Karaseks Woche · Städter · Themen

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     Städter



Karaseks Woche

   19.10.2012, 13:10



Anfang April veröffentlichte Günter Grass in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Gedicht, in dem er Israel vor einem Krieg gegen den Iran warnte. Die meisten fanden das Gedicht grottenschlecht, die Lage im Nahen Osten hat sich seit dieser Zeit nicht gebessert, im Gegenteil. Und das Gedicht versprach nur in einer Zeile Hoffnung, als der Autor fragte: „Warum sage ich erst jetzt, gealtert und mit letzter Tinte“ … was gesagt werden muss?
Leider war es nicht „die letzte Tinte“, der Autor ist weiterhin lyrisch inkontinent und tröpfelt im freien Vers-Strom vor sich hin. Er hat dem Unsäglichen, das er sagen zu müssen glaubte, einen Gedichtband „Eintagsfliegen“ folgen lassen, in dem er Talkshows bedichtet, empfiehlt, den Bundespräsidenten durch einen Roboter wählen zu lassen (Achtung!Ironie!), und seinen Enkeln laut zuruft, den „Krempel, aus Sklavenarbeit gewonnen“ (er meint Smartphones etc.) einfach wegzuwerfen. Auch von der Liebe, dem Harndrang einst und jetzt und dem Unterschied zwischen
Jungsein und Prostata-Sorgen ist die lyrische Rede, aber wer denkt, das sei besser als die politische Stammtisch-Kannegießerei, merkt schnell: Da kommt Grass vom Regen in die Traufe und liefert auch im Wortgefäß eine Urinprobe.
Hier also das Gedicht, das offenbar ein unverbesserlicher Stehpinkler verzapft hat:

„In jungen Jahren konnte ich / mit strammem Strahl / die Namen der jeweils Geliebten, / selbst längere wie Annerose und Aurora, / in den Schnee pinkeln, sogar / mit zärtlichem Vorwort und Nachwort; / sobald es gegenwärtig schneit, / bin ich dankbar, wenn es gerad noch / zum Bekenntnis für Ute reicht.“

Zur Erläuterung: Ute ist die Grass-Gattin. Man ahnt, dass sie hofft, dass es so bald nicht schneit und dass sie ihm die Bettpfanne unterschieben kann, bevor es zum Äußersten kommt. Das Gedicht speist sich aus zwei Quellen, oder Blasen, wenn man so sagen darf. Einmal aus dem Ausspruch des großen Malers Max Liebermann, der beim Anblick eines Bildes eines Kollegen gemurmelt haben soll: „So wat piss ick Ihnen in den Schnee!“ Nach einer anderen Version soll der großbürgerliche Impressionist, dessen Herz links schlug, gesagt haben, als man ihm vorschlug, den Reichspräsidenten Hindenburg zu malen, dass er den in den Schnee pinkeln könne.
Bei Grass aber wird das zu einer Altherrenzote, die sich erinnert, wie er sich in jungen Jahren seine Register-Arie, von „Annerose bis Aurora“, stramm aus der Blase strunzte, wo er jetzt leider nur noch die letzte Tinte nicht halten kann.


Quelle: Berliner Morgenpost vom 14.10.2012

http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=&e...9eSYOjYxvCPgKHQ

 

     augustine



Karaseks Woche

   19.10.2012, 18:15



Hallo, Städter!
Du hast es ja überhaupt nicht verborgen, dass das ein Text von Karasek ist. Ich hab aber nicht gleich zu vergleichen gesucht, weil ich dachte, DU beziehst dich auf den.
Ich dachte nämlich zuerst, der Text sei von dir. Und ich nehme das nicht zurück.

Gruß augustine

 

     zuppanova



Feine Ironie

   19.10.2012, 20:29



Michael Wuliger, Jüdische Allgemeine:

" ... Wenn wir uns schon beleidigen lassen müssen, dann doch bitte von einem Könner. Grass aber bringt den literarischen Antisemitismus in Verruf.“ - Gut kommentiert & geistreich pariert [-> Link].



