arisia (Gast)
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15.09.2006, 11:02 / 6 x geändert
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Eine schöne Geschichte
Eine Landstraße wellt sich durch die Hügel; weniger durch die Dörfer.
Eine Frau, rote Sandaletten (mit Stöckelabsätzen) in der Hand schlenkernd,
wandert den Straßenrand entlang. Eine Handtasche und eine Jutetasche
baumeln von ihrer linken Schulter. Die grün marmorierte Bluse weht über
ihrem kurzen grünen Rock, das halblange Haar wippt im Takt ihres *forschen
Schreitens.
Mit dem Fernglas vor den Augen sitze ich auf dem nächsten Hügel und genieße
ihre Annäherung. Sie ist es tatsächlich. Ich kenne diesen *dynamischen Schritt.
Bis jetzt habe ich nicht geglaubt, daß sie kommt.
Was soll ich auch von einem Brief halten, der im April bei mir ankommt, in dem ich
gebeten werde, am 9.September um 14 Uhr mit einem Fernglas auf einem Hügel
vor Serano, in der Toscana, zu sitzen und auf Anna zu warten? Aber sie ist es.
Zweifellos. Jetzt schaut sie herauf, winkt, lacht, rennt, ist da.
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Tage später geht sie wieder. Wir haben uns für den 9. September,
zwei Jahre später, auf einer Landstraße vor Nowosibirsk verabredet.
* verändert: Dynamik und lasziv sind weg

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Jolante
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19.09.2006, 14:22 / 3 x geändert
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Hi, arisia,
ich habe etwas gezögert, den Anfang zu machen, weil ich den gerne Berufeneren überlassen hätte. Nun tut sich aber zur Zeit nicht so viel im Forum, und da will ich mal aufzeigen, wie der Text auf mich gewirkt hat.
In dieser Kurzgeschichte, die mit nur 13 Zeilen eine "ganz kurze Kurzgeschichte" ist, weht mich der Atem der Freiheit an, fasziniert mich die Intimität in einem großen freien Raum. Die Erzählerin erwartet auf einem nicht näher bezeichneten Hügel in der Toscana eine auf einsamer Landstraße daherkommende Frau namens Anna, mit der sie sich zu dieser Zeit und an diesem ungewöhnlichen Ort verabredet hat. Sie beobachtet die Frau durch ein Fernglas, ist ganz und gar konzentriert auf ihr Aussehen und ihre Bewegungen, sie "genießt ihre Annäherung". Die Intensität der Begegnung wird durch die Zeile "Jetzt schaut sie herauf, winkt, lacht, rennt, ist da" besonders deutlich. Was nun weiter geschieht, lässt die Erzählerin offen, es ist auch nicht so wichtig. Wichtig ist, dass sich die Frauen für den gleichen Tag im September in zwei Jahren auf einer Landstraße vor Nowosibirsk verabreden.
Der Text verdichtet ganz unspektakulär die ungewöhnliche Begegnung zweier freier Menschen in einer freien Landschaft, in der nichts und niemand ihre Initimität stört. Wie schon der Titel verspricht, ist es "eine schöne Geschichte" mit einer Schlusspointe, die zum Tiefdurchatmen und Weiterspinnen anregt.
LG Jolante,
auf andere Lesarten gespannt

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zuppanova
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servus, Jolante - und natürlich arisia!
habs auch mehrmals gelesen, dies ganz kurze gschichterl. wo du, Jolante, einen anfang gemacht hast, sag ich noch, was mir durch den kopf geht (viel ist es aber grad nicht).
- bei laziv fehlt ein s (bin so eine pedantin, gell, und schreib selber alles klein)
- warum wellt die strasse sich "weniger durch die dörfer"? bedeutet das etwas? wenn ja, dann verstehe ich es nicht
- freiheit und intimität, hat Jolante schon angesprochen ---> es könnte auch eine alter-ego-geschichte sein, die sprecherin sieht sich selbst auf sich zukommen. biografische bedeutung? anderer hintergrund?
vielleicht: selten nur ist man wirklich "bei sich" (so alle paar monate oder alle 2 jahre halt). manchmal muss man mit dem fernglas nach sich ausschau halten ... btw, da könnt ich mir ein FernROHR auch vorstellen, passte für meinen geschmack besser in den rahmen der geschichte
- warum Toskana? warum Nowosibirsk? bedeutung?
- farben: rot/grün. lasziv (rot), Banshee (grün)? Stöckelschuhe: sind da, als "marker" für die persönlichkeit der herannahenden Anna, weiterer persönlichkeitsmarker ist das ausziehen derselben falls nötig oder günstig. zwei kleine details, die aber doch viel aussagen über diese figur. andere marker z.b. noch die zweierlei taschen über der schulter, das "dynamische" haar. auf jeden fall ist es eine "bunte" person, eine "gemischte". die sprecherin selbst bleibt unbeschrieben, wird nur als gegenpart der Anna greifbar.
- mutet skurril an. das ist ein pluspunkt (für mich), auf alle fälle
- so, und zuletzt natürlich die dickste frage: warum gerade am 9. September? soll der/die leser/in da in eine ganz bestimmte richtung denken, jahrestagmässig? wenn ja, warum?
so, ganz lg, zuppa: mal wieder prestolitta, aber gespannt auf die antworten!

