Die Schneidung · Jolante · Psyche

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     Jolante



Die Schneidung

   25.08.2012, 11:26 / 2 x geändert



Eines Tages hatte ich genug vom Leben. - Ich lag in einem Krankenhausbett, und mein linkes Bein lag in einer Schiene, als gehörte es nicht zu mir. Wir fremdelten. Da beschloss ich, mich von diesem kalten Bein zu trennen und aus dem Fenster zu springen. Aber das Bein ließ mich nicht los, sondern fesselte mich ans Bett. Mein Hilfeschrei weckte einen gütigen Pfleger, der es einem Chirurgen überantwortete. - Das Leben hatte noch nicht genug von mir.

 

     augustine



Die Schneidung

   25.08.2012, 13:49



Einer von diesen jolantinischen lakonischen präzisen Kürzesttexten, 'eingebettet' in einen Satz und seine Umkehrung, wie du das meisterlich kannst.
Lebendige Grüße von augustine

 

     zuppanova



Die Schneidung

   25.08.2012, 14:53



Jolante, der Titel! – Hatte vor langer Zeit hier auch eine Schneidung gepostet. Deine jetzt nimmt ein ganz anderes Thema auf, umkreist leicht surreal die "Intaktheit": des Körpers, der Identität. Ebenso sind Veränderung, Umgang mit Verlust, mit Krankheit oder Defiziten angesprochen. Im Titelwort klingt auch "Scheidung" an (Abschied) und der Schmerz, der manche Veränderungsprozesse begleitet (Sch[n]eiden tut weh).

Im abschließenden Fazit des Textsubjekts wird "das Leben" (anders als im Eingangssatz) als höhere Instanz gezeichnet, der man sich nolensvolens zu beugen hat. Offen bleibt, wie sich das Textsubjekt dazu stellt, weiterhin noch leben zu dürfen/zu müssen: Bürde oder doch Gnade? Wie auch immer, ein ganz vitaler Mikrotext.

. . . . . . . . . . .LG, zuppa


Zu Erinnerung: http://www.synekdoche.de/thema204.htm

 

     toltec-head



Die Schneidung

   26.08.2012, 11:02 / 1 x geändert



Zitat:
schneidung

nachts
wird das fenster geöffnet
wegen der hitze.
da fliegen zur schneidung
im nichts
die parallelen
davon.


Ich musste bei beiden Gedichten an das Konzept des "Körpers ohne Organe" denken, welches seit Deleuze/Guattari in der Philosophie für Furore sorgt.

Im Englischen Wikipedia-Eintrag hierzu tauchen sogar die zuppanovaischen Parallelen auf:

http://en.wikipedia.org/wiki/Body_without_organs

Natürlich kann ich nicht behaupten, das Konzept vom "Körper ohne Organe" vollständig verstanden zu haben. Wichtig scheint mir aber der für viele kontraintuitive Ansatz, dass "der Körper ohne Organe" etwas positives, erstrebenswertes ist. Wir sind Gefangene unserer Organe. Es gibt ein Leben jenseits der Organe. Ei sein. Statt Organe nur noch die uns durchkreuzenden, in den Weltraum führenden Parallelen spüren.

Aus dem zuppanovaischen Gedicht scheint mir in diesem Sinne mehr Mut zum "Körper ohne Organe" zu sprechen, während Jolante noch etwas damit hadert. Das Leben nimmt sie wieder gefangen. Aber ist sie nach der Operation noch die gleiche?

 

Die Schneidung




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