. . . . . . . . . . .LG, zuppa

 

     ruelfig



Karaseks Woche

   20.10.2012, 00:27



Hej Städter, danke für die Info. Ich würde mich freuen, würde sich Grass in irgendeinem Lyrikforum anmelden, das wäre ein Feiertag. Lieber aber publiziert der Feigling bei renommierten Verlagen. Doch auch die Pfeife raucht bald nicht mehr.
Hallo zuppanova,
ein Paradebeispiel unaufgeregter Ironie verlinkst du, wahrscheinlich muss man sich Jahrtausende beleidigen lassen, um so schreiben zu können.

 

     Jolante



Karaseks Woche

   20.10.2012, 12:13 / 1 x geändert



Ich habe Günter Grass vor etwa dreißig Jahren bei einem Seminar der Friedrich-Ebert-Stiftung zum Thema "Der demokratische Sozialismus" beobachten können, wie er an seinem Pult saß, völlig in sich versunken, Rotwein schlürfend, pausenlos paffend und, wie mir schien, arrogant über die kleine ausgewählte Teilnehmerrunde hinwegschauend. Was er von sich gab, war nichts anderes als das, was viele Linke und Friedensbewegte sagten in einer Zeit, in der Oskar Lafontaine das Buch "Angst vor den Freunden" schrieb und die Atomwaffen-Strategie der Super-Mächte anprangerte. Obwohl mich Grass keineswegs faszinierte, ging ich später zu seinem Platz, um mir ein Autogramm geben zu lassen. Er kritzelte es in mein Buch, ohne mich dabei eines einzigen Blickes zu würdigen. Das war das letzte Mal, dass ich mir von wemauchimmer ein Autogramm geben ließ. - Jetzt dreht Grass seine letzten Runden und predigt Hass. Er will einfach nicht wahrhaben, dass er nichts mehr zu sagen hat, weder moralisch noch literarisch.

 

     Städter²



Karaseks Woche und Grass

   15.04.2015, 20:09



Hellmuth Karasek, am 13. April 2015 im ZDF, über Günter Grass:

"Er ist der monumentalste deutsche Schriftsteller nach dem Zweiten Weltkrieg"
Ein solcher Schriftsteller dürfe sich auch in die Politik einmischen. "Grass konnte einstecken, er konnte austeilen. Sein literarisches Werk wird es nicht schmälern".

Städter

 

     Jolante



Karaseks Woche und Grass

   16.04.2015, 12:48



Ich habe Karaseks Eloge im ZDF mit Befremden zur Kenntnis genommen. Was kümmert mich mein Geschwätz von vor drei Jahren wird er sich gefragt haben, oder aber er hat es einfach vergessen oder auch gehofft, dass seine Leser es vergessen haben. Ernst nehmen kann man seine Lobhudelei nicht, was übrigens für die meisten "Leichenreden" gilt. Sie sind einfach nur peinlich.

Jolante

 

     Nochsojemand



Karaseks Woche und Grass

   16.04.2015, 23:00



Katz und Maus hatte ich ja noch mit roten Ohren gelesen, die Blechtrommel hielt dann schon nicht mehr recht, was sie stellenweise versprach.

Das beste, was sich über ihn sagen lässt, ist, dass er Peter Rühmkorf gefördert hat, aber ob das wirklich stimmt, weiß ich auch nicht.

Und was den Karasek betrifft, so gibt es ein recht empfehlenswertes Periodikum, welches in nahezu jedem Heft eine Nachhilfe "Deutsch für Karasek" enthält.

 

     gregor libkowsky



Karaseks Woche und Grass

   17.04.2015, 22:47



Zitat:
Katz und Maus hatte ich ja noch mit roten Ohren gelesen, die Blechtrommel hielt dann schon nicht mehr recht, was sie stellenweise versprach.

Na ja, die Blechtrommel ist schon wirklich große Literatur.
Respekt und Danke.

 

     Gretchen Darloni



Karaseks Woche

   21.04.2015, 00:07



Voll grass, dieser Karasek - also: KRASS, voll krass ist das, wenn man die Aussagen/Bewertungen so nebeneinandergestellt sieht.
Danke, Städter, fürs Hinweisen.

