Homer



H. Müller - Germania. Tod in Berlin

   25.03.2011, 21:51 / 4 x geändert



Eine guten Abend!

So, mein Bibliothekstag neigt sich dem Ende zu.
Die Früchte: ein Interpretationsentwurf zu Heiner Müllers Szene Brandenburger Konzert 1 im Stück Germania. Tod in Berlin.


Interpretation der Szene Brandenburgisches Konzert 1

Figuren: 2 Clowns.
• Clown 1 spielt Friedrich II.
• Clown 2 spielt den Müller von Potsdam.

1. Inhalt

In dem „Bild“ Brandenburgisches Konzert 1, wie Heiner Müller seine Szene nennt, tauchen zwei Clowns auf der Bühne auf, die die Legende um die Mühle in Sanssouci zu Zeiten Friedrichs „des Großen“ nachspielen. Der aufgeklärte „Philosophenkönig“ Friedrich II. suchte dort einen Müller auf, dessen Mühle, die gleich neben seinem Schloss gelegen war, ihn beim Regieren genervt hätte. Friedrich II. wollte die Mühle aufkaufen und dem Geklapper unter seinem Fenster somit ein Ende bereiten. Der Müller aber widersprach dem Monarchen und entgegnete – mit Verlaub, er würde seine Mühle nur dann verlassen oder umbauen, wenn der Kaiser ihm einen richterlichen Beschluss, der ihn dazu bemächtigte, vorzeigen könnte.
In der Müllerschen Präsentation des Geschehens kommen schließlich noch einige anderer Elemente hinzu. Sie dienen der Ausschmückung und Motivierung der Clownfiguren, sowie sie auch publikumswirksame auflockernde und bizarr-komische Momente innehaben. So wird beispielsweise ein Hund vom Schürboden hinuntergelassen, ebenso wie ein Trapez, ein Löwe wird auf die Bühne gebracht, ein Zirkusdirektor taucht auf, etc. All diese Elemente geben der Szene mehr als eine Doppelbödigkeit, die sich nur bedingt im Zusammenhang mit der Kernnarration, nämlich der Nachahmung der Legendenhandlung, verbinden lassen. Dafür verleihen sie der Szene im Gesamten den Charakter einer Showrevue.

