Saluto (8) · gregor libkowsky · *.TXT

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     gregor libkowsky



Saluto (8)

   18.02.2012, 06:00 / 5 x geändert



Die Gurke. Na prima. Herzlichen Glückwunsch. Der Sprint von der Verwaltung zum Lagerhaus hat sich nicht gelohnt. Zu spät. Ich stöhne laut auf.
„Schau an, da ist er ja, der feine Herr Oberkellner", begrüßt mich Brendel und deutet grinsend auf die letzte im Raum verbliebene Kunststoffatrappe: eine Gurke.
Brendel lacht: „Wer nicht kommt zur rechten Zeit, der … nein, viel besser", jetzt hebt er seinen Zeigefinger, „wer zu spät kommt, den bestraft die Gurke.“ Das Lachen nimmt ihn nun vollends in Besitz, der wuchtige Körper wird durchschüttelt und bäumt sich vor mir auf, als wolle er die Last des ihm aufgezwungenen Witzes nicht mittragen. Brendel presst seine Hände gegen den wiehernden Bauch, schnaufend hält er die Spannung und quetscht nun Wort für Wort aus sich heraus: „Den bestraft die Gurke, das ist gut, den bestraft die Gurke.“
Nach einer kurzen Verschnaufpause klopft er mit der flachen Hand auf die Gurke, wischt sich mit dem Ärmel die Tränen aus dem Gesicht und winkt mich zu sich heran. „Auf geht’s, fertigmachen, die anderen warten! Wir sind kein Restaurant, wo die Bedienung nur nach Lust und Laune an den Tischen vorbeischaut, wir haben feste Termine, das sollte sich sogar ein Herr Saluto merken können, auch wenn es schwerfällt.“
Dass Brendel selbst es gewesen sei, der mir am Freitag befohlen habe, am heutigen Montag noch vor der Einteilung in der Verwaltung vorstellig zu werden, gebe ich ihm zu bedenken. Außerdem sei vereinbart gewesen, dass die Einteilung erst stattfinden würde, wenn alle anwesend seien.
Schnickschnack, erwidert Brendel, das sei nichts als Schnickschnack. Hirngespinste, Phantastereien, Ausreden.
Ob denn wenigstens am nächsten Tag eine neue Einteilung stattfände, es könne doch nicht sein, dass ich für immer und ewig die Gurke sein müsse, hake ich nach, doch Brendel beginnt schon wieder zu glucksen. „Eine neue Einteilung, der Herr Saluto möchte neu einteilen", prustet es aus ihm heraus. Doch plötzlich wird er ernst, rückt noch ein Stückchen näher an mich heran, sein Kopf beugt sich nach vorn, seine Augen werden zu Schlitzen, es fehlte nicht viel und unsere Nasenspitzen berührten sich, und wie von blinder Wut gepackt brüllt er: „Saluto, du bist die Gurke, heute, morgen, übermorgen, immer, merke dir das! Oder ist das zu viel verlangt?“
Vor Wut und Enttäuschung zittere ich ein wenig, doch ich habe mich noch so weit im Griff, Brendel davon nichts mitbekommen zu lassen. Während ich schweigend in die Gurke steige, zwinge ich mich, gleichmäßig Luft zu holen, um mich zu beruhigen. Meine Hände schiebe ich durch die seitlichen Öffnungen. Nun verschließt Brendel den schmalen Spalt, durch den ich mich beim Einstieg in die Gurke gezwängt habe. Mit Trippelschritten bewege ich mich vorwärts in Richtung Ausgang und versuche dabei mittels Rudern des linken und abwechselnd des rechten Armes, die gesamte Gurkenplastik so zu bewegen, dass sich die Augenschlitze in Höhe meiner Augen befinden. Das klappt ganz gut, denn die Gurke ist mir nicht fremd, war ich doch während meiner dreimonatigen Probezeit ausschließlich Gurke. Durchgehalten habe ich diese Quälerei nur in der Hoffnung auf baldige Veränderung, denn Brendel beschwichtigte mich, als ich nach zwei Monaten darum bat, ein anderes Gemüse oder vielleicht sogar ein Obst sein zu dürfen, mit dem Hinweis, nach der Probezeit werde ohnehin getauscht, dann mische er Obst und Gemüse auf ein Neues. Dieser besagte Tausch fand heute statt, genau zu der Zeit, in der ich in der Verwaltung war.

