Tomas Tranströmer: Lit.-Nobelpreis 2011 · Pega Mund · Lektüren

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     Pega Mund



Tomas Tranströmer: Lit.-Nobelpreis 2011

   07.10.2011, 02:43 / 1 x geändert



Soso, gestern wurde also mitgeteilt, wer den Literaturnobelpreis 2011 erhält.

Und nun ist natürlich in aller Munde der 80-jährige Schwede Tomas Tranströmer (-> Link), dessen bemerkenswert schmales, in mehr als 50 Sprachen übersetztes Oevre zwar der große MRR (Link) NICHT kennt - - - ansonsten aber, wie gesagt, kennen ihn alle, den Tranströmer, seit gestern ...


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. . . . . . . . . . . Grete grüßt

. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> Zeitung

 

     augustine



Tomas Tranströmer: Lit.-Nobelpreis 2011

   07.10.2011, 13:31 / 1 x geändert



Schön, dass du auf diesen überraschenden Nobelpreis aufmerksam machst, Gretchen.

Durch einen biographischen Zufall hab ich mir 1998 gekauft:
T.T., Gedichte. Hanser 1981. Hab das Heft eben aus dem Regal geholt und gesehen, dass es so gut wie keine Gebrauchsspuren hat.

Mal davon abgesehen, dass dieser 80-Jährige ziemlich unbekannt geblieben war - warum hat ihn die Stockholmer Akademie so lange nicht bedacht? Und, pardon dafür, was soll ein 80-Jähriger mit einer Million? War einmal ein Landsmann dran? Rätselhaft sind diese Preisvergaben eigentlich immer.

augustine

Edit:
Kopiert aus FAZ von heute:
die Literatur-Nobelpreisträger der letzten 10 Jahre:

2010 Mario Vargas Llosa (geboren 1936, Peru/Spanien)
2009 Herta Müller (geboren 1953, Deutschland)
2008 Jean-Marie Gustave Le Clézio (geboren 1940, Frankreich/Mauritius)
2007 Doris Lessing (geboren 1919, Großbritannien)
2006 Orhan Pamuk (geboren 1952, Türkei)
2005 Harold Pinter (1930–2008, Großbritannien)
2004 Elfriede Jelinek (geboren 1946, Österreich)
2003 J. M. Coetzee (geboren 1940, Südafrika)
2002 Imre Kertész (geboren 1929, Ungarn)
2001 V. S. Naipaul (geboren 1932, Großbritannien)

 

     Pega Mund²



"Im Morgengraun

   14.10.2011, 17:06 / 1 x geändert



treten die Völkermassen unsern stillen / Planeten in Gang": paar Schnipsel mehr zu Tranströmer -

Tomas Tranströmers Nachbar und Dichterfreund, der schwedische Autor Lars Gustafsson, erklärt diese Woche in der ZEIT, was den frisch gekürten Literaturnobelpreisträger so besonders macht, und wovon seine Dichtung handelt:

"Ich würde sagen, von dem Augenblick, in dem der Nebel sich lichtet. Wenn der Alltag einen kurzen Moment aufbricht und aufhört, Alltag zu sein. Das Wunderbare ist ganz nah. Es schimmert hindurch, das Große, das stets nur flüchtig vorbeistreift. Und wie oft weigern wir uns, es zu sehen. Die Menschen wollen schlafen."

"In der utopischen Phase von Tranströmers Lyrik ist die Musik der Zustand, dem alle Poesie entgegenstrebt und der niemals richtig verwirklicht werden kann (ähnlich einer konvergenten Funktion)."

"Was ist die Musik für ihn? Eine Ahnung von der Existenz eines anderen Landes? Eine Vermutung, dass die Musik vielleicht etwas über uns weiß, was wir nicht über die Musik wissen?"


1981, als Tranströmer den Petrarca-Preis erhielt, schrieb sein kongenialer Übersetzer Hanns Grössel in der ZEIT:

"Bei diesem Berliner Treffen 1 hat Tranströmer eine seiner wenigen Erklärungen in eigener Sache abgegeben: Wie an einem Knotenpunkt, wo sich die Züge aus allen Richtungen treffen, gibt ein Gedicht plötzlich einen neuen Kommunikationsknotenpunkt, von dem aus die Wirklichkeit zwar nicht erklärt, aber in einer neuen Beobachtung gezeigt wird. Die Metapher dient dazu, diese neue Beobachtungsweise zu etablieren, und hat damit eine ungeheuer wichtige Rolle in dem gesamten Prozeß.

Daß Tranströmer einen neuartigen Gebrauch von der lyrischen Metapher macht, daß er sie auf sehr durchsichtige, sehr präzise Art, ja in einer indikativischen Weise verwendet [...] — das ist einer der ersten, allgemeinen Eindrücke, die beim Lesen seiner Gedichte entstehen. Und daß er in seiner Berliner Erklärung von der Metapher als einem Kommunikationsknotenpunkt gesprochen hat, kennzeichnet eine wesentliche Sehweise Tranströmers: Häufig gebraucht er Wörter und Bilder wie Wurzelsystem, Kloakensystem, Drehkreuz oder Kommunikationsnetz.

Mit der Umgebung zu kommunizieren, in der Menge aufzugehen, ist eine Vorstellung, die bei Tranströmer bald als wünschbar, bald als furchtbar erscheint: Er hat zum Kollektiv jenes ambivalente Verhältnis, das Elias Canetti im ersten Abschnitt von Masse und Macht auf so eindringliche Weise beschrieben und analysiert hat. Deshalb kann in den Gedichten die Bedrohung mühsam aufgebauter Individuation durch massenhafte Einbrüche des Außen derart beklemmende Gestalt annehmen [...]"