Blechtrommel hab ich nicht gelesen, hat sich irgendwie nie ergeben; aber Schlöndorffs -> Verfilmung sah ich jetzt anläßlich des Todes ein zweites Mal und fand/finde den Film sehr beeindruckend und spannend.

Grass, ja, hat dieses -> Israel-Gedicht geschrieben.
Allerdings doch andere auch, starke (imho), früher; dieses zum Beispiel (ganz lang her):

DIE VORZÜGE DER WINDHÜHNER

Weil sie kaum Platz einnehmen
auf ihrer Stange aus Zugluft
und nicht nach meinen zahmen Stühlen picken.
Weil sie die harten Traumrinden nicht verschmähen,
nicht den Buchstaben nachlaufen,
die der Briefträger jeden Morgen vor meiner Tür verliert.

Weil sie stehen bleiben
von der Brust bis zur Fahne
eine duldsame Fläche, ganz klein beschrieben,
keine Feder vergessen, kein Apostroph...
Weil sie die Tür offen lassen,
der Schlüssel die Allegorie bleibt,
die dann und wann kräht.
Weil ihre Eier so leicht sind
und bekömmlich, durchsichtig.
Wer sah diesen Augenblick schon,
da das Gelb genug hat, die Ohren anlegt und verstummt.

Weil diese Stille so weich ist,
das Fleisch am Kinn einer Venus
nähre ich sie. -
Oft bei Ostwind,
wenn die Zwischenwände umblättern,
ein neues Kapitel sich auftut,
lehne ich glücklich am Zaun,
ohne die Hühner zählen zu müssen,-
weil sie zahllos sind und sich ständig vermehren.



Grüße!
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . -> mOOOnd

 

     Nochsojemand



Wie groß ist die Blechtrommel?

   30.04.2015, 09:03



Zweifellos, die Vorzüge der Windhühner sind goße Klasse.

Aber wie groß ist die Blechtrommel?

Anders als im Umgang mit Patienten darf sich ein Sanitätsgefreiter bei dem mit Literatur frei von professionellen Rücksichten fühlen. Und sich somit zu einem Werk äußern, welches er zwar vor langem vollständig gelesen, von dem ihm aber viel weniger Erinnerung geblieben ist als beispielsweise - um in der Nobelpreisklasse zu bleiben - von den großen Romanen Bölls.

Und genau dieser Mangel an Präsenz, Detailhaftigkeit und Leseglückserinnerung an das Werk im Vergleich zu anderen, die ebenfalls weder einer Zweitlektüre noch filmischer Fremdbebilderung ausgesetzt waren, ist der Grund für die vergleichsweise geringere Schätzung und das indizienarme Urteil.

Was aber blieb in der Birne des Sanitätsgefreiten, der es verschmäht, der Erinnerung durch ein paar Klicks und Klacks im Internet aufzuhelfen? Der ranzige Geruch, den gewisse kleinwüchsige Personen beim Verstecken unter Weiberröcken wahrnahmen, ein geschändeter Rücken durch die Lage auf einem Kokosläufer oder Türvorleger während eines GV, und, natürlich, jenes gewaltige, stadtweite Glaszersingen, welch seltsam sperrige Metapher in einem SF- oder Fantasyroman besser aufgehoben wäre.

Auch zum Buttangeln oder zu Ausflügen übers weite Feld konnte er sich nicht entschließen, obwohl beide Bücher bei lieben Freunden vorrätig sind, mit unverrückbaren Lesezeichen im ersten Drittel bzw. noch ganz am Anfang.

 

     Willimox



Grasbeschau

   04.05.2015, 10:11 / 3 x geändert






1. Der "Sanitätsgefreite" und "Erinnerung als Qualitätstest"

Zwei Hauptgedanken in Nochsojemands Schreiben seien hier herausgegriffen und dann ein wenig auskultiert, der Komplex "Sanitätsgefreiter" und "Erinnerung als Qualitätskriterium":

Anders als im Umgang mit Patienten
darf sich
ein Sanitätsgefreiter
bei dem [Umgang] mit Literatur
frei von professionellen Rücksichten fühlen.



