Stapellauf, Literatur? -> Stefan Andres · Frasagne · Textauszüge

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        Frasagne
        (Gast)

Stapellauf, Literatur? -> Stefan Andres

   08.10.2012, 14:52



Hallo.

Ich habe vor einiger Zeit in der Schule einen literarischen Textauszug gelesen, wahrscheinlich in Deutsch, der minutiös den Vorgang eines Stapellaufs beschreibt. Ich schätze der Text stammte aus einem Roman, der mit Sicherheit vor 1900 spielte. Es ging dabei u.a. um die Gefährlichkeit des Jobs, den einfache Arbeiter zu tun hatten, wenn sie die letzten Stützen wegziehen - wenn sie Pech hatten, wurden sie einfach vom entfesselten Schiff "weggehobelt" (dieses Wort habe ich noch im Kopf).

Kent das jemand? Und kann mir sagen, wo der Text vorkommt?

Beste Grüße,

Frasagne.

 

     Willimox



Stapellauf in der Literatur

   08.10.2012, 15:15 / 1 x geändert



Stefan Andres

Das Trockendock. Anekdote

Das erste Trockendock in Toulon, das gegen Ende des 18. Jahrhunderts von einem Ingenieur namens Grognard erbaut wurde, verdankte einer merkwürdigen Begebenheit seinen Ursprung. Ihr Schauplatz war das sich in diesem Hafen befindende Seearsenal, im eigentlichen Sinne aber das Gesicht eines Galeerensträflings, das Antlitz eines einen Augenblick für seine Freiheit verzweifelt hoffenden Menschen. Bevor es nämlich den von Grognard erbauten Wasserbehälter gab, der mit seinem steigenden Spiegel das Schiff in den freien Hafen hinausschob, war es Brauch, daß ein Galeerensträfling die letzten Hemmstützen des vom Stapel laufenden Schiffes, freilich unter großer Lebensgefahr, wegschlug, worauf dann im gleichen Augenblick der Koloß donnernd und mit funkenstiebendem Kiel ins Wasser schoß. Gelang es nun dem die Stützen fortschlagenden gefangenen Manne, nicht nur dem Schiff die erste Bewegung zu geben, sondern auch sich selber mit einem gedankenschnellen riesigen Satz aus der Nachbarschaft des herabrutschenden hölzernen Berges zu bringen, dann war er im gleichen Augenblick in seine Freiheit und in ein neues Leben gesprungen, gelang es ihm jedoch nicht, blieb von seinem Körper nichts übrig als eine schleimige Blutspur an den Planken droben und drunten.

[....]

Dann kehrte er sich ab mit einem Ruck, so als könne die Fregatte etwa hinter ihm arglistig ohne sein Zutun entronnen sein, und jetzt dem Schiff zugewandt, blieb er einen Atemzug lang stehen, noch den Hammer gesenkt; dann hob er ihn langsam, es ging ein Stöhnen über den Platz, man wußte nicht, kam es aus dem ächzenden Gebälk des Schiffes oder den Rippen des Mannes, der zugleich zuschlug: einmal, zweimal, hin und her springend, gelenkig wie ein Wiesel und wild wie ein Stier – und dreimal zuschlug und viermal (man zählte nicht mehr), das Schiff knackte, mischte seine erwachende Stimme, vom Hammer geweckt, darein, lauerte und da, als noch ein Schlag kam, sprang es mit einem Satz vor, und auch der Mann sprang, den Hammer wie ein Gerät des Entsetzens und zugleich wie eine Waffe der Abwehr gegen den Schiffsrumpf werfend, sprang, aber dann, da alles jäh aufschrie, blieb er stehen, wie ein Mensch im Traum, der nicht weiterkam – und der Schiffsrumpf ging wie ein Hobel über ihn fort.

[...]

Vale

 

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