Wo Utopia beginnt · Zaungast · Surrealismus

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     Zaungast



Wo Utopia beginnt

   12.01.2012, 15:57



auf dem schnurgeraden wege
die lange straße hinunter
vorbei an penny und lidl
und dann vom cineplex
ein wenig weiter noch
wo die ulmen stehn
dort gleich um
die ecke
beginnt
utopia
ganz
echt

 

     Pega Mund



Wo der Surrealismus aufhört

   12.01.2012, 22:50 / 1 x geändert



>> Auf dem schnurgeraden Wege die lange Straße hinunter, vorbei an penny und lidl und dann vom cineplex ein wenig weiter noch. Wo die Ulmen stehn, dort gleich um die Ecke beginnt Utopia. Ganz echt. <<

Hm. Das ist eine Beschreibung, Wegbeschreibung, Ortsbeschreibung. Eine/r beschreibt in relativ schnörkellosem, in womöglich etwas unbeholfenem, in eher umgangssprachlich anmutendem Duktus, wo "Utopia" (was auch immer das sein mag) "beginnt". Offenbar signalisiert der lauschende Gesprächspartner (es mag auch eine Gesprächspartnerin sein) körpersprachlich Unüberzeugtheit, denn das sprechende Textsubjekt fühlt sich bemüßigt, noch ein das zuvor Gesagte bekräftigendes "Ganz echt" hinzuzufügen. Oder aber das Textsubjekt antizipiert (stellvertretend für den Autor) ein ungläubiges Kopfschütteln des Leser und legt deshalb nach: ganz echt.

Ja, und das war es aber dann auch schon und der Leser (oder die Leserin) entfernt sich, ohne eine durch den Text katalysierte Horizonterweiterung erfahren zu haben, denn: Das weiß man doch, tz, tz, dass Utopia (was auch immer es sein mag), stets direkt neben den lausigen Tempeln der alltäglichen Niederung beginnt.

Was mich beschäftigt: Warum steht der Text im Surrealismus-Regal?
Weil da ein lyrischer Hermetismus am Werk ist, der keine Rückübersetzbarkeit mehr zulässt?
Nöö, oder -
Weil das Gedicht zu einem autonomen sprachlichen System wird?
Auch nicht ...
Weil die Autorin das Wort "Utopia" verwendet?
Naja ...
Was wäre surrealistisch an diesem Text? Die Ulmen? Oder muss ich den schnurgeraden Weg die lange Straße hinunter als machtvolles Surrealismusindiz werten?
Hm.
Oder besteht das "Surrealistische" des Textes schlichterdings darin, dass drei prosaische Sätze, die mit etwas weniger Glück auch in -> diesem Faden hätten enden können, von der Zeilenumbruchsfee in den Gedichtehimmel entrückt wurden, wo sie nun auf Lyrikwolke No. 9 bei grünem Manna sitzen und utopistisch herumklimmbimmeln?
Ja, wo ist denn das überhaupt, der Gedichtehimmel?
Na, lauf doch mal auf dem schnurgeraden Wege die lange Straße hinunter, vorbei an penny und lidl und dann vom cineplex ein wenig weiter noch. Wo die Ulmen stehn, dort gleich um die Ecke beginnt der Gedichtehimmel. Ganz echt.


. . . . . . . . . Gretchen grüßt

. . . . . . . . . . . . . -> zum Klagelyrich (klick!)


Obigen Ausführungen zum Trotz muss und möchte ich aber doch auch noch sagen, dass es allemal einen Reiz hat, geradewegs an den Konsumtempeln und der Illusionsmaschine vorbei zwischen den Ulmen um die Ecke

nach Utopien
zu enfliehen.

 

     ruelfig



Das große Ulmensterben

   12.01.2012, 23:05 / 1 x geändert



beginnt bei Aldi um die Ecke. "Der Discountersplintkäfer überträgt eine aus Ostasien eingeschleppte Gelderkrankung: die Moneten wuchern im Supermarktholz und verstopfen die Kassenleitbahnen zum Kundentrennstab. Dadurch wird der Pinkefluss unterbunden und der Wirt stirbt ab. Im Flachland führt dies zu einem Totalausfall, oberhalb von 700 Meter nur phasenweise." (Quelle Wiki)

 

     Zaungast²



...macht, dass ihr fort kommt!

   12.01.2012, 23:30 / 2 x geändert



Rätselt nicht länger
erkennt doch die Zeichen
der Discountersplintkäfer!

