Probleme mit dem Textverständnis · GrapesofWrath · Nach Gusto

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     GrapesofWrath



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 12:18



Hallo ihr Lieben,

ich habe da ein Problem. Ein ganz doofes.
Ich hab zwar jahrelang als freie Journalistin gearbeitet und mir immer was auf mein Sprachgefühl eingebildet, aber das scheint nicht auszureichen, um den folgenden Satz verstehen zu können:

"Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme, den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut, ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir, oft mürrisch, oft auch ganz vergessen."

Dass der Text was älter sein muss, ist klar. Ich schätze ihn auf die 50er Jahre (bin Geisteswissenschaftlerin, aber keine Germanistin).

So weit so gut. Er erscheint als Beispiel in einem anerkannten Buch für Übersetzungstechniken, mittlerweile in der zigsten Auflage, Erstausgabe 1969. Der Text oben ist das Original, aber die Übersetzung erscheint mir falsch, was ja eigentlich ein Knaller wäre. Es liegt am Textverständnis des letzten Teils "oft auch ganz vergessen".

Wie versteht ihr denn diesen Teil?

Schönes Wochenende! :)

 

     augustine



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 13:23



"Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme, den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut, ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir, oft mürrisch, oft auch ganz vergessen."

Besser wäre: [...]"ist mein Gruß meist nicht zärtlich" ("zu dir" ist unnötig und dumm: es muss ja jemand da sein, der gegrüßt wird), "oft mürrisch" (warum nicht?), "und oft vergesse ich ihn ganz".

Der Text, den du zitierst, ist "das Original". Und wo ist die Übersetzung? Wenn dieser Text selbst eine Übersetzung ist, müsstest du doch das eigentliche Original dazustellen, damit man sinnvoll etwas beurteilen könnte.

augustine

 

     GrapesofWrath²



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 13:48



Bitte genau meinen Beitrag lesen: Die Frage war, wie versteht ihr den letzten Teil des Satzes? Es geht um die letzten vier Wörter.

Der Satz soll weder im Ganzen noch teilweise bewertet, sondern ein Satzteil GEDEUTET werden. Ich sammele Meinungen zu diesem Thema.

Vielen Dank.

 

     Gretchen Darloni



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 15:46



Hi GrapesofWrath,

Du schreibst:
Zitat:
Er erscheint als Beispiel in einem anerkannten Buch für Übersetzungstechniken, mittlerweile in der zigsten Auflage, Erstausgabe 1969.

Warum nennst Du den Titel nicht?
Wenn Du Quellen hast, dann kannst Du sie doch auch angeben, oder?

Zudem, wie augustine sagt:
Zitat:
Der Text, den du zitierst, ist "das Original". Und wo ist die Übersetzung? Wenn dieser Text selbst eine Übersetzung ist, müsstest du doch das eigentliche Original dazustellen, damit man sinnvoll etwas beurteilen könnte.


Schließlich:
Zitat:
Der Satz soll weder im Ganzen noch teilweise bewertet, sondern ein Satzteil GEDEUTET werden. Ich sammele Meinungen zu diesem Thema.

Also: "oft auch ganz vergessen" soll "gedeutet" werden.
Aber – ich verstehe nicht: Was wäre daran zu deuten ohne Kontext?
Und zu dem Kontext, in dem das Teilchen laut Deinem Beitrag steht => siehe augustine.


. . . . . . . . . Gretchengrüße

. . . . . . . . . . . . . -> Zum Panzer! (klicken!)

 

     GrapesofWrath²



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 16:41



Ich weiß ja nicht, ob ihr noch zur Schule geht, deshalb versteht mich nicht falsch, aber vielleicht äußert sich mal jemand dazu, der vielleicht doch ein bisschen weiter ist.

Die Quelle des Textes wird im Buch nicht angegeben, ist auch zur Beantwortung meiner Frage nicht notwendig. (Wäre mir die Quelle bekannt, müsste ich sie logischerweise wohl kaum auf ihr Alter schätzen.)

Der Text ist, wie im Eingangsposting ausdrücklich gesagt, das Original. Oder um es noch klarer zu machen (falls das wirklich nötig ist): Es handelt sich nicht um die Übersetzung.

Die Frage ist einfach, wie versteht ihr diesen Satz?

 

     Gretchen Darloni



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 19:22 / 1 x geändert



Hi GrapesofWrath, meine Neugierde brennt noch, ist noch nicht gestillt.
Deshalb wiederhole ich meine Bitte: Nenn doch einfach mal den Titel dieses ominösen Buches (+ Verlag, Erscheinungsjahr ...), ein (wie Du oben sagst) "anerkanntes Buch für Übersetzungstechniken", aus dem Dein Problem ("oft auch ganz vergessen") stammt. - Danke.

Zu der Wendung "oft auch ganz vergessen" kann ich Dir sagen, dass sie meiner Ansicht nach so, wie sie oben in dem von Dir gegebenen Beispiel aus dem anerkannten Buch für Übersetzungstechniken eingesetzt wird, grammatikalisch nicht korrekt bzw. sehr ungewöhnlich gebraucht ist.

Statt

"Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme, den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut, ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir, oft mürrisch, oft auch ganz vergessen."

würde ich (augustine hat das bereits vorgeschlagen) etwa so formulieren:

"Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme, den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut, ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir, oft mürrisch, oft vergesse ich ihn auch ganz."

So wie die Wendung in dem von Dir gegebenen Beispiel aus dem anerkannten Buch für Übersetzungstechniken eingesetzt ist, wäre die Aussage des Satzes die, dass die/der vom sprechenden Subjekt des Satzes Gegrüßte den Gruß (des Subjekts), welcher btw. nicht zärtlich zum/zur Gegrüßten ist, oft auch ganz vergessen hat.

Ist syntaktisch zwar nicht unmöglich, semantisch aber wohl nur in spezifischen Kontexten sinnig ...

