Elise
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20.03.2007, 01:30 / 1 x geändert
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geänderte Version:
Sekundenbruch. Talbrücke Apfelbaumgrund.
im rasend bewegten Auto // mobil // spricht sie per Headset // mit ihm -
ja ja [schreit sie . die Verbindung ist schlecht] ich komme / jetzt / zu dir / ich werde /
mich / vor deiner Wohnungstür / auf meinen Parka / ich werde / mich legen / ich werde /
dort warten / wenn du nicht aufmachst / werde ich / hungern / so lange / bis du / mich -
da zerschellt ihre Stimm-e // am Luftwiderstand // sie hatte ganz plötzlich jedwede
Kontrolle // über das Fahrzeug // verloren // sie fliegt von der Talbrücke Apfel=
baumgrund weitweit in den lautlos // explodierenden // Abend // hinaus -
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ursprüngliche Version:
Sekundenbruch. Talbrücke Apfelbaumgrund.
im rasend bewegten Auto . mobil . sprach sie per Headset
juristisch korrekt doch . emotional . dysbalanciert . mit ihm:
ja
ja
(schrie sie . die Verbindung war schlecht)
ich komme
jetzt
zu dir
ich werde
mich
vor deiner
Wohnungstür
auf meinen
Parka
legen
ich werde
dort warten
wenn du nicht
aufmachst
werde ich
hungern
so lange
bis
du
mich
da zerschellte auch schon . ihre Stimme . am Luftwiderstand . sie hatte ganz plötzlich
jedwede Kontrolle . über das Fahrzeug . verloren . und flog von der Talbrücke Apfel=
baumgrund weit . weit in den lautlos . explodierenden . Abend . hinaus

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augustine
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Elis, schreiben kann ich nur, wenn ich hier ganz entschieden von einem lyrischen Ich und einem kommentierenden Ich spreche. Und Du: muss man Cronica de una muerte anunciada kennen, um dies hier zu verstehen?
Die Langzeilen am Anfang zeigen das Ich "dysbalanciert", " . emotional . dysbalanciert . ", im Auto über die Talbrücke rasend, die diesen schrecklich idyllischen Namen hat: Apfelbaumgrund. Es rast, WEIL es außer Balance ist. "juristisch korrekt" ist nur, dass es über Kopfhörer spricht, nicht mit nur einer Hand am Lenkrand, der anderen am handy. (Eine ein wenig schwache Stelle.) Jedenfalls kann man hier denken: da rast jemand in Selbstmordabsicht.
Die Langzeilen am Ende, . zerbrochen . die Aussagen . wie bald . die Knochen ., lese ich als Versuch: die Absicht in einen Zufall umzudeuten.
"die Verbindung war schlecht" | schlechte Verbindungen . muss . man . selbst . zerstören . ehe man . zerstört wird |
ein stück realität hierzu: eine Klassenkameradin von mir hat was ähnliches gemacht: von einer Talbrücke gesprungen; hat's überlebt; war nicht "im Paradies", wohin sie wollte, sondern immerhin bald im krankenhaus (ihr rotes auto mit offenstehender tür war im morgennebel jemandem aufgefallen); hat da "ein engel" sie aufgefangen??? sie sieht das jetzt so; wo war der engel, als die depression sie überwältigte?
augustine

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Jolante
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21.03.2007, 12:08 / 1 x geändert
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Hallo, Elis,
dein Gedicht wirkte auf mich zunächst etwas konstruiert, zu wenig im Fluss, aber beim wiederholten, lauten Lesen der Zeilen spürte ich, wie sehr formale Gestaltung und Gehalt des Textes einander entsprechen. Der innere und äußere Zustand des lyrischen Ichs gipfeln in einer Raserei, die völlig außer Kontrolle gerät und zur Katastrophe führt, bei der es mit dem Auto von der Talbrücke Apfelbaumgrund fliegt, "weit, weit in den lautlos.explodierenden.Abend.hinaus". Das ist sehr expressionistisch und geht mir unter die Haut. An eine Selbstmordabsicht des lyr.Ichs denke ich im Gegensatz zu augustine nicht, denn es zeigte sich ja wild entschlossen, möglicherweise auch gegen den Willen des ER zu ihm zu kommen und ihn für sich zu(rückzu?)gewinnen.
Etwas ist mir unklar in deinem Kommentar, augustine. Du schreibst: "Die Langzeilen am Ende, .zerbrochen. die Aussagen. Wie bald. die Knochen., lese ich als Versuch, die Absicht in einen Zufall umzudeuten." Davon finde ich nichts in Elis`Text und bin deshalb etwas ratlos. Was habe ich übersehen ?
Auf weitere Lesarten bin ich gespannt.
Jolante

