Tanja



J. W. von Goethe: "Dauer im Wechsel"

   22.11.2013, 15:48 / 1 x geändert



Eine Anregung:

http://www.grin.com/de/e-book/264247/joh...-interpretation

Auszug:

[...]
2. Interpretation des Gedichtes

Die in Goethes Gedicht „Dauer im Wechsel“ dargestellten und behandelten Inhalte stellen für jedermann – so er sie denn annimmt – eine Herausforderung dar, sich mit dem Spiel zwischen der Dauer und dem Wechsel beziehungsweise mit dem Unvergänglichen und dem Vergänglichen des eigenen Daseins auseinanderzusetzen. Diesem temporalen Aspekt verleiht Goethe im vorliegenden Gedicht ganz besondere Aufmerksamkeit, was bereits in der ersten Strophe deutlich wird. Das lyrische Ich stellt hier die Vergänglichkeit des Lebens beziehungsweise das nicht festhaltbare Dasein in den Mittelpunkt. Es äußert verzweifelt und emotional den Wunsch, die Dinge auch nur „e i n e Stunde“ (1. Strophe, 2. Vers) festhalten zu können. Diese Verzweiflung wird dem Leser auf sprachlicher Ebene durch eine Interjektion vermittelt. Der Wechsel wird hier mit dem der Jahreszeiten (1. Strophe) verglichen, welche einem ewig währenden Kreislauf unterlegen sind. Auch stellt er diesen Wechsel gleich dem einer Pflanze – oder allgemeiner: gleich dem der Natur innerhalb eines Jahres dar: „Diese fangen an zu reifen, und die andern keimen schon“ (2. Strophe, 3. und 4. Vers). Diesem Wechsel bedeutet es tapfer zu folgen beziehungsweise – salopp gesagt – hinterherzukommen, was das lyrische Ich mit einer an den Leser gerichteten Interjektion: „Eilig nimm dein Teil davon!“ (2. Strophe, 2. Vers) verdeutlicht. Um die Dringlichkeit des notwendig schnellen Handelns eines jeden Individuums besser ausdrücken zu können, wird diese Anweisung an den Leser mittels eines Imperativs verstärkt. Es ist wie ein ungehaltener, euphorischer – aber gut gemeinter – Befehl an den Rest der Menschheit, den Moment und das Jetzt voll auszuleben und zu genießen und sich nicht die „Früchte“ (2. Strophe, 1. Vers) des Lebens nehmen zu lassen.
Durch die zahlreichen Enjambements wird die Ungehaltenheit des lyrischen Ichs und die Dringlichkeit dieser Erkenntnis für den Leser verdeutlicht, da wir so mitbekommen, wie die Verse ohne größere Pausen ineinander fließen – ja, sich regelrecht jagen, was wiederum den zeitlichen Aspekt und die Euphorie des lyrischen Ichs ins Zentrum rückt. Außerdem wird dem Leser auch eine gewisse sichere Endgültigkeit des vergänglichen Lebens aufgezeigt: „Ach, und in demselben Flusse schwimmst du nicht zum zweitenmal.“ (2. Strophe, 7. und 8. Vers). Diese vom lyrischen Ich so melancholisch („Ach, […]“) ausgedrückte Wahrheit soll dem Leser vermitteln, dass er jeden Augenblick nutzen und lieben soll, da jeder Atemzug, jeder Moment im Leben ein Unikat ist und immer eines bleiben wird – auch wenn diese Erkenntnis nur schwer zu ertragen ist.
In der ersten Strophe legt das lyrische Ich in seiner Rede eine gewisse Sinnlosigkeit und etwaige Zweifel bezüglich des carpe diem-Mottos und des Genießens jeden Augenblicks an den Tag („Soll ich mich des Grünen freuen, dem ich Schatten erst verdankt?“; 1. Strophe, 5. und 6. Vers), was durch eine rhetorische Frage unterstrichen wird. Diese Zweifel beziehen sich möglicherweise auf die Frage, warum der Mensch sich denn überhaupt am Hier und Jetzt erfreuen soll, wenn dies doch sowieso im nächsten Moment der Vergangenheit angehören wird. Demnach bezweifelt das lyrische Ich hier, dass es sich lohnt, sich an der gerade andauernden Situation, die im nächsten Augenblick schon nicht mehr gegenwärtig und somit auch nicht mehr greifbar sein wird, zu erfreuen.
All diese Ungewissheit des lyrischen Ichs wird in der zweiten Strophe zu Gunsten einer ungehaltenen und starken Überzeugtheit hinsichtlich dessen, dass wir nur einmal leben und dieses Leben vollends ausnutzen sollen, eliminiert. Hier wird nämlich deutlich, dass jedem Menschen ein Teil der „Früchte“ („Eilig nimm dein Teil davon!“; 2. Strophe, 1. Vers) gehört und, dass man keine zweite Chance bekommt, sie sich zu eigen zu machen („[…] nicht zum zweitenmal.“; 2. Strophe, 8. Vers). Diese Erkenntnis des lyrischen Ichs sprudelt – gleich einem Wasserfall – geradeso aus ihm heraus, was durch das syntaktische Instrument der Enjambements bekräftigt wird.
Der Begriff des „Regengusses“ und der des „Flusses“ (2. Strophe, 5. und 7. Vers) steht für den ewigen Wandel und den immerwährenden Wechsel im Leben und des Lebens selbst. Gleichzeitig zeigen Worte wie „Regenguss“ und „Blütenregen“ die starke Naturverbundenheit des lyrischen Ichs. Diese Tatsache zieht sich durch das gesamte Gedicht hindurch.
Ab der 2. Strophe rückt das „Du“ in den Vordergrund. So lässt Goethe das Gedicht als einen persönlichen Appell oder Ratschlag für jeden einzelnen Leser und möglicherweise auch für das lyrische Ich selbst erscheinen. Dies wird sogleich am Anfang der dritten Strophe bekräftigt: „Du nun selbst!“. Das lyrische Ich stellt ab dieser Strophe nicht mehr die Natur in den Mittelpunkt, sondern setzt den Schwerpunkt auf das vom Menschen [...]