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arisia (Gast)
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20.09.2006, 20:47 / 2 x geändert
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hallo, Jolante, Zuppa,
Zuerst mal eine verwunderte Frage von mir:
Warum soll Mensch auf dem Hügel eine Frau sein? Das LI könnte doch auch aus der Sicht einer männlichen Person schreiben, oder? oder nicht?
@Jolante
Jau, insgesamt hast du den Text genau so erfaßt, wie er von mir (damals) gemeint war. Eine Freiheit,
"die zum Tiefdurchatmen und Weiterspinnen anregt."
Und ja, das Datum ist wichtig, wenn auch nur im relativen Sinne, es ist zusammmen mit der Situation des "Außergewöhnlichen", (Nowosibirsk) die andere Verbindlichkeit in dieser Beziehung. Den Text habe ich an einem 9. September aufgeschrieben, irgendwann Anfang der 90ziger Jahre. Und ja, zumindest die Sicht eines freien Menschens, der einen anderen Freien fantasiert.
@zuppa
lasziv habe ich verbessert. Es ist blöd, wenn frau ältere Texte nimmt, da ist sie betriebsblind, egal, wie oft ich die Texte durchgehe, immer wieder Fehler. :))))))
die Straße wellt sich deswegen weniger durch die Dörfer, weil die Dörfer auf dem Hügel, oder im Tal liegen, die Straßen verlaufen einigermaßen gerade, in Relation zum Anfahrtsweg gesehen wellen sie sich weniger. :)
Es könnte auch eine "alter-ego" Geschichte sein. Ich weiß es nicht. Die Geschichte wurde von mir nicht konzipiert, ich habe sie nachts um 3 Uhr am Telefon erzählt, weil mich ein Bekannter anrief, dem es nicht gut ging, und er zu mir sagte:
"Erzähl mir eine schöne Geschichte", also erzählte ich "eine schöne Geschichte", genauso habe ich sie dann aufgeschrieben.
Toscana:
Da war ich oft.
Novosibirsk:
Da wollte ich immer mal hin.
Die "Marker" für die Person kommen 100%ig hin, bunt, skurril, mit dem Tod, wie mit dem Leben tanzend, fähig in Stöckelschuhen gut auszusehen, aber auch fähig sie ausziehen zu können und zu laufen, steigen, was auch immer, keine Identifikation, nur Dessou.
Die andere Person ist die andere Person, ich weiß nicht mehr über sie, nicht zu diesem Zeitpunkt, ich weiß nur, daß es sie gibt, daß sie da ist, wenn Anna schreibt, daß sie da sein soll.
Hm, z. Z. beschäftitigt mich die Geschicht auch grad wieder sehr. Ich versuche zu verstehen, wie ich damals tickte. :)
liebe Grüße
arisia
evtl. inst mein Gescheibsel jetzt nicht sehr erhellen, das ist es für mich auch nicht.
AB ER, jedesmal, wenn ich die Geschichte lese, geht es mir gut.
PS:
Die Schuhe existieren noch, in Seidenpapier eingewickelt :)

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zuppanova
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servus, arisia,
bin ganz geknickt, denn: mit deiner ersten frage hast du vollkommen recht! warum also hab ich, zuppa, da vom ersten augenblick des lesens an eine frau gesehen, und nur eine frau. eine männliche person kam mir nicht einmal als schwacher schemen in den sinn. bin ich monochrom, irgendwie? grad ich, die doch das polychrome so mag ...
ansonsten hat mich dein "geschreibsel", arisia, zufriedenstellend erhellt. dass die schuhe noch da sind, freut mich (hab auch mehrere paar schuhe aus unterschiedlichsten epochen, regal im waschkeller ... )
lg von einer (über sich selber) heftig kopfschüttelnden zuppa:

