Herbst · augustine · Natur

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     augustine



Herbst

   12.10.2013, 22:45



Das alte Lied in jedem Herbst: die Blätter fallen,
sie fallen nah, gewelkt und nicht vom Himmel hoch.
Die Baumskelette sind zuletzt enthüllt
und zeigen eine eigne Schönheit, graphisch klar,

und werden wieder sich bekleiden mit jungem Laub,
und das wird wieder fallen.
Es ist da keiner, welcher dieses Fallen,
sanft oder nicht, in seinen Händen hält.


Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, 
als welkten in den Himmeln ferne Gärten; 
sie fallen mit verneinender Gebärde. 

Und in den Nächten fällt die schwere Erde 
aus allen Sternen in die Einsamkeit. 

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt. 
Und sieh dir andre an: es ist in allen. 

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen 
unendlich sanft in seinen Händen hält. 

Aus: Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder

 

     Willimox



Das alte Lied

   14.10.2013, 10:28 / 2 x geändert



Redensart

Da ist es also, das alte Lied, sicher eine Redensart: Einmal etwas, das schädigt und dessen Schädigung man nicht abwenden kann. Dann ein Hinweis auf die mehr oder weniger poetische Klage, mit der man den Schaden vielleicht abmildern will, aber kaum kann. Und da ist dann der Hinweis auf ein Lied vor unserer Moderne, aber gar nicht weit weg: Rilke verwebt in seiner Textur das Bild der fallenden Blätter und des kalten Todes und die tröstliche Hand des „Einen“, der (und die) da alles Fallen „unendlich sanft in seinen Händen hält“.

Ein ähnlicher Rhythmus im „alten Lied“, ein Sechsheber in der ersten Zeile, eine Zäsur im Doppelpunkt. Ein Partizip Perfekt „gewelkt“ und kein duratives Imperfekt „welkten“. Keine Verkündigung himmlichen Heils mit Adveniatglanz: „nicht vom Himmel hoch“. Die „als-(ob)-Konstruktion“ Rilkes mit den „Himmeln und den fernen Gärten“, sie wird verschärft und sogar skelettiert im „nicht“, dem irdischen „nah“ und den Baumumrissen.

Die kurze Zeile in der zweiten Strophe lässt eine Duktuslücke und eine atemholende Leerstelle. Rilke setzt hier ein adversatives „und doch“ und den Trost. Mit einem anthropomorphen Modell. Der große „Eine“ ist eine gütige Instanz, sie hält, was fällt. Und sie tut das „metaphysisch-physisch“ „unendlich sanft“.

Die Kontrafaktur „Es ist da keiner“ bei Augustine löst das Element „sanft“ auf. Und sie löst die „anthropmorphe“ „Hand“ auf. Und sie löst das „ist“ bei Rilke - kein Hilfsverb, ein „Existenz-Ist“ - auf, artifziell auf und zieht es ab: Das Scheinsubjekt „Es“ (Es ist da keiner/Keiner ist da) scheint etwas Existierendes („Es ist da…“) anzukündigen und dementiert eben dies in seinem Folgefeld schnell.

Kein theonomer Horizont, keine väterliche oder mütterliche Natur, kein väterlicher oder mütterliche(r) Schöpfer, keine metaphysischen Garanten eines sanften Falls durch Eingreifen in die natürliche Welt. Natura naturans und natura naturata.

Die Kontrafaktur ist nicht nur handwerklich und ästhetisch schön. Sie ist intelligent. Sie macht - gerade weil sie Rilkes Gedicht einstellt – ein Radarbild im vertrauten Rhythmus und in der Bildfolge sichtbar. Sie stellt ab auf eine Illusion und setzt dafür ein Knochenbild. Die „eigne Schönheit, graphisch klar“ ist da kaum ein Trost.