. . . . . . . . . . . Grete
. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> zum Siebzehnsilbenkrimi



http://www.planetlyrik.de/tomas-transtro...dichte/2011/07/ (... simonloreseidank!)

 

     augustine



noch ein Gedichtbeispiel

   15.10.2011, 00:01 / 2 x geändert



planetlyrik.de finde ich gut;

trotzdem mal ein Beispieltext direkt hier:



Skizze im Oktober


Der Schleppdampfer ist sommersprossig vor Rost. Was tut er hier,
.....so tief im Lande drinnen?
Er ist eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.
Aber die Bäume haben wilde Farben. Signale zum anderen Ufer!
Als wollten welche geholt werden.

Auf dem Wege nach Haus sehe ich die Tintenpilze durch die
.....Grasnarbe schießen.
Sie sind die hilfesuchenden Finger von einem,
der lange vor sich hingeschluchzt hat im Dunkeln dort unten.
Wir gehören der Erde.


Aus "Pfade", 1973, Tomas Tranströmer, Sämtliche Gedichte übersetzt aus dem Schwedischen von Hanns Grössel, © 1997 Carl Hanser Verlag München

augustine

 

     Pega Mund²



"Die Erinnerungen sehen mich":

   11.12.2011, 12:51



Autobiografische Prosaskizzen als Hörbuch, gelesen von Michael Krüger, Geschäftsführer des Hanser-Verlags, Tranströmers deutscher Verleger und auch sein langjähriger Freund.


. . . . . . . . . . . Gretchen

. . . . . . . . . . . . . -> extra dumme Gretchenfragen (klick!)

 

     augustine



"Die Erinnerungen sehen mich":

   22.05.2012, 16:36 / 1 x geändert



Mir in die Hände gefallen nicht ganz und gar zufällig. Hätte das Gedicht auch abgeschrieben aus einer Handschrift, fand es aber hier:

http://www.buchladen46.de/index.php?blogid=1&archive=2011-11

Weiter hinein

auf der großen Einfallstraße in die Stadt,
wenn die Sonne tief steht.
Der Verkehr wird dichter, kriecht.
Er ist ein träger Drache, der glitzert.
Ich bin eine Schuppe des Drachen.
Plötzlich steht die rote Sonne
mitten vor meiner Windschutzscheibe
und strömt herein.
Ich werde durchleuchtet,
und eine Schrift wird sichtbar
in mir,
Worte in unsichtbarer Tinte,
die hervortreten,
wenn das Papier übers Feuer gehalten wird!
ich weiß, daß ich weit weg muß,
quer durch die Stadt und weiter
dann, bis es soweit ist, hinauszugehen
und lange im Wald zu wandern.
Auf den Spuren des Dachses zu wandeln.
Es wird dunkel, schwer zu sehen.
Dort, im Moss, liegen Steine.
Einer der Steine ist kostbar.
Er kann alles verwandeln,
er kann das Dunkel leuchten machen.
Er ist ein Schalter für das ganze Land.
Alles hängt von ihm ab.
Ihn sehen, ihn anfassen…


Tomas Tranströmer


Reingestellt, einfach damit man hier auch mal was Andres lesen kann als die eitlen verbalen Raufereien um wenig.
augustine

 

     zuppanova



NZZ über Tranströmers Jugendlyrik

   21.10.2012, 12:21



Gestern in der NZZ ein Artikel über Tranströmers Jugendverse:

Von der stummen Hälfte der Poesie, vom Ausgesparten, vom Raum
zwischen den Worten, vom Reduzieren, vom federleichten
Balancieren zwischen Lakonie und emotionaler Intensität ...
(Link)



. . . . . . . . . . .LG, zuppa

 

     Pega Mund²



... mein Gedicht wächst ...

   04.04.2015, 00:29 / 1 x geändert



Schwarze Ansichtskarten

1
Der Kalender vollgeschrieben, Zukunft unbekannt.
Das Kabel summt das Volkslied ohne Heimat.
Schneefall ins bleistille Meer. Schatten
ringen am Kai.

2
Mitten im Leben geschieht's, dass der Tod kommt
und am Menschen Maß nimmt. Diesen Besuch vergisst man
und das Leben geht weiter. Doch im Stillen wird der
Anzug genäht.

(Tomas Tranströmer: Sämtliche Gedichte.
Aus dem Schwedischen übersetzt von Hanns Grössel.
Edition Akzente im Hanser Verlag, München 1997.)


Tomas Tranströmer ist am 26. März 2015 im Alter von 83 Jahren gestorben. -> mehr

 

     Jolante



... hätte ich auch gern geschrieben.

   04.04.2015, 19:54 / 1 x geändert



Schnee fällt

Die Begräbnisse kommen
dichter und dichter
wie die Straßenschilder
wenn man sich einer Stadt nähert.

Die Blicke Tausender von Menschen
im Land der langen Schatten.

Eine Brücke baut sich
langsam
gerade hinaus in den Raum.



(aus Thomas Tranströmer "Das große Rätsel" Gedichte
Deutsch von Hanns Grössel; Edition Akzente Hanser)

 

Tomas Tranströmer: Lit.-Nobelpreis 2011




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