Jolante
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24.10.2006, 15:23 / 5 x geändert
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In dem Café mit der schmalen Steh-Bar sah ich Robert. Ich kannte nur seinen Vornamen. Er näherte sich geräuschlos auf weißen Turnschuhen, wischte sich Regentropfen von der Brille und stellte sich zu mir. Ein großer Wandspiegel zeigte uns nebeneinander, unsere Blicke trafen sich.
"Wie geht es so ?", fragte Robert. Meine Entgegnung schien ihn nicht zu interessieren, denn er redete sofort weiter. Er käme nicht mehr in die Schreibgruppe, weil seine Texte viel zu persönlich seien. "Meine Privatsache", flüsterte er bedeutsam in seine Kaffeetasse, - "Erlebnisse, mit denen ich niemand bloßstellen möchte." - Ich nickte zustimmend. Früher hätte ich gedacht, der hat `ne Macke, aber so leicht darf die freudbewegte Frau es sich ja nicht machen.
Sein Blick hüpfte unruhig auf mir herum. Ich hörte auf zu kauen. Was ging mich dieser Robert an ? Zwei, drei Begegnungen, bei denen er sich stets geheimnisvoll gab, bermerkte, er habe sich eine Wut aus dem Bauch geschrieben, geharnischte Briefe an seinen Zahnarzt formuliert, Unaussprechliches zu Papier gebracht. Er wolle sich schützen, sich nicht von selbstherrlichen Schreiberlingen analysieren lassen.
Ich überlegte kurz, bis es mir wieder einfiel. Stimmt, wir hatten seinerzeit seine eigenwillige Haltung akzeptiert und ihn ermuntert, trotzdem an unseren Treffen teilzunehmen. Doch er kam nie wieder.
Im Spiegel sah ich jetzt, wie er heftig im Kaffee rührte und mich dabei hinter seiner Brille tückisch beobachtete. "Ich muss einen Verleger finden", nuschelte er. "Was ich geschrieben habe, muss gedruckt werden..., unter Pseudonym natürlich. Ihr werdet alle staunen."
Er nahm einen Augenblick die Brille ab und blinzelte mich an. Sein Mund schien mir sensibel, sein Lächeln schüchtern, seine Augen irritierend zu sein. Augen, die ständig die Farbe und den Ausdruck zu wechseln schienen, mal hell und bösartig, dann wieder dunkel und schmerzerfüllt, als habe ihm nicht nur sein Zahnarzt wehgetan.
Nun stellte er die Tasse ab und murmelte "Lebwohl" in den Spiegel. Aus dem Steh-Café schritt er geräuschlos auf weißen Turnschuhen, den Schirm schon halb geöffnet, hinaus in Regen und Wind.
Ich schaute ihm nach und stellte mir vor, wie er sich da draußen in den "Fliegenden Robert" verwandelte, der als fernes Pünktchen mit der Spitze des Regenschirms sein trauriges Geheimnis in die Wolken schreibt.

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augustine
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24.10.2006, 16:38 / 1 x geändert
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Hallo, Jolante - ist der Einfall, es könne sich hier um eine Schlüsselgeschichte handeln, ganz verkehrt?
Gruß von eiliger augustine

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Jolante²
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Hallo, augustine,
ich hab`die Geschichte schon vor ein paar Wochen geschrieben. Sie gerade heute einzustellen, war mir irgendwie ein Bedürfnis.
LG Jolante

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ear
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24.10.2006, 17:31 / 1 x geändert
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Hi, Jolante, dein Beitrag hat mich dazugebracht, dir gleich zu antworten.
Robert, welcher mit regenbespritzter Brille ins Stehcafe kommt und spaeter erneut in den Regen geht, geraeuschlos und auf weissen Turnschuhen (kein Schuhzeug fuer solches Wetter) zeigt uns einen jungen Mann, der ungewoehnlich ist.
Schuechtern, enttaeuscht, fuehlt er sich abgewiesen, verfasst wutentbrannte Briefe an den Zahnarzt, will Eigenes gedruckt sehen, doch nur unter einem Pseudonym. Die Schuechternheit wird unterstrichen von der Brille und der Art, wie er mit dem Spiegel redet.
Der urspruengliche "fliegende Robert" war auch ein ungewoehnlicher Knabe. Er wollte imponieren, wollte bewundert werden. Dort wie in deinem Beitrag bleibt der Schluss offen. Dein "fliegender Robert" koennte "traurige Geheimnisse in die Wolken schreiben", aber er koennte sich anders entwickeln, denn als er die Brille abnimmt, hat er ein "sensibles Laecheln".

