Festtag · ruelfig · Soziales

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     ruelfig



Festtag

   16.05.2011, 23:26



Aus jeder Richtung strömen Menschenmengen
in die mit Fahnen reich geschmückte Stadt.
An allen Ecken stehen Würstchenwagen,
Getränkestände löschen preiswert Durst.

Man hat sich fein gemacht, die Kinder tragen weiß,
wer zahlen kann, nimmt Platz auf den Tribünen
und fächelt sich mit dem Programmheft Kühlung zu...
der Oberbürgermeister hält ganz kurze Reden.

Die Klingen sausen, trennen Rümpfe
von Köpfen, die ein wenig rollen
und Blutfontänen schimmern regenbogengleich
im sommerlichen Sonnenuntergang.

Dann folgt ein kleiner Imbiss mit viel Senf,
ein ausgefuchstes Feuerwerk
und ab nach Hause
durch den Stau.

 

     Städter



Kenn ich ...

   18.05.2011, 23:21 / 4 x geändert



Ja, die Open-Air-Saison ist eröffnet. Wer wüsste es besser als ich. In Stralsund geht’s sicher wieder um Störtebeker, in Bad Segeberg um Indianer und in Fruckenhausen werden die dicken Herren der ortsansässigen freiwilligen Feuerwehr wie jedes Jahr den Tanz der kleinen Schwäne aufführen. Vorher ballern sie sich wie eh und je einen an, zum Mutmachen sozusagen. Im vergangenen Jahr ist Günni das Röckchen runtergerutscht, und als er sich hecktisch bückte, um das Ding wieder hochzuziehen, ist auch gleich noch sein Schlübber geplatzt. Das ganze Dorf lag unterm Tisch. Vor Lachen natürlich, später dann aber auch wegen dem komischen Bier. Schneider Jürgen hats besorgt, ganz billig, hat er gesagt und so schmeckte es auch. War irgendwie versetzt das Zeug. Man mutmaßte, weil nach zwei Pappbechern von dem Zeug sogar die Männer schon hinüber waren und die Frauen auf den Tischen tanzten und ihre BHs wie Propeller über ihren Köpfen drehten, [dass] Schnaps drin wäre. Bloß gut, dass die Tänzer der Feuerwehr ihre Darbietung zu dem Zeitpunkt schon hinter sich hatten. Das wäre ne komplette Sauerei geworden.

Bei uns im Dorf wird immer nur gefochten, jedes Jahr, schrecklich. Muskete, alle nennen ihn so, ist unser Dorfkulturheini. Eigentlich ist er Imker, früher aber war er mal Schauspieler gewesen und dilettierte an den verschiedensten Provinzbühnen hier oben im Norden. Hartmut Lieblich ist sein Name und er hat ne kleine Theatertruppe zusammengebastelt. Zehn Leute sind’s insgesamt und sie spielen zum Dorffest immer eine neue Episode der drei Musketiere. Die Geschichten sind alle ausgedacht und wirklich sehr lustig. Weil in unserem Ort kein Schwein ein Pferd hat, kommen die Jungs immer auf Kühen oder Schweinen auf die Freifläche unten am Dorfteich geritten, das ist nämlich unser Amphitheater, haben wir selbst gebaut! Dann kloppen sie sich, erzählen irgendwelche versauten Witze und fechten, fechten, fechten. Artos, (den spielt Katzenschröder, jeder nennt ihn so, weil er eine Kleintierpension hat), ist im vergangenen Jahr doch tatsächlich an sein Handy gegangen. Während der Vorstellung! Einer aus dem Publikum hat sofort einen Gummistiefel auf die Bühne geschmissen, das war bestimmt ein echter Schauspieler gewesen, der sich seinen Berufsstand nicht besudeln lassen wollte, dachten wir. Aber die dicke Rita, Katzenschröders Frau, saß direkt neben ihm und hat ihm sofort eine reingehauen. Alle applaudierten und den Störenfried haben dann ein paar Leute unten zum Abkühlen in den Teich geworfen. Später musste er dann zur Strafe ne Saalrunde geben. Hat er auch gemacht und wir erfuhren, dass er gar kein Schauspieler war und das die Sachen mit dem Handy und mit Rosi ein abgekartetes Spiel gewesen war und zum Stück gehörte. Nur die Taufe im Dorfteich gehörte nicht dazu, da hat er einfach nur Pech gehabt.