Säumt nicht länger
träumt nicht länger
zieht endlich die Perfomastivel an
und macht
macht
dass ihr fort kommt
weil ihr
seid's nirgends mehr sicher
zu diesen windigen Zeiten
als nur in Utopia
allein —
ganz recht, ganz echt
oder was


Nachsatz
Der Gedichtehimmel ist nicht hier oder da.
Er tut sich auf, wenn wir anfangen, uns der eigenen Flügel zu bedienen.
(Vielleicht nicht immer gleich, aber kant schon sein, gell?)

 

     Pega Mund



... mit zwei, drei Flügelschlägen

   13.01.2012, 11:07 / 3 x geändert



in den Himmel.

>> Der Gedichtehimmel ist nicht hier oder da.
Er tut sich auf, wenn wir anfangen, uns der eigenen Flügel zu bedienen. <<

O Ja
O Nein
O Vielleicht

(Nur eine Antwort anzuklicken ist! Ganz echt!)

. . . . . . . . . Gretchen grüßt

. . . . . . . . . -> Im Frühling Liebe machend explodieren (klick!)


(Ich bin eine Kröte. Eine Gräte. Manchmal eine Grätsche. Ich quake dystopisch vor mich hin, flügellos. Bei Vollmond verwandle ich mich in einen Werdrachen [geflügelt]. Ich habe eine therapieresistente Schmonzesallergie. Ich bin Pauschalbeglückungsphobikerin. Ich bekomme Herzrasen und Hirnpochen, wenn jemand so oblatenplatte, kitschfeuchte, hochfloskulöse Sätze sagt wie "Der Gedichtehimmel tut sich auf, wenn wir anfangen, uns der eigenen Flügel zu bedienen." Ach, und ich erleide einen Raptus gravis mit finalem Impulskontrollverlust [und muss infolgedessen dann meine Hartfaserfestplatte neu partitionieren und meine endokritischen Überlaufsysteme rebooten und meine glycolytischen Barcodepasswörter refreshen], sobald ich anfange, mich in ein beim online-Discounter um die Ecke gekauftes Nullacht15-WIR vereinnahmt zu sehen, dessen ich mich nie bedienen wollte.)

(Der Gedichtehimmel war nicht hier oder da, aber er tat sich auf und hing voller Geigen und Kochschinken-Carpaccio an Walnuss-Petersilien-Vinaigrette, sobald die Volkshochschulpoesiekursleiterin Sieglinde Kröppke-Brodersen anfing, sich ihrer eigenen Flügel zu bedienen. Kursteilnehmerin Roswitha Gerstendopf, praktizierende Lyrikfreundin, bekennende Autorin und außerdem erste Schriftführerin des Schützenfrauenvereins Runde Scheibe e.V. schwärmt: "Es war wunderbar. Wir spürten so irgendwie, dass es eigentlich gar keinen Unterschied gibt zwischen TT und TM. Alles ist einz. Wir sind alle Einz. Ja, da hatten wir plötzlich gefunden im Ungefähren die Antwort, nach der so lange wir suchten schon, und das nur, weil zu bedienen ihrer eigenen Flügel sich anfing Sieglinde.")


Nachsatz

Ich aber sage euch, Brüder und Schwestern, wenn
so eine tückische Pappkrücke von Gedicht
den Himmel nicht
in sich trägt, dann
können wir anfangen, mit unseren Flügeln zu wedeln
und mit unseren Ohren zu wackeln, so viel wir nur
wollen: Da tut sich nix auf,
gar nix. Ganz in echt.

 

     Zaungast²



Chapeau, liebes Gretchen!

   13.01.2012, 11:47



Der wirbelnde Werdrachen ist durchgestartet,
hat die Zuckerwattewolkendecke durchstoßen
und geradewegs die Bresche geschlagen
in den Dichterhimmel, den uns bislang verhangenen.

Was lehrt uns das?
Ein frommes Wort ist
immer noch
ein mächtiger Kater Lysator
und setzt zwischen
Hihi und Erde
Dinge in Gang & Szene,
von denen sich die Volkshochschulweisheit nichts,
aber auch
gar
nichts
träumen
lilaließ.

 

     ruelfig



Irgendsmann

   13.01.2012, 18:10 / 1 x geändert



Ich wäre gern bei mir,
wär ich nicht unterwegs ins Ungefähre,
hier bin ich nicht. Für dort
fehlt mir ein Wort und da,
wo ich war, ja klar, kam ich nie an.
Und dann verschiebt sich das gesamte,
verdammte Raumzeitkontinuum
und ich trudel bloß so rum.

