Einladung · ruelfig · Komik, Humor

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     ruelfig



Einladung

   10.11.2013, 01:51



Wir möchten euch für nächstes Wochenende gern zum Abendessen laden
und fragen an, ob ihr noch alles essen wollt und trinken dürft.
Oder ob der Duft von mettgefüllten Kohlrouladen
euch beleidigt und ihr nur noch fair gebraute Limonade aus dem Ökoanbau schlürft?

Natürlich gäbe es auf Wunsch auch vegetarisch,
indisch, mexikanisch oder arisch,
Moleküle von gedachtem Obst frutarisch.
Nach welchem Ritus sollen wir das Mahl bereiten?
Müssen wir den Herd von links nach rechts umschreiten?
Welcher Ethos soll uns für den Einkauf leiten?

Bestimmt hat einer von euch absolute Allergien
gegen irgendwas geschmort in rotem Wein,
muss dann speiend von der Tafel fliehen.
Wir lassen das mit dem gemeinsam Essen besser sein.

 

     augustine



Einladung

   10.11.2013, 16:55



Hallo ruelfig,
du weißt, glaube ich, dass ich deine Sachen schätze. Manche sind so präzise und prägnant, dass ich nur das hinschreiben könnte. Das ist zwar in Internetforen sehr üblich, aber ich mag's nicht.

Hier aber: vielleicht doch (zu) schnell geschrieben? Da dieser Text drauf hinläuft, dass man niemanden mehr einladen könne, müssten, finde ich, die groteskesten Annahmen kurz vor dem Schluss stehen, überhaupt eine Steigerung darstellen.
Bearbeiten?

Warum steht der Text nicht unter 'Satire', wohin er doch gehört?

Grüße augustine

 

     Pega Mund



wer nicht will, hat schon gehabt

   11.11.2013, 14:06



für mich kommt das gedicht ganz gut hin.

jambisch angelegt, in drei strophenpäckchen zu vier/sechs/vier zeilen gegliedert, die erste und dritte einheit kreuzgereimt, der mittelteil im schema a-a-a-b-b-b, nimmt der text satirisch-komisch die in die übersteigerung getriebene individualisierung mancher zeitgenossen aufs korn: eine einladung zum abendessen ist ein ding der unmöglichkeit, da die potentiellen gäste so empfindlich verfeinerte gaumen und zungen haben und in ihren ernährungsgewohnheiten derart eigen sind, dass die gastgeber schließlich an der frage verzweifeln, was sie überhaupt vorsetzen dürfen/können.

kurz zum aufbau des gedichtes.
ja, da sehe ich schon eine konsequente steigerung. nämlich:
die ersten vier zeilen entfalten das situative panorama -> die bange frage der gastgeber wird konturiert, zunächst noch einigermaßen "harmlos" im rahmen des alltäglich-realistischen bleibend; es ist so abwegig nicht, dass man sich ganz pauschal mal nach den gustatorischen vorlieben seiner gäste erkundigt. dann, im mittelteil, führt sich das zunehmend ins skurril-groteske kippend fort und förter, verschiedene möglichkeiten werden ausdifferenziert und abgeklopft. im dritten teil aber wirds richtig "final"; das gedicht holt aus zum showdown: es kommen, das ist der gipfel, die "absoluten allergien" ins spiel - die sind natürlich unüberwindlich, da geht nix mehr und damit ist das gemeinsame mahl quasi "gegessen": kotzend fliehn vom tisch die gäst. delete & cancel, es ist in diesen unseren zeiten sorgsamer selbstprofilierung und -optimierung auf allen lebensschauplätzen eine schiere unmöglichkeit, "einfach so" paar leute zum miteinanderessen an einen tisch zu bringen, weil halt jede/r so besonders anders verschieden ist.

nach dem ersten lesen dacht ich mir:
jawoll, genau, ich koch in zukunft ohne rücksicht auf mögliche mitesserInnen mein süppchen wie ich will und löffel es genüsslich aus, wenns sein muss, ganz allein in aller seelenruh, denn: wer nur mäkelt und nicht mag, hat schon und bleibt gerne weg vom tisch. pasta. äh ... basta.
krötengrüße -> zum abendbrechen

 

     Städter



noch'n Blick

   12.11.2013, 17:00



Ich vermute, weil ich weiß, dass der Autor ein politisch interessierter Mensch ist, dass diese Einladung eine internationale ist.
Was hatten wir denn in den vergangenen Tagen an Versammlungen auf sogenannter allerhöchster Ebene? Wer traf sich denn dort womöglich auch zum Essen und warum?
In Genf fanden die Atomverhandlungen der Sechsergruppe (USA, Russland, China, Großbritannien, Frankreich und Deutschland) mit Iran statt. Ergebnis… ?
Tja …
Satt geworden?
Vielleicht.

