...wo die liebe wohnt · Jolante · Liebe

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     Jolante



...wo die liebe wohnt

   19.10.2013, 13:59



frag nicht, wo die liebe ist,
wenn dich dein liebster nicht küsst.
frag nicht, ob er dich vermisst,
wenn er sich manchmal verpisst.
frag nicht nach treue.

sagt er, die liebe sei mist,
treue nur liebesverzicht,
koch ihm sein lieblingsgericht,
mache ein liebes gesicht,
küss ihn aufs neue.

 

     augustine



...wo die liebe wohnt

   20.10.2013, 20:25



Tatsächlich, Jolante, einmal wieder etwas Eigenes von dir!

Meine Kragenweite ist das leider nicht.
Könnte es sei, dass du einen Schlagertext probieren wolltest?
Da wäre zwar der Konjunktiv in der 2. Strophe nicht passend, könnte aber leicht ersetzt werden. Und "liebesverzicht" wäre auch ein zu anspruchsvolles Wort.

Aber ich habe vielleicht Unrecht.
Grüße von augustine

 

     gregor libkowsky



...wo die liebe wohnt

   21.10.2013, 15:41 / 3 x geändert



Aber, aber, liebe augustine, es geht doch hier nicht um Recht oder Unrecht, viel eher doch um Sichtweisen, temporäre Empfindlichkeit oder Ansprechbarkeit. Spaß beiseite, ich kann dein "Schlagergefühl" nachempfinden, komme aber für mich zu einer anderen Bewertung dieses Gedichtes.
Störte mich beim ersten Lesen der imperative Duktus, "frag", "koch", "mach", "küss", war ich doch zumindest beim zweiten Lesen erstaunt, wie luftig und lässig der Reim all dem Belehrenden, das eben noch störte, den Rektorenstock stutzte.
Nun, der Imperativ ist gemildert durch die Reimstruktur, doch der Reim selbst, der gerade noch positiv bewertet wurde, fühlt sich plötzlich nur noch simpel an. Doch ein Schlager?
Also ein drittes Mal lesen.
Ja, das Ganze ist einfach, leicht schnoddrig, und wird gerade deshalb (vielleicht) zu schnell beiseite geschoben. Jedoch hat sich das Gedicht eines Themas angenommen, welches man nicht so schnell und eilfertig zu den Akten legen kann, weil es nämlich eine Utopie aufzeigt, einen Traum, den jede(r) ebenso hegt, wie ihn als nicht erreichbar abtut. Der Traum von der erfüllten, maßlosen Liebe, die nicht aufrechnet.
Liebe entzieht sich den rationalen Argumenten - auch fernab vom frisch-verliebt-Sein. Was hier beschrieben wird, ist eine Variation des "Wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar". Das ist kaum zu ertragen, geschweige denn zu praktizieren. Es bezeichnet aber die Vorbehaltlosigkeit der Liebe, die Unbedingtheit in seiner ganzen Radikalität.
Und, das alles klingt so einfach, so leicht dahingeträllert, fast wie ein Schlager, ist aber doch so schwer, und da wir ja auch rationale Wesen sind, geraten wir (gerade in einer Liebesbeziehung) recht schnell (und begreiflich) in die gegenseitige Abrechnungs- und Aufrechnungsfalle.
Hier im Gedicht nicht. Mach ein liebes Gesicht, heißt es, koch ihm sein Lieblingsgericht. Die einfachen Dinge. Doch wie wunderbar. Was für ein Glück ist es, eine Mahlzeit gekocht zu bekommen, das Lieblingsgericht sogar und gemeinsam zu essen. Das Gedicht ist 2013 geschrieben und spricht damit in eine Lebenswirklichkeit hinein, die häusliches Kochen oft gar nicht mehr kennt, höchstens im fastfood- oder Fertignahrungsbereich. Ich möchte nicht weiter darauf herumreiten, aber "Koch ihm sein Lieblingsgericht" verstehe ich als wunderschöne Geste, dem Anderen gut zu tun. Nur kurz erwähnt sei, dass ich mich weit entfernt von einem Frauenbild der 60-er Jahre und der damit verbundenen starren Aufgabenteilung sehe. Darum geht es hier nicht.
Ja, und der Konkunktiv als indirekte Rede bricht die allgemeine Aussage herunter auf ein szenisches Geschehen. Gerade die indirekte Rede ermöglicht es, zu denken, es handele sich um eine konkrete Situation, so muss der Leser nicht gleich an der Höhe der aufgestellten Hürde scheitern.
Wird man nun wieder etwas nüchterner, formieren sich im Kopf die Geschichten von abhängigen Verhältnissen. Ich denke, dass ich dann aber schon den Rahmen des Gedichtes verlasse.
Fazit:
Das Ganze, das Geheimnis der Liebe klingt einfach, ist aber doch so schwer. Davon spricht das Gedicht. Die Kunst ist, das Schwere so einfach darzustellen. Jolante ist es gelungen.
Und am Ende bleibt eine luftige, freundliche Stimmung. Was will ich mehr von einem Gedicht.