J. W. von Goethe: "Dauer im Wechsel"

Hielte diesen frühen Segen,

Ach, nur eine Stunde fest!

Aber vollen Blütenregen

Schüttelt schon der laue West.

Soll ich mich des Grünen freuen,

Dem ich Schatten erst verdankt?

Bald wird Sturm auch das zerstreuen,

Wenn es falb im Herbst geschwankt.



Willst du nach den Früchten greifen,

Eilig nimm dein Teil davon!

Diese fangen an zu reifen,

Und die andern keimen schon;

Gleich mit jedem Regengusse

Ändert sich dein holdes Tal,

Ach, und in demselben Flusse

Schwimmst du nicht zum Zweitenmal.



Du nun selbst! Was felsenfeste

Sich vor dir hervorgetan,

Mauern siehst du, siehst Paläste

Stets mit andern Augen an.

Weggeschwunden ist die Lippe,

Die im Kusse sonst genas,

Jener Fuß, der an der Klippe

Sich mit Gemsenfreche maß.



Jene Hand, die gern und milde

Sich bewegte, wohlzutun,

Das gegliederte Gebilde,

Alles ist ein andres nun.

Und was sich an jener Stelle

Nun mit deinem Namen nennt,

Kam herbei wie eine Welle,

Und so eilt's zum Element.



Laß den Anfang mit dem Ende

Sich in eins zusammenzieh'n!

Schneller als die Gegenstände

Selber dich vorüberflieh'n.

Danke, daß die Gunst der Musen

Unvergängliches verheißt:

Den Gehalt in deinem Busen

Und die Form in deinem Geist.

 

     Pega Mund



quelltext beigeben?

   22.11.2013, 16:03



es wär fein, Tanja, wenn du das besprochene goethegedicht beifügen könntest.
so, mit dem quelltext vor augen, würde den leserInnen gleich anders klar, worum es (dir) geht.
pegagrüße -> Sarah Kirsch

________________
EDIT
danke!

 

J. W. von Goethe: "Dauer im Wechsel"




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