aus.atmen · gregor libkowsky · bis 16 Zeilen

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     gregor libkowsky



aus.atmen

   03.01.2014, 18:32



ihre narbigen monde
flüstern
gelbe geschichten

und ihr atem
rudert
noch schwer

ich falte ein segel
für die mausgrauen
meere

bleib im boot
ohne steuer
bis zum morgen bei ihr

 

     Gretchen Darloni



leben? sterben?

   12.01.2014, 20:38



der text lenkt mich so, dass ich nicht umhin kann, hier an einen sterbeprozess zu denken: das sprechende subjekt begleitet eine frau, die sehr alt und/oder schwer krank ist, womöglich im sterben liegt, durch die nacht; sitzt bei ihr, hält mit ihr aus in einer situation, die hoffnungslos scheint: so hoffnungslos und verloren wie ein boot ohne steuer.

je drei verszeilen bilden zusammen ein "sinneinheitenpäckchen" ("strophe" scheint mir hier nicht der passende begriff): die beiden ersten sind der frau gewidmet, von der erzählt wird, beschreiben ihren zustand, ihre befindlichkeit, bieten einen aufriss der situation, in die der text den leser hineinführt; im dritten und vierten sinneinheitenpäckchen erfährt die leserin etwas über den sprecher (könnte auch eine sprecherIN sein, das lässt sich aus dem text nicht eindeutig ableiten), der aktiv in das geschehen eingreift, indem er "ein segel für die mausgrauen meere" faltet. zwar habe ich keine phantasie dazu, für welche konkrete handlung dieses ungewöhnliche bild stehen mag, doch ist (mir) ganz klar, dass es ein hilfreich gemeintes tun sein muss.

was ich genial finde: das "rudern" des atems (im verspaket no.2); ein bild, mit dem der zustand der frau charakterisiert wird - und dann wird dieses bildfeld "boot/wasser" aufgegriffen und ausgebaut in den verspaketen no.3 und no.4, wo es darum geht, was der sprecher für die frau tut. das ist eine imho sehr gelungene verknüpfung.

ach, und eben jetzt, da ich diese gedankensplitter notiere, bemerke ich, dass der text offen bleibt, will sagen: im letzten vers wird es "morgen" und das könnte bedeuten, dass die nächtliche krise überstanden ist, dass "ihr atem", der in verspaket no.2 "noch schwer" rudert, nun eben nicht mehr schwer geht, sondern ganz selbstverständlich vital fließt. oder aber: die atembewegung ist zum stillstand gekommen, der atem fließt nicht mehr; die sterbende hat alle irdische mühsal losgelassen, hat sich befreit vom "schweren rudern". die "mausgrauen meere" entsprächen dann dem fluss, den die gestorbenen überqueren auf ihrem weg in die unterwelt: styx.

(auch der titel kann in beiderlei richtungen, leben >-< sterben, interpretiert werden - oder?)

wofür die "narbigen monde" mit ihren "gelbe(n) geschichten" konkret stehen, vermag ich nicht zu deuten; die metapher wirkt hermetisch auf mich, sehr suggestiv und eindrücklich, berührend; eindringlich auch das "flüstern" dieser monde. hat jemand eine idee dazu? magst du, kommandant, etwas erläutern? (mond -> mund ... eine phonetisch induzierte assoziation ...)
gretchengrüße -> Tranströmer



und was diese ewiggestrige, trübfunzlig öde, läppische, schwachzüngige griebe'sche ignoranz und impotenz angeht: --- ach, lass, egal ...

 

aus.atmen




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