endlich / endreinigung · Gretchen Darloni · Constance

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     Gretchen Darloni



endlich / endreinigung

   13.09.2006, 06:58 / 1 x geändert



endreinigung

eines abends
zog sie
ihr dreckiges leben
aus.
weichte es ein
in der wanne.
sie sah
wie allmählich
das wasser
sich dunkelrot färbte
und wusste:
endlich wird alles
sehr gut.


Hier eine leicht abgeänderte Version, die mir z.Zt. besser gefällt:


endlich

eines abends
zog sie ihr leben aus.
weichte es ein in der wanne.
sah wie das wasser
sich dunkelrot färbte und wusste:
endlich wird alles
sehr gut.

 
        arisia
        (Gast)

RE: endreinigung

   14.09.2006, 12:00



hi, Gretchen,

der Text hat mich jetzt aber erstmal sehr erschreckt. Aber dann machte ich mir doch klar, daß du nicht von dir redest.
Das paßt nicht zum Gretchen, dachte ich mir. :)
Zum Text:
Da geht es wohl um einen Selbstmord in der Badewanne. So viele Jugendliche treibt dieses Thema um, wenn ich mir betrachte, was dazu so alles in den Weiten des Netzes steht.
Schon der Titel verheißt Düsteres, wirft die Verbindung zur "Endlösung" auf, so daß "...reinigung" sofort vom Gehalt her untergeht.
Allerdings erscheint es mir, daß der Text sich doch eher auf ein "Fixer-Milieu" bezieht, dafür spricht die Zeile

"ihr dreckiges leben"

Die lakonische unprätentiöse Sprache, die du hier benutzt, läßt mich schaudern, bringt Endgültigkeit und Unumkehrbarkeit in das Geschehen. Kein Bedauern mehr von der Seite des LI, kein Selbstmitleid, eher eine tiefe Befriedigung darüber, den Schritt, den Schnitt getan zu haben, die in den Zeilen

"endlich wird alles
sehr gut."

ihren Ausdruck findet.
Kompliment, ein sehr guter Text zu diesem tragischen Thema.

liebe Grüße
arisia

 

     Gerd



RE: endreinigung

   15.09.2006, 07:24



Hallo Gretchen,

ich assoziiere hier nicht nur "dunkelrot" eigenes Blut, sondern evtl. auch jenes der/des Peiniger/s. Drastischer Schnitt ja, doch könnte dies auch eine Metapher für das über Bord werfen eines alten Lebens sein. Ein altes Leben aufzugeben, ist auch immer ein Teil seiner eigenen Geschichte zurück zu lassen.
"endreinigung" - Aderlass wurde früher als reinigend angesehen.
"sehr gut" irritiert mich, könnte abhängig vom Tonfall hysterisch oder zufrieden sein.
13 Zeilen verheißen nichts Gutes.
Ein starkes Stück.
Auf andere Lesarten und Antworten gespannt.

Herzliche Grüße
Gerd

 

     Moulin



RE: endreinigung

   15.09.2006, 20:37



Mich freut der gleichmäßige Verlauf, der in der selben Gleichgültigkeit abzulaufen scheint, wie das, was es ausdrückt.
Hier aber einen Schlußpunkt setzt, mit dem Ende der Gleichgültigkeit.

Die Dramatik ist das Blut.

Das Blut symbolisiert, als nach außen sichtbares Merkmal die Qual, den Verlust am eigenen Ich.
Das wird ab/ reingewaschen.
Waschen bedeutet Veränderung. Dreckig - Sauber.
Damit Mut für ein neues Leben geschaffen.

 

     Jolante



RE: endreinigung

   15.09.2006, 22:25 / 1 x geändert



Gretchen,

ich habe das Gedicht ein paar Mal gelesen, um es auf mich wirken zu lassen. Mir scheint, dass das lyrische Ich ganz bewusst und ohne Panik, ja sogar mit einer ungeheuren Erleichterung seinem "dreckigen Leben" ein Ende setzen will. Das dreckige Leben assoziiere ich eher mit Sex und/oder Prostitution als mit Drogen, warum weiß ich auch nicht. Dieses watteweiche Abdriften in die Ohnmacht, wenn das Blut sich mit dem warmen Badewasser vermischt und gleichzeitig das euphorische Gefühl, jetzt wird alles sehr gut......, ja, das ist stark. Das lyrische Ich will erlöst werden und das kann nur durch "Endreinigung" geschehen, ein Begriff, der dennoch Hoffnung auf Reinheit in einem anderen Leben verheißt. - Ein ergreifendes Gedicht, das auch formal gut gelungen ist.