Was aber blieb in der Birne des Sanitätsgefreiten, der es verschmäht, der Erinnerung durch ein paar Klicks und Klacks im Internet aufzuhelfen? Der ranzige Geruch, den gewisse kleinwüchsige Personen beim Verstecken unter Weiberröcken wahrnahmen, ein geschändeter Rücken durch die Lage auf einem Kokosläufer oder Türvorleger während eines GV, und, natürlich, jenes gewaltige, stadtweite Glaszersingen, welch seltsam sperrige Metapher in einem SF- oder Fantasyroman besser aufgehoben wäre.

2. Zum "Sanitätsgefreiten"

Nun ja, Nochsojemand,

Du verkürzt
ein wenig (?), sehr (?) ,
ein wenig zu sehr
- und wohl ein bisschen beleidigt und angespannt humorvoll.

Du setzt in deiner Grasswürdigung in einer Art Voreinstellung den Fokus "Sanitätsgefreiter". Eine Anspielung darauf, was hier im Forum dem Texter Nochsojemand widerfahren ist (und was ihm herzlich egal ist). Und dieser nun reagierende Texter verkürzt die kritische Würdigung, die seine Texte erfahren haben, auf das Verdikt "Sanitätsgefreiter Neumann", sprich: Der Texter ist "untere Charge mit zotigen Ambitionen". Verkürzt? Allerdings. Denn es gab da schon eine halbopulente Marge an Würdigung - oberhalb des Parameters "SanGefr Neumann". Man lese etwa an einschlägiger Stelle nach, wenn/wo es durchaus vorsichtig um Oft-Auch-Dann geht (- und Gretchen einen Verriss zelebriert).

http://tinyurl.com/l5gob6r

http://www.synekdoche.de/thema4870.htm

mit seeblick

Oft
schickt der Tod Albträume
ein fauler Apfel von tausend Wespen zerfressen
der Kopf

Auch
schickt das Leben Sexträume
nicht schlecht in frischen jungen Frauen
zu baden für einen alten Mann

Dann
fiel aus einem Buch ein vergilbter Zettel
diese eine Nacht zwischen edlen Möbeln
und der kleine halbrunde Balkon
mit Seeblick

Nochsojemand


Und so - ein wenig beleidigt - mit dem Rang als Sanitätsgefreiter kokettierend - diesen Rang als salvatorische Klausel nutzend -
präsentiert Nochsojemand fern von jeglicher Anamnese seine Grasswertung...... (s. o.)

3. Zum Erinnerungs- und Qualitätstest

Was ist da zu sagen?

Akademisch-Französisch insistieren auf "Der Erinnerungstest ist ein Erinnerungstest ist ein Erinnerungstest"?

Ja, so ein Test vermag schon etwas über Grassens "Blechtrommel" (zu) besagen, aber er besagt über Grassens Blechtrommel eher wenig.

Eher wenig wollte Nochsojemand über Grassens Blechtrommel sagen?

Sollte man ihn fragen, was bei einem solchen Test übrigblieb von Bölls Romanen?

Was überhaupt im Gedächtnis bleibt von einem Drama, einem Film, einem Gedicht?

Was ist so randständig daran, ein Buch, einen Film noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, mit Notizen von damals, mit der Wiederlektüre von Seiten mit Eselsohren oder Einmerkzetteln? oder mit einer DVD?

Aber was soll´s. Ex cathedra und flapsulent die Verkündung des Memorierungsverzichts. Chapeau. Geglückt & Gelungen.

Im Ernst: Vielleicht könnte sich sogar und gerade Nochsojemand von dem schmollenden Kokettieren mit der Rolle des Sanitätsgefreiten frei machen. Frei von den Methoden eines holzigen Hammers mit kurzem Stil. Frei vom Geläufe eines mit Frontmotor ratternden, schnurstracks verkürzenden Rasenmähers der Erinnerung. Geht es doch nicht um kartoffelige Patienten im Burschenherrlichkeits-Sanitätsraum, sondern um Autoren, Literatur und Bücher im heimischen Holzregal.

