Flugangst · Städter · bis 16 Zeilen

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     Städter



Flugangst

   01.11.2013, 18:07



In einen Spiegel Steine werfen,
das Wasser teilen mit den Fäusten;
auf Brücken weilen,
Messer schärfen,
Blumen pflücken,
Hände drücken
und dem Neuesten
kalte Schultern zeigen;
dann doch den einen Schritt zu wagen
ist das finale Siegen.
Einmalig.

 

     Arisia



Flugangst

   01.11.2013, 20:43



huhu Städter,
du hast deinen Text unter Entwürfe geschrieben
d.h. man/frau darf dran rum mäkeln? :)

es geht mir um die letzten 2 Zeilen

"finaler Sieg" und "einmalig" sind mir zu stark im Ausdruck zu den vorherigen Zeilen
Finales Siegen und einmalig, hm, verbindet sich bei mir mit einer Singularität und das wäre ein schwarzes Loch.
Sind aber auch nur singulär in bezug auf unsere Galxis, da nach heutigem Wissensstand jedes System, daß sich Galxis nennen darf, ein schwarzes Loch besitzt.
ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ein wie auch immer gearteter Fall in ein schwazes Loch irngendetwas von Finalität beinhalten würde. lol
Wir wissen jedenfalls nicht, was dann passiert :)

es gibt also letztendlich nichts Einmaliges, und nach bisherigem Wissen nichts Finales

und dann: die ersten 8 Zeilen erzeugen so etwas wie Wärme beim lesen, ein Gefühl von Lässigheit, Gelassenheit,
Beschwingtheit.
Wo ist das alles hingekommen?

die letzten beiden Zeilen wirken kalt und abweisend dagegen, so mein Gefühl

wäre z.B. ein einfaches "Hurra" oder Ähnliches, oder noch was Ergänzendes, nach der 9ten Zeile nicht auf einer wärmeren Ebene ausdrucksstärker?

oder ist das so ein Mann/Frau Ding, daß Frauen halt rumhüpfen und sich freuen, wenn sie etwas

überwunden haben, und Männer cool von "finalen Siegen" reden?

fragt sich arisia

 

     Pega Mund



meine lesart:

   02.11.2013, 10:21



die drei letzten verse handeln, denk ich mir grade, vom (frei)tod: nachdem alle versuche, sich vital aufzulehnen, sich ein "besseres leben" zu erkämpfen (steine werfen, messer schärfen) fehlgeschlagen sind, den großen, letzten sprung tun, hoch von der brücke fliegen. der tod aber, so ist jedenfalls meine (natürlich ganz subjektive) erfahrung, hat oder kann zumindest haben: was grausam kaltes, finales, endgültiges. doch, ja. für mich stimmt es also so, wie es da steht.

könnte aber auch um etwas ganz anderes gehen: selbstüberwindung.
eigene (innere) grenzen zu überschreiten. sich selbst besiegen.
gretchengrüße-> erich mühsam

 

     toltec-head



meine lesart:

   02.11.2013, 12:05



Löscht ich so der Seele Brand,
Lied, es wird erschallen;
Schöpft des Dichters reine Hand,
Wasser wird sich ballen.

Im Gegensatz hierzu haben wir hier also das Teilen des Wassers mit den Fäusten. Ein Gedicht, wohlmöglich ein Anti-Gedicht, über Dichtung also wie mir scheint, was nicht aus- sondern auf verschlungenen Wegen gerade einschließt, dass es auch ums Sterben geht. Stiller Triumph wäre mir auch lieber als finales Siegen.

 

     Arisia



meine lesart:

   02.11.2013, 12:30



huhu Pega Mund

da ist natürlich was dran, an deiner Leseart.
Von dieser Warte aus habe ich den Text nicht gesehen, ist wohl meine Stimmung im Moment zu positiv für :)
war wohl mehr auf das Überwinden von eher weltlich Blockaden ausgerichtet

dennoch, das "finale Siegen" macht mir Magengrimmen, fühlt sich unbehaglich an.
Da ich ja auch schon in einem Alter bin, in dem mich das "Wie die Welt verlassen" beschäftigt,
wenn ich schon nicht das "Wie" oder "Ob" des Geboren werdens bestimmen konnte, sagt mir der "stille Triumph" von toltec-head (eben flog dein Text rein) schon eher zu.
Stiller Triumph über Alten-und Pflegeheime, ja, denen von der Schippe zu springen und eine Nase zu drehen, einen Kuchen zu backen, eine kleine Feier zu veranstalten, noch mal "Let it be" zu hören, und dann ab durch die Mitte.:)
Ja, das wärs doch, ein stiller oder nicht so stiller Triumpf, in meinem Fall, lol.