Noch ungefähr dreißig Meter bis zum Bus. Die Südfrüchte sind schon längst eingestiegen. Ich kann die Kiwis und einige Ananas am Fenster erkennen, weiter hinten ragen die Bananen in die Höhe. Automatisch beginne ich, von dreißig an rückwärts zu zählen. Bewegt man sich entgegen den natürlichen Gewohnheiten, zum Beispiel mit Trippelschritten in einer überdimensionierten Plastikgurke, wird das Mitzählen von bereits absolvierten oder das Abschätzen von noch zu bewältigenden Metern zum Trost spendenden Gebet. Den Gurkenkranz beten, nannte ich es neulich scherzhaft gegenüber meiner Frau.
Zu Hause läuft es so: Ich trete ins Wohnzimmer und rufe: "Hallo mein Schatz."
Meine Frau steht auf, umarmt mich und fragt, wie denn mein Arbeitstag gewesen sei. Ich grummele einige unspezifische Laute vor mich hin - das gehört zum Spiel. Dann, als wollte sie mich damit aufmuntern, sagt sie: " Lass mich raten, was du heute gewesen bist!" Daraufhin beginnt sie, alle ihr bekannten Früchte und Gemüsesorten aufzuzählen, wobei sie darauf achtet, die Gurke als letzte zu nennen. Dann schlägt sie die Hände über dem Kopf zusammen: "Die Gurke, nein, ich fasse es nicht, du warst tatsächlich die Gurke, wie schön für dich, Saluto, mein Liebster, du warst die Gurke, ich bin so stolz auf dich, so stolz."
Während meiner Probezeit spielten wir dieses Spiel des Öfteren. Doch in unser trotziges Lachen mischte sich im Verlauf dieser drei Monate bald eine dunkle, eine schwermütige Note. Vor zwei Wochen haben wir in einer stillschweigenden Übereinkunft endgültig aufgehört, es zu spielen. Das Unheil, das wir mit unseren Späßen verjagen wollten, hatte sich nie weit genug entfernt, es lauert weiterhin irgendwo in der Nähe auf den nächsten günstigen Augenblick, und wir wissen es beide.
Sie haben mir Fotos gezeigt. Gender war kaum mehr zu erkennen. Was ich mit Barras im Cafe Agape besprochen hätte, wollten sie wissen. Ich konnte ihnen jedoch keine befriedigende Antwort geben. Nach mehreren Tagen Dunkelhaft, in der ich nicht nur jegliches Zeitgefühl, sondern auch meine Hoffnung auf einen guten Ausgang der Geschichte verlor, wurde ich unerwartet freigelassen. Ich sollte meinen Job als Kellner an den Nagel hängen und am nächsten Tag bei Brendel mit der Arbeit beginnen.

Draußen vor der Tür wartet Zorrock, der Busfahrer. Er klopft mit dem Knöchel seiner Hand drei Mal auf meine Gurkenschale. Das ist freundlich gemeint, Zorrock ist in Ordnung, auch wenn er mich neulich falsch abgesetzt hat. Anstatt vor dem Frischezentrum, wie geplant, stand ich den ganzen Tag vor dem Eingang der Firma Frische. Nicht dass die Firma Frische gar keinen Kundenverkauf hat, sondern eher die Tatsache, dass in deren Werkhallen ausschließlich Staubsaugerbeutel hergestellt werden, ließ mich zum Gespött der Angestellten werden.
Als Gurke ist es meine Aufgabe - und das ist der eigentliche Fluch der Gurke -, stetig in einem überschaubar großen Kreis zu laufen. So drehte ich an diesem Tag als einsame Gurke vor dem Werkseingang der Staubsaugerbeutelfirma Frische meine Runden.
Die Gurke ist die einzige Frucht, die sich ständig bewegen muss. Alle anderen ruhen, selbst die Bananen. Wer sich das ausgedacht hat und zu welchem Zweck, ist mir ein Rätsel. Vielleicht ist dies nur ein Teilaspekt einer großangelegten, hintergründigen Strategie, der wir ausgeliefert sind, denn wie soll man sonst vernünftig erklären können, dass wir in voller Montur in einem eigens zu diesem Zweck umgebauten Bus - die Sitze wurden entfernt, dafür gibt es Ösen, in die wir uns mit Karabinern einhängen - zum Einsatzort gefahren werden, anstatt, viel bequemer und entspannter, erst vor Ort in unsere Plastikfrüchte zu steigen.

