Charles Wurzel · augustine · Briefe

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     augustine



Charles Wurzel

   05.08.2013, 16:50 / 2 x geändert



CHARLES WURZEL

Dass in meinem Kindheitshaus eine jüdische Familie gewohnt hatte, die nach Amerika ausgewandert war, das wusste ich wohl ziemlich früh. Aber dass sie tatsächlich viel später einmal zu Besuch nach Deutschland gekommen war, das erfuhr ich erst als Studentin und als ich in dem Haus nicht mehr wohnte. Wie alle Nachrichten aus der Vergangenheit in meiner Familie erfuhr ich es so nebenbei. Und als ich fragte, wann denn die Familie ausgewandert war und ob sich in der Pogromnacht der Pöbel am Ladengeschäft von Karl Wurzel vergriffen habe, bekam ich die typisch Zinkesche Antwort: „Ach, lass doch, es ist ja schon so lange her.“
Ich wusste also mal wieder nichts Genaues. Deshalb stellte ich mir Karl Wurzel, den Vertriebenen und Wiedergekommenen, als einen irgendwie sehr Besonderen vor.

Dann fand ich im wenig umfangreichen Nachlass meiner Tante den kleinen Briefwechsel mit ihm.
Im April 1959, fast 20 Jahre, nachdem er Hitlerdeutschland hatte verlassen müssen und noch können, schrieb Charles Wurzel aus New York an seine alte Berliner Adresse. Er schickte seinen früheren Hausverwalterinnen und Nachbarinnen, Helene und Hildegard Zinke, die inzwischen in Westberlin wohnten, einen Gruß, der sie auf Umwegen erreichte. Noch stand ja die Mauer nicht. Mit diesem Gruß zuerst, dann mit mit einem Brief erfüllte er ein Versprechen, dass er beim Abschied gegeben hatte, dass er „sich bestimmt melden“ würde. Erstaunlich, dass der ausgewiesene Jude ein solches Versprechen ausgesprochen hat, noch erstaunlicher, dass er es gehalten hat, wenn auch nach 20 Jahren erst. Dass er die alte Adresse, die ja auch seine gewesen war, nicht mehr wusste, glaube ich nicht. Vielleicht hat er all die Jahre gebraucht, den inneren Abstand von Deutschland anwachsen zu lassen. Ausgesprochen, d.h. geschrieben wurde das aber nicht.

Die Mitteilungen, die Karl Wurzel machte, längst schon Charles Wurzel, der Kürschnermeister nun in „New Jork, 688 Manhatten Street, Brooklyn NJ 22/USA“, sind nur im ersten Brief neu. Der summiert sehr lapidar 20 Jahre Leben. Geschrieben hat übrigens nach dieser ersten Nachricht immer seine Frau. Den Vornamen von „Mrs Wurzel“ erfuhr man aber nicht. Ihre Rechtschreibung ist weder deutsch noch englisch sicher, die Schriftform so, als hätte sie eine angelsächsische Schreibvorlage gehabt. Ja, wahrscheinlich stimmt das, denn vermutlich hatten beide in Deutschland noch 'deutsche' Schrift geschrieben und mussten nun fürs Englische lateinische Buchstaben lernen.
Die Mitteilungen, die Hildegard Zinke namens ihrer Mutter macht, sind so oberflächlich wie alles, was ich von ihr gehört und gelesen habe (aufbewahrte Schreibmaschinendurchschläge der weggeschickten Briefe). Aber ich stelle mir vor, dass ein Brief wie ihr erster auch typisch ist für den Rückblick der meisten Deutschen auf Krieg und unmittelbare Nachkriegszeit:

Es waren „schwere Zeiten“, die hinter den Entkommenen liegen, will sie sagen. (Das 'Ihnen' fehlt. Man kann das deuten: hinter uns, den gebliebenen Deutschen, liegen aber natürlich auch schwere Zeiten. Nach den Ursachen dafür, seit 1933 und noch früher, wurde nicht gefragt.) - Seine, Wurzels, Kinder seien inzwischen „wohl“ erwachsen und hätten einen Beruf. (Nach 20 Jahren werden sie wohl erwachsen gewesen sein). - Die Zinkeschen Wohnungen (Mutter und Tochter, Sohn und Familie) sind nicht zerstört worden, auch das ganze Haus nicht, wo ehemals Karl Wurzel sein Geschäft hatte. Aber viel Zinkesche Wäsche und Kleidung, ausgelagert gewesen nach Pommern, das noch Ende 1944 als 'sicher' galt, sind dort verlorengegangen. (Bedachte die Schreiberin nicht, dass der „Nicht-Arier“ Wurzel gezwungen war, vor Nazi-Verfolgung Deutschland zu verlassen mit doch mutmaßlich sehr Wenigem, dass ihm das Zurücklassen auch von Kleidung kaum sehr wichtig gewesen sein dürfte, dass er in seiner Heimat entwurzelt worden war? Für den kleinen Kalauer bitte ich um Vergebung.) - Der Sohn sei aus dem Krieg „gesund“ zurückgekehrt, schreibt seine Schwester für ihre Mutter. Das stimmt nicht, er ist schwer verwundet worden. Aber schriebe sie davon, das scheint sie empfunden zu haben, hätte sie mehr schreiben müssen, als sie einem doch eigentlich Fremden zumuten konnte; und sich. Hier wäre etwas existentiell Wichtiges mitzuteilen gewesen, und das vermochte sie nicht. - Der zurückliegende Krieg, das sind für Hildegard Zinke im Schreiben eben schwere Zeiten, aber sie ist froh, „das alles“ „noch verhältnismäßig gut überstanden zu haben“ und möchte nun ihrerseits gern hören, wie es den Wurzels „in den schweren Jahren“ ergangen ist.
Es ist ja leider wahrscheinlich, dass im Novemberpogrom Karl Wurzels Laden zerstört und beraubt worden ist. Kein Wort der Erinnerung dazu, von ihr nicht, von ihm nicht.

Denn auch Charles Wurzel und seine Frau sind keine Menschen des Wortes.
Den einzigen längeren Brief aus New York, das ist der erste, schreibe ich ab in seiner Mischung aus deutsch und englisch, etwas gekürzt:

„April 9, 1959

Liebe Familie Zinke!

Wir konnten ihnen nicht beshreiben, die freude von Ihnen zu horen. Es freut uns dahs Sie alle gesund und muntter sind, und alles in Ordnung ist.
[…]
Unsere reise nach America war nicht so leicht. Wenn wir haben uns verabschiedet von Ihnen lb Frau Zinke 3 Tage spater sind wir weg gefahren.
Die Bremen ist schon nicht gefahren, wir haben gemust umtauschen die Schiftkarten vor ein Englishe Shiff.
Zwei Tage waren wier auf dem schif ist der Krieg ausgebrochen, und das Englishe Shiff (Athenia) an dem wir waren ist expoldirt geworen, and am lifeboat sind wier geretted geworen, and gebrach gewored zu England.
Wir waren luky der Ocean war nicht zu sturmich. 500 Menschen sind untergegangen von 2000.
Wir haben an dem Schiff sehr viel verloren, Wertsachen Geld Papers and nicht einen Penny bis heute fur den schaden bekommen, Wenn wir nach America sind gekommen, es hat nicht 8 Tagen genommen, wir haben genommen einen Store mit Rooms in die bak and angefangen ein neues Leben.
Wir haben gearbeitet schwer, and erworben eine festen feinen Kundenkreis. Wir arbeiten die Sachen selbst, and geben die beste Ware, and nicht zu teuer.
[…]
Wir haben in America noch 2 Sohne and 1 Tochter bekommen. Alle gehen zur school.
[…]
In die heisen 2-3 monate sind wir in die Berge.
[…]

Wir verbleiben mit beste Grussen and Kussen von uns allen
Fam. Wurzel“


Ein Foto lag diesem Brief bei: Charles Wurzel und seine Frau, beide amerikanisch wohlstandsgerundet, auf Campingstühlen, zwei erwachsene Kinder, zwei kleine; deutlich ins Bild gesetzt ein Straßenkreuzer.
Die Mitteilungen wie in diesem Brief wiederholen sich von da an meistens in Jahresabständen 1959 bis 1970; jedenfalls sind diese Karten und kurzen Briefe aus Amerika zu Weihnachten und Neujahr aufgehoben worden, anfangs mit englischem, später mit deutschem vorgedrucktem Text, wechselseitige Wünsche fürs Wohlergehen, ohne dass auch nur ein wenig nachgefragt oder Genaueres genannt wird. Nur das jeweilige Alter der Kinder und ihr Ausbildungsstand (ein noch in Deutschland geborener Sohn, zwei weitere und eine Tochter, die in Amerika geboren wurden) und dann das Alter auch der Enkel wird genannt. So war das damals: nachfragen galt als indezent, Kinder wurden entsprechend erzogen. „Hier bei uns ist alles daß selbe. In the Bissenes hat man imer zu tun und so läuft herunter die Jahren. Nur im Sommer arbeite ich nicht und bin mit die Fam in the Berge dorten ist es nicht so heiß wie in die Stadt.“
Dies Wiederholen des Immergleichen ist auf der Berliner Seite nicht anders. Das wird dann gern beendet mit Sätzen wie „Daran sieht man am besten, dass man älter wird – aber das ist der Lauf der Welt.“