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Jolante
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N´Abend, arisia + zuppa,
kann man denn bei einem Prosa-Text von einem lyrischen Ich sprechen ? Also (ein)geknickt wie zuppa bin ich nicht wegen deiner Frage, arisia, denn du hast ja keinerlei Angaben über das Geschlecht des Ichs gemacht, so dass ich mich frei genug fühlen durfte, es mit einer Frau zu assoziieren. Nie wäre mir ein Mann eingefallen, weil...., na ja, ich kann es nicht so genau erklären, aber hätte ein Mann so ruhig auf einem Hügel sitzend mit einem Fernglas vor Augen auf eine dynamische Anna gewartet, ohne ihr entgegen zu rennen und sie stürmisch zu umarmen ? Ich sehe da einfach keinen Mann. Liegt das an mir, bin ich männerfeindlich oder gar Schlimmeres ? Bitte erlöse mich, arisia, gib zu, dass ICH eine Frau ist/bin.
LG Jolante (unsicher)
P.S.: Ich lese sie gerne, die schöne Geschichte !

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arisia (Gast)
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hi, Jolante,
keine Ahnung, wie letztendlich im Prosatext die Personen definiert werden. Es gibt aber Kategorien, werde mich mal drum kümmern. Ich dachte mir aber bei so einem kleinen Text kann noch von einem LI gesprochen werden.
Ich seh's so. Anna ist die Protagonistin, die, von wem auch immer auf dem Hügel, skizziert wird. Im Grunde ist die Erzählsituation umgedreht.
Ihr beiden habt mich jetzt ganz verunsichert. Ich bin eher von einem Mann ausgegangen, da ich die Geschichte ja einem Mann am Telefon erzählte. Aber klar, es könnte auch eine Frau sein. Ich habe die Geschichte ja innerhalb von Minuten aus dem Nichts gezogen, deswegen kann ich wirklich nicht viel über die Gestalt auf dem Hügel sagen, wenn ich es heute so bedenke (also so viel, wie in den letzten Tagen, habe ich mich noch nie mit der Geschichte beschäftigt), käme doch das "alter ego" noch am ehesten hin. Aber das ist meine heutige Sicht, die Geschichte ist doch schon 14 Jahre alt.
Ich freue mich aber, daß die Geschichte so ein Rätsel aufwirft.
liebe Grüße
arisia

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augustine
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22.09.2006, 15:33 / 1 x geändert
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Hallo arisia, nimm's mir bitte nicht wieder als Arroganz oder unangemessene Belehrsamkeit übel, wenn ich sage: das lyrische Ich ist eben ein lyrisches; der Begriff hier in einer - schönen - Geschichte ist: ich-Erzähler (in). - Den Satz über die Dynamik solltest Du streichen: er ist kommentierend, und das gehört nicht in eine Kurzgeschichte (die Du ja als Gattung schon selber hier erläutert hast). - Kann jemand lasziv und dynamisch zugleich gehen??? (mal abgesehen davon, dass das Wort in so wenigen Zeilen nicht zweimal erscheinen sollte) - Vielleicht gehst Du auch den Text auf Reste von Verschreibungen nochmal durch.
Natürlich ist solche Kurzgeschichte ein Rätsel - als Momentaufnahme, deren Vorgeschichte man nicht kennt. Sehr apart der Einfall: das nächste Mal in Nowosibirsk.
Die Geschichte ist, schreibst Du, 14 Jahre alt. Sicher hast Du Dich gefreut, dergleichen vor- und mit Recht zu finden, dass sie vorzeigbar ist. Gerade solche Geschichten aber sollte man (finde ich) besonders selbstkritisch überschauen, denn da hat man ja den Bewertungsabstand, der eigentlich immer nötig ist.
Liebe Grüße a.:))

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arisia (Gast)
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hi, Augustine,
ja, genau, der/die Ich-Erzähler/in. Bin einfach nicht auf den Begriff gekommen. Danke.
Schön, daß dir die Geschichte gefallen hat, und lieben Dank für deinen Beitrag.
Ich werde die Geschichte noch mal überarbeiten, das zweimalige Erwähnen von "Dynamik" hat mich auch schon gestört, und richtig, das ist beschreibend, mal sehen, was ich tun kann.
"lasziv-dynamisch", doch, ich habe solche Bewegungen schon gesehen, eine gewisse träge aber wachsame Dynamik, wobei das Träge, Laszive jeden Moment umschlagen kann.
Nochmals lieben Dank für deinen Kommentar,
arisia

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