Gernhardts komische Entlaubungskräfte oder seine ernsten Spättexte, sie taugen wenig, Augustines Text abzuwerten oder irgendwie in den Senkel zu stellen. Deutschlehrer(innen) mögen ja Weinen. Augustines Text möge den Deutschlehrer in aufmerksamen Lesern wecken. Das ist bei aller negativen Konnotation des Deutschunterrichtes so grotesk keineswegs. Und abwegig schon gar nicht. Griebe - insbesondere und nicht zuletzt - belegt dies hinreichend.

Herbst

Das alte Lied in jedem Herbst: die Blätter fallen,
sie fallen nah, gewelkt und nicht vom Himmel hoch.
Die Baumskelette sind zuletzt enthüllt
und zeigen eine eigne Schönheit, graphisch klar,

und werden wieder sich bekleiden mit jungem Laub,
und das wird wieder fallen.
Es ist da keiner, welcher dieses Fallen,
sanft oder nicht, in seinen Händen hält.


Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.

Aus: Rainer Maria Rilke, Das Buch der Bilder



Bonustrack:
Ludwig Harig: Das alte Lied (veröffentlicht 1989)

Es ist das alte Lied: ein Ziehen und ein Reißen
geht durch den morschen Leib. Das Alter naht mit Schrecken.
Es kracht in Arm und Bein, in Hüften und in Becken,
in Lenden, Zehen, Kreuz. Und was den festen Steißen

einst stolze Haltung gab, verrottet im Verschleißen.
Ich sitze im Fauteuil, gehüllt in weiche Decken;
was will, ans Bett gelehnt, der alte Wanderstecken
von Reisen in die Zeit, ins Leben mir verheißen?

Und auch der Sessel kracht in allen seinen Fugen.
Ihn hält zusammen, was die Knochen nicht vertrugen:
des Nagels Krallenfuß, die zähe Hand des Leims.

Daß etwas übrigbleibt, ist nichts als Kinderglauben.
Es modert das Gebein, es rosten alle Schrauben,
es hält am Ende nur die Klammer meines Reims.

 

     Jolante



Herbst

   14.10.2013, 12:21 / 1 x geändert



Ich habe mich gefreut über den schönen und lehrreichen Kommentar von willimox, vor allem aber über augustines Rilke-Versuchung. Widersprechen muss ich dagegen H.-J. Griebe. In Dichterhimmeln sollte es keine heiligen Kühe geben, auch wenn dort die Weiden fetter und ertragreicher sind als auf der prosaischen Erde. augustine hat den berühmten, weil tief berührenden Rilke`schen Herbst, vom Himmelhoch herunter genüchtert, aber keineswegs entzaubert. Auch ihr Gedicht enthält eine tröstliche Botschaft: "...Die Baumskelette sind zuletzt enthüllt/und zeigen eine eigne Schönheit, graphisch klar/und werden wieder sich bekleiden mit jungem Laub..." Es ist auch möglich, ohne Hilfe "von ganz oben" sich als Sterblicher dem Kreislauf von Werden und Vergehen gewachsen zu zeigen.

Jolante grüßt

 

     toltec-head



Herbst

   15.10.2013, 10:38



In den bildenden Künsten nennt man es Appropriation Art. Und gerade der nicht ganz zu Unrecht unter Kitschverdacht stehende frühe Rilke kann durch einen modernen poetischen Reload, und um einen solchen handelt es sich bei dem Gedicht von augustine, nur gewinnen. Die Rücknahme der unendlich sanften Hände, die alles halten, ergibt sich quasi aus der Natur der Sache. Andererseits dann das, was der nicht sieht, der zu früh die Versöhnung sucht: die eigene Schönheit der Baumskelette. Übrigens ein Mallarmé Zitat. Zeilen 4 und 5 gefallen mir nicht ganz so gut. Das junge Laub sowie die Evokation der Natur als eines Zyklus tappen wie Rilke in die gleiche Falle der verfrühten Versöhnung. Dadurch mindern sie die an sich gelungene Härte des Abschlusses. Es wäre schöner gewesen, Zeilen 4 und 5 hätten versucht, die Stasis winterlicher Natur in ihrer Nacktheit noch zu vertiefen.