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ear
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22.03.2007, 18:11 / 2 x geändert
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Auch ich sehe keinen geplanten Selbstmord. Das ‘juristisch korrekte’ Sprechen koennte auf den Beruf des Lyrischen Ichs bezogen sein. Nachdem die junge Frau durch schlechte Verbindung und vermutlich unerwartete Aeusserungen des maennlichen Gegenuebers ‘dysballanciert’erscheint, steht diese Korrektheit im groessten Gegensatz zu ihrer sich innerlich steigernden ,aber zuerst noch nach aussen kuehl-bleibenden Redensweise. Ihre Emotion scheint zu versteinern vor der Tatsache der zerstoerten Verbindung.
Jedoch innerhalb von Sekunden ueberschlaegt sich ihre Stimme, sie ist zur Erpressung durch Hungern bereit, um die Verbindung zu retten. Das Ende ist wie ein Bild von Dali, surreallistisch, voller Dramatik.

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lost
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2 Geschichten, Ton in Ton erzählt, 3 Aufzüge
Personen: ein/e Sprecher/in, eine Sie/Ich, ein Er/Du
Location: Autobahnbrücke Apfelbaumgrund, Abendstimmung
Zeit: jetzt
Requisiten: 1 schnelles Auto, 1 Handy mit Zubehör
das ganze Ding eine Metapher, sagen wir: auf den Verkehr, der nicht läuft wie er sollte, oder auch: auf den Augenblick des Bruches, Hereinbrechens, Zerbrechens (Titel) = die erlösende Schicksalssekunde, die nicht gemacht wird, sondern: eigen geschieht.
vermutlich ist diese unsere Gesellschaft so fasziniert von / gierig nach Katastrophen, Auto- und anderen Unfällen, Eruptionen der Gewalt, weil dies die letzten Momente sind, wo Mitreißendes ungeplant sich ereignet, wo für Sekundenbruchteile etwas Wildes, Ursprüngliches, nicht Käufliches spürbar wird, eine religiöse Kraft, Wurzelkraft, die sich der Domestizierung, der Kontrolle verweigert: die Todes-Kraft, die feurige Realität des Aufpralls, das Wärme freisetzende Moment der Zerstörung.
insofern ein interessantes Thema. die omnipräsente Todesgefahr, bewußt gemacht, kann höchst belebend wirken.
dennoch gefällt der Dreiteiler mir nicht so recht. zu viele visuelle Accessoires verleihen ihm eine unbekömmlich hysterische Note. vielleicht noch einmal kürzen? klären? nochmals textbezogen in dich gehen, Elise?
dass die Talbrücke Apfelbaumgrund heißt, dürfte kein Zufall sein: ein Apfelbaum hat in einem bekannten Mythos der Menschheitsgeschichte einmal eine wichtige Rolle gespielt. das haftet an und passt (sowohl zu der Sie/ER-Geschichte als auch zum Unfall).
@ear, Jolante, augustine: das Surreale sehe ich auch. ein Kniff, den Abend explodieren zu lassen, wo doch in Wirklichkeit alles andere explodiert, während der Abend ganz ruhig bleibt.
die Selbstmordabsicht sehe ich nicht, würde sogar behaupten, nichts läge der lyrischen Sie dieses Textes ferner - nur, alas: für Rasende ihres Formats ist der moderne Verkehr nicht gemacht. da bleibt ihr leider nichts anderes übrig, als auszusterben.
die Assoziation an Márquez finde ich erstaunlich. ich hätte sie nie gehabt. mir scheint, man verstehe den Text auch so.
regards, lost.