2. Kommentar

In dem kurzen Abschnitt finden sich nur Spuren, Fragmente, ein Anzitieren, das Öffnen einer Thematik, eines Motivs, einer Handlung, aber keine konsequente Auflösung. Es gibt einen Konflikt, aber keine wirkliche Lösung, es gibt handelnde Figuren, die sich innerhalb der Handlung verändern vom Clown zum Kaiser, vom Clown zum Müller, vom Müller zum Sexualsklaven, zum Beherrschten, zum Soldaten. Es gibt einen Raum, die Bühne, der selbst mehrere Metamorphosen durchmacht (von der Bühne zum Schlossgarten, zum Zirkus, zum Thronsaal). Es gibt eine Situation, aber keinen Verantwortlichen – beide Figuren treiben gleichermaßen die Handlung voran, die wiederum dem klassischen „drama“ widerspricht, da es sich scheinbar um nicht mehr als ineinander übergehende Machtsituationen handelt, um das Testen und das Spiel mit bestimmten Persönlichkeiten und Rollenmustern.
Dieses Verwirrspiel, diese „Überschwemmung“, wie Heiner Müller die Montagen selbst bezeichnete, lassen sich in einer ersten Annäherung von der klassischen Dramentheorie abgrenzen. Heiner Müller liefert Überschwemmungen anstatt einer chronologischen, geschlossenen psychologisch nachvollziehbaren Handlung. Anstatt die mimetische Nachahmung des Zusammenprallens des Königs von Preußens mit einem seiner kleinen Untertanen darzustellen, nimmt er das Material und reichert es an.
Was Müller präsentiert ist zum einen die Fortführung und eine extreme Steigerung des Verfremdungseffekts. Verfremdung heißt nach Brecht einen gewöhnlichen Vorgang so darzustellen, dass er Verwunderung und Erstaunen hervorruft. Die bei Müller dargebotenen Handlungen wirken alles andere als herkömmlich. Sie scheinen lose zusammengehalten, zufällig aneinandergeklatscht, einer perfiden Eigenlogik zu folgen. Diese muss erst entschlüsselt werden. (Eine Methodik und Wirkungsabsicht, die Müller selbst in manchen Aussagen konstatiert.)
Außerdem übersteigert Müller den Verfremdungseffekt durch die Integration von Tabubruchelement. Auch in Brandenburgisches Konzert 1 sind Sexual- und Gewaltbilder im Text integriert. Sei es die übertragene Bedeutung des Worts „Flöte“ als Sexualmetapher für das männliche Glied, sei es das Lecken am Krückstock Friedrichs II. und dessen anschließender Verzehr – Müller integriert Momente, die durch ihren Tabucharakter den Verfremdungseffekt anreichern, steigern und damit radikalisieren.
Auch zeigt sich eine unmittelbare Menge an Symbolen aus verschiedenen Lebenswirklichkeiten, die sich entfalten, ineinander übergehen, sich überschneiden oder trennen, verweben verstricken, niemals aber spannungsfrei wieder lösen. Müller meinte selbst, es käme darauf an, eine Geschichte so zu schreiben, dass sie sich vor einem sauberen Abschluss wehre. So ist in der Szene Brandenburgisches Konzert 1 neben den bereits erwähnten Figurenstrukturen Clown, König, Neurotiker, Sado-Masochist, Soldat des ersten Weltkriegs, Löwe, Hund, etc. auch ein Sammelsurium verschiedener Realitätsebenen auf die Bühne gebracht.
Zum einen die Zirkusmanege, die noch am ehesten einen konsistenen Rahmen der Szene darstellt, zum andern aber auch die historische Ebene der Legende um die Mühle im Schlossgarten und schließlich die Prospektive auf die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs. Innerhalb dieser veschiedenen Realitätsebenen liegen logischerweise auch verschiedene, disparate Zeitebenen vor. In der Szene ist sowohl Friedrich II. aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts präsent, wie auch der Beginn des ersten Weltkriegs, 1914.
Und schließlich treffen ganz unterschiedliche Darstellungsweisen aufeinander. Am markantesten ist dabei der Beginn der Szene als Clownsklamauk auf der einnen Seite, und das Ende der Szene als Untergangszenario des Ersten Weltkriegs auf der anderen Seite. Slapstick trifft auf Massenunheil.
Was für die eine Szene im Einzelnen gilt, lässt sich auf das gesamte Stück Germania. Tod in Berlin übertragen. Als Interpretationshilfe ist es unbedingt von Nöten, zu akzeptieren, dass das Stück eine eindeutige Intention verweigert. Erst im zweiten Schritt, im Zurateziehen der anderen Werke Heiner Müllers, und einer überblickenden Betrachtung seiner Schaffensweise zeigen sich Motive, die wiederkehren und somit im Nachinhein einen Müller-typischen Stil, eine Müller’sche Handschrift, vorschlagen lassen. Aus den Schilderungen, die immer wieder zum einen mit Geschichte operieren, mit Aufstandsgeschichten im Detail, zum andern mit Verrat und Katastrophen, lässt sich eine pessimistische Grundhaltung, eine geschichtsphilosophische Kommentierung der Geschichte auffinden, die hinsichtlich ihrer Art auf den Begriff Geschichtspessismismus oder Defätismus gebracht wurde. Das Skandalon in Müllers Werk, so heißt es, bestehe zu einem Großteil darin, Geschichte als Katastrophengeschichte darzustellen.
Dafür spräche hinsichtlich der Szene Brandenburgisches Konzert 1 z.B. die Darstellung Friedrich II.

