Erich Mühsam zum 135. Geburtstag · Pega Mund · Lektüren

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     Pega Mund



Erich Mühsam zum 135. Geburtstag

   05.04.2013, 17:47



Das Nichts

Ich sah durch ein hohes, großes Loch.
Ist Nichts darin? - Doch! scholl es. - Doch!
Und ich suchte und suchte und grub nach dem Nichts. -
Da quoll aus dem Loch eine Garbe Lichts. -
Ich habe das Nichts gefunden, -
Und mir um die Stirn gewunden.



Erich Mühsam: * 06. 04. 1878 in Berlin; † 10. 07. 1934 im KZ Oranienburg

Apothekergehilfe, Kabarettist, Schriftsteller, radikaler Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft, Marxist, Anarchist.
Ab 1902 redigiert Erich Mühsam die anarchichistische Wochenschrift "Der arme Teufel". Nach dem Ersten Weltkrieg setzt er sich in der Novemberrevolution für die Rätedemokratie ein, spricht vor Zehntausenden von Arbeitern und Soldaten, wird 1919 als "literarischer Hochverräter" der Münchener Räterepublik zu fünfzehn Jahren Festungshaft verurteilt, 1924 auf Bewährung entlassen. Im Gegensatz zu vielen anderen Genossen überlebt Erich Mühsam die Niederschlagung der Räterepublik.
Unentwegt warnt Mühsam, um die Einigung aller links gerichteten Kräfte zu einer starken revolutionären Bewegung bemüht, vor dem aufziehenden Faschismus. In der Nacht des Reichstagsbrandes (27. Februar 1933) wird er verhaftet, in der Haft schwer misshandelt. Wie verhasst der Dichter war, zeigt ein Wort des nationalsozialistischen Propagandaministers Joseph Goebbels: "Dieses Judenaas muss krepieren!". Erich Mühsam stirbt in der Nacht vom 09. auf den 10. Juli 1934 an den Folgen der Folter im KZ Oranienburg.
Mühsam saß sein Leben lang immer wieder zwischen den Stühlen. Er war den schreibenden Bohemien in München und Berlin zu anarchistisch, denn er agitierte Arbeiter und Lumpenproletariat und wurde wegen diverser politischer Straftaten verurteilt. Den ernsthaften Anarchisten wiederum war er zu sehr Boheme: Er trank zu viel, vergnügte sich zu sehr und dichtete zu unpolitisch. Auch wurde Mühsam von vielen anarchistischen Freunden verlassen, weil er, um den Aufstieg des Nationalsozialismus zu verhindern, mit den Kommunisten kooperierte. Die Kommunisten hingegen kritisierten ihn sogar noch nach seiner Ermordung im KZ als Kleinbürger, denn er hielt am staatskritischen Individualismus der Anarchisten fest.

Erich Mühsams Tagebücher werden vom -> Verbrecher-Verlag herausgegeben.
Dazu eine Rezension der FAZ -> http://www.faz.net/artikel/S30347/erich-...n-30477468.html

Unter dem Titel "Liebe und Anarchie" senden Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk anlässlich des 135. Geburtstages "Eine lange Nacht über Erich Mühsam". Näheres siehe:
- http://www.dradio.de/dlf/programmtipp/langenacht/2024265/
- http://www.dradio.de/dkultur/vorschau/20130406/

 

     augustine



Erich Mühsam zum 135. Geburtstag

   05.04.2013, 19:53 / 1 x geändert



Dem Erich Mühsam haste ja schon mal was gewidmet, Gretchen,
das hier:

http://www.synekdoche.de/thema1630.htm&hilight=m%FChsam

Vielleicht magste ja mal schreiben, was dich so bewegt an ihm?

Läse gerne

augustine

 

     Pega Mund²



Erich Mühsam zum 135. Geburtstag

   09.04.2013, 07:05



Danke für Deine Frage, augustine, die ich mit mir herum getragen habe.
Nun will ich eine Antwort versuchen.

Es ist so, dass das, was ich bislang über Erich Mühsam erfahren konnte, eine Resonanz weckt in mir, ein Interesse, auch Sympathie. Mag sein, ich idealisiere, lege Projektionen auf ihn, doch das will ich hier nicht weiter erforschen. - Kurz: Der Mensch Erich Mühsam mit seiner Lebensweise und seinem Schicksal berührt mich. Ich zähle einfach mal auf, was mir markant scheint an ihm.

Nolo = Ich will nicht: Das ist ein Pseudonym, unter dem er (auch) veröffentlichte.
Erich Mühsam ist ein Verweigerer: kein Abitur, kein Studienabschluss.

Was zeichnet ihn aus (in meinen Augen)?
Nun: Unbestechlichkeit, moralische Stärke; Unangepasstheit; Un-Verschämtheit (sic) den hergebrachten Konventionen gegenüber; seine Chuzpe, den eigenen Ideen und Idealen zu folgen, sich nicht subordinieren lassen; seine Fähigkeit, sich in ganz unterschiedlichen Lebenswelten oder "Szenen" geschmeidig bewegen zu können.

Mühsam ist radikal, unbekümmert, unbesonnen, zügellos, ungezähmt, wild; er ist sein Leben lang arm; häuft nichts an, hält nichts fest; lebt von der Hand in den Mund, schlägt sich durch; er hat Mut; er ist furchtlos und bleibt es - bis zum Äußersten, bis in den Tod.