 

     Gerd



Herbst

   28.10.2013, 17:58



Ach Griebe, nimm es nicht so schwer, Frau darf den Alten die Perücke lupfen und unter die Soutane schaun. Größe muss vor allem eins: Größe zeigen und Widerspruch vertragen. Doch sollte dieser wohl gesetzt sein, was hier mehr als nur gegeben, wie Willimox so treffend und differenziert dargelegt. Ich bin da auch ganz bei Jolante, der Kreislauf von Werden und Vergehen hat in all seiner Nüchternheit und ja, auch Brutalität, denn die Natur ist gnadenlos, eine eigene Ästhetik. In wieweit diese sinnstiftend oder töstlich sein kann, bleibt offen - es ist eben so und der immerwährende Zyklus systemimmanent. Doch toltec-head, sehe ich auch keine Notwendigkeit die winterliche Nacktheit und Todesstarre in den Herbst zu verorten. Ästhetische Ansätze wären z. B. auch im eisigweißen Totenkleide zu finden, somit wiederum eine Frage des Blickwinkels, das "Problem" erschiene und bliebe an selbiger Stelle - nicht behoben. Georg Trakl hätte sicher mehr Fäulnis und hinsiechendes Absterben mit eitrigen Abszessen etc. in diesen Herbst eingebracht, nur würde dies dem herbstlichen Rilke weniger gerecht und wäre genausowenig augustine.

Dir augustine lieben Dank für Deinen "entrilkten" Herbst, der in sich bleibt und keinen Lenker braucht, wie auch ohne seinen Goldschnittwiderpart besteht.

Herbstlich hustende Grüße in den jungen Abend

Gerd

 

     augustine²



Herbst

   29.10.2013, 21:13 / 1 x geändert



Immer wieder gelöscht werden müssen Sie, Griebe.
Es sei denn, Sie belegen Ihre Behauptung.
Dass Gerd nicht faschistisch denkt, weiß ich.
Was Sie denken (falls Sie das gelegentlich tun), weiß ich nicht.

augustine


edit: Selbstverständlich darf dieser mein Ausbruch mit gelöscht werden, wenn die Griebesche Bemerkung gelöscht wird.

 

     Gerd



Herbst

   30.10.2013, 18:13 / 2 x geändert



Lieber Herr Griebe,

gegen den Faschismusvorwurf möchte ich mich verwehren. Mir liegt nichts ferner. Wie es Ihnen gelingt derartiges aus meinem Kommentar herauslesen, ist doch sehr absurd. Dass Die Natur nicht immer schön und freundlich ist, dürfte außer Frage stehen. Menschen erfrieren jeden Winter in Schnee und Eis. Ein Schneekristall hat durchaus eine ästhetische Form. Beinhaltet diese Argumentationskette faschistoides Gedankengut? Ich kann Ihnen an dieser Stelle nicht folgen!
War Darwin ein Faschist, nur weil sich Faschisten seine Lehren missbräuchlich zu Nutze gemacht haben? Ist jeder, der schon einmal ein braunes Hemd trug Mitglied der NPD. In vielen Büchern der Weltliteratur finden Sie einzelne Begrifflichkeiten, welche heute politisch nicht mehr korrekt sind. Ist jeder dieser Schriftsteller demnach ein Faschist? Bitte prüfen Sie selbst!

Sollte der Faschismusvorwurf lediglich ein hadelsübliches Keulenargument sein, übe ich Nachsicht. Mit der Funktionalität des selben habe ich mich an anderer Stelle bereits beschäftigt:

http://www.synekdoche.de/thema2810.htm

Resignierte und kopfschüttelnde Grüße in den jungen Abend

Gerd

PS: Da dies alles mit augustines Gedicht rein gar nichts zu tun hat, darf mein Kommentar gerne gelöscht werden, nur kann ich diese Art des Vorwurfs nicht auf sich beruhen lassen.

Liebe augustine, bitte entschuldige den Ausbruch.

 

Herbst




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