 

     Zaungast²



Es gibt immer noch H

   13.01.2012, 18:45 / 6 x geändert



Das ist wohl wahr mit dem Verschieben von diesem Raumzeitkontinuum und seinen allzumenschlichen Folgen.

Aber wenn Captain Picard* nach kurzer Rücksprache
mit Lieutenant Commander Data
ENERGIE
sagt,
dann und
spätestens dann
nimmt die Enterprise
wieder Kurs auf und Fahrt an
und fegt mit Warp 9,8 mittenmang
durch den nächsten Arteriosklerosegürtel
auf die bislang unentdeckte Singularität
des Lebens
zu.

Also:
Es gibt immer noch Hoffnung,
packen wir sie aus!




*In den war ich mal ganz verkalkt, aber pssst!

 

     Pega Mund



Noch'n Akkord dazu!

   13.01.2012, 19:02



Wenn schon vom Niewomann, vom Sprung in den Arteriosklerosegürtel und den allzumenschlichen Folgen, von der zuletzt sterbenden Hoffnung und dergleichen die Rede ist, dann kann man auch gleich die Experten ein Lied davon singen lassen.




. . . . . . . . . Gretchen grüßt

. . . . . . . . . . . . . -> obszön. zynisch. züngelnd. (klick!)

 

     Willimox



Noch'n Akkord dazu!

   14.01.2012, 19:34 / 2 x geändert



Zitat:

Wo Utopia beginnt

auf dem schnurgeraden wege
die lange straße hinunter
vorbei an penny und lidl
und dann vom cineplex
ein wenig weiter noch
wo die ulmen stehn
dort gleich um
die ecke
beginnt
utopia
ganz
echt



Ok, folgende accusations:

  1. zzZeilenumbruchfee tarnt Prosaisches &Ungenügendes
  2. Surreales - wo?
  3. keine katalysierte Horizonterweiterung

Zu (1): Textende und Beginn

Ein bisschen ein visuelles Gedicht, dieses Textgebilde? Ok? Oder?
Lässt sich als komischer Trichter oder Einfüllstutzen oder als visuelle Sprechblase oder als Brettstütze "lesen", nein "wahrnehmen" - jedenfalls als visuelle und graphematische Konstruktion: ein "Wortschwund-Gedicht" -

Der Text beschreibt einen Weg, einen schnurgeraden,
und kündigt an, einen utopischen Bezirk - gleich um die Ecke. Da, wo die Worte ganz wenige werden oder nach "echt" nicht mehr sichtbar sind, wenn sie denn noch am Ende existieren sollten.
Da beginnt er.

Zu (3): Der existente Nichtort

"Klarer Fall" für Liebhaber von Philosophie und Worten: "outopos" heißt "Nirgendwo-Ort". Ein Paradox: "Orte" sind empirisch kartiert, so jedenfalls das Versprechen unseres Wortspeichers.

Der hier im Text auch, aber andererseits: Ein Nicht-Ort ist ja eben nicht kartiert. Die metaphorische Verwendung meint denn auch meist: Ort in der Vorstellung, Idealort, so die positive Konnotation. Oder negativ "Gedankengespinst", "irreale Wunschvorstellung". Polare Begriffe, die da dem Wort "Utopie" anlagern.

Was also ist mit "ganz echt" gemeint- ein "ganz echter Nicht-Ort"?
Das lässt sich doppelt lesen, mindestens: Ein gültiger Ort. Ein nichtgültiger Ort. Ein existenter idealer Ort. Ein nichtexistenter.

Zu (2) und (3) und (1): WordWorks

Nehmen wir einmal an, der Nicht-Ort gilt dem Textsubjekt als ein Ort außerhalb der Standardrealität, als Chiffre für ein Lebensmodell, eines der Zufriedenheit und des Glücks, ein Ort im Innenraum:

Der Weg dahin lässt die populären Einkaufscenter beiseite oder hinter sich, auch den kommerzialisierten Traumkino-Komplex - Oder (aside) ist da doch auch "Schönes" im Kino und im Film, zu sehen?

Dann ein Bereich, wo "Ulmen" stehen. Metonymisch ein "Naturbereich" - hier nahe der Stadt, aber jenseits der Stadt oder doch "in" der Stadt? Die "Ecke" ist meist im Sinnbezirk "Bauwerk" gelagert. Unentschieden, die Sachlage. Aber eher mit der Stadt noch verknüpfbar, dieser utopische Bezirk.