Mehr habe ich nicht zu sagen.


. . . . . . . . . Gretchengrüße

. . . . . . . . . . . . . -> Go West! (klicken!)

 

     Willimox



Perfektes Passiv

   11.08.2012, 20:09 / 2 x geändert



Ok, dass hier eine deutsche Originalpassage vorliegt, ist im Post erkennbar, wenn auch sicher - ohne dass man Schüler vermuten müsste - nach Fragen präzisierbar.

Die Standardverwendung von "ist vergessen" hat gretchen schon skizziert:

"Der Gruß ist vergessen" ruft analoge Formulierungen auf, etwa "der Dichter/des Dichters Werk ist vergessen".

Das Agens - sei es der Grüßende, sei es der Dichter - hat etwas produziert, dieses Produkt wird aber von den Adressaten nicht mehr erinnert.

Umgekehrt noch mal die gleiche Verstehensschiene: "Ein unvergessenes Werk" ist auf jeden Fall vom Adressaten eben nicht vergessen.

Das bedeutet: Ein Partizip Perfekt Passiv "vergessen" setzt eigentlich in der Regel die Handlung eines Agens voraus, sei er Dichter oder Grüßender. Und nicht die Nichthandlung.
Und insofern ist die Rösler-Formulierung befremdlich.

Immerhin:

Ein Satz wie "ich trat ein, war mürrisch und zerstreut und der Gruß wurde von mir vergessen" macht klar: die situativ vom eintretenden zu erwartende Grußhandlung wurde nicht vollzogen.

Insofern ist Jo Hanns Röslers Satz mit seiner Abweichung von Standards durchaus diskutabel ("Liebesbrief an die eigne Frau", ca 1940).

Er arbeitet ja mit einer Art Entlastungsstrategie:

...Arbeitsmüde am Abend, den ganzen Ärger noch auf der Haut - man ergänze "habend".. (= Keine aktive Handlung des Aktanten, "der Gruß ist nicht zärtlich" - wieder eine Charakterisierung der Handlung unter leichter Abkehr von Handelnden ...)

... das "zärtlich zu dir" markiert eine Relation, wirkt fast technisch-distanziert, trotz und wegen den Negation einer emotionalen Nähe in "zärtlich"

... und dann der Hinweis auf eine Art Geisteszustand, der von Arbeit hervorgerufen wird, den Ehemann übermannt hat, so dass er die im Privatraum anstehende Würdigung der Ehefrau vergessen hat ...

...besser unpersönlich formuliert, "so dass - ohne allzugroßes Verschulden - die aktuelle Bringschuld Höflichkeit und Zuneignungssignal in die Ferne an die Peripherie gerückt ist".

Dieses perfektive, passive Schema mag dann durchaus seine eigenen Konnotationen entwickeln, denn es weicht ja ab, von zwei Konstituenten des Standards: "vergesse ich den Gruß"

.... Das Subjekt wird in der Passivformulierung weggeklammert
und die aktuelle Anforderung aus der Gegenwart ist einem arbeits- und vergangenheitsbelasteten
Bewusstsein nicht mehr so so recht abzufordern oder von eben jenem nicht zu verlangen, da sie ja vergessen ist.

Schuld im vollen Umfang setzt bewusstes Handeln voraus.

greetse

wiwa

 

     aswad



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 22:48 / 4 x geändert



Das da: "... oft auch ganz vergessen."Ja, hm, lass mich nachdenken ... ja, das ist einfach interessant klingen wollendes Geschwurbel, ich versteh's jetzt auch mal anmaßend als selbstvergessenen, geistesabwesenden Gruß, noch so ganz unter dem Eindruck der auf das Bewusstsein einprasselnden Reizüberflutung eines geschäftigen Tages und ach, seufz und hach ...

 

     GrapesofWrath²



Probleme mit dem Textverständnis

   11.08.2012, 23:15 / 2 x geändert



Erst mal vielen Dank, vor allem an die letzten beiden Poster. Ich freu mich sehr, dass jemand mir die Quelle und das Erscheinungsjahr des Textes nennen konnte. :) (So ganz weit weg lag ich ja gar nicht mit meiner Datierung.)

Der Übersetzer hat es tatsächlich so übersetzt wie Poster aswad verstanden hat. Insofern nehme ich meine Kritik an dem Buch zurück. Zwar haben bislang wirklich alle Leute in meinem Umkreis oder in Foren für Linguisten/Germanisten es anders verstanden ("der Gruß wird manchmal vergessen"), aber ich sehe doch, dass eine andere Auffassung (selbstvergessen) denkbar ist. Wie oben festgestellt, kann die Ursache für das Interpretationsproblem schlicht am Alter des Textes liegen bzw. an meiner mangelnden Erfahrung mit Texten dieser Zeit.


P.S. Gretchen, solltest du jemals professionell übersetzen, wirst du dich wundern, was für einen Müll dir deine Auftraggeber schicken. Und niemand wird dich darum bitten, das Original zu überarbeiten. Du hast es einfach zu übersetzen. Syntaktisch oder grammatikalisch finde ich übrigens keinen Fehler in dem Satz; ich empfinde ihn lediglich als stilistisch veraltet.

 

     Gretchen Darloni



Probleme mit dem Textverständnis

   12.08.2012, 00:18 / 2 x geändert



GrapesofWrath:
Zitat:
Gretchen, solltest du jemals professionell übersetzen, wirst du dich wundern, was für einen Müll dir deine Auftraggeber schicken.


Heiala FrüchtedesZorns,

dass Deine Auftraggeber Dir Müll vor die Füße kippen, das mag sein. Ist aber doch kein Grund, hier unfrohe Vermutungen á la "Geht ihr alle noch zur Schule?" abzusondern. Meine KlientInnen kippen mir übrigens auch jede Menge Müll ins Gehäus --- mein Job ist es, den ordentlich durchzuwühlen, zu sortieren und womöglich zu recyclen. Die meisten Leute, die ich kenne, sind beruflich in irgendeiner Weise mit Müll konfrontiert (Obacht: Metapher!): so what - ?