Beste Grüße in die Runde
von Gregor Libkowsky

 

     Städter



... die Liebe

   24.10.2013, 20:41



Ist dieses Gedicht nicht die Antwort auf eine Frage?
Ich stelle mir eine Frischvermählte vor, die eine andere, eine erprobte Frau, um Rat fragt. Vielleicht ist die, welche nicht weiß, wo die Liebe wohnt, mal eben zu Hause ausgerissen?
Könnte es die Mutter sein, die gefragt wird, die so routiniert antwortet?
Ich stell sie mir vor, als eine im Wohnwagen am Herd stehende, wie eine Frau aussehende, schon lange nicht mehr über das Leben nachdenkende, mit ner Zigarre im Mundwinkel plappernde, in den Töpfen rührende, Antwort gebende Allwissende. Sie scheint ein einfacher Mensch zu sein. Zufrieden mit dem, was sie hat. Alle Erwartungen an das Leben hat sie längst über Bord geworfen oder vielleicht noch niemals über Alternativen nachgedacht. Oberflächlichkeit bestimmt ihr Leben. Trotzdem ist sie glücklich. Wie schön. Ihre Sichtweise auf die Dinge gibt sie gerne weiter. Schade, dass ich nichts über die weiß, welche die Liebe vermisst. Sehr schade.

Städter grüßt Jolante und augustine und gregor

 

     Jolante²



...wo die liebe wohnt

   01.11.2013, 12:59 / 2 x geändert



Die Reaktionen auf mein jüngstes Gedicht, das nicht augustines "Kragenweite" ist, haben mich gefreut. Du, lieber Gregor, hast es wohlwollend beurteilt und deine eigene Sicht auf eine mir sehr naheliegende Weise deutlich gemacht. Du, lieber Städter, hast eine recht originelle Betrachtung darüber angestellt. Ich danke euch Dreien für die Beschäftigung mit diesem kleinen "Gebrauchsgedicht". Tatsächlich hatte ich einen alten Schlager im Ohr, als mir die Idee für diese spontan geschriebenen Verse kam. Zuerst war ausnahmsweise die Form da, danach füllte sie sich mit dem zugegebener Maßen etwas schwächelnden Inhalt.
Als ungebetener "Ratgeber" einer frustrierten Ehefrau schwebte mir beim Schreiben ein durchaus testosterongesteuerter Mann vor, also keine herdprämierte, erfahrene, zigarrenrauchende Frau, ein väterlicher Freund vielleicht, bei dem die Liebe auch, und ganz besonders, durch den Magen geht. Einer, der genussfreudig und harmoniesüchtig ist und diese Eigenschaften auf den "Liebsten" der Frau überträgt, die ihm ihr Leid geklagt hatte. Auch wenn das so schnoddrig dahingeträllert erscheint, sollte es nicht oberflächlich wirken (tut es aber). Es gibt den Spruch "Das Gute ist immer einfach, aber das Einfache ist nicht immer gut." Ich fürchte, für mein Gedicht gilt Letzteres, auch wenn ich es, wie den "Ohrwurm", längst in mein Herz geschlossen habe.

Jolante grüßt

 

...wo die liebe wohnt




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