Erich Mühsam ist ein leidenschftlicher Kriegsgegner; er wendet sich gegen Philisterhaftes, entlarvt Spießbürgerlichkeit, stellt durch seine Lebensweise die Moralvorstellungen seiner Zeit in Frage, zielt auf die Entwicklung neuer Gesellschafts- und Gemeinschaftsformen. In seinen frühen Jahren sprüht er; zynischer Witz, Satire, subtiler Spott, feine oder auch derbe Ironie, auch Selbstironie ("Von deutschen Dichtern lies am meisten / nur die so viel wie Mühsam meistern.") sind seine Verbündeten; er ist schamlos, schonungslos; schont sich auch selbst nicht; lebt wild, authentisch, gierig. --- Später wird in seinem Schreiben mehr und mehr auch Verbitterung spürbar; der Krieg macht ihn ernst.

Den Zwang, sich für Geld an jemanden verkaufen zu müssen (= Lohnarbeit) und sich für eine fremde Sache, für die Ziele anderer töten lassen zu müssen (= Kriegsdienst), sieht er als die tiefste Demütigung an, die einem Menschen widerfahren kann.

Anarchie ist in seinem Verständnis Freiheit von Zwang, Gewalt, Knechtung, Gesetz, Zentralisation, Staat. Die anarchistische Gesellschaft setzt an deren Stelle: Freiwilligkeit, Verständigung, Übereinkunft, Vertrag, Bündnis, Volk. Das ist seine Vision von Menschlichkeit, von menschenwürdigem Leben.

In einem Gedicht, das er 1919 in bayrischer Haft schreibt, finden sich folgende Verse:

Ich hab's mein Lebtag nicht gelernt,
mich fremdem Zwang zu fügen.
Doch ob sie mich erschlügen:
Sich fügen heißt lügen!


Das ist wohl seine Lebensmaxime. Aber ...

"[...] die Menschen verlangen nach Herrschaft, weil sie in sich selbst keine Beherrschtheit haben. Sie küssen die Talare der Priester und die Stiefel der Fürsten, weil sie keine Selbstachtung haben und ihren Verehrungssinn nach außen produzieren müssen. Sie schreien nach Polizei, weil sie allein sich nicht schützen können gegen die Bestialität ihrer Instinkte. Wo ihr Zusammenleben gemeinsame Entschlüsse verlangt, da lassen sie sich vertreten (die deutsche Sprache ist sehr feinfühlig), weil sie den eigenen Entschlüssen zu trauen nicht den Mut haben."
So schreibt er in: Wir geben nicht auf! Texte und Gedichte, Hg.: Günther Gerstenberg, München 2002.

Er sei, heißt es, im persönlichen Kontakt stets herzlich, integer und unkompliziert gewesen. --- War er "wirklich" so? Vielleicht mache ich mir nur ein Bild von ihm, weil ich das brauche, suche; weil ich selbst manchmal mich so sehen möchte, wie Mühsam beschrieben wird; weil da so Resonanzinseln sind in mir, so verborgene Anarchieareale, wildwüchsig gebliebene Oasen in der Wüste der mir angediehenen Domestikation; geheime Innenwelt-Zonen, die positiv auf Mühsam reagieren ...


. . .Gretchengrüße

. . . . . . . . . . . . -> Shine A Light

 

     augustine



Erich Mühsam zum 135. Geburtstag

   09.04.2013, 15:16 / 2 x geändert



Danke, Gretchen, für die mit dir rumgetragene, lang überlegte Antwort auf meine Frage!
Du wirst dich nicht wundern, dass ich mich von diesem Dichter nie angezogen fühlte, so wie du ihn beschreibst. Ich wiederum kann gut verstehen, dass aber du das warst und bist: von ihm angezogen.
Ich freue mich, freue mich wirklich über diese (darf ich so sagen:?) von Herzen gekommene Antwort.

Kleine, dir sicher bekannte 'Gegengabe', gefunden auf der Seite der Erich-Mühsam-Gesellschaft:

https://www.youtube.com/watch?v=DS3DuuKrCs4


Grüße augustine

 

     Pega Mund²



Erich Mühsam zum 135. Geburtstag

   01.05.2013, 16:01



dankeschön für die schätzenswerte gegengabe, augustine.

und - ja, die antwort kam von herzen, aus meinem einzigen herzen, das zwar viele verschiedene kammern und kämmerchen hat, aber doch immer ein und dasselbe ist und auch bleibt, ganz egal, welchen mantel ich umgeworfen hab, welchen hut auf dem kopf, unter welchem namen ich reise ...


mensch, libkowsky.
danke für die mussick
und für die erinnerungen.


. . . . . . . . . gretchen grüßt

. . . . . . . . . . . . . -> Carpe!

 

     Gretchen Darloni



Todestag

   10.07.2014, 01:49



In der Nacht vom 9. zum 10. Juli 1934 wurde Erich Mühsam
im Konzentrationslager Oranienburg erschlagen.
Zum 80. Todestag: http://www.wdr5.de/sendungen/scala/erichmuehsam102.html
Gretchen grüßt -> A Somber Sonnet

 

Erich Mühsam zum 135. Geburtstag




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