Und, ja, oben schrieb ich: "Ist syntaktisch zwar nicht unmöglich, semantisch aber wohl nur in spezifischen Kontexten sinnig ...".


. . . . . . . . . . . Gretchen grüßt

. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> A Somber Sonnet

 

     Willimox



Antiquiert? Stilistisch veraltet?

   12.08.2012, 02:29 / 3 x geändert



Nun ja, das mit dem antiquierten, "stilistisch veralteten" Text, ich weiß nicht.
Kein konventioneller Standard, aber doch immerhin gut verständlich:

".... kaum kommt der Pudding mit Kirschen, die Lieblingsspeise der uniformierten Eliteschüler, sind Anstand und Würde vergessen. Man haut mit dem Löffel rein, dass ...."

[...] Wunsch-Duschprogramms ist die sanfte Dream-Funktion: Nicht nur das inszenierte Farbenspiel regt zum Träumen an, auch der sanfte, aus Seitendüsen und Kopfbrause hervorquellende Wassernebel lassen die Hektik und die Herausforderungen des bevorstehenden Arbeitstages fast vergessen (eine Funktion, die Frau Reimann auch gerne am Abend nach einem Kindergeburtstag oder ähnlichen Strapazen nutzt wird). pop-up-the-bathroom.d

The crowning glory of his personal shower programme is the calming dream function: besides producing a play of colours, the shower also generates a gentle haze of water from the side jets and showerhead, enticing Mr. Johnson to daydream and forget the stress and challenges that await him at the office (a function Mrs. Johnson also enjoys in the evenings after a children's birthday party or similar ordeal).

grüner apfel

Liebliche weiße Schokolade umschließt Stückchen knackiger grüner Äpfel. Die erfrischende Säure lässt das Gesicht vor Verzückung Form und Anstand vergessen, erinnert dafür aber an die geschmacklichen Qualitäten vitaminreicher Kost.

Zutaten:
Zucker, Kakaobutter, Vollmilchpulver (20%), Karamellisierte Apfelstücke (Apfelstücke, Zucker, Ascorbinsäure, Zitronensäure, Natrium-Ascorbat) (8%), Magermilchpulver (2,9%), Zitronensäure (2%), Bourbon-Vanille, Emulgator: Soja-Lecithine, Aroma: Apfel

The refreshing sourness lets your face forget its shape, but reminds of the tasty qualities of vitamin-packed food. shokomonk.de

greetse

wiwa

 

     GrapesofWrath²



Probleme mit dem Textverständnis

   12.08.2012, 10:51



Vielleicht möchte sich ja noch jemand zur eigentlichen Frage äußern. Ich schau hier immer noch ab und an rein. Es geht lediglich um diese letzten vier Wörter bzw. wie überzeugend ist die Interpretation als "ist mein Gruß ... oft geistesabwesend"?

Schönen Sonntag!

 

     aswad



Probleme mit dem Textverständnis

   12.08.2012, 15:06 / 2 x geändert



Ich denk's mir halt so: Um den Gruß an eine Person, mit der man zusammenwohnt, zu vergessen, müsste man zunächst alle Konventionen des gesellschaftlichen Zusammenlebens vergessen haben und/oder vergessen haben, dass diese Person überhaupt da ist. Und ich finde das unglaubwürdig, selbst wenn man von einem langen Arbeitstag erschöpft ist; allenfalls könnte es sich demnach um ein absichtliches Vergessen handeln, dann wäre es aber gar kein Vergessen, denn vergessen tut man per definitionem nicht vorsätzlich (aber verdrängen kann man mit Vorsatz). Also entweder ist das Verb vergessen hier schlicht falsch gewählt oder vergessen=selbstvergessen/geistesabwesend trifft zu.

Zwar gibt es meistens drei Wahlmöglichkeiten*, aber die dritte fällt mir gerade nicht ein!


* Die Sache mit den drei Wahlmöglichkeiten hat mir mein Zahnarzt einmal erklärt - und ich glaub, das stimmt auch.


@augustine: LOL. Ach ja, natüüüürlich! Danke, augustine, nächstes Mal gib mir bitte per DM Bescheid, damit ich mir nicht mehr so viel Mühe machen muss!

:)

 

     augustine



Probleme mit dem Textverständnis

   12.08.2012, 15:19 / 2 x geändert



Die dritte Wahlmöglichkeit, scheint mir, ist immer: sich mit einer Sache nicht zu beschäftigen.

augustine

 

     GrapesofWrath²



Probleme mit dem Textverständnis

   12.08.2012, 19:04 / 1 x geändert



Wirklich interessant, aswad. Schöne Erklärung auch. Ich wär nicht drauf gekommen.

Augustine, wenn dein Zahnarzt so Recht hast, solltest du dich auch in Zukunft in allen Belangen von ihm beraten lassen.

Ich denk bei solchen Ratschlägen ja eher Einstein:
„Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher.“

 

     Bärbel Kokoff



Beate-Camilla hat ihren Hochzeitstag oft

   12.08.2012, 20:25



auch ganz vergessen.