Also was jetzt: Konsumverzicht als Botschaft des Textes? Das Beiseitelassen von Konzernen des Konsums und des Kinos? Konsumverzicht also und der fundiert Utopie und befriedigendes Leben? Oder gibt es diesen Bereich gar nicht um die "Ecke"? Gibt es den Bereich nicht?

"Eine ganz echte Utopie" - die Skepsis gegenüber diesem Begriff "Utopie" endet nicht, selbst wenn man mit Gretchen annimmt, dass hier eine Antwort auf skeptische Fragen gegeben wird. Dass hier ernsthaft gemeint ist, das ist eine Utopie.

Denn: Die Antwort mag brünstig-euphorisch-spirituell illuminierend sein (mir selber würde diese Antwort "naiv" vorkommen), die Antwort mag so spirituell präsentiert und gemeint sein. Zwingend ist das vom Textverlauf her nicht, so konnte gezeigt werden.

Und so versandet die Lokalisierung der Utopie in einer Leerstelle hinter "echt". Unterhalb der empirischen Realität, surreal, unterhalb von Protokollsätzen mit den fixen, fixierbaren Daten räumlicher und temporaler Orientierung.

Vielleicht aber doch, weiß der Teufel, Gretchen hat Recht, vielleicht doch eher als frohe Botschaft gemeint? Der Text ist offener, als der Texter ihn "meinte"?

Der Autor also. Wie tickt er Er fertigt einen mit (wohlfeiler) Konsumkritik gezuckerten Wegetext? Die Aufnahme, das nicht Zurückweisen von Zauberfee und Zuckerwattenexistenz deuten in diese Richtung. Ein Schreiber mit Magierattitüde? Propagiert hier doch eher eine Heilsbotschaft?

Aber dann wieder die Breschen, die Wortfragmentierungs-Technik des Schreibers: Der "Kater Lysator" etwa oder das "verkalkt-verknallt" oder "kant". Nö, naiv-spirituell ist das Schreibersubjekt wohl nicht, jedenfalls nicht un-be-dingt.

NoWhere oder NowHere? Oder und aber wo?
Ein Eiertanz des Lesersubjekts? Jou! Dank dem Text.

 

     Pega Mund



breschn nach utopia

   14.01.2012, 19:46



Salute, Moxer Willi. Und weißt Du was? Das Gretchen kauft Dir die Breschen ab, die geschlagenen. Blickt durch. Nach no-where oder now-here; und singt; frohgemut:

lets wait and see. time is
the champion that will
bolster us to discern
straw from gold
whilst we are
dancing on
an egg
shell
on and on ...


. . . . . . . . . . . Grete Karo

. . . . . . . . . . . . . -> Abendstille oder was? (klick!)


Kater Lysator. Da assoziierte 1 armes Grätchen gleich Alice und ihre Welt.
Solchen Kater
hat man gern.

 

     Zaungast²



Wo ist nur denn nur das TS?

   14.01.2012, 23:19



Zunächst erst einmal herzlichen Dank für eure Beschäftigung mit diesem Straßenstück. Ja, es kann nicht befriedigen. Ich habe es auch recht unverdaut (v)erbrochen, aber it seems to keep on running.

Das Textsubjekt scheint auf der schnurgeraden Straße noch nicht an den weit geöffneten Automatikschwingtüren der Lebensmittel- und Lebensvermittlungsanbieter vorbeigekommen zu sein. Es gewahrt immerhin schon die Ulmen, was dem einen durchaus würdigenswert, dem anderen als Implantat aus dem Gewächshaus der raunenden Baumbastiker erscheinen mag.
Aber die Welt hinter der Ecke, die das Textsubjekt womöglich realiter nie erreichen wird, weil ihm schlicht die Zentrifugalkräfte dazu fehlen, diese abgebogene Welt, ist (und bleibt im Kosmos Kafkas zumindest) für das so geartete und geerdete Textsubjekt utopia, ganz echt.
Mit anderen Worten: Nur die beschränkte Welt kennt ein Utopia. Und es gibt allen Grund zu der Annahme, dass sie sich das nicht nehmen lassen will.
Damit ist dann wohl auch geklärt, dass now here und no where wirklich nicht weit auseinanderliegen.

So, jetzt muss ich aber noch die Käsetorte aus dem Backofen ziehen!
Einen schönen Sonntag wünscht
Hannah

 

Wo Utopia beginnt




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