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lost
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hallo, Jolante,
soeben in Ruhe gelesen.
dies ist dir gut gelungen. Momentaufnahme einer 'merkwürdigen'
(oder 'bemerkenswerten') Erscheinung.
im Plot passiert nicht viel, eine kurze Szene, ein paar Worte
werden gewechselt. im Untergrund des Textes läuft aber eine
Menge mit: ear hat einiges davon angedeutet. die zentrale Figur
der Geschichte wird einerseits konkret und plastisch, anderer-
seits bleibt vieles offen. das ist Gute an der Geschichte, dieses
Oszillieren. leicht geschriebene, einfach verpackte Vielschichtigkeit.
ausdrucksvolle Details (der Spiegel z.B., die Brille, das Flüstern).
das Motiv vom 'Fliegenden Robert' ist ein Knotenpunkt, der
unterschiedliche Abzweigungen gestattet: ich würde an
deiner Stelle versuchen, den jungen Mann im Auge zu behalten.
du könntest weitere Geschichten schreiben, die ihn wie durch
ein Prisma in Facetten zeigen. ihn, seine Innenwelt, seine
Stationen, sein In-sich-verknotet-sein.
Das 'Durch-den-Wind-sein' eben.
die Wendung am Schluss ist wirkungsvoll. ich täte ein Weiteres,
indem ich das letzte Wort "schrieb" ins Präsens brächte:
"schreibt". Dadurch wäre die Öffnung am Ende bedeutsamer
(meine Meinung, mußt du nicht nehmen ... ) -
ein Fingerzeig in die Ferne für den Leser:
"Schau, da ist noch mehr."
lost.

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Jolante²
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Hallo, ear + lost,
Dankeschön für eure Kommentare zu meinem Fliegenden Robert. Ihr habt die kleine Geschichte gut ausgeleuchtet. Weitere Kommentare sind nicht gekommen, so dass ich annehme, dass doch einiges an Substanz und/oder Originalität fehlt. Vielleicht kann ich die Figur weiter entwickeln, vielleicht fällt mir ja auch was ganz Neues ein, Schreibanlässe gibt es immer.
@ lost: das letzte Wort "schrieb" habe ich deiner Anregung folgend ins Präsens gebracht, das ist wirklich besser.
LG Jolante

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Das Wiesel
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29.10.2006, 13:56 / 1 x geändert
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Hallo Jolante,
ich würde an der Geschichte nicht weiter schreiben, es würde ihr doch nur die Flüchtigkeit nehmen die ich an ihr so bewundert habe.
Ein kurzes Treffen zwischen zwei nur marginal Bekannten, besser gehts nicht. Das offene Ende, perfekt.
Mein Wunsch: Unbedingt so stehen lassen.

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Jolante²
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Hallo, Wiesel,
dein flinkes Hereinhüpfen hat mich überrascht, sei herzlich willkommen ! Ja, ich bin nach einigem Nachdenken auch davon abgekommen, die Figur weiter zu entwickeln. Den Fliegenden Robert gabs nur einmal, ich kann ihn wohl nicht wieder einfangen. Ganz lieben Dank für deinen Kommentar.
Auf ein Wiedersehen im Forum
freut sich Jolante

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Elise
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Hallo, Jolante,
deine Geschichte gefällt auch mir, und schau, ich möchte dir gerne noch etwas zeigen:
Der Fliegende Robert
Eskapismus, ruft ihr mir zu,
vorwurfsvoll.
Was denn sonst, antworte ich,
bei diesem Sauwetter! –,
spanne den Regenschirm auf
und erhebe mich in die Lüfte.
Von euch aus gesehen,
werde ich immer kleiner und kleiner,
bis ich verschwunden bin.
Ich hinterlasse nichts weiter
als eine Legende,
mit der ihr Neidhammel,
wenn es draußen stürmt,
euern Kindern in den Ohren liegt,
damit sie euch nicht davonfliegen.
(Hans Magnus Enzensberger, 1980)
Robert wäre also der Prototyp eines Eskapisten, denn Literatur zu schreiben und zu lesen ist eine hoch entwickelte Form des Eskapismus: in einen Roman hineingehen wie in ein fremdes Land.
Ein anderer ganz berühmter Eskapist: Don Quijote.
Hier im Forum steht ein Gedicht "Pussy Galore kreist über Fort Knox", bei den Liebesgedichten sogar (versuch III, die zweite ...) - und ich behaupte, Pussy Galore ist auch eine Eskapistin. Immerhin schreibt sie mit ihrem Flugzeug Lettern auf meerblaue Luft und scheint nicht abzubringen von ihrem Vorhaben, das Gold in Fort Knox zu finden ...
Ein anderer Eskapist wäre möglicherweise der "Narr von Lemberg" in Stahlkochers Kurzgeschichte.
Eben stelle ich mir ansatzweise vor, was passieren könnte, wenn Pussy Galore und dein Robert zusammenträfen, Jolante - aber ich schreibe ja nicht skurril: diese Geschichte müßte jemand anderes erzählen.
Viele Grüße von
Elise.