LG Jolante

 

     augustine



RE: endreinigung

   21.09.2006, 23:40 / 1 x geändert



Hallo, Gretchen,
ein paar Bröckchen noch von mir:

*"eines abends" - vor der Nacht, die Angst macht?
*"zog sie/ihr dreckiges leben/aus" - kann man, glaube ich, doppelt lesen: das ganze Leben ist dreckig, sie 'zieht es aus', wirft es weg, zieht es sich wie die eigene Haut über die Ohren; ODER: zieht das 'dreckige leben' aus, darunter (wie bei einer Häutung) könnte dann ein 'sauberes' (oder so) Leben zum Verschein kommen
* was man einweicht, pflegt man doch, wirft es gerade nicht weg; aber die Überschrift heißt "endreinigung" (Assoziazion: Endlösung)
* sich die Pulsadern aufschneiden; zusehen, wie der Lebenssaft langsam rinnt; so?
* doch, ich glaube so: sanfter Selbstmord; dafür spricht am meisten: die Erwartung, es werde "alles/sehr gut" - Euphorie des Übergangs ins Nichts
Ja, ein starkes Stück! augustine mit sehr lebendigen Grüßen

 

     Elise



RE: endreinigung

   22.09.2006, 00:44



Hallo zusammen!

Hier wurden so interessante Kommentare geschrieben, nun melde ich mich auch noch. Bei meinen eigenen Texten weiß ich ja immer nie, was ich von ihnen halten soll, und hier geht es mir nun ganz genauso, also, ich fühle mich verwirrt, wenn ich es lese. Ich schwanke hin und her.
Der Text kommt mit wenig Inventar aus, das ist sicher gut, er wirkt, indem er deutliche Bilder bei den Lesenden hervorruft, hat also etwas Klares und einen Duktus der Entschiedenheit. Ein Strang, keine Abweichungen. Einmal tief einatmen und wieder aus, und schon ist es vorbei.
Da ist eine existentialistische Gebärde darin, oder, das fällt mir soeben ein: wenn Wladimir und Estragon beschließen würden, nicht mehr auf Godot zu warten, würde sich das, was sie dann tun, vielleicht so anfühlen - ich weiß es nicht, nur so eine Idee.
Drei Fragen noch:
- Wäre ein anderer Titel denkbar? Mir persönlich gefällt diese "endreinigung" nicht. Aber das ist sehr subjektiv.
- Muß das Leben "dreckig" sein? Kann es nicht einfach "Leben" sein? Andererseits, das wurde ja schon ausgeführt, das "dreckige" enthält die Möglichkeit einer Entwicklung, Veränderung. Aber ist es nicht doch zu schrill?
- Dasselbe empfinde ich bei "sehr gut": Gerd hat es bereits angesprochen, warum "sehr" gut? Das ist irritierend, ebenfalls zu schrill?
Nun, so viel nur.

Es grüßt Elise (leicht verstört - aber dies mag ebenfalls für den Text sprechen ... ).

 

     Gretchen Darloni²



RE: endreinigung

   05.12.2006, 21:25



Okeeh, ihr Lieben,

sehr viel Zeit hier vergangen, aber ich fühle mich irgendwie veranlasst, das abzuschließen.
Hat so lange gedauert, weil eure Kommentare so gut waren, so überraschend bis erschütternd für mich.
Hab das nämlich so runtergeschrieben, ohne groß nachzudenken. Dat iss so: spät abends (wenn ich erschlagen aus der Tanzschule komm) zieh ich mich im Dunkeln aus, das iss milder. Bin manchmal so fertig, dass ich denk: hola, wär gut, wenn du gez nicht nur die Kleider abstreifen könntest, sondern weitermachen, die Haut ausziehen, das Leben abstreifen, alles Schwere, Unruhige, Belastende, Fremde einfach so ausziehen und auswaschen - das hat nichts mit "Selbstmordgedanken" zu tun.
Ja, in so einer Stimmung hab ich das dann aufgeschrieben, einfach mal so.

Gerd, für deinen Kommentar möchte ich mich noch besonders bedanken, den fand ich nämlich speziell interessant, wegen der Blickwinkelveränderung (Blut des Peinigers). Soll abba gez nicht heißen, dass die anderen Kommentare mir nicht ebenso wichtig wären. Danke.
Elise, deine Vorschläge hab ich überdacht und teils aufgenommen. Finde das immer so schwierig, mit sonn' Eigengedicht umzugehen. Da fehlt mir die Distanz.

Danke nochmal. Gretchen (erschöpft heute, unruhig, von Fragen zermartert, also: runderneuerungsbedürftig mal wieder, woll).

 

     Jolante



RE: endlich / endreinigung

   06.12.2006, 16:35



Hallo, Gretchen,

in der Neugestaltung gefällt mir dein Gedicht noch besser. Es geht also nicht um ein "dreckiges" Leben, das ich in meiner Deutung mit allen möglichen Lastern in Zusammenhang brachte, sondern einfach um ein Stück gelebtes, vielleicht auch verlebtes Leben, welches das lyr. Ich in einem Anflug von Erschöpfung und Überdruss einfach nur wie ein Kleid oder eine Haut ausziehen wollte. Dennoch assoziiere ich das "Dunkelrot", in das sich das Wasser färbt, und auch das "Endlich wird alles sehr gut" nach wie vor mit Selbsttötung. Das "Blut des Peinigers" (Zitat Gerd) erscheint mir nicht ganz logisch, aber vielleicht fehlt es mir auch am Vorstellungsvermögen. Ich finde, es ist ein interessantes und gut geschriebenes Gedicht, das verschiedene Deutungen ermöglicht.