Und in Warschau verhandeln Experten (sic!) über Eckpunkte für einen neuen Klimavertrag. Dass dabei nix herauskommen wird, weiß man doch jetzt schon. Das Ganze findet ausgerechnet in Polen statt. Gleichzeitig läuft da die Kohlekonferenz.
Man wird also überall reden, reden, reden und es wird wieder einmal nichts Fassbares herauskommen. Da kann man doch gleich mal ruelfigs Gedanken folgen und den ganzen Quatsch einfach sein lassen. Satt wird niemand werden, außer diejenigen die die Spektakel von außen beobachten. Denen steht's bis zum Hals. Mir auch.
Das Gedicht ist Klasse.

Städter

 

     Pega Mund



verschwiegene tafelrunden

   14.11.2013, 21:13



danke, städter, dass du den blickwinkel auf ruelfigs gedicht weitest mit deinem beitrag; ja, so kann man das wohl gut lesen. - möchte nun aber noch drauf hinweisen, dass es in aller stille tatsächlich auch tischgemeinschaften gibt, die sich bestens verstehen und am liebsten alles fressen ...

... auf ein System zusteuern, das die Herrschaft der mächtigsten Kapitalgruppen über den Großteil der Welt zementiert und juristisch absichert. [...] In diesem Abkommen wären auf diplomatischer Ebene ausgehandelte Gesetzesvorgaben festgeschrieben, die nach dem Wunsch der Unternehmen auch viele nicht handelsbezogene Bereiche beträfen: etwa die Sicherheit und Kennzeichnung von Lebensmitteln, die Grenzwerte chemischer und toxischer Belastung, das Gesundheitswesen und die Arzneimittelpreise, das Recht auf Privatsphäre im Internet, Energieversorgung und kulturelle "Dienstleistungen", Patente und Urheberrechte, die Nutzung von Land und Rohstoffen, die Rechte und die Arbeitsmöglichkeiten von Immigranten, die öffentliche Auftragsvergabe und vieles andere ... -> mehr ->
gretchengrüße -> zum weekend rap

 

     ruelfig²



Einladung

   14.11.2013, 22:26



Hallo augustine,
danke für deine Antwort. Ja, das Stück war schnell geschrieben, aber es hat eine lange Anlaufzeit gehabt. Ich hatte mir das als Menü gedacht, Vor- Haupt- und Nachspeise. Wenn ich es schaffe, verschiebe ich zu Satire.
Hallo Pegamund,
mir scheint, dass unsere Zivilisation zerbricht durch eine immer weiter fortschreitende Atomisierung und die Zersplitterung in immer feiner definierte Kulturen (in der Musik ist das am deutlichsten zu sehen, Untergruppen, Unteruntergruppen etc pp). Natürlich hat jede Gruppe für sich gesehen recht und jedes Recht, so zu sein oder anders, schließlich ist jeder genau so anders wie alle. Mir scheint das dann nur schwierig mit Gesellschaft.
Hallo Städter,
meine Antwort kennst du schon:

Gerechte Weltordnung

Ständig hocken sie zusammen, konferieren,
keine Ahnung, welches Thema gerade Mode ist,
doch sie werden es gewiss zu Tode diskutieren.

Und das werden sie genauestens protokollieren,
denn es droht der Ablauf einer allerletzten Frist.
Immer hocken sie zusammen, konferieren.

Will die Welt denn wirklich nicht kapieren,
ist wohl jeder nur noch Fatalist?
Das könnte man gewiss zu Tode diskutieren.

Man müsste die Probleme noch genauer formulieren,
es fehlt an Führung. Wo bleibt bloß der große Alchimist?
Noch immer hocken sie zusammen, konferieren.

Wenn jetzt nicht bald, so werden wir krepieren!
So tu und kämpfe, schaffe, werde Aktivist!
Und mach gewiss, dass wir gerechte Tode diskutieren.

Die neue Ordnung kann jetzt aufmarschieren,
der größte Hahn kräht lauter auf dem Mist.
Und ewig werden sie zusammenhocken, konferieren
und sich selber nicht zu Tode diskutieren.

Now look what you made me do. (Oliver Hardy to Stan Laurel)
Grüße,
r

 

Einladung




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