Kolberger Wasser · augustine · Kurzgeschichten

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     augustine



Kolberger Wasser

   07.09.2013, 13:40 / 3 x geändert



KOLBERGER WASSER

Im frühen Sommer 1944 ist ein Großstadtkind aus Berlin mit seiner Mutter in Kolberg in Hinterpommern an der Ostsee gewesen. Seine Erinnerung ist deutlich, wenn auch nur in einem Punkt und obwohl es eine der frühesten überhaupt ist.

Wieso aber so etwas Ziviles wie ein paar Tage Urlaub mitten im Krieg oder eher: als ein Kriegsende absehbar war für die, die Gedanken daran zuließen, und ein Kriegsende nicht zu deutschen Bedingungen? Schon im Januar 1943 in Casablanca hatten die Alliierten die Forderung nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands erhoben. - Welche Voraussetzungen kann solch ein Urlaub gegen die Zeit gehabt gehabt haben?
Die Mutter war seit Weihnachten 1943 evakuiert mit ihrem Kind in Belgard in Pommern bei einem Bruder ihrer Schwiegermutter. Von da ist war es mit der Bahn eine Stunde zu fahren ans Meer, nicht weit. (Alle diese Fahrpläne sind online.) Anlass kann gut ein Soldatenurlaub des Vaters gewesen sein. Solche Soldatenurlaube wurden oft sehr kurzfristig gewährt (oft auch ebenso kurzfristig zurückgenommen), so dass Planung schwierig war. In der Wohnung seines Onkels war es jedenfalls für noch eine weitere Person zu eng, das ist überliefert. Da wird die Idee mit Kolberg entstanden sein, ein paar Tage außerhalb des erdrückenden Alltags. Für den August lese ich, dass man Urlauber, zivile Urlauber, aus Kolberg nach Hause geschickt hat, um (damals schon!) Flüchtlinge aus Nordostpreußen und noch weiter nördlich unterzubringen. Im Mai hat es demnach noch eine Art Badebetrieb gegeben. Und im Mai müssen diese Ostseeferientage gewesen sein, denn am 22. Mai wurde der Vater des Kindes bei dem bis dahin schwersten Angriff auf Kiel an Bord seines Schiffes im Hafen schwer verletzt und ist knapp gerettet worden.
Also ein Zimmer wird man gefunden haben, vielleicht hat der Belgarder Onkel da Möglichkeiten gehabt. Dem Nichtschwimmervater kann es nicht um die See gegangen sein. Ob die Mutter schwimmen konnte, weiß das Kind nicht; eher nicht. Das Seebad war wohl die einzige Möglichkeit, ein Zimmer zu ergattern, mit Vater.
Der NS-Durchhaltefilm Kolberg war noch nicht fertig. Er wurde erst am 30. Januar (!) 1945 gezeigt, nicht in Kolberg. Zu dieser Zeit stauten sich dort die Flüchtlingsströme. Trotzdem wurde es, wie Breslau, im März noch zur Festung erklärt.

Dann also Tage am Wasser. Ja, es müssen mehrere gewesen sein, weil das ein Teil der Erinnerung ist. Dazu gesellt die Tochter das deutsche Strandmöbel schlechthin, den Strandkorb. Der Vater, falls er in Kolberg war, hasste ihn vermutlich, weil man darin zwar hätte lesen können, aber gerade das nicht möglich war, wenn man seine Familie besuchte. Ob er wohl mit der Vierjährigen am Strand gebuddelt, mit ihr Ball gespielt hat, mit ihr ans und ins Wasser gegangen ist? Oder, falls er nicht da war, ob es die Mutter getan hat? Die kann die Erwachsene sich im Strandkorb gut vorstellen, eine Zeitschrift lesend (Berliner Illustrirte Zeitung oder Die Koralle; von der letzteren war auch nach dem Krieg gelegentlich die Rede) oder strickend; sich erinnernd an die Strandurlaube ihrer (langen) Junggesellinnenzeit in Timmendorfer Strand oder Travemünde, immer nur Ostsee. Stricken und irgendwie noch auf eine Vierjährige aufpassen oder vielleicht sogar mit ihr spielen, so könnte das gewesen sein.

Die Kleine hatte da am Strand etwas entdeckt, was sie nicht vergessen hat. Eine große Pfütze war es, badewannenbreit und badewannenlang ungefähr und badewannenwarm auch noch, wie für sie gemacht, also in Kindermaßen. Auch ihrer stets überbesorgten Mutter muss es nicht gefährlich erschienen sein, wenn sie sich da aalte. Nicht unbegrenzt lange sicherlich, aber vielleicht immer wieder an diesem ersten Tag.
Und am nächsten Tag wieder! Hoffte das Kind, wagte es aber wohl eigentlich nicht zu glauben. Denn das Ostseewasser in der Badewanne konnte doch dann einfach weg sein, sein „Kinderwasser“, das es in Besitz genommen hatte. Oder ein anderes Kind konnte es besetzt haben, ehe es selbst am Strand war. Aber das Wasser war an keinem dieser Ostseetage verschwunden, und es war auch kein anderes Kind darin! Was für ein Wunder, was für ein Glück!
Nur daran konnte sich das Kind immer erinnern, nicht an einen vielleicht anwesenden Vater, auch nicht an das große Wasser, die Ostsee. Denn dass niemand mit ihm dorthin gegangen ist, das kann doch nicht so gewesen sein, und auch nicht, dass niemand dem Großstadtkind gezeigt hat, wie das Wasser sich mit dem Himmel berührte. Aber über dem Glück seines Kinderwassers hat es das wohl vergessen.
Nicht nur über dem Glück. Denn es geschah auch, dass irgendein eiliger Mensch – das Kind hat immer gemeint, es sei ein Mann gewesen – für eine Sekunde einen Schatten auf die Badewanne und auf das Kind darin geworfen hat, nichts weiter. Und das war die erste Kränkung meines Lebens, von der ich noch weiß. Der da über mich geschritten war, hat mich nicht berührt, jedenfalls nicht direkt. Aber mit seinem Schatten hat er es doch getan. Er hat die Vollkommenheit eines Kinderglücks gestört und das Kind zum erstenmal gelehrt, dass kein Glück je bleibt.
Um zu lernen, dass auch keine Traurigkeit so schrecklich bleibt, wie sie anfangs war, dafür musste ich erwachsen werden.


AugenblickeBlickwinkel 22

augustine

 

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