

Klug geschissen

Schnapsidee

Nicht

Denk ich an Deutschland...

Kitsch als legitiemer Begriff in der

Der Ablaut und Ablautsystem

Hilfe! Suche...

Fiktionale vs. faktuale Erzählung

was wir geben (so nett, en passant)

Was ich nie wieder fand