Ja lieber aswad einer von meinen Kunden im -> Kapsalong ist auch Zahnarzt und der Mann hat ein extremes Redebedürfnis der kommt zu Hause nicht richtig zu Wort glaube ich denn wenn ich ihm den Kopf wasche erzählt er mir dabei alles was wieder passiert ist seit er mich das letzte Mal konsultiert hat auch intime Details aus seinem Eheleben lässt der dann raus die kann ich natürlich hier nicht wiedergeben das verbietet die Sitte und der Anstand und der gute Geschmack und die Schweigepflicht unter die ich mich in einer Art von selbstzensierendem Akt vor einiger Zeit schon freiwillig gestellt habe ja gut wo war ich jetzt stehengeblieben ach so ich wollte ja was zum Thema sagen deshalb kam ich überhaupt erst auf meinen Kunden den Zahnarzt zu sprechen der hat mir nämlich gesagt dass er immer IMMER ganz korrekt an den Hochzeitstag denkt und seiner Frau Blümchen mitbringt und so aber SIE hat manchmal den Kopf ziemlich voll mit Beruf und Kindern und Haushalt und dem ganzen Stress und hat dann leider ihrerseits den Hochzeitstag sogar oft auch ganz vergessen und das entmutigt und bedrückt meinen Kunden den Zahnarzt zunehmend und er fragt sich mittlerweile wirklich ob die -> Beate-Camilla (so heißt seine Frau) ihn überhaupt liebt oder nicht aber von der Eheproblematik meines Kunden mal abgesehen muss ich jetzt ganz subjektiv doch sagen dass man sich nicht unbedingt immer mit allem beschäftigen sollte was hochfahrend vortrabt oder hochtrabend vorfährt oder sich hochhackig vorführt oder wie man da sagt und das ist natürlich nur meine private Meinung als simple Friseuse.^^ :) ;) X:D


. . . . . .Greetsies, Bärbel

. . . . . . . . . . . . . . .

 

     aswad



Beate-Camilla hat ihren Hochzeitstag oft

   12.08.2012, 21:18 / 1 x geändert



Nun ja, Zahnärzte reden viel, das liegt in der Natur der Sache und da gibt es ja dieses Gesetz - ich weiß jetzt nicht wer es formuliert hat, ich glaube Einstein??? Auf jeden Fall geht es in diesem Gesetz darum, dass im Universum alles ausgeglichen sein muss. Und wenn man so auf dem Zahnarzt-Stuhl sitzt und den Mund so starrkrampfig offen halten muss, kann man nichts reden, und um den Energiehaushalt ins Lot zu bringen muss der Zahnarzt dann für zwei reden; daher kommt das, dass Zahnärzte gern viel reden. Ach ja, das ist jetzt ein wenig Off-Topic, aber ich habe heute ja schon eine so große Leistung erbracht, da muss auch einmal ein wenig der Tiefgang zurückgenommen werden.

 

     Beate-Camilla



Nie auch je vergessen!

   12.08.2012, 21:29



Das ist - nein!

Nie, NIE habe ich unseren Hochzeitstag vergessen!
NIE auch je vergessen, ihm ein Weißbier kalt zu legen,
damit er sich erfrische, wenn er aus der Praxis
kommt, heim kommt von all den offen
stöhnenden Mündern.

Typisch Kokoff: Gerüchte streuen.

"Eheproblematik", dass ich nicht lache, ha, HA! HAAA!!!

Bärbel Kokoff, das werde ich dir nicht vergessen, NIE! Bah! BAH!!!

 

     Bärbel Kokoff



Glücklich ist, wer vergisst!

   12.08.2012, 21:41



Ach Beate-Camilla vergiss doch einfach was ich gesagt habe oder von mir aus kannst du es auch verdrängen wenn dir das lieber ist und überhaupt wenn du so weiter machst mit deiner Karrieregeilheit dann kannst du deinen Mann auch bald vergessen aber das ist nur meine subjektive Meinung und ein guter Rat ^^ *Vergissmeinnicht* OO :-)

. . . . . .Greetsies, Bärbel

. . . . . . . . . . . . . . .

 

     Jolante



Glücklich ist, wer vergisst!

   12.08.2012, 22:02 / 1 x geändert



Also mein Zahnarzt ist Wagnerianer, und wenn der gerade von Bayreuth zurück ist und mir vom Grünen Hügel vorschwärmt und all den Tristans, Lohengrins und Parsifals, dann ist sein Bohren oft ganz vergessen.

Monastica

 

     Emmi



Vergessts euch doch nit ganz!

   12.08.2012, 22:04



Jessas, Jessas, Beate-Camilla und Bärbel, bleibts cool und vergessts euch net, ihr riskierts ja eine Spaltung, ein Schisma, unser ganzer Frauenzimmerkulturgesprächskreis könnt auseinandersprengen von eurer Streiterei, gehts jetzt seids amal staad miteinand und vergessts nit, was mir uns versprochn habm damals bei der Gründung, gell ...

. . . . . .Im Namen des gesamten Gröbenriedener Frauenzimmerkulturgesprächskreises
. . . . . .grüße ich sorgenvoll

. . . . . . . . . . .Emmi Donnerkogl-Schlagindweit

 

     ruelfig



Manche Leute haben echte Probleme

   13.08.2012, 00:01



Mein Zahnarzt hat mir das Gebiss vermessen
und dabei die ganze Zeit davon geredet,
wie Tee und Kaffee, Rotwein, gutes Essen,
besonders süßes, saures, jeden, aber jeden
Zahn im Lauf der Jahre aus dem Garten Eden
treibt und wie die Höhe solcher Schäden
ihn zur Verzweiflung bringt:
Da kann man die Sanierung oft auch ganz vergessen!
Und wie er abends müde, grußlos, mit dem Tagesärger ringt.

 

     lost



Unvergesslich! (ad Monasticam)

   13.08.2012, 10:09



Bayreuth! Wagner! Anno 51! Donnerwetter! Knappertsbusch!

Wagner - zwar kein Zahnarzt, aber hat die Gattin
oft auch ganz vergessen, wenn er sehr vertieft
in‘s Notenschreiben war. Selber ist er
ziemlich unvergessen wie auch
jener Knappertsbusch, der
Neunzehneinundfünzig
auf dem Hügel diri
gierte. Hab es
damals live
erlebt:



Damals standen noch die Zähne
stramm in Reih und Glied!
Heute: ganns wagessn ...



