augustine



"Nachts" von Eduard Mörike

   03.01.2014, 21:22



Du bist gerade hier, sascha.
Ich will dir etwas schreiben zu dem Mörike-Gedicht, aber heute geht's noch nicht.
Gruß augustine

 

     Gretchen Darloni



"Nachts" von Eduard Mörike

   04.01.2014, 14:44



Um auf Deine Frage, sascha, zu reagieren, hier rasch notiert einige Beobachtungen zum Gedicht - unvollständig zwar und fragmentarisch, doch als Anregung für eigenes Weiterforschen und Nachdenken vllt. brauchbar.
Gretchen grüßt -> Carpe!

Nachts (Eduard Mörike)

Horch! auf der Erde feuchtem Grund gelegen,
Arbeitet schwer die Nacht der Daemmerung entgegen,
Indessen dort, in blauer Luft gezogen,
Die Faeden leicht, unhoerbar fliessen
Und hin und wieder mit gestaehltem Bogen
Die lustgen Sterne goldne Pfeile schiessen.

Im Erdenschoss, im Hain und auf der Flur,
Wie wuehlt es jetzo rings in der Natur
Von nimmersatter Kraefte Gaerung!
Und welche Ruhe doch und welch ein Wohlbedacht!
Mir aber in geheimer Brust erwacht
Ein peinlich Widerspiel von Fuelle und Entbehrung
Vor diesem Bild, so schweigend und so gross.
Mein Herz, wie gerne machtest du dich los!
Du schwankendes, dem jeder Halt gebricht,
Willst, kaum entflohn, zurueck zu deinesgleichen.
Traegst du der Schoenheit Goetterstille nicht,
So beuge dich! denn hier ist kein Entweichen.


Die metrische Gestalt des Textes (X-betonte Silbe, x-unbetont, Kadenzen männlich/weiblich, Reimpaare):

01 - XxxXxXxXxXx w a
02 - XxxXxXxXxXxXx w a
03 - xXxXxXxXxXx w b
04 - xXxXxXxXx w c
05 - xXxXxXxXxXx w b
06 - xXxXxXxXxXx w c

07 - xXxXxXxXxX m d
08 - xXxXxXxXxX m d
09 - xXxXxXxXx w e
10 - xXxXxXxXxXxX m f
11 - XxxXxXxXxX m f
12 - xXxXxXxXxXxXx w e
13 - xXxXxXxXxX m g
14 - xXxXxXxXxX m g
15 - xXxXxXxXxX m h
16 - xXxXxXxXxXx w i
17 - xXxXxXxXxX m h
18 - xXxXxXxXxXx w i


Das Versmaß ist grundsätzlich jambisch, wobei fünfhebig jambische Verse überwiegen; zwei Verse sind vierhebig (V04, V09), zwei sind sechshebig (V10, V12).

Es gibt drei Verse, die daktylisch-trochäisch aufgebaut sind, also vom jambischen Versmaß abweichen, und zwar sind dies: V01, V02, V11. Diese drei Verse spielen eine besondere Rolle im Gedicht und werden deshalb metrisch hervorgehoben.

V01 und V02 unterstreichen durch ihr spezielles Maß die schwere Arbeit, um die es in diesen beiden Zeilen und überhaupt in dem Gedicht geht, und verlebendigen so auch die Personifikation der auf der Erde liegenden, kämpfenden Nacht, von der das Gedicht ja als erstes spricht (siehe unten), machen sie metrisch fühlbar und laden das Bild emotional auf.

In V11 geschieht etwas ganz Besonderes und Wichtiges: Hier benennt sich der (in den vorhergehenden Versen verborgen gebliebene) Sprecher des Textes, gibt sich dem Leser zu erkennen mit seiner Not, mit dem Widerstreit in seiner Brust. Das bedeutet auch, dass hier eine weitere Antithese aufgebaut wird (siehe unten) - oder vielmehr, dass die in den Versen davor auf Himmel und Erde bezogene Antithese und Spannung und Widersprüchlichkeit nun in die Psyche oder Seele des Menschen hinein verlagert wird.