Die Grasnarbe (s. u.) sei anschauliche Bitte und bescheiden-kleinwüchsige Metapher zugleich.

willi wamser


 

     Nochsojemand



Aufs Blech getrommelt

   23.05.2015, 23:45



Das ist ja nun schon beinahe unhöflich von mir, auf ein so freundliches Angebot so lange nicht einzugehen.
"Dann fiel aus einem Buch ein vergilbter Zettel" - danke für den Zusammenhang. Da musste ja nun, ob ich wollte oder nicht, eine Blechtrommel beschafft werden, denn anders als andere, verlorene Orte der Erinnerung können die in einem Buch immer wieder aufgesucht werden.

Um es vorwegzunehmen: Es gelang durchaus, mich einfangen, hineinstrudeln zu lassen in diese Welt, die Oskar der Blechtrommler uns da vorführt, etwaigen Widerwillen hintenan zu stellen und Spaß an der Lektüre zu finden. Dennoch, nach Unterbrechungen schwinden Leseneigung und Neugier am Fortgang. Nun berichte ich halt von dem wenigen, das ich gelesen habe.

"Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt, mein Pfleger beobachtet mich, läßt mich kaum aus dem Auge; denn in der Tür ist ein Guckloch, und meines Pflegers Auge ist von jenem Braun, welches mich, den Blauäugigen, nicht durchschauen kann."

Schöner Anfang. Aber was hat es denn nun eigentlich mit den blau- und braunäugigen auf sich? Egal, der Pfleger ist eher Aufwärter als Wärter, das bekommen wir gleich mit. Oskar bestellt bei ihm, der auch Kunst macht - lose Bindfadenenden findet, Knoten daraus bindet und sie in Gips fixiert, wie schön und beziehungsreich; nur eingefärbt werden sollen sie lieber nicht, meint Oskar. Lose Enden von Erzählungen findet, verknüpft und fixiert auch ein Romancier. Oskar schickt ihn also zum Einkaufen von "unschuldigem" weißen Papier, und das Ladenmädchen wird rot beim Ausführen der Bestellung, das Wörtchen Unschuldig war schuld daran. Die Schreibwarenlädchen und ihre Besatzungen müssen es den damaligen Autoren angetan haben, Bölls Clown bezieht aus einem solchen sogar seine Lebenspartnerin. Wir Heutigen können uns, in Kenntnis einiger von Grass´ lang verschwiegenen, dementierten biografischen Datails, ein paar maliziöse Bemerkungen über die Unschuld von weißem Papier dazudenken.

"Füllfederhalter fand ich in der Schublade neben dem Fotoalbum: er ist voll, an seiner Tinte soll es nicht fehlen, wie fange ich an?" Also das Problem mit der Tinte, ob man genug davon hat, sie halten oder nicht halten kann, scheint bei Grass durchgängig zu sein. Was lehrt uns das? Zumindest ein sparsamer Umgang mit Einfällen.

"Man kann eine Geschichte in der Mitte beginnen und vorwärts wie rückwärts kühn ausschreitend Verwirrung anstiften. Man kann sich modern geben, ..." Und sich mit solcher Rede der Zustimmung all jener versichern, denen der ganze neumodische Kram nicht ganz geheuer ist und die sich auch nicht anstrengen möchten, um mal etwas anderes kennen zu lernen.

Und dann haben wir auch schon die Großmutter im Blick, wie sie mit ihren vielen Röcken beim Kartoffelfeuer sitzt. Schön, diese Röcke ausführlich gewürdigt zu sehen, aber wenn bei der Beschreibung des turnusmäßigen Wechsels der Reihenfolge ihres Übereinanderziehens eine Art von vollständiger Permutation ausformuliert wird, dann beginne ich, absätzeweise quer zu lesen, sorry, lieber Grass. Im Gegensatz dazu, fast filmisch anmutend, das Auftauchen der drei Männer in der Ferne.

"Es bewegte sich etwas zwischen den Telegrafenstangen. Es sprang da etwas. Drei Männer sprangen zwischen den Stangen, drei auf den Schornstein zu, dann vorne herum und einer kehrt, nahm neuen Anlauf, schien kurz und breit zu sein, kam auch drüber, über die Ziegelei, die beiden anderen, mehr dünn und lang, knapp aber doch, über die Ziegelei, schon wieder zwischen den Stangen, der aber, klein und breit, schlug Haken und hatte es klein und breit eiliger als dünn und lang, die anderen Springer, die wieder zum Schornstein hin mußten, weil der schon drüber rollte, als die, zwei Daumensprünge entfernt, noch Anlauf nahmen und plötzlich weg waren, die Lust verloren hatten, so sah es aus, und auch der Kleine fiel mitten im Sprung vom Schornstein hinter den Horizont."