Best regards,
Hank Hirsch


 

     Willimox



Früchte des Zorns!

   15.08.2012, 23:13 / 4 x geändert



Das kannst Du vergessen!
Gefühle und Gefühlsneigungen als Handlungsmuster —
argumentativ

Worum es geht:
- Das Verstehen eines Kurztextes
- Die Szenarien in der Semantik von „Gruß“ und Grüßen“
- Die Szenarien in der Semantik von „vergessen“
- Die Klärung mehrdeutiger und mehrdeutbarer Passagen durch Kontexterhellung

(1) Grüßen oder Nicht-Grüßen?



http://ic2.pbase.com/g3/70/385970/3/96366554.fZlNZ3nQ.j
pg


So etwa sieht ein Kurztext aus, an dem man zeigen kann, wie unser Bewusstsein mit Texten umgeht, wie es Texte probierend Texte zu verstehen sucht.
Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme,
den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut,
ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir,
oft mürrisch,
oft auch ganz vergessen.

Ein erstes Aufnehmen dieser – offensichtlich häuslichen -. Szene nach Rückkehr von der Arbeit draußen - führt wahrscheinlich zu mehreren Lesarten. Drei wollen wir herausgreifen:

a) Der Gruß wird nicht ausgeführt, oft nicht ausgeführt: er „ist vergessen“
b) Der Gruß wird ausgeführt, aber offensichtlich nicht in der angemessenen Form.
Der Gruß, oder besser: der Grüßende wirkt dann irgendwie geistesabwesend, der Gruß selber nur flüchtig und nicht intensiv genug: er ist „oberflächlich“.
c) Eine dritte Verstehens-Variante ist wohl weniger naheliegend, nimmt aber eine interessante Zwischenstellung zu (a) und (b) ein und fokussiert vor allem den Empfänger des Grußes: Der Gruß wird zwar ausgeführt, ist aber vom Rezipienten – aus welchen Motiven auch immer – vielleicht auch und gerade wegen (b) kaum beachtet und daher (bald) vergessen.

(2) Grüßen, geistesabwesend, aber immerhin Grüßen

Folgende Prämissen sprechen für (b), also für die These von einem „geistesabwesenden“, nicht vollgültigen Gruß in einer abendlichen Heimkehrsituation:

Eine häusliche Gemeinschaft erfordert recht dringlich unter Höflichkeitsaspekten den Gruß des Heimkehrenden – so jedenfalls unser „soziales Wissen“. Liegt kein „Krach“ vor und der ist zumindest nicht erwähnt, so ist der Gruß mit hoher Wahrscheinlichkeit zu erwarten. Und hat hier „daher“ auch stattgefunden. Aber eben in einer sehr reduzierten Form.

„Vergessen“ bezeichnet ein Ereignis im menschlichen Bewusstsein. Das Wort meint einen weitgehend der Kontrolle entzogenen mentalen Vorgang. Ein menschliches Subjekt „agiert“ im Szenario „vergessen“ so, dass es wohl ohne Handlungskontrolle als eine Art Vorgangsträger (vgl Dowty) eine undramatische Bewusstseinstrübung erfährt. Undramatisch weil unser Gedächtnis im Laufe der Zeit nachlässt, wohl aber Wichtiges eher speichert als Unwichtiges. Und weil sich Menschen mit diesem Vorgang seit jeher abzufinden wissen.
Vertiefend zu dieser These. Ein „absichtliches“ Vergessen – etwa als Reaktion auf einen Krach ist aus mehreren Gründen unwahrscheinlich.

Erstens ist der Gruß „meist nicht zärtlich“. Also wird er doch als Norm praktiziert, und zwar unter dem Aspekt der Zeit und dem Aspekt der Höflichkeit. Wenn auch nicht in seiner optimalen Form.

Zweitens: Selbst wenn er willentlich nicht praktiziert würde. Man wählt dann nicht das Lexem „vergessen“ oder allenfalls eine ironisch getönte Wendung, die man dann etwa durch „Gänsefüßchen“ oder andere Indizien als ironisch gemeint deutlich macht. Das aber fehlt hier doch.

Drittens: Da die Deutung „ironische Wendung“ wohl ausfällt, müsste man ein bewusstes Vergessen ansetzen. Das ist aber - semantisch gesehen – ein gewisser Widerspruch. Denn anders als „Verdrängen“ konzipiert „vergessen“ ja einen unbewussten Vorgang. Im Stellenkonzept des Verbs ist kein Agens vorgesehen.

Anmerkung: Anders dieser Satz und sein Verb: „Der Lehrer unterrichtet Schüler“ präsentiert mindestens zwei Rollen: das Agens „Lehrer“ und das Patiens Schüler“.

(3) Nichtgrüßen und Grüßen bei Geistesabwesenheit, zwei gleich plausible Thesen?



http://scienceline.org/wp-content/uploads/2009/11/brain
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(3.1) Makrotextur: Ich und Du – Zärtlichkeit perdu

Also liegt wohl im Text und seiner Passage „Der Gruß ist oft auch ganz vergessen“ eine Abweichung vom Standardgebrauch vor. Und zwar eine erhebliche. Gemeint war sicherlich oder höchstwahrscheinlich, dass der Heimkehrer „selbstvergessen“ und „geistesabwesend“ agiert.

Dann allerdings – das richtet sich gegen das Monopol von (b): Dann sind zweierlei „Aktionen“ und deren Verbalisierung möglich. Er grüßt gar nicht. Er grüßt geistesabwesend „schwundstufig“. Beides damit kompatibel, dass der Heimkehrende „geistesabwesend“ ist.


Wie steht es um die Plausibilität dieser zwei Interpretationen? Gehen wir in das Format der fraglichen Passage, betrachten wir ihre Grobstruktur und ihre Details:

Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme,
den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut,
ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir,
oft mürrisch,
oft auch ganz vergessen.