Aber was red ich denn hier, das wollt’ ich doch gar nicht erzählen, sagen wollte ich, dass ich der Geschichte oben, der Geschichte von ruelfig und seinem Theaterbesuch unter freiem Himmel gut folgen konnte. Und dann wollte ich noch sagen, dass das Gedicht auch inspirierend ist und irgendwie nachdenklich macht.

Städter

 

     gregor libkowsky



Festtag

   26.05.2011, 09:09 / 3 x geändert



hallo ruelfig, nachdem städter sich deinem gedicht von einer richtung her genähert hat, möchte ich, von einer anderen richtung kommend, ebenso einige gedanken zu deinem gedicht preisgeben.

mir stellt sich die frage, wo stünde ich selbst in dieser menschengruppe, ganz vorn oder als zeichen heimlicher ablehnung und opposition in den hinteren reihen, in der hoffnung, mein gewissen ließe sich mit diesem trick hinters licht führen. kann ich mir selbst trauen, anders zu sein, anders sein zu wollen, wenn der wind umschlägt, wenn, um es mit h.böll zu sagen, die tauben sturzflug üben? bin ich mutig auch außerhalb meines bequemen und sicheren alltages, von dem ich erwarte, dass er immer berechenbar bleiben möge?

ich durfte vor etlichen jahren hermann reineck kennenlernen (den namen kann man googeln), einen überlebenden des kz auschwitz, dessen lebensaufgabe darin bestand, zeugnis zu geben und zu warnen. er war einer der zeugen im frankfurter auschwitz-prozess. hermann reineck wohnte in einem kleinen hessischen dorf in meiner nähe. mehr als eindringlich sind mir bis heute seine damaligen worte.
er sei sich nicht sicher, sagte er, wenn er durch sein dorf laufe und dabei im vorbeigehen die nachbarn begrüße, vielleicht noch ein kurzes, freundliches gespräch halte, wer von denen sich auf ihn stürzen würde, um ihn womöglich unter lustgewinn zu quälen, änderten sich die gesetze. wer würde schweigen und wegschauen, wenn er durchs dorf gezerrt würde? wer würde ihn anzeigen für seine andersartigkeit? einige mit sicherheit, doch man wisse es nicht vorher.
daran muss ich denken, wenn ich festtag lese.
er steckt in uns. der keim.


Beste Grüße von Gregor Libkowsky

 

     Städter



Festtag?

   26.05.2011, 10:01 / 2 x geändert



Oh, gregor, diese Gedanken hatte ich auch, aber ich hab sie verdrängt, weil ich eben nicht wollte – für mich nicht wollte, dass ruelfig diese Richtung meint. Auch ich hatte die von Dir aufgeblätterte Assoziation bei Strophe drei und war so froh, dass am Ende der „Stau“ kam. Da kehrte für mich wieder Zivilisation ein. Autos, Kreuzungen und Menschenmassen, die fröhlich, und (hoffentlich) gut unterhalten, nach Hause fahren.
Aber nun hab ich es doch – dieses Schütteln zwischen den Schulterblättern. Vielleicht sagt ruelfig noch etwas dazu. Darauf bin ich sehr sehr gespannt.


Viele Grüße
Städter

(editiert... dass das )

 

     ruelfig²



Kenn ich ...Festtag

   26.05.2011, 21:55



Hallo Städter,
deine Geschichte finde ich so wohlgelungen, dass (du hast ein kleines das/dass Problem) ich sie mir gut in einem eigenen Faden vorstellen könnte.
Hallo Gregor,
das Böse schläft unter dünnem Laken,
wann stellt man sich dagegen auf?
Der Schoß ist furchtbar noch
aus dem wir immer krochen.
Ich bin mir nicht sicher, ob das Projekt Zivilisierung normal gescheitert oder krass abgesemmelt ist.
Hallo Städter again,
wie oben bereits angedeutet, freue ich mich über deine Lesart und wäre noch erfreuterer, gäbe es mehrere solcher. Das Thema "Tod dem Feind des Volkes" ist ja in vielen Szenen lebendig.
Salut,
r

 

Festtag




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