Ob die jüdische Familie Wurzel irgendwann eine christliche Konfession angenommen hat, erfährt man nicht. Hätte sie es noch in Berlin getan, so wusste das die Briefschreiberin Hildegard Zinke wahrscheinlich, und ausgeschlossen ist es ja nicht. In New York mit seiner großen jüdischen Gemeinschaft bestand kein Anlass mehr dazu. (Es ist schwierig, dazu etwas zu mutmaßen. Eine Konversion aus Überzeugung wäre aber vielleicht selbst in der Sprachlosigkeit dieser Briefe genannt worden. - Die Taufe hat Juden nicht gerettet.) Das Fräulein Zinke schickt Glückwünsche zu Weihnachten an Wurzels, die das ihrerseits zuerst getan haben. The Season's Greetings eben aus New York. Gedankenlosigkeit aus Berlin? Scheu vor der Erinnerung an eine deutsche Vergangenheit, an die man nicht mehr denken wollte?

Mir will scheinen, als könnte sich die Erinnerung an wirkliche Gespräche in dem Wort „Sie philosiphierten“ (so) verstecken, nämlich Erinnerung der Schwester an Gespräche zwischen Karl Wurzel und ihrem Bruder, bevor beide verheiratet waren. 'Philosophieren' war im Sprachgebrauch meiner Tante die hilflose Bezeichnung für anspruchsvollere Gespräche, als sie ihr möglich waren. Daran glaube ich mich sogar zu erinnern, an diesen Wortgebrauch. Hier schreibt sie im selben Zusammenhang, im unmittelbar folgenden Satz, „Alexander Moissi“ verehrten Sie besonders!“ Ja, das tat mein Vater auch, das weiß ich. (Man lese nach über diesen Weltschauspieler.) Es war eine gemeinsame Theaterschwärmerei aus den 20er Jahren, an die die Schreiberin hier erinnert, denn 1969 waren die Wurzels 40 Jahre verheiratet, das schreibt Mrs Wurzel. Aber mit Erstaunen lese ich, dass mein Vater, der Einzelgänger, ein Bild von Moissi herausgesucht hatte und sein graphologisches Gedicht über ihn und dass seine Schwester beides nach Amerika geschickt hat. Die Erinnerung an den Schauspieler Moissi (der kein Jude war, wie oft gemeint worden ist) war harmlos genug, sie zuzulassen. Eine Erinnerung an die Pogromnacht wäre es nicht gewesen.

Die beiden letzten Briefe dieses Austauschs sind von 1970, vom Januar und Dezember. Der zweite erinnert sich an den Besuch, tatsächlich: den Besuch von Charles Wurzel mit einer seiner Töchter in Berlin bei Mutter und Tochter Zinke! Lebte seine Frau damals schon nicht mehr, die doch sonst immer schrieb und ihre Schwester in Amsterdam hatte besuchen wollen?
Dann kam ein paar Jahre später noch ein 10-Dollar-Schein zur Geburt meiner Tochter. Der Austausch von Weihnachts- und Neujahrsgrüßen muss also noch weitergegangen sein. Zum 90. Geburtstag meiner Großmutter war schon einmal einer gekommen. Die Geste hat mich gerührt. Aber ich wusste nicht, was mit dem Schein anfangen. Im Rahmen an die Wand hängen als Erinnerung an einen vertriebenen Juden? Aber das Geschenk galt ja nicht mir. Ich habe den Schein getauscht und meiner kleinen Tochter etwas für den Gegenwert gekauft.

Solange ich geglaubt habe, Charles Wurzel müsse jemand ganz Besonderer gewesen sein, habe ich noch etwas mit ihm in Verbindung gebracht, meinen geerbten Brockhaus in 10 Bänden von 1819/20. Ich meinte als heranwachsendes Kind, entweder habe mein Vater ihm den abgekauft, bevor er fortging, oder er habe ihn sozusagen in Verwahrung genommen für eine Zeit nach... (Nach was? Einem Krieg, den man sich am Anfang als Reihe von Blitzsiegen mit nachfolgender deutscher Hegemonie über Europa vorstellte „und morgen die ganze Welt“? Ein Jude konnte damals doch nicht mit seiner Rückkehr in ein solches Deutschland rechnen.)
Den Brockhaus wird mein Vater von jemand anderem gekauft haben. (Ein schon ihm zugekommenes Familienerbstück kann er nicht sein.) Ich muss ihn ja nicht mit Charles Wurzel in eine Beziehung bringen. Und besonders ist es ja doch, dass der in Deutschland Verfolgte nach vielen Jahren wieder Kontakt zu seinen ehemaligen deutschen Nachbarn gesucht hat.

augustine

 

Charles Wurzel




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