Ein vollgültiger Konditionalsatz? Schon auch. Aber eher – zunächst jedenfalls - ein iterativer Temporalsatz mit einem verdeckten „jedesmal wenn“ zu Beginn. Man vergleiche etwa: „Er hat es bedauert, wenn er dich verletzt hat“. Oder „Er bedauert es, wenn er dich verletzt hat“(vgl Zifonun 2261f, 2282ff.). Die konditionale Lesart rückt hier und in unsrem Beispiel in den Hintergrund.

Dann ein Folgesatz („ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir“). Die Prädikativ-Konstruktion „ist zärtlich“ wird nun expandiert und aufgestockt durch „oft mürrisch“ und unser diskutiertes „ganz vergessen“. Die beiden Prädikativa sind durch ein „oft“ begleitet und im dritten Prädikativum mit der Partikel „ganz“ steigernd präsentiert.

Dem Wenn-Satz unmittelbar angeschlossen ein „absolut“ wirkender Satz („den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut“), eine Art latenter Partizipsatz („den Ärger noch auf der Haut habend“), das „Ich“ des „Wenn-Satzes“ attribuierend und „charakterisierend“, auch wenn es gar nicht um seinen „Charakter“ geht. Sondern um ein punktuelles Verhalten eines Ich zu einem „Du“.,

Recht deutlich, dass hier ein bestimmtes Figurenarsenal die Besetzung bestimmt: Ein wohl – in traditioneller Weise aushäusig arbeitender Mann kommt abends zurück in den Privatraum, der von einem „Du“, wohl der Frau, eingenommen wird. Der Zärtlichkeitsaspekt einer solchen Beziehung wird angespielt und als demontiert oder beeinträchtigt geschildert: Die Haut als ein Organ für Berührungen und wärmende Nähe ist von Arbeit belegt, eine metaphorisch durchaus interessante Wendung. So ist denn der Gruß, der Nähekontakt impliziert auch noch aus der Arbeitswelt fremdbestimmt und gestört: „meist nicht zärtlich zu dir“.

(3.2) Mikrotextur: Maispoulardenbrust, Käsekrainer, das „Miteinander ohne Gewalt“ und human-klassische Rezepte unter 3.3

Semantisch wird hier nun eine informative Skalierung eingesetzt: Das „nicht zärtlich“ steigert sich negativ zu „mürrisch“ und dann kommt – wohl als negative Klimax zu lesen – das „ganz vergessen“.

Im temporal gefärbten „wenn-Satz“ und seiner deskriptiven Perspektive wird eine kausale Unter-Strömung fühlbar: Arbeit und Abgespanntheit als Ergebnis der Arbeitswelt bedingt mental-emotionale Ermüdungserscheinungen und damit eine Kümmerform der abendlichen Partnerschaft. Möglicherweise – und das ist jetzt durchaus nicht mehr unwahrscheinlich – ist diese mental-psychische Verfasstheit so stark, dass der Heimkommende „ganz auf den Gruß“ vergisst“. Die Lesart (a) ist so zu einem ernsthaften Konkurrenten für die Lesart (b) geworden. Und unsere zwei Interpretationen dürften nicht unbedingt mehr als gleichwertig gelten.

Immerhin bleiben doch noch Einwendungen: Kann das Ich hier „bewusst den Gruß vergessen“? Ein Vergessen impliziert ja eher unbewusste, nicht willentlich gesteuerte Vorgänge. Nun wäre erst einmal ganz simpel zu entgegen, dass damit wohl eine Standard-Bedeutung des Verbs „vergessen“ erfasst ist, dass das Verb aber offener in seinem Konzept ist: Ein Aufrufen von Cosmas II des IDS Mannheim liefert entsprechende Belege:

Zitat:
Bei diesen Spezialitäten möchte man seine Manieren eher vergessen als verbessern und zum Zeichen der Freude laut schlürfen: Kartoffel-Frischkäse-Terrine mit Spitzen von weißem und grünem Spargel, Maispoulardenbrust und karamelisiertes Strudelblatt. Menüs und Benimm-Unterricht von Prinzessin Feodora zu Hohenlohe-Oehring für das korrekte Verhalten bei einem Geschäftsessen standen bei der diesjährigen "Quadriga" auf dem Programm. "Solche Dinge werden im Assessment-Center immer häufiger geprüft", erklärt Barbara Ewald von der Studentenorganisation Aiesec die Idee, dieses Seminar anzubieten. In den vergangenen drei Tagen hatten zehn Studenten der drei Berliner Lokalkomitees von Aiesec zum Firmenkontaktforum "Quadriga" geladen. Zum neunten Mal schickten namhafte Unternehmen wie Gerling, BASF, Deutsche Bank, Schitag, Ernst & Young u.a. Mitarbeiter in den Lichthof der Technischen Universität.
Berliner Morgenpost, 11.06.1999, S
. 32, Ressort: HOCHSCHULE & WISSENSCHAFT; Frischkäse-Terrine mit Spargel


Der erste Satz legt eine begrenzt willentliche Steuerung von Vergessensvorgängen nahe. Die Stimme moralischer Normen wird überhört oder gar abgewürgt. Genussvoll ausgeblendet , um des Genusses willen.