3.Friedrich II. innerhalb der Szene

Ist Friedrich II im kollektiven Bewusstsein als Philosophenkönig und Friedrich “der Große” abgespeichert, so präsentiert ihn Müller als Mischung zwischen Neurotiker, Despoten, Witzfigur und auch als Mitkonstrukteur des ersten Weltkriegs. Er konfrontiert die Deutschen mit einer ihrer größten Geschichtsfiguren. In Anlehnung an den Recency-Effekt aus der Psychologie lässt sich der Versuch einer Umbewertung, einer Umschreibung der Erinnerung des “Alten Fritz” im Rezipientenkopf proklamieren: Anstatt die nette Anektode des gerechten Königs zu Ende zu erzählen, der schließlich dem Müller seine zweite Mühle bauen ließ, zeigt Müller den indirekten Zusammenhang des unter Friedrich II weitergeführten preußischen Militär- und Beamtenstaats mit dem ersten Weltkrieg. Clown 2 wird gezwungen in die Schlachtfelder des ersten Weltkriegs abzumarschieren, bevor die Szene endet. Zwar wird nicht bestritten, dass Friedrich II im Vergleich zu seinem Vater ein weitaus gebildeterer und feingeistiger Herrscher war. Aber der Text verschweigt auch nicht das kriegerische Bewusstsein Friedrichs, indem dieser nicht ohne eitlen Nachdruck betont, wie wichtig er für die Rolle Preußens im Staatensystem gewesen sei, da er doch die Schlesischen Kriege geführt habe, und außerdem am Ende der Szene Clown 2 mit seinem Krückstock niederknüppelt.
Und gerade gegen die philosophisch-aufgeklärte Haltung Friedrichs II. teilt Müller in seinem Text Tiefschläge aus, da er die schöngeistigen Seiten Friedrichs derart präsentiert, dass sie ihn einer Lächerlichkeit zur Schau stellen. Man lacht über den flötespielenden Clown, der sich allzu ernst nimmt. Was sich aber im Rezipienten festsetzen soll, ist sein Zusammenhang mit den kriegerischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts. Selbst wenn er gegen den Krieg gewesen war – wie er ja auch die Leibeigenschaft in Preußen abschaffen wollte, und der preußische Adel dagegen war – so konnte auch er als Schöngeist die militärischen Strukturen des Preußischen Staates nicht sprengen.
Indem Müller also diese beiden Komponenten zur Schau stellt, nämlich die Dekonstruktion eines Volkshelden zum einen, zum andern die Vorausdeutung auf den ersten Weltkrieg, lässt sich eine zynische Komponente und ein defätistischer Geschichtskommentar innerhalb der Darstellung finden. Fürhungseliten sind Witzfiguren und Menschen werden von ihnen in den Krieg geschickt. (Was man nach wie vor behaupten kann, wenn man sich Gadhafi vor Augen hält. Diese Drecksau.) Die defätistische Haltung Müllers aber, der ihm zugeschriebene Geschichtspessimissmus, entblättert sich erst im Zusammenhang aller Szenen des Stücks “Germania. Tod in Berlin”. Sie zeigen die Deutsche Geschichte als Katastrophenabfolge ohne Lernprozess, innerhalb dessen sich ein Trauerspiel immer wieder wiederholt: Wahnsinnige haben Macht und üben Gewalt an Menschen aus. Darüber vermag man zynisch zu Lachen.

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ich hoffe nicht allzuviele Kommata - und Rechtschreibfehler übersehen zu haben. Für Kritik bin ich offen. Man lernt ja nie aus. Einen friedvollen Abend wünscht
Homer.

 

     Pega Mund



... neugierig gefragt ...

   25.03.2011, 23:39



Homer: >> Das Skandalon in Müllers Werk, so heißt es, bestehe zu einem Großteil darin, Geschichte als Katastrophengeschichte darzustellen. <<

Warum ist das ein Skandalon? Was ist skandalös daran, Geschichte als eine Kette von Katastrophen darzustellen?
Von wem wird das gesagt, und worin besteht der verbleibende kleinere Skandalon-Teil in Müllers Werk?


. . . . . . . Greta grüßt
. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> Juan Gelman

 

     Homer²



... neugierig gefragt ...

   30.03.2011, 23:22 / 2 x geändert



verspätet geantwortet:
Das steht so im Heiner Müller Handbuch, von Lehmann herausgegeben. Genau kann ich es dir nochmal wann anders mitteilen, wenn genaueres Interesse besteht.