 

     Jolante



meine lesart:

   02.11.2013, 14:40



Ich seh es wie PegaMund. Wer durch viel Hölle und wenig Himmel gegangen ist, für den kann der Freitod den finalen Sieg über ein Leben bedeuten, das letztlich trotz aller Anstrengungen, ihm einen Sinn zu geben, an der Sinnlosigkeit scheitert. Dieser finale Sieg ist natürlich einmalig, was sonst? Ich würde an diesem Gedicht nichts ändern. Da sitzt jedes Wort an der richtigen Stelle. Interpretieren kann man es sicher auch anders, ich kann es nicht.

Jolante grüßt

 

     augustine



meine lesart:

   03.11.2013, 22:15 / 1 x geändert



Hallo Städter,
die "Flugangst" habe ich zu lange wörtlich genommen. Die Deutungen auf Suicid leuchten mir ein, und dann klärt sich mir dies Wort als der Zustand vor dem Tun.
Und der wechselt:
wütig und irrational und unentschlossen (sich selber nicht mehr sehen können; ins Wasser gehen, aber noch nichts Finales tun)
Todesartengefühle ausprobieren (von der Brücke springen: erstmal auf eine gehen; ein Messer schärfen, um sich ein Messer wer weiß wohin zu stoßen)
dann wieder Abstand nehmen von Todesgedanken: Blümchen pflücken, Geselligkeit suchen
dabei aber merken, dass das Weitergehen des Lebens nicht mehr interessiert
dann der Entschluss: den endgültigen Schritt zu wagen; kann ein Schritt von der Brücke sein oder allgemeiner: es zu tun; Sieg über die Unentschlossenheit und natürlich "einmalig"

Einzige nicht zustimmende Überlegung: das "doch" weglassen?

Grüße augustine

 

     Städter²



Das Neueste

   04.11.2013, 21:47 / 1 x geändert



Das Neueste hat viele Gesichter. Auch wenn es (nur) hörbar kundgetan wird. "Ordnen Sie Ihre Angelegenheiten", ist eines dieser Gesichter. Dann, wenn das Gesagte eine Kontur bekommt; wenn die Komplexität des Zukünftigen in seinen ganzen Ausmaßen ausgerollt wird, gilt es Entscheidungen zu treffen. Wohl dem, der in der Lage ist, die Angelegenheiten selbst zu regeln. Das ist nicht einfach, da greift man schon mal daneben, ist unschlüssig, weil einem aus aller Munde "die Hoffnung stirbt zuletzt", um die Ohren gehauen wird. Vernünftiges Denken traut man dem Empfänger des Neuesten, aus welchen Gründen auch immer, einfach nicht mehr zu. Da werden die stillen Stunden zu Ewigkeiten, da ist dann – in Einsamkeit – das große Abwiegen von Wichtigem und Unwichtigem, und da ist auch das Wegesuchen, das Zuvorkommenwollen, das nicht fremdbestimmt werden wollen. Und da ist Flugangst, obwohl sie in diesem Falle unbegründet ist, da das Fallen in diesem Fall ja ein Aufsteigen ist, ein einmaliges. (Hoffentlich)
Ich bin sehr froh, dass die Kompression der zugrunde liegenden Geschichte keine schwerwiegenden Risse hat, das war meine Z-Unsicherheit.

Vielen Dank für eure Zeit.

Dankend und herzlich grüßend der
Städter

P.s. @augustine
Lass mir das 'doch', ich brauch es (danke toltec), als Unterstreichung des stillen Triumphes über sich selbst. Ich habe es so oft vergeblich weggedacht.

 

     Gerd



Flugangst

   08.11.2013, 00:13



Lieber Städter,

ein mich bewegendes Gedicht. Sich selbst nicht mehr sehen wollen/können, sinnloses Ankämpfen in Sisyphusmanier. Dazwischen hängen, nicht mehr hier sein aber auch nicht dort. Messer wetzen und Glücksmomente pflücken. Dieses "Hände drücken" hat für mich keine Anmutung von Begrüßung, sondern von Abschied. Die Nachricht des Unausweichlichen erst ignorieren und dann die Freiheit in der letzten Selbstbestimmtheit suchen.

Dieses beschriebene Gesicht war mir schon recht nah und wird mir nahe bleiben.

Ich danke Dir und grüße Dich in die Nacht

Gerd

 

     Elise



Flugangst

   11.11.2013, 11:01



Städter, nach wo hin darf ich
den Faden denn verlegen?

Gruß -


EDIT: Von Entwürfe nach
bis 16 Zeilen verschoben.
Elise

 

Flugangst




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