Ähnlich dieses Beispiel aus Österreich:

Zitat:
Es gab überraschend wenig Ausschreitungen, höchstens brisante Wortgefechte bei den Verköstigungsplätzen. Für 50 Schilling und unter Einsatz der Ellbogen konnte man einen Becher Flüssigkeit oder "a Eitrige" (Käsekrainer) erringen. Wer sich anschließend zivilisiert erleichtern wollte, bedurfte einer kräftigen Blase - die meterlangen Warteschlangen vor den Toiletten ließen jedoch viele Fans gute Manieren vergessen.
Salzburger Nachrichten, 22.08.1994; Alle Wege führten nach Wiener Neustadt - Bildandenken waren nicht

Auch die gewisse Süffisanz dieser Gazette aus Österreich gegenüber den preußischen Vettern ist nicht nur tribal aufschlussreich, die Passage lässt doch auch auf eine anthropologische Konstante des Vergessens schließen:

Zitat:
Zu einer Massenschlägerei ist es am Sonntag in Berlin ausgerechnet bei einem Fußballturnier gekommen, das unter dem Motto "Miteinander ohne Gewalt" stand. Die Prügelei hat wie immer mit einer lapidaren Beschimpfung begonnen, daraufhin haben Fußballer und Zuschauer das Motto der Veranstaltung im wahrsten Sinn des Wortes "schlag
artig"vergessen und aufeinander losgeprügelt.
Salzburger Nachrichten, 19.05.1992; VERRÜCKT


Hier deutet sich an, dass „vergessen“ nicht unbedingt einen langsamen, gleichförmig und selbstlaufenden Prozess anthropologischer Insuffizienz abdeckt, sondern eben auch spontane, nicht unbedingt völlig bewusste Aktionen, in denen sich der Ausführende über geltende Normen hinwegsetzt, freilich ohne sie im traditionellen Sinn des Wortes zu „vergessen“. Ein Schema durchaus, ein anthropologisches „script“.

Die angeführten Beispiele markieren - jenseits von langdauernden Prozessen - die Dominanz situativer Faktoren und ihre Wirkung auf das Entscheidungs- und Verhaltenssystem der damit Konfrontierten : Das appetitliche Essen motiviert den Genießenden zu einem Normbruch gegenüber Regeln der Wohlanständigkeit. „Zivilisiertes“ Benehmen ist an eine „kräftige Blase“ gebunden. Fehlt sie, so fehlt es bald daran.


(3.3) „vergessen machen“ und „ vergessen lassen“

Interessant die standardisierten Wendungen „ etwas vergessen machen“ oder „etwas vergessen lassen“. Recht häufig wird die Subjektstelle dieser Ausdrücke nicht durch menschliche Akteure besetzt, sondern eben durch außermenschliche Entitäten. Selbst wenn Emotionen, also zutiefst Menschliches im Spiel ist, legt unser Sprachmodell Wert darauf, einen Stimulus außerhalb in Betracht zu ziehen und so normabweichendes, kulturell weniger wertvolles Verhalten zu erklären, wenn nicht sogar zu rechtfertigen. Auf jeden Fall aber in den Bezirk zu transportieren, wo man von fahrlässiger Inkaufnahme des Fehlverhaltens, aber eben doch von Entschuldbarem oder Entlastendem sprechen kann.

Nicht unerwähnt bleibe ein klassisch -humanistischer Ansatz der Vergessenssemantik. Goethe etwa sieht bei einer Märchenlesung eine Lockerung festgefügter, oft korsettierender Normen im literarischen Spiel:

Zitat:
[…]die vier Zurückgebliebenen fühlten sich verlegen, ehe man sich's versah, und es ward sogar ausgesprochen, daß des Vaters Ausbleiben die Angehörigen beunruhige. die Unterhaltung fing an zu stocken, als auf einmal der lustige Junker aufsprang und gar bald mit einem Buche zurückkam, sich zum Vorlesen erbietend. Lucinde enthielt sich nicht zu fragen, wie er auf den Einfall komme, den er seit einem Jahre nicht gehabt; worauf er munter versetzte: "mir fällt alles zur rechten Zeit ein, dessen könnt ihr euch nicht rühmen". er las eine Folge echter Märchen, die den Menschen aus sich selbst hinausführen, seinen Wünschen schmeicheln und ihn jede Bedingung vergessen machen, zwischen welche wir, selbst in den glücklichsten Momenten, doch immer noch eingeklemmt sind. "was beginne ich nun!" rief Lucidor, als er sich endlich allein fand: "die Stunde drängt; zu Antoni hab' ich kein Vertrauen, er ist weltfremd, ich weiß nicht, wer er ist, wie er ins Haus kommt, noch was er will; um Lucinden scheint er sich zu bemühen, und was könnte ich daher von ihm hoffen? mir bleibt nichts übrig, als Lucinden selbst anzugehn; sie muß es wissen, sie zuerst. dies war ja mein erstes Gefühl; warum lassen wir uns auf Klugheitswege verleiten! das Erste soll nun das Letzte sein, und ich hoffe, zum Ziel zu gelangen".

Goethe: Wilhelm Meisters Wanderjahre, [Roman], (Erstv. 1821), In: Goethes Werke, Bd. 8. - München, 1982 [S. 96]

Ähnlich der junge Schiller, in seiner theoretischen Schrift von 1784 „Die Schaubühne als moralische Anstalt betrachtet“ preist er den Simulationsraum Theater als Stimulans der Affekte und einer Anstalt zur Weckung universaler Konzepte jenseits der Ständegesellschaft:

Zitat:
Wenn Gram an dem Herzen nagt, wenn trübe Laune unsere einsamen Stunden vergiftet, wenn uns Welt und Geschäfte anekeln, wenn tausend Lasten unsre Seele drücken und unsre Reizbarkeit unter Arbeiten des Berufs zu ersticken droht, so empfängt uns die Bühne – in dieser künstlichen Welt träumen wir die wirkliche hinweg, wir werden uns selbst wieder gegeben, unsre Empfindung erwacht, heilsame Leidenschaften erschüttern unsre schlummernde Natur und treiben das Blut in frischeren Wallungen. Der Unglückliche weint hier mit fremdem Kummer seinen eignen aus – der Glückliche wird nüchtern und der Sichere besorgt. Der empfindsame Weichling härtet sich zum Manne, der rohe Unmensch fängt hier zum erstenmal zu empfinden an. Und dann endlich – welch ein Triumph für dich, Natur! – so oft zu Boden getretene, so oft wieder auferstehende Natur! – wenn Menschen aus allen Kreisen und Zonen und Ständen, abgeworfen jede Fessel der Künstelei und der Mode, herausgerissen aus jedem Drange des Schicksals, durch eine allwebende Sympathie verbrüdert, in ein Geschlecht wieder aufgelöst, ihrer selbst und der Welt vergessen und ihrem himmlischen Ursprung sich nähern. Jeder Einzelne genießt die Entzückungen aller, die verstärkt und verschönert aus hundert Augen auf ihn zurückfallen, und seine Brust gibt jetzt nur einer Empfindung Raum – es ist diese: ein Mensch zu sein.