Die beiden Kartoffeln stehen noch vor dem Bus, sie steigen als letzte ein, da sie so breit und wuchtig sind, dass sie nur im vorderen Busbereich und mit fremder Hilfe verankert werden können. Sie sind größer und dicker als die Ananas. Das ergibt keinen Sinn, doch Brendel meint dazu, die Relationen spielten keine Rolle, da Kartoffeln ohnehin nur mit Gurken könnten, und da stimme das Verhältnis. Ich watschele also an den Kartoffeln vorüber und vermeide es, in Richtung ihrer Augenschlitze zu blicken, denn obwohl wir immer gemeinsam auftreten, ist das Verhältnis zwischen uns momentan recht angespannt. Das liegt daran, dass ich sie vor drei Wochen dazu überredet hatte, ihren Platz links und rechts des Einganges vom Kaufhof Merkmann zu verlassen und sich vor mich zu stellen, sodass wir einen kleinen Plausch halten konnten. Auch ich gäbe meine mir befohlene Position auf, beschwichtige ich sie, da sie anfänglich zögerten. Das gemeinsame Gespräch lag mir allerdings weniger am Herzen als vielmehr die Laufpause, die für mich dabei heraussprang. Weil die Kartoffeln ihren Platz verlassen mussten, so mein Kalkül, konnten sie mich auch nicht bei Brendel anschwärzen, ohne sich selbst zu belasten.
Nach zwanzig Minuten erschien jedoch der Marktleiter mit einer erbosten, rotgesichtigen und aufgedunsenen Dame im Schlepptau, die lauthals lamentierte, dies sei ihr letzter Einkauf bei Merkmann gewesen, wen er denn mit einem erigierten Penis vor der Eingangstür anzulocken gedenke, sie mit Sicherheit nicht, nicht mehr, und überhaupt, eine schöne Lasterhöhle sei das, auf der anderen Seite wisse man ja nun sofort, was einen erwarte, wenn man von einem riesigen männlichen Geschlechtsorgan wie diesem hier an der Eingangstür begrüßt würde. Der Marktleiter beschwerte sich bei Brendel und ich blieb für den Rest meiner Probezeit Gurkenläufer.

Vorsichtig ertaste ich mit den Füßen die drei Stufen des Einstiegs. Mein Platz befindet sich im hinteren Bereich des Busses, direkt hinter den Bananen, also muss ich an sämtlichen Südfrüchten vorbei. Schon höre ich es von den Kiwis her rufen: „Na endlich ein Kellner. Einen Gurkensalat bitte.“ Aus den Südfrüchten scheppert ein dumpfes Lachen.
Südfrüchte und Gemüse hätten sich noch nie vertragen, verriet mir Zorrock vor Kurzem, die Stänkereien seien nicht persönlich gemeint, er kenne es gar nicht anders, nicht nur einmal habe er eingreifen müssen, um die Wogen zu glätten.
Die Südfrüchte reden die gesamte Fahrt über, glücklicherweise aber so undeutlich, dass ich nicht mitbekomme, worum es geht. So kann ich meinen eigenen Gedanken nachhängen.
Es gibt keinen Sinn, eine Gurke zu sein, das weiß ich schon lang, es gibt keinen Sinn, aber auch die anderen Früchte ergeben keinen Sinn. Unsere Aufgabe, vor den Markthallen und Einkaufszentren zu stehen, ist ebenso vollkommen sinnlos. Plötzlich ergreift mich Panik: Was ist, wenn ich tatsächlich für den Rest meines Lebens Gurke sein muss, eine Gurke mit der vagen Hoffnung, irgendwann vielleicht einmal eine Kiwi oder eine Ananas sein zu dürfen?

 

Saluto (8)




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