Konstantinos Kavafis Imitation · toltec-head · bis 16 Zeilen

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     toltec-head



Konstantinos Kavafis Imitation

   28.09.2013, 13:09 / 2 x geändert



Für einen jungen Mann, der in den 90`ern von Berlin in einen Vorort zog, um bei seiner Mutter an AIDS zu sterben - In Imitation von Kavafis "Der Gott verlässt Antonius"

Wenn du plötzlich um Mitternacht schweißgebadet aufwachst
Und einen unsichtbaren Zug von Ravern auf der Straße hörst,
Mit Beats voller Extase, mit hochgerissenen Händen und Geschrei,
Beklage dich nicht, dass du nun verlassen hier im Bett liegst,
Dass alles wofür du lebtest,
Die Clubs, das Cruising in den Parkanlagen, die Saunen und fremden Betten,
Im Rückblick dir als eine einzige große Illusion erscheint,
Sondern männlich trete zum Fenster.
Du gabst dich, wie es sich für einen Mann geziemt, den Genüssen hin,
Also trete männlich zum Fenster
Und verabschiede den Gott, der dich nun verlässt.
Vor allem glaube nicht, dass nun auch noch dieser unsichtbare Zug von Ravern,
Diese hochgerissenen Hände und das Geschrei eine bloße Illusion seien,
Dass du krank bloß halluzinierst und deine Ohren dich täuschen,
Sondern sei mutig und lasse alle Hoffnungen fahren.
Männlichen Schritts, als seiest du hierfür seit langem vorbereitet
Und wie du es sein solltest für diesen Gott, für den du gelebt,
Trete ans Fenster, schweißgebadet, aber trotzdem entschlossen und fest
Und höre bewegt den unsichtbaren, mystischen Zug von Ravern,
Die Beats voller Extase, das Geschrei, sieh die hochgerissenen Hände
Und nimm Abschied von ihm, der dich nun verlässt.



Anmerkung: Der Gott, der Antonius verlässt, ist Bacchus. Plutarch berichtet, dass Antonius, als er im Sterben lag, die Musik aller möglichen Instrumente hörte und Stimmen, die zusammen sangen, und das Geschrei der Menge, rufend und tanzend, wie die Truppe eines Bacchanals, das sich seinen Weg bahnt. Philosophen, die hierüber nachdachten, meinten, dies bedeute, dass der Gott Bacchus, der Gott, für den Antonius gelebt hatte, ihn in diesem Augenblick verließ. Siehe auch Shakespeare, Antonius und Kleopatra, 4. Akt, 3. Aufzug.

 

     augustine



Konstantinos Kavafis Imitation

   28.09.2013, 14:25 / 2 x geändert



Noch nicht wirklich eine Antwort. Nur Material, das ich gesucht habe zu diesem eindrucksvollen Nachruf, die Darstellung von Ralph Dutli, in der das 'imitierte' Gedicht enthalten ist (auf S.4).

http://www.ralph-dutli.de/wunder/Abschiedswissenschaft_
Abschiedsmusik.pdf


augustine mit Grüßen

 

     augustine



Konstantinos Kavafis Imitation

   29.09.2013, 21:12 / 5 x geändert



"DER GOTT VERLÄSST ANTONIUS
Wenn plötzlich gegen Mitternacht du eine unsichtbare
Schauspielertruppe vorbeiziehen hörst
Mit wunderbarer Musik und Gesang

Beklage nicht vergebens dein unglückliches Schicksal,
Deine gescheiterten Unternehmungen,
Die Pläne deines Lebens, die sich als Irrtümer erwiesen haben.
Sondern schon seit je bereit, wie ein Mann,
Nimm Abschied von ihr, von Alexandria, die fortgeht.
Vor allem gib dich keiner
Täuschung hin. Sag nicht,
Es war nur ein Traum, dein Gehör hat dich getrogen.
Erniedrige dich nicht in solch vergeblicher Hoffnung.
Sondern schon seit je bereit, wie ein Mann,
Wie du es sein sollst, um einer solchen Stadt würdig zu sein,
Nähere dich mutig
dem Fenster
Und höre mit Bewegung zu,
Doch ohne feiges Bitten und Flehen,
Genieße die letzten Klänge,
Die schönen Instrumente der geheimnisvollen Truppe,
Und nimm Abschied von ihr, von Alexandria, die du verlierst."

Hier das Kavafis-Gedicht zum Direkt-lesen; das geht wohl leichter, als es in dem verlinkten Dutli-Text mit Hin- und Herblättern zu vergleichen. Pega Mund hat ihn für ihren Kommentar (via Facebook) benutzt (da bin ich nicht) und mich dadurch nochmals an das von ihr anzitierte Mandelstam-Gedicht "Tristia" erinnert. Das steht hier bei uns in zwei Übersetzungen:

http://www.synekdoche.de/thema321.htm


Sonst kann ich doch nur sagen, toltec, dass ich dein Gedicht auf antikem und modernem Untergrund mit einem Thema, das damals noch nicht vorkommen konnte, sehr eindrucksvoll finde.

Gruß augustine

 

     toltec-head²



Konstantinos Kavafis Imitation

   30.09.2013, 10:14



Vielen Dank augustine. Den Aufsatz von Dutli kannte ich noch nicht. Wenn man einmal damit anfängt, kommt man aus dem Lesen gar nicht mehr raus. Von Ovid über Kavafi bis zu Mandelstamm. Von Exildichtung über Dichtung als Exil bis hin zum Exil als Zustand von zeitgenössischer Dichtung überhaupt.

Mit der von Dutli zitierten deutschen Übersetzung, die mir auch vorlag, bin ich übrigens an mehreren Stellen nicht ganz einverstanden.

So heißt es in Zeile 2 im Original:

me mousikes exaisies, me phones

Die Übersetzung "mit wunderbarer Musik und Gesang" fängt das nicht gut ein.

In der vorletzten Zeile heißt es dann

ta exaisia organa tou mustikou thiasou

"Die schönen Instrumente der geheimnisvollen Truppe" ist ein bisschen läppisch.

In seinen Tagebüchern schreibt Raddatz nach einer Relektüre von Kavafi, es handele sich letztlich hierbei doch nur um Vasenmalerei. Schuld hieran ist aber, meine ich, an vielen Stellen die Übersetzung. Ich kann natürlich auch kein Griechisch. Aber die Ausgabe des leider pleite gegangenen Amman-Verlags ist doch zum Glück zweisprachig. Ein wenig vergleichen lässt sich mit rudimentären Kenntnissen daher schon.

 

Konstantinos Kavafis Imitation




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