(4) Das Modell des vergesslichen Mannes: Perfekt Passiv



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„Ihrer selbst und der Welt vergessen“, so Schiller zur Funktion des Theaters und andere Stimmen über das Vergessen, wir nutzten sie, das Spielfeld des Verbs „vergessen“ anzuskizzieren und auch vermessen zu sondieren. Darin eingepflegt gewinnt unsere zentrale Passage des heimkehrenden Mannes und seines mangelhaften Verhaltens durchaus an Luzidität:

Im ersten Satz geht es um ein „Nachhausekommen“ des Ich und seine arbeitsbedingte Müdigkeit, seine Beeinträchtigung des Zärtlichkeitsorgans Haut durch den „Ärger des Tages“ , äußere Faktoren, kräftig genug, sein wenig zivilisiertes aktuelles Verhalten zu erklären und bis zu einem bestimmten Grad den Akteur zu entlasten.

Doch der Autor tut mehr, er wählt entlastende Zusatzstrategien: Er verzichtet auf ein „Ich vergesse oft ganz dich zu grüßen“. Kein Personalpronomen mehr, stattdessen das Substantiv „Gruß“. Kkein Präsens mehr, das man bei dem iterativen „wenn“ durchaus erwarten könnte, sondern ein Perfekt mit präsentisch-präteritaler Färbung: Der aktuell betretene Raum der Wohnung liefert keinen Stimulus mehr. Der Arbeitsraum hat den Gruß und überhaupt zwischenmenschlich wertvolle Umgangsformen absorbiert. Willkürlich ist es nicht, das Unterschlagen des Grußes. Unwillkürlich ist es, das Unterlassen des Grußes.

Weiter: Wenn schon „vergessen“ normalerweise keine willensgesteuerte Handlung ist, warum dann nicht einfach das Aktiv setzen: „ich vergesse“? Warum dieses seltsame Passiv in „ist vergessen“.
Zwar ist latent klar, dass der Gruß und der Nichtgruß eine menschliche Handlung, die unseres Ichs ist, und dass sie oft nicht willkürlich und hochbewusst ausgeführt wird. So ist wohl der Verzicht aufs Aktiv eine Doppelcodierung, eine Superentlastung. Und: Stärker ins Gewicht fällt und soll fallen, was da an Außenkräften wirkt und „verantwortlich“ ist. Das Passiv könnte, aber muss nicht in einer präpositionalen Phrase das Agens beibringen: „Der Gruß ist oft [von mir] vergessen.“ Dann wäre es mit der „Von-Phrase“ sehr nahe an dem „Ich vergesse/ich habe vergessen“. Insofern ist das ausgedünnte Passiv (ohne von-Phrase) gut geeignet, das Geschehen zu betonen und den menschlichen Urheber sogar als nebenamtlichen Mitakteur auszuklammern und so als „First Mover“ die Zwänge der Arbeitswelt unterschwellig zu installieren.

„Ausklammern“, „ausblenden“, verdrängen“, das sind negativ konnotierte Verben. Aber solche Gewichtsverlagerungen mögen eine durchaus legitime Strategie sein, wenn man eine Wirkungskette konstruieren will, in der der menschliche Akteur eher Patiens ist, eigentlich „nur“ so reagiert, wie es die ermüdende Vorsituation mit sich bringt. Eine legitime Strategie, wenn man den von Arbeit dominierten Zeitraum des Arbeitstages als die Zeitphase bezeichnen will, deren Geltung die Geltung des privaten Abendraums in dämmernde Vergessenheit gebracht hat. Die Erst- und Hauptursache hat - in der Perspektive des Schreibers - den ihr gebührenden Raum zugeordnet bekommen, syntaktisch, semantisch, partnertaktisch.

Ein perfektes Passiv, entlastend vom Vorwurf voll bewussten Handelns und nicht so überdehnt und strapaziert, dass es sich abtun ließe, als billige Strategie zivilisierter roher Unmenschen der Gattung Mann.

Anmerkung:

Wer wird auch das noch goutieren? Bei Google-Book findet sich die fragliche Passage, als karges Snippet-Fraktum nur, aber weich und hart genug, unsere Überlegungen zu unterfüttern.

Jo Hanns Rösler (1940): Liebesbrief an die eigene Frau –
187 Seiten - Snippet-Ansicht

Es sieht wohl oft so aus.
Wenn ich abends müde von der Arbeit nach Hause komme,
den ganzen Ärger des Tages noch auf meiner Haut,
ist mein Gruß meist nicht zärtlich zu dir,
oft mürrisch,
oft auch ganz vergessen.
Dann setzen wir uns um ...



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greetse
willi wamser


Literatur:

Dowty, David (1991): Thematic proto-roles and argument selection. In: Language 67, S. 547-619
Musan, Reante (2008): Satzgliedanalyse. Heidelberg: Universitätsverlag Winter
Primus, Beatrice(2012): Semantische Rollen. Heidelberg: Universitätsverlag Winter
Zifonun, Gisela (u.s.) (1997): Grammatik der deutschen Sprache. Drei Bände. Berlin: de Gruyter

 

Probleme mit dem Textverständnis




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