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arisia (Gast)
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hi, elise,
es ist ja schon einiges gesagt worden zu deinem Text, dennoch möchte ich mich noch zu Wort melden.
Auch ich sehe keine Selbstmordabsicht des LI, jedenfalls nicht zum Zeitpunkt des Telefongesprächs. Allerdings sehe ich diese unterschwellig vorhanden. So entnehme ich jedenfalls den Textbruchstücken, daß das LI auch evtl. bereit wäre sich zu Tode zu hungern, und diese Bereitschaft mag bewirkt haben, nicht mehr darauf zu achten, daß es sich auf einer Autobahnbrücke befindet, daß das Auto des LI evtl. zu denen gehört, die windanfällig sind, schon so manchen hat eine plötzliche Böe auf solchen Brücken unangenehem überrascht.
So ist dann eingetreten, wozu unterschwellig eine Bereitschaft für da war, nur nicht zu dem vom LI gewünschten Zeitpunkt.
Der Text spricht mich sehr an, von Gefallen mag ich bei einem solchen Text nicht reden,
@lost
ich finde die hervorlugende Hysterie paßt gut zum Text, sie ist ja auch nicht so offensichtlich, eher auch unterschwellig unter der “Korrektheit” der Headset Benutzung verborgen.
liebe Grüße
arisia

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lost
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@arisia:
deiner argumentation kann ich mich nicht verschließen:
sowohl in bezug auf hysterie
als auch in bezug auf die 'autoentleibung'.
mag sein, wir hören von der autorin noch etwas dazu.
so sie den absturz überlebte.
lost.
(bit of mockingmooded this sulky saturday morning.)

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zuppanova
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grüss euch.
- die textoptik würde ich unbedingt ändern. zu lang und zu dünn für meinen geschmack. zieht das "gewebe" zu sehr auseinander.
- hmmhmm ... bei recht ökonomisch gestaltetem wörterverbrauch passiert einiges (der text ist an seinem ende definitiv woanders als an seinem anfang, mein ich), auch emotionale bewegung ist drin, wobei die autorin sich keines sentimental(isch)en ausdrucks zu bedienen bemüht scheint (mein ich). ein plus. die juristerei und das dysbalanciertsein schmisse ich über bord, wenn es meins wär (glaub ich).
- können wir nicht, Marcel Frank, eine abteilung für Katastrophengedichte einrichten? (das meine ich überhaupt nicht ironisch. es wären eben so "Gedichte, die ordentlich knallen" - oder brennen - oder sonstwas ... apokalypse halt ... )
- da ich einen hang zu Brinkmann habe, und der wiederum einen hang zur knallharten (sprach)entblössung hatte (oft), zitiere ich, was er in seinem gedicht "Auto" (1967) schreibt (scheint mir nicht unpassend hier):
Der Wagen / setzte / noch / einmal zu- // rück, und / die Hin- / terreifen / zerquetsch- // ten endgültig / ihm die / Brust / du lieber Him- // mel, sagten / sie / das / muß schmerz- // haft sein, so / dazu- / liegen / im eigenen Dreck.
(pikant: Rolf Dieter B. wurde einige jahre später in London von einem auto überfahren. final, sozusagen.)
- jetzt muss ich weg, dringend. servus. zuppa.

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Elise²
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Hallo, ihr Kommentierenden,
Dank euch allen für die Beschäftigung mit diesem Text. Eine leicht geränderte Version stelle ich oben hin, sie gefällt mir nun besser als die ursprüngliche - mehr an Verbesserung fällt mir leider nicht ein.
lost, eine Frage noch an dich: warst nicht du es, der immer so sehr pochte auf strikte Trennung zwischen Autoren-Ich und lyrischem Ich? Sinneswandel nun (du verwirrst mich)?
Viele Grüße an alle, Elise.

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windflug
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Hallo Elise,
zu deinem Text habe ich mich bisher nicht geäußert, weil mir die Worte dazu fehlten. Jetzt noch immer, aber doch soviel: Die neue Version ist durch das Präsens noch stärker.
Sprachlos
windflug

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lost
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well done, Eliza (geänderte Fassung).
erzählendes Präsens "kommt gut". atemporal.
nimmst du übel die kleine süffisante Bemerkung,
Ma ... dame?
hätte ich sie überhaupt machen können - OHNE
jene Unterscheidung vollzogen zu haben?
soll denn alles immer ganz trocken sein?
ganz ernst?
lost: in perfect contrition.

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Elise²
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Liebe windflug,
danke dir für deine Rückmeldung.
So gern wüßte ich mehr, was genau die Sprachlosigkeit ist, oder
wovon sie kommt, was sie bedeutet.
Verstehst du, was ich meine - und -
darf ich das fragen?
Ein wenig neugierig: Elis.
lost, werde antworten auf deine Nachricht beizeiten.
Danke dir! Elis.

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