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     toltec-head



Sibylle Lewitscharoff

   10.06.2013, 09:29 / 4 x geändert



Um von einem "neuen Biedermeier" zu sprechen, reicht es nicht aus, Texte aus Internetliteraturforen durchzugehen. Der Geschmack der allermeisten Menschen zu den allermeisten Zeiten war immer biedermeierlich und wird es immer bleiben. Um von einem Zug der Zeit zu sprechen, muss man auf das Kulturestablishment schauen. Und siehe da, die frisch gekürte Büchner-Preisträgerin Frau Sibylle Lewitscharoff fällt unter genau die Kategorie, die wir meinen.

Ein paar Jahre zuvor hatte Frau Lewitscharoff bereits den Kleist-Preis erhalten und anlässlich der Preisverleihung eine viel beachtete Rede gehalten, die das Gemeinte gut zu illustrieren vermag. In ihrer Rede sagte sie, mit Heinrich von Kleist eigentlich gar nichts anfangen zu können, weil ihr sein Werk zu radikal, haßerfüllt und negativ vorkomme. Zitat: "Ein Tohuwabohu aus Gut und Böse anzurichten, ohne mehr den mindesten Begriff davon zu haben, daß das Böse mit Macht die Wurzel des Seins zerstört und darum auch in einem poetischen Text ein Minimum an Widerstand dagegen aufgeboten werden muß, ist nicht unbedingt das, was ich in der Literatur suche und was mich begeistern könnte."

Hier wird formuliert, was das "Neue Biedermeier" in nuce ausmacht: Dem Tohuwabohu aus Gut und Böse der Welt ein Minimum von Widerstand oder Moral entgegenhalten. Oder mit anderen Worten: Kurzschluss an Gauck und alle anderen Menschen guten Willens. Adé ihr Blumen des Bösen, adé ihr Tagebücher von Strichern und Dieben, adé das, was das beste der Literatur der letzten zweihundert Jahre ausgemacht hat, nämlich Transgression. Willkommen im neuen Biedermeier! Als Symbol dieses neuen Biedermeiers steht im Werk von Frau Lewitscharoff ein Löwe, der einem stubenhockenden BRD-Philosophen erscheint. Betulich, bildungsbürgerlich und bettvorlägrig: so geht es zu in der schönen neuen Welt "poetischer Texte mit einem Minimum an Widerstand gegen das Tohuwabohu der Welt aus Gut und Böse"

Zurück aber zur Kleist-Rede der Frau. Überhaupt nicht begeistert zeigte sie sich darin vom Aussehen Kleists, von seinen "weichen, etwas verschwebten Zügen" und seiner "dezenten Dicklichkeit". Und dann fällt der überraschende Satz: "Hätte Kleist den muskulären, festen, männlichen Körper seines geliebten Freundes Ernst von Pfuel als eigenen besessen, hätte er gewiß anders gedacht und anders geschrieben, womöglich überhaupt nicht geschrieben."

Wie bitte?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kleist als junger Kadett Opfer einer Art Gruppenvergewaltigung im Offizierkorps wurde, ein traumatisches Ereignis, das für seine doch Recht verqueren und gar nicht biedermeierlichen Vorstellungen von Gewalt und Sexualität Pate stand. Ganz hässlich wird er also als junger Mann nicht gewesen sein. Und in Anbetracht der schlechten Ernährungsgewohnheiten im 19. Jahrhundert wird man ihm seinen späteren Schmerbauch wohl kaum vorwerfen können. Dass ein ähnliches traumatisches Ereignis Auslöser des literarischen Werks Frau Lewitscharoff war, ist zu bezweifeln. Vielleicht eher ein gegenteiliges Phänomen.

Schauen wir uns doch nur mal ein Foto der diesjährigen Büchner-Preisträgerin an:

http://www.google.de/imgres?q=sybille+le...29,r:1,s:0,i:87

An der Schminke wird´s, Kleist war 16, nicht gelegen haben.

Die Reduktion auf den Körper ist bei einem echten Künstler, wie es Kleist einer war, durchaus unzulässig. Aber die Art und Weise wie sich jemand putzt ist doch immer hochbedeutsam. Denn Kunst ist ja nur eine höhere Form des Putzes.