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arisia (Gast)
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hi, Jolante,
ich bin noch gar nicht dazu gekommen, mich zu deinem Text zu äußern. :)
So viel ist schon gesagt worden.
Ich finde es gut, daß du das letzte Wort von "schrieb" zu "schreibt" verändert hast.
Und ich finde auch wie "das Wiesel", daß die Geschichte so stehen bleiben soll,
wie sie jetzt ist.
Die Figur des Robert kommt sehr gut zum Tragen, ensteht vor den Augen, und mir
scheint es, als könnte ich zugucken, wie sie mit dem Schirm davonfliegt.
Macht nachdenklich und dennoch schmunzeln, dein Geschichte
liebe Grüße
arisia

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Jolante²
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01.11.2006, 12:09 / 1 x geändert
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Hallo elise, hi arisia,
auch euch lieben Dank für eure Beiträge. Das Enzensberger-Gedicht kannte ich nicht, elise, um so mehr freue ich mich, es jetzt kennen gelernt zu haben. Ein pfiffiger Einfall ist es auch, Robert mit Pussy Galore zusammenzubringen. Aber ich fürchte, sie würden sich nicht vertragen da oben, EskapistInnen sind halt meistens "Einzelflieger", manchmal auch Überflieger. Du hast interessante Gedanken zu diesem Thema beigesteuert, elise, die mich zu einem Quickie angeregt haben, das ich heute neu eingestellt habe.
@ alle:
Wo seid ihr den alle, ihr EskapistInnen ? Es ist so verdächtig ruhig im Forum, keine Lust auf Alltagsflucht ? Ich fühl mich ziemlich allein da oben !
Jolante

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Elise
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Oh, Jolante,
das freut mich, dass du meinen Beitrag nicht als Besserwisserei empfindest und sogar zu neuem Schaffen angeregt wurdest dadurch.
Pussy und Robert, ja, das wäre mit Sicherheit komisch, vielleicht auch tragikomisch, wer weiss -
Eskapisten, ja, sind Einzelgänger, Überflieger manchmal wohl auch, aber ich denke, sie fühlen sich subjektiv eher nicht einsam, in ihrer Eigenwelt.
Mir fiel noch auf, dass hier in den Forum-Texten das Motiv vom Fliegen immer mal wieder vertreten ist: Teppich, Besen, Flugsalbe, Flugzeug, Cosmic Hippo/Pegasus, gewisse Stäbe usw. ... aber da interpretiere ich gar nicht weiter, ist nur so eine Feststellung.
Mit Grüßen, Elise (zwischen Gräbern ... Allerheiligen).

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StahlKocher
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ho leude,
der fliegende robert ist eines meiner lieblingsgedichte, auch wenn der hoffmansche kontext, in dem es steht vor lauter moral und erhobenem zeigefinger übelkeit erregen könnte. was eigentlich in dem gedicht steckt, ist doch die erzieherische warnung vor dem ausbruch, also irgendwie auch vor der flucht oder wie hier mehrfach erwähnt, dem eskapismus.
ich habe den robert immer anders gesehen. er scheißt auf die warnungen und auf die konventionen und letztlich kann doch niemand wissen, ob robert nicht am ende der ist, der das ganz große los gezogen hat. gut, seinen hut hat er verloren, vielleicht ist er aber dafür ganz oben und lacht sich kaputt über seine feigen mitmenschen, die weiterhin unten im regen ´rumkrebsen müssen.
ich habe hoffnung für beide roberts. sein ding durchziehen, das rockt! grüßle - sascha

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