Das Sonntagsfahrrad · augustine · Erzählungen

1093 Aufrufe

Neue Beiträge   |  Forenliste   |  Registrierung   |   Archiv   |   a n m e l d e n

 

     augustine



Das Sonntagsfahrrad

   16.11.2013, 22:25



Kindergeschichten 7

DAS SONNTAGSFAHRRAD

Jemand, eine junge Frau, bog schwungvoll aus der Schönhauser Allee in die Kuglerstraße ein, die von der Sonne scharf und aprilhell ausgeleuchtet war und sonntagsleer da lag. Ich war für mich allein dort. Einige Häuser weiter spielte eine Gruppe jüngerer Mädchen Hopse, wie ich im Sonntagsstaat, das war noch üblich, Kleidchen natürlich, zusammengenäht aus Stoffen zweier anderer Kleider, dafür gab es längst Schnittmuster in der Nachkriegszeit, Mode ist immer, und trotzdem schon wieder zu kurz, Schleifen in den Zöpfchen, frisch gewaschen, gebügelt, gestärkt. "Nicht schmutzig machen". Das Sonntagskleidchen schloss alle Spiele aus, bei denen es wirklich spannend werden konnte, Völkerball natürlich sowieso, aber auch Murmeln, weil man da auf den Knien auf dem Pflaster herumkroch, um mit sensiblem Anschieben nach genauem Erwägen der Möglichkeiten die kleinen runden Dinger in die Artillerieeinschlagslöcher zu kriegen. Das spielten nur Mädchen. Völkerball war "mit Jungs" und schon darum sonntags nicht möglich, weil man den natürlich dreckigen Ball fangen musste und manchmal auch selber in den Straßendreck geschubst wurde. Das machten die Jungs mit den Mädchen gerne. ...




augustine


[pdf] DAS SONNTAGSFAHRRAD

 

     Jolante



Immer wieder sonntags...

   20.11.2013, 18:47 / 2 x geändert



Diese Geschichte habe ich sehr gerne gelesen, den unverwechselbar augustinischen Duktus genossen und mich über das Eintauchen der Erzählerin in die Gefühlswelt eines elfjährigen Mädchens gefreut, einem Kind der 50er-Jahre, das gerne auf der Straße spielte, aber sich vor allem an Sonn- und Feiertagen nicht schmutzig machen durfte. Vieles kam mir angesichts meiner eigenen Biografie sehr bekannt vor: die sonntägliche Kaffee-Zeremonie, das Sonntagskleidchen, die Schleifen in den Zöpfchen, das Spielen mit Trisel und Murmeln (bei mir hießen sie Kreisel und Klicker), besonders aber Völkerball, bei dem ich mich mit 9 Jahren in einen etwas älteren Jungen verliebte, der in unserer Straße beim gemeinsamen Spiel unangefochten der Boss war.
Nun geht es hier aber nicht um meine Erinnerungen, sondern um die der Erzählerin, und die sind so anschaulich und einfühlsam geschildert, dass ich beim Lesen das Gefühl hatte, als stumme Beobachterin dabei gewesen zu sein. Dass die Kleine unter der Lieb- und Friedlosigkeit ihrer Familie litt, konnte ich ebenso gut nachempfinden wir ihr Erstaunen und ihre beinahe vorsichtige Freude über eine junge Frau, die ihr an diesem bisher so langweiligen Sonntagnachmittag erlaubte, mit ihrer Hilfe erste Fahrversuche auf dem Rad zu wagen, das sie ihr zuvor während ihres Besuchs bei den Eltern anvertraut hatte. Dass sie dem Mädchen sogar versprach, es dürfe im Sommer einmal wieder in ihren Schrebergarten mitkommen, sie würde es dann einen großen Strauß Ringelblumen pflücken lassen, machte sein Glück beinahe vollkommen. Den letzten Satz der Erzählung hätte ich angesichts meiner eigenen Kinderfahrungen auch schreiben mögen: "Manchmal verstanden mich ganz fremde Menschen". - Traurigschön!

Jolante grüßt

 

Das Sonntagsfahrrad




  SYNEKDOCHE.DE
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Impressum

  Online

  Aktuelle Themen

Meinung

Basissatz: Inhalt oder Gehalt?

Kurzreferat zu Friedrich Nagelmann

2zeilenTiere + Konsorten

Amiland

tasmanischen Silberbäumen lauschen

Glühender Sand

Das leere Schlachtfeld

Hoher Geburtstag

Antifeudale Lyrik im Stile Bürgers?

Klug geschissen

Schnapsidee

Nicht

Denk ich an Deutschland...

Kitsch als legitiemer Begriff in der

Der Ablaut und Ablautsystem

Hilfe! Suche...

Fiktionale vs. faktuale Erzählung

was wir geben (so nett, en passant)

Was ich nie wieder fand