In die Runde grüßt Jolante
(phantasielos)

 

     zuppanova



RE: endlich / endreinigung

   07.12.2006, 15:48



servus, Gretchen!

so vom spontanen lesen weg gesagt: deine zweite, veränderte fassung gefällt mir auch besser.
zeileneinteilung find ich besser so (nur noch 7, kompakter), titel auch besser (ruhiger, keine vorschnell den leser steuernden spuren) und ohne das "dreckige" leben ist es lapidarer, weniger schrill, dadurch eindrücklicher.
also, mein ich halt -

lg, zuppa.

 
        arisia
        (Gast)

RE: endlich / endreinigung

   20.12.2006, 10:16



hi, gretchen,

da ich eine Weile nicht da war, habe ich eben erst die Neufassung deines Textes entdeckt.
Ja, so kommt deine Absicht besser rüber.
Die "Endreinigung" war für deine Absicht wirklich zu schwer, implizierte Ereignisse aus der
deutschen Vergangenheit, was ja, wie ich jetzt sehe, nicht deine Absicht war.
Auch die Zeilenaufteilung korrespondiert so besser mit dem
Empfinden des LI, ist nicht ganz so abgehackt, eher ein gleichmäßger Fluß hin zu besserem
Befinden.
Ich denke Häutungen sind ein manchmal notwendiger Prozess, sei es ganz explizit real wie
bei Schlangen, oder eher übertragen, auf der psychischen Ebene gemeint, Befreiung von den
Anfforderungen des Tages, oder eine buwußte Veränderung des bisherigen Lebens, die mit
der alten Haut nicht gestaltbar wäre.

liebe Grüße von einer mehrmals Gehäuteten :)
arisia

 

     Gretchen Darloni²



RE: endlich / endreinigung

   09.01.2007, 07:59



Hei, arisia,
Häutungen, genau, gutes Wort.
Dat trifft es.
So, und der Rest bleibt erst mal so stehen.
Danke an alle.

Karogrüße. Gretchen.

 

     rollerball



RE: endlich / endreinigung

   04.04.2007, 14:53



Hallo Gretchen!
Mich hat das Gedicht zunächst auch mal erschreckt, das dunkelrote Wasser erinnert doch all zu sehr an Blut, führt den Leser sehr leicht auf eine falsche Fährte (erinnert mich auch an ein Lied des Wiener Dialektsängers Wolfgang Ambros, in dem er einen Selbstmord beschreibt: blutigrotes Wasser, es ist grade so wie ein Sonnenuntergang in Jesolo ...)
Ich frage mich auch, ob eine solche "Häutung" wirklich so spontan, kurz und schmerzlos erfolgen kann, oder ob sie nicht zumeist ein sehr langwieriger, schmerzhafter Prozess ist ... Trotzdem ein starker Text, der unter die Haut geht ...

Liebe Grüße von rollerball, der sich schon so oft gehäutet hat wie der Lizard King ...

 

     Gretchen Darloni²



RE: endlich / endreinigung

   12.04.2007, 08:19



Heiala, rollerball - oder Lizard King?

Hast du sicher recht, was die Wandlungen angeht. Prozess und so.
Aber inn’ Gedicht darf das auch mal ganz schnell gehen, wegen der Verdichtung, Komprimierung usw.
Habb mich auch schon mehrfach gehäutet, bin abba nach jeder Häutung kariert wie stets. Hilft also bei mir (noch?) nicht.

Dass du den Ambros anführst, hat mich echt umgehauen. Ich zitier mal noch ein Stück mehr von dem Lied, dann sieht man die Parallelität besser:

Heite drah i mi ham

I versperr' die Tür und leg' die Kett'n vor,
häng' mei G'wand sche auf so wia is imma tua
lass a warmes Wasser in die Badwann' ein
und zum ersten Mal im Leb'n füh' i mi frei.
I schreib an meine Freund den allerletzten Gruaß
weil heut is a Tag den was ma feiern muaß.

Heit drah' i mi ham,
schneid ma d'Pulsadern auf
lieg im warmen Wasser drin
und lass mein' armen Bluat sein Lauf
Heute drah' i mi ham,
und es tuat gar net weh,
man wird nur ganz langsam miad
bis ma nix mehr g'spiart.

Nur a klaner Schnitt und dann is scho passiert
und i g'spiar schon wie ma immer leichter wird.
Bluatig rotes Wasser, es is grad a so
wia a Sonnenuntergang in Jesolo.
Langsam wird's jetzt finster, finster und so still
Freiheit hasst nur, dass ma geh'n kann wann ma wü.


Bei meinem Hexameterversuch
" Lebst du noch oder ... "
hat Ludwig Hirsch Pate gestanden.
Habb nen Hang zum morbid Wienerischen oder so.

Danke für deine Anmerkung.
Frühlingskaros von der Gröte.

 

endlich / endreinigung




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