staub · Elise · Substituenten

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     Elise



staub

   07.08.2006, 11:35 / 2 x geändert



staub

Loma, weit draussen
zittert die strasse
unter dem staub.
der aether rauscht
teilnahmslos. homogen.
im flirrenden blau
keine signale.
ni nube ni lluvía.

sag es jetzt, Loma, sprich:
wo die strasse verschwindet
im staub -
ist das ende der welt.
nichts geschieht.
niemand weiss es.
nur du, Loma Paloma, sagst:
está hecho polvo!

 

     augustine



RE: staub

   07.08.2006, 16:43



Deine Gedichte, Elis, haben eine Art Zauberkraft, jedenfalls für mich. Einfach, und doch jedes Wort bedacht. Existentielles verdichtend. - Ich stelle mir eine Wüstenstraße vor, hoffnungslos blauer, wolkenloser Himmel darüber; im Staub, der sehr nah sein kann, etwas wie das Ende der Welt. - Wer ist Ioma? Ein Mann, eine Frau? - Weiter weiß ich noch nichts.
augustine

 

     Elise²



RE: staub

   07.08.2006, 17:02



Oh, augustine, nur so ganz kurz eilig -

freue mich so, daß du das schreibst: das ist eine Spur - sag doch, siehst du noch mehr? Andere natürlich auch!
Ich warte ein wenig ab, dann sage ich auch etwas dazu, ja?

Erfreut grüßt Elis.

 
        arisia
        (Gast)

Rätsel

   07.08.2006, 22:42 / 3 x geändert



hi, Elise,
dieses Gedicht hat für mich schon die Qualität eines "Rätsels im August", mal sehen, wie ich klarkomme.

Weit im Nordosten, Richtung Niemandsland, der Loma, nur das lyrische Ich teilt die Einsamkeit
des Berges, den keine Wolke, geschweige denn Regen erreicht.
Selbst das flirrende blau ist nur eine Ahnung, da, aber eher als Nichts, als Leere, diese Leere,
die hervorgerufen wird von den beiden Zeilen
Zitat:
der aether rauscht
teilnahmslos. homogen

Gase, die sich homogen im Raum verteilen sind für das Auge des Betrachters nicht vorhanden,
er ist sozusagen im "leeren Raum", und auch das Wort "aether" wird von uns im Sprachgebrauch
ja eher als leerer Raum assoziiert.

Was geschieht, verbirgt sich hinter dem Loma, am Ende der Welt? Das ist die Frage, die das
lyrische ich evoziert, und nur der Berg, durch seine Botin, Paloma, kann antworten, und sie kennt
nur den Himmel, die einzige Relevanz, die sie hat, von dem sie künden kann.

hm, so weit bin ich mal gekommen ohne Kenntnisse des Spanischen und ohne sp. Wörterbuch,
mit meinem Latein und vagem Französich und vieeeeeeeeelem Denken.

Da nun Tauben von der Symbolik her auch für den Frieden stehen, könnte das lyrische Ich am
Ziel seiner Reise angekommen sein, Ruhe -> Frieden -> Himmel; für eine Weile.

lg von
arisia
erst mal bib

 

     augustine



RE: staub

   10.08.2006, 23:27 / 1 x geändert



Elis - eine "Spur", findest Du, hätte ich gefunden mit der Vorstellung von der Wüstenstraße also ...
Dann hast Du 'Ioma' in 'Loma' geändert, und das sei ein Berg, hat schon arisia nachgesehen.
Ich schreib' nur auf, was ich noch bemerkt/vermutet habe:
* "weit draussen", das ist eigentlich Perspektive vom Land auf die See: da schwimmt z.B. einer; da ist ein Schiff zu sehen ... ; ist wohl nicht gemeint
* "Loma" ist Anrede in beiden Strophen (?), könnte aber auch eine Ortsbezeichnung sein, etwa: hier von diesem Hügel sehe ich ins Land; oder sogor die Anrede an
den Hügel, der ja auch sprechen soll (s. Strophe)
* von etwas hoher sieht der /die Sprechende die Straße (in beiden, gleich langen, Strophen, im 2. Vers), die Straße als Verbindung von Orten, "zittert" unter dem
Staub in der Hitze (fata morgana? ist sie vielleicht gar nicht sicher in der Wirklichkeit vorhanden?)
* Ende der Welt kann nur Metapher sein, auf einer Kugel wie der Erde gibts kein Ende, es kann nur so scheinen
* so viele Negativismen > teilnahmslos / keine Signale / verschwindende Strasse / Ende der Welt/ nichts geschieht / niemand weiss es [ist unlogisch: wenn nichts geschieht, kann ja auch niemand davon wissen]
[dieser Editor verweigert mehr und mehr Zeichen, vertauscht Y und Z beispielsweise, entschuldigt diese dämlichen Bemerkungen]
* dagegen, gegen all das Negative steht: die Anrede an 'Loma' (1) bzw. die Aufforderung, fast Beschwörung an 'Loma': zu sagen, zu sprechen, jetzt zu sprechen: als könnte sein Wort das Verhängnis aufhalten, und irgendwie gelingt es ja, jedenfalls 'Loma Paloma' spricht wirklich und sagt (wenn ich es richtig verstanden habe): "Ich habe diesen Staub gemacht";
* überhaupt das Spanische am Ende beider Strophen: keine Wolke, kein Regen: Staub
* steckt Religiöses drin? "Aether" bezeichnet bei Hölderlin oft das (anschauungslose) Göttliche/und: paloma=Taube: die, die Noah 3x ausschickt, beim zweitenmal bringt sie den Ölzweig; Religiöses wäre gegen die Tradition verwendet, falls es drin steckt, und bedacht ja sicher ...