 

     Pega Mund



Am Rande notiert

   11.06.2013, 07:06



Achherrje. Nun hab ich mir mehr Bilder angeguggt von dieser Sibylle Lewitscharoff.
Und wenn ich zum Beispiel das -> da so in Betrachtung versunken auf mich wirken lasse, und wenn es dann nach dem geht, was sie über Kleists Aussehen gesagt hat oder gesagt haben soll, dann könnte sie direkt Kleist selbst sein mit ihren "weichen, etwas verschwebten Zügen" und der "dezenten Dicklichkeit". Aber eigentlich sollte ich still sein und hier gar nichts sagen, weil ich nämlich keines von Sibylle Lewitscharoffs Büchern gelesen hab und sie also gar nicht kenne und es sollten sich besser Berufene äußern zum Thema statt meiner. Oder sagt man statt mir? Oder statt ich? --- Ach - - - °°^^ XD
. . .Gretchengrüße. . .-> Go West

 

     toltec-head²



Literarisches Biedermeier II

   08.11.2013, 10:28 / 1 x geändert



Während wir immer noch vergebens auf das Erscheinen eines deutschen Houellebecq warten, hat in der Zwischenzeit Frau Lewitscharoff eine weitere ihrer gefürchteten Preisverleihungsreden gehalten. Nachdem sie bereits anlässlich der Verleihung des Kleist-Preises bekannte, mit dem Werk dieses Autors, der regelmäßig ein Tohuwabohu aus Gut und Böse anrichte, eigentlich wenig anfangen zu können, wendet sie sich nunmehr dem Werke Büchners und dem von ihr so bezeichnetem "massiv Gestörtem" Charakter Büchners Lenz zu.

Zitat: "Literarische Bearbeitungen, auch Georg Büchners Text, sie sind natürlich leichter zu verkosten als Begegnungen mit Wahnsinnigen im wirklichen Leben."

Na, da kann Büchner bzw. sein Text ja zum Glück noch einmal aufatmen. Bang fragt man sich aber, wie wohl eine Begegnung der diesjährigen Büchner-Preisträgerin mit dem richtigen Büchner in dem von ihr sogenannten "wirklichen" Leben ausgegangen wäre. Das "wirkliche" Leben liegt der neuen deutschen Großautorin dabei so sehr am Herzen, dass sie es ein paar Zeilen später noch einmal zitiert und bekennt:

"Wo immer es geht - im wirklichen Leben mache ich einen Riesenbogen um die massiv Gestörten, aber in der Literatur hege und pflege ich sie auf bekömmliche Weise. Als Papiergeschöpfe hocken sie nicht vor mir, da belästigen sie mich nicht, da hinterlassen ihre Körper keinen Unflat."

Wir verstehen: das wirklich Leben ist natürlich etwas vollkommen anderes als die Literatur, in der Literatur darf es gerne mal auch ein bisschen verrückt und drollig zugehen, im wirklich Leben hat man es dann aber doch lieber mit Wurstfabrikanten zu tun. Schizophrenie als Gesellschaftsstruktur, Marietta Slomka als wahnsinnig gewordene Realität, wen interessiert das? Wir leben schließlich im neuen literarischen Biedermeier.

Und ach ja, die Körper und ihr Unflat. Wäre doch schön, wenn auch im wirklichen Leben alles so schön sauber und geruchsfrei wie in der Werken unserer deutschen Großautorin zuginge. Aber sehr leider zeigt sich:

"Die moderne Gesellschaft gebiert pausenlos neue Formen der geistigen Wirrnis, die sich meist um das Rätsel des Geschlechtlichen ranken und die sehr viel unsympathischer sind, als die sympathischen und bewundernswerten Verrückten der Literatur."

Wir sehen Herrn Houellebecq im Auditorium der Preisverleihung zu dieser schonungslosen Bestandsaufnahme der modernen Gesellschaft und ihren Swinger Clubs andächtig nicken.


Ganze Rede hier:

http://www.deutscheakademie.de/druckvers...witscharoff.pdf

 

     Gretchen Darloni



Der Vollständigkeit halber ...

   16.03.2014, 11:17



Frau Sibylle -> predigt: gegen Halbwesen, Homosexualität, Onanie & Co ... na ja, die Welle ebbt (wie alle Wellen) mählich ab, die Wogen der allgemeinen Empörung glätten sich bereits; bald schon wird das Feuilleton eine andere Sau durchs Dorf treiben.
Gretchen grüßt -> 13 Thesen Heimat

 

     toltec-head²



Besuch der alten Dame in Dresden

   19.03.2014, 11:25



The Best lack all conviction, while the worst
Are full of passionate intensity.
-W.B. Yeats