Das geht noch weiter mit der Bild- bzw. Ablaufbeschreibung, wird nur durch zwischenzeitliches Kartoffelmummeln unterbrochen, und ich frage mich, ob ich das als großartige Sprachkunst auffassen darf. Ich denke, hier wird eine slapstick-artige Passage versucht, und das gelingt - in meinen Augen - nicht. Oder ist die Großmutter, die doch wohl gewohnt ist, sich in dieser Gegend zu bewegen, doof oder fehlsichtig?

"Und manchmal schien er unten zu kleben, dann wieder so lange in der Luft still zu stehn, daß er die Zeit fand, sich mitten im Sprung klein aber breit die Stirn zu wischen, bevor sich sein Sprungbein wieder in jenes frischgepflügte Feld stemmen konnte, das neben den fünf Morgen Kartoffeln zum Hohlweg hinfurchte."

Was ein Sprungbein halt so anstellt während es sich in ein irgendwohin furchendes Feld stemmt.

Den kurzen, breiten der drei Männer lässt sie ja dann unter ihre Röcke. Und was der dort tut, während seine Verfolger, die langen Gendarmen, lange um die Röcke-Festung bzw. die Großmutter herumstreichen, erfahren wir, nachdem die Staatsmacht sich wieder verzogen hat.

"Dem Koljaiczek wurde es kalt, als er auf einmal so ohne Haube klein und breit unter dem Regen lag. Schnell knöpfte er sich jene Hose zu, welche unter den Röcken offen zu tragen, ihm Angst und ein grenzenloses Bedürfnis nach Unterschlupf geboten hatten. Er fingerte eilig, eine allzu rasche Abkühlung seines Kolbens befürchtend, mit den Knöpfen, denn das Wetter war voller herbstlicher Erkältungsgefahren."

Literarisch gebotene moralische Provokation? Oder schenkelklopfender Altherrenwitz, an den Haaren herbeigezogen und unerbittlich ausformuliert?

"Sex tells", schrieb Günter Amendt in seinem letzten Buch. Und das ist absolut legitim, wenn es um gezielten Tabubruch gegen die Prüderie ginge, aber geht es wirklich darum, beim Grass? Man könnte ja einfach mal ein paar "Stellen" von anderen Autoren daneben stellen und vergleichen.

Ich muss gestehen, dass ich dann auch wieder Passagen gefunden habe, die ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Besonders die Beschreibung der Flucht hat es mir angetan; über die Flöße, von einem zum nächsten springend, und schwimmend und tauchend unter den Flößen hindurch; als der Koljaiczek, trotz neuer Papiere und der seitdem vergangenen Zeit, wieder von der Staatsmacht eingeholt wird und diesmal endgültig entschwindet. Auch seine Leiche wird nicht gefunden, was allerlei Spekulationen Vorschub leistet, in denen sich wiederum viel vom Geist jener Zeit spiegelt. Da ist das quasi filmische Aberzählen gut gelungen. Auch wenn verschiedentlich ein kurzer biografischer Abriss von irgendeiner Person gegeben wird, wie das vielleicht auch am Kaffeetisch beim Familientreff erzählt wird - das gefällt. Dennoch haben diese Rosinen es nicht vermocht, mich zu weiterer Lektüre zu ermutigen.

Es sind immer wieder die Manierismen, eine gewisse stilistische Aufgeblasenheit und erzählerische Wichtigtuerei, die mich abstoßen. Das mag für Menschen anders aussehen, die einen persönlichen Bezug zum Erzählten und zu den Schauplätzen haben. Mir will es scheinen, dass das Buch auch so geschrieben wurde, dass es auf keinen Fall bei jenen anecken konnte, die in meinen Schulatlas mit fetten roten Lettern für eine bestimmte Gegend "Unter polnischer Verwaltung stehend" schreiben ließen.

MfG,
Nochsojemand

 

Karaseks Woche




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