Mehr weiß ich auch jetzt nicht. Die Zauberkraft habe ich jedenfalls mir mit Analyse nicht zerstört, eher vergrößert.
Nun antworte Du, Elis, augustine und allen.

 

     Jolante



RE: staub

   11.08.2006, 12:32



Elis,

dein Gedicht geht mir nicht aus dem Kopf, ich kann es nicht entschlüsseln, nur sagen, welche Eindrücke es mir macht. Da ist eine unsagbare Weite, eine unsagbare Leere, nur Loma Paloma kündet von der Überwindung des Endlichen. Da ich selbst religiös bin, drängt sich mir auf: "Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück". Das Gedicht weckt in mir eine vage Vorstellung von interesselos Göttlichem und eine Todessehnsucht, die nicht ängstigt, sondern Frieden verheißt..

 

     Elise²



RE: staub

   13.08.2006, 18:08



Hallo, bin beschämt, wieviel Aufmerksamkeit ihr dem Text widmet!

Für mich sehr schwierig, etwas dazu zu sagen, hört sich alles dann so furchtbar gescheit, gestelzt, gewollt an - schwer, Erklärungen abzugeben ... (werde es im Lauf der nächsten Tage aber noch mal versuchen ... )

Dieses Spanische: Wolke, Regen, Hügel, Paloma als Frauenname + Taube + Wortspiel (loma steckt drin) gefiel mir einfach. estar hecho polvo, das bedeutet etwa: fix und fertig sein, schachmatt sein (~ Staub sein); está h.p. - er/sie/es ist fix und fertig. Mir gefiel dieses doppelte, das Spiel mit dem Begriff 'Staub' und eben das erschöpft-sein. Und diese Art Landschaft gibt es hier nicht. In den Staaten. Neumexiko oder Mexiko. Vielleicht sogar Zentralhochland, über Queretaro oder so, ich weiß nicht ... jedenfalls sehr weit und leer und für mich mit spanischen Wortfetzen assoziiert ...

Soviel nur kurz. Liebe Grüße von Elis (überrascht dankend für eure Antworten!).

 

     zuppanova



RE: staub

   13.08.2006, 23:51



guten abend beinander,

ja, das ist ein typisches Elise-gedicht, wahrscheinlich nicht entschlüsselbar, weil es um die leere herum spielt --- finde ich.
da sind schon so viel assoziationen genannt worden - zur strasse, die unterm staub zittert/verschwindet, fällt mir noch so etwas wie "lebens-weg" ein, da wäre dann das religiöse enthalten, oder der tod, oder schlicht einsamkeit.

lg, zuppa wars.

 

     Elise²



RE: staub

   31.08.2006, 21:57 / 1 x geändert



Ja, was könnte ich noch dazu sagen?

Ihr habt - danke! - schon so viel assoziiert, Bilder sind in euch entstanden, die Landschaft, die Leere, das (Anti-?)Göttliche, die Erschöpfung, das Loslassen, der Tod, die Ruhe, das Ankommen - verschiedene Gedanken + Bilder: mehr wollte ich auch nicht.

Ich selbst hatte vor allem eine ganz bestimmte Art von Stimmung, Befindlichkeit, ja, Süchtigkeit (mehr im Sinne von Sehn-Süchtigkeit) in mir, die ich herausbringen wollte + diese Süchtigkeit ist verknüpft mit einer bestimmten Art von Landschaft: so tickende Stille, Hitze, fahltrockene Bläue, Endlosigkeit - weit in der Ferne Hügel, das ist etwas Weibliches, die Loma ist anders als der trostlose Himmel + die trostlose staubige endlose Ebene, in der einer vielleicht verloren gehen kann, verdursten, weil die Straße verschwindet, weil es einfach nichts mehr gibt, keinen Halt. Loma sieht, was geschieht - auch wenn nichts geschieht, auch wenn sonst niemand etwas sieht, auch wenn alles paradox, absurd ist: Hügel weiß es und teilt es mit, die Stimme ist Paloma.

So, keine Ahnung, ob diese umständliche Eigen-Erklärung beim Lesen weiterhilft oder zum Verständnis beiträgt.

Mich haben die Feedbacks SEHR gefreut. Danke! Elis.

 

staub




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