Deine Frage, warum es ein Skandalon sein soll, Geschichte als Aufeinanderfolge von Katastrophen zu sehen, ist nachvollziehbar. Bzw. sehr normal, angebracht.
In der Tat, Müller scheint nur zu zeigen, was er sieht, und als Historiker kann man die Geschichte als Aufeinanderfolge von Katastrophen sehen. Es gibt ja auch die kleinen Momente voller Schönheit, die weniger Geschichte machen, und die zeigt(e) Müller, soweit ich sein Werk bisher kenne, nicht. "Woran ich glaube, ist der Konflikt", sagte er einmal in den "Gesammelten Irrtümern", "die Welt wird was sie war, eine Heimat für Herren und Sklaven" heißt es, in der Auftrag. Skandalös ist es insofern, dass keiner die vorherrschenden Mechanismen der zivilisierten Machtkultur so schonungslos und wortgewaltig, in solch erdrückenden und gleichzeitig unglaublich lebendige Wortmauern kleidet, wie Müller. Sein Umgang mit Sprache - es als Material zu zeigen und gleichzeitig zu gebrauchen, ist faszinierend. Ebenso wie er den Bruch der Illusion in die Illusion einzieht, ("ich bin nicht Hamlet") ein Zauberer, der zaubert und uns gleichzeitig zuschauen lässt mit einem Blick, wie hinter dem Mantel, wie in dem Zylinder. Das ist faszinierend und skandalös wirkt es zugleich. Müller ging skandalös ( da ist er bestimmt nicht alleine, aber für mich bis dato herausragend) gegen die Theaterillusion vor, und bot trotzdem, gleichzeitig noch Inhalte. (vgl. z.B. als rein formelles aber inhaltsloses Theater das reine Formtheater von Goebbels heute: seine Adalbert Stifter - Adaption)

Die Fährte, der ich gerade nachgehe ist die Tugendlehre. Ich bin beim Lohndrücker gelandet, und ich postuliere, dass es in uns etwas gibt, dass perfekte Menschen auf der Bühne sehen möchte, Tugendhelden, wie sie in den Studio-Gibli Filmen vorkommen ( z.B. das Schloss in den Wolken ).
Ich habe manchmal den Eindruck, als würde Müller das verweigern. Er zeigt uns rohe Figuren, ganz rohes Menschenmaterial, das nicht veredelt wurde, vor einer Ausbildung höherer, menschlicher Qualitäten. Seine Texte, Texte, "die auf Geschichte warten", seine Figuren könnten Menschen sein, die auf Bildung warten.

Zitat:
Die Einübung der ethischen Tugenden verhilft dabei zur Beherrschung der Triebe und Affekte und macht den so Handelnden unabhängiger von einer nur auf Befriedigung der Lust und Vermeidung von Schmerz ausgerichteten Verhaltensweise. Um ethisches Verhalten auf das Gute auszurichten, bedarf es der Erziehung, die unsere moralische Sensibilität erhöht und damit Einfluss auf die Qualität unserer Handlungen nimmt. Wenn Tugenden verinnerlicht sind, handelt der Mensch um der Tugend willen und tut dies gern, also mit Lust.
( wikipedia)

Es hat den Anschein, als hätten die Figuren Müllers wenig "Lust", ihre Handlungen zu vollziehen, als würden sie sich ungern in dessen Reich bewegen, nicht als Freie, auch nicht als artifizielle, lebendige Figuren wie ein Pappageno...Müllers Figuren sind eine Entität sui generis. Als müssten sie ihre Aufgabe im Werk vollbringen ( ich habe gerade noch "der Auftrag" am präsentesten) und ständen dürstend nach Wahrheit und Veredelung, sich selbst bewusst und die Welt, die wirkliche Welt "nach Ausschwitz" auf ihren Bühnen, in ihren literarischen Räumen sehend. Aber da kommt nichts. Keiner, der sie bildet, kein Lehrmeister Aristoteles. Was kommen könnte: atomarer Regen, Atomraketen, Zement...

Skandalös wirkt natürlich auch die Sprache. Nicht nur die Literarische, auch die Bildsprache. "Willst du mein Herz essen, Hamlet?" oder eine Macht-Pronographie-Vergewaltigungsphantasie aus "der Auftrag", in der Debuisson auf seine alte Geliebte ( in Zweitbedeutung: den Engel der Verzweiflung) trifft. Ich scanns ein.

Skandalös - dann aber im Hinblick auf andere Schriftsteller - wie ehrlich, wie ungetönt Müller Menschen, Macht, Geschichte zeigt. Er ist ein stiller Mensch, so hat man den Eindruck - er zeigt die Welt ohne moralischen Zeigefinger, ohne Pathos wie Wolf Biermann...
Vielleicht sind das einige der Skandalons (?) in Müllers Werk, aber bei all diesem darf man vor allem ein Skandalon nicht vergessen: Müller war skandalös gut.


(Goebbels: Stifters Dinge )
http://farm4.static.flickr.com/3038/2670...7d42a83.jpg?v=0


[pdf] Müller der Auftrag
[pdf] Biermann im Westen

 

H. Müller - Germania. Tod in Berlin




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