Sibylle Lewitscharoff hat in Dresden eine Rede über "Geburt und Tod" gehalten. Klar, dass sie über diese Dinge voller Überzeugungen ist, die sie mit einer passionierten Intensität in dem ihr eigenen Sprachstil, bei dem das R nur so rollt, vorzutragen weiß. Ein „Onanieverbot“ erscheint ihr „weise“. Wenn Sperma zur künstlichen Befruchtung eingesetzt wird, ist ihr das „nicht nur suspekt“, ihr erscheint es „absolut widerwärtig“. Aus dem Vorgang, „auf künstlichen Wegen eine Schwangerschaft zustande zu bringen“, resultiert für sie „der eigentliche Horror“: „Es geht dabei sehr rein und fein und vernünftig zu. Der Vorgang selbst ist darum nichts weniger als abscheulich.“ Die Fälle, „in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder […] ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern“, erscheint ihr „grotesk“. Für Kinder, die durch künstliche Befruchtung entstanden sind, hat Sibylle Lewitscharoff nur Abscheu übrig. Sie sagt, dass ihr „das gegenwärtige Fortpflanzungsgemurkse derart widerwärtig erscheint, dass ich sogar geneigt bin, Kinder, die auf solch abartigen Wegen entstanden sind, als Halbwesen anzusehen. Nicht ganz echt sind sie in meinem Augen, sondern zweifelhafte Geschöpfe, halb Mensch, halb künstliches Weißnichtwas.“ „Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“

Der Großschriftsteller ist eine Figur aus dem Fragment gebliebenen Roman von Roman von Robert Musil. Wer ihn gelesen hat, weiß, warum es wünschenswert ist, zu einem Mann ohne Eigenschaften zu werden und warum Großschriftsteller zu sein etwas abscheuliches ist. Das Kunststück besteht nach wie vor darin, durch die arbeitsteilige Gesellschaft hindurch zu flanieren. Der Bio-Blogger im Netz versucht genau dies: er hat irgendeinen beschissenen Bürojob und wenn er abends Nachhause kommt, versucht er ein wenig zu schreiben, nicht um zu dichten, Personen und Handlungen zu erfinden, den Leuten auf 800 Seiten die Welt zu erklären, sondern um ein wenig zu flanieren. Der Großschriftsteller ist hingegen der Wurstfabrikant in Grün. Aber seine Würdelosigkeit geht noch weiter. Weil der Großschriftsteller auf kulturellem Gebiet produziert, dem Reich des sogenannten "Höheren", meint er den Wurstfabrikanten auch noch zu übertreffen und in seiner Freizeit repräsentieren zu dürfen. Der Wurstfabrikant schaut abends statt zu flanieren fern, der Großschriftsteller hält Reden. Als kultureller Spitzensportler im Reich der Ideen, weiß er wo´s lang geht, und so kommt es, dass er gern schon einmal wie unser geschätzter Herr Mosebach voller Inbrunst die Wiedereinführung der Strafbarkeit der Blasphemie fordert. Oder jetzt eben wie Frau Großschriftsteller Lewitscharoff ein Onanieverbot für weise hält.

Bio-Blogger sein heißt zum Halbwesen werden, zu einem zweifelhaften Geschöpf, das zur Arbeit geht, weil es zu faul zur Revolte ist, und schreibt, weil es gerne Schriftsteller wäre, aber auch dazu zu faul. Der Bio-Blogger ist die Inkarnation des Weißnichtwas. Weil er ständig damit beschäftigt ist, sich der Stimme des Vaters zu entziehen, besteht sein ideales Elternpaar aus zwei Lesben. Seine einzige Sorge: statt Doppel-Bitches eine Butch und eine Femme zu bekommen, weil es den beiden doofen Hühner nicht gelingt, ihre internalisierten Eltern zu überwinden. Nein, der Bio-Blogger wünscht keinen Erzeuger und keine Brüterin, es ist sein sehnlichster Wunsch, durch künstliche Insemination zur Welt als Geschenk für zwei wahrhafte Lesben zu kommen oder zumindest auf diesem Wege wiedergeboren zu werden. Niemals will er sich ganz echt zu fühlen. Echt sind immer nur die Wurstfabrikanten und die in Grün. Das Fortpflanzungsgemurcks erscheint ihm zu allen Zeiten eine Übertreibung und nur aus Verlegenheit wird er schwul.

Er ist noch eigenschaftsloser als der Mann ohne Eigenschaften, denn er hat nicht einmal einen Personalnamen, weder Ulrich noch K., sondern er hat, auch um die Spur zu seinem biologischen Erzeuger zu verwischen, nur einen anonymen Nick, bevorzugt in einem nicht-muttersprachlichen Idiom. Über sein Leben lässt sich nicht viel sagen, außer vielleicht dies, dass es wie gute Literatur erhaben, pervers und absurd ist. Wenn er von Kopulationsheimen der Nationalsozialisten liest, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen SS-Männern zu versorgen, denkt er sich, dass dabei bestimmt viele schöne fickbare Ärsche herausspringen. Er zweifelt, ob sich von den Migrationsexperimenten der globalisierten Angestelltenwelt ähnliches sagen lässt.

Von Großschriftstellern wird er, auch ohne weise zu sein, in keinerlei Hinsicht gutes erwarten.

 

Sibylle Lewitscharoff




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