---

Antithese:
Vers 01 - 06 sind antithetisch gestaltet. Es geht um den Gegensatz zwischen Erde und Himmel, oben und unten, Schwere und Leichtigkeit, Irdischem und göttlicher Ewigkeit.

Der Einstieg (Apostroph/Imperativ: Horch!) fesselt sofort die Aufmerksamkeit des Lesers. Die lebendige Personifikation der auf der Erde feuchtem Grund liegenden, gegen die Dämmerung arbeitenden Nacht eröffnet den Spannungsbogen mit dem Thema der Schwere, der Mühsal. Unterstützt wird dies auch durch die Laute/Vokale, die hier verwendet werden: Grund, feucht, Dämmerung - das dunkle "Uuu".

Im nur vierhebigen V04 nun kommt aber eine Gegenkraft ins Spiel, eine ganz andere Energie! Beachte auch hier die Phonetik des Gedichtes; i-Laute tauchen auf (-> fließen, schießen, hin). Das Himmlische, die ätherische Welt der Ewigkeit und Leichtigkeit, wo alle Erdenmühsal aufgehoben ist, wird ausgemalt. Die lustigen Sterne schießen das Licht der Ewigkeit in goldenen Pfeilen oder auch Sternschnuppen bis hinunter zur dunklen, feuchten, schweren Erde: dies eine schöne Metapher dafür, wie sich beide Weltenbereiche berühren können.

---

Wiederholung:
Vers 07, 08, 09, 10 schildern noch einmal in anderer Weise, gelassener und in der Form weniger emotional und dramatisch ausgeführt (ruhigeres Metrum, kein Apostroph/Imperativ) das, was in den Versen 01-06 schon geschildert wurde. V09 ist vierhebig, V10 sechshebig: die irdische Gärung, das umtriebige und nimmermüde Schaffen und Wirken der Kräfte ist in einen kurzen Vers gefasst, die wohlbedachte Ruhe, welche aus der himmlischen Welt herabstrahlt, ist in einen langen Vers gegossen.

Wiederholungen in der Wortwahl, Aufzählung, Epiphrase (V13) verstärken als rhetorische Mittel den Eindruck eines ruhigen Atems und großer Wichtigkeit: V10 Und welche Ruhe doch und welch ein Wohlbedacht! - und V13: Vor diesem Bild, so schweigend und so groß.

---

Auf eine Alliteration wäre noch hinzuweisen: Horch - Herz - Halt.
Was wird hier verknüpft, in Zusammenhang gebracht?
Gibt es eine Idee dazu?

---

Weiterhin könnte man für die Interpretation mit Kontextualisierungen arbeiten, das heißt: nachforschen, wann und/oder unter welchen Bedingungen das Gedicht entstanden ist, und auch nachforschen, welche Bedeutung das Bild der Nacht in anderen Gedichten Mörikes hat.

 

     augustine



"Nachts" von Eduard Mörike

   06.01.2014, 19:54 / 1 x geändert



Ich hatte eine Antwort auf die Anfrage angekündigt und auch angefangen, das Gedicht zu lesen.
Gretchen kam mir zuvor.
Jetzt bin ich froh, dass ich die eigentliche Arbeit noch nicht gemacht habe.
Denn anzufragen und NACH einer Antwort, die auch eigentlich kaum schnell notiert, vor allem aber mit Zeitaufwand geschrieben worden sein muss, den eigenen Text kommentarlos rauszunehmen, das finde ich sehr unfreundlich.

augustine

 

     Gretchen Darloni



"Nachts" von Eduard Mörike

   08.01.2014, 22:55



es war, augustine, aus dem stegreif geschrieben, hat zeit aber gekostet, ja, klar.
andererseits wuchs beim nachdenken und möglichst raschen, konzentrierten hinschreiben obiger antwort immer mehr meine begeisterung über die kunstreiche machart des gedichtes, dem ich ohne die anfrage hier wohl nie so nahe gekommen wäre; insofern habe ich nichts verloren und muss nichts bedauern noch mich ärgern.
gretchen grüßt -> gretchenfragen

 

"Nachts" von Eduard Mörike




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