SimonLore
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30.03.2011, 15:50 / 3 x geändert
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Ein Liebesgedicht an die Zivilisation, die europäische. Die zweite Version, in der der Uhren-Part auf ein akzeptableres Maß gestutzt wurde, las ich mehrmals, mit zunehmender Sympathie. Das Digitaluhren-Thema aus der Einleitung von 'Per Anhalter durch die Galaxis' passt wirklich nicht in solcherlei Liebesdichtung.
Was hat es nun mit diesem Uhren-Teil auf sich? Ist er nötig um dem Leser zu zeigen, dass hier mit der Zeit gespielt wird, dass man an den Skalen dreht? Ich denke nicht. Welche Funktion erfüllt er im Gedicht? Der explizite Europabezug - was ist seine Absicht?
Ich halte diese Strophe für völlig verzichtbar, auch weil sich darin eine der für mich streitbarsten Wendungen befindet.
| Zitat: |
Kein Zifferblatt in Deinem Leben
hat je die Zeit gezeigt, die wichtig ist:
Vergangenheit und Gegenwart und Zukunft. |
Das will geheimnisvoll klingen, bedeutet vielleicht, dass unsere Kultur den Überblick über die kosmischen Zeiträume nicht innehat, klingt aber in meinen Ohren einfach nur ungeschickt. Schauen wir uns doch einmal eine kürzere Version an:
| Zitat: |
An meine junge Geliebte
Ach Du und Dein Vogelfederleben
mit bescheidenen Wünschen
und realistischen Plänen –
Wisse: Sokrates war
vor einer halben Stunde
in der Dämmerung, seitdem tasten
wir im Halbdunkel umher
und haben keine Ahnung, ob es
Tag werden will oder Nacht.
Kriege.
Dazwischen ein paar kulturelle
Spitzen, schnell hergezählt,
Beruhigungskitt, meist dünn gezogen.
Ansonsten: Die Gleichgültigkeit der Himmel,
sich kalten Auges über uns beugend.
Ach Du und Dein Vogelfederleben.
Geruch nach Früchten und Meer.
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Die Wendung "tasten wir im Halbdunkel umher und haben keine Ahnung, ob es Tag werden will oder Nacht." Wirkt für mich zu konventionell und, nunja, lahm. Vielleicht kann man das knackiger sagen.
Besser als kulturelle Wallungen sind die kulturellen Spitzen - allerdings mit dem dünn gezogenen Kitt als Bild irgendwie unstimmig. Der Ausklang mit seinem mediteranen Aroma, über den bin ich mir nicht schlüssig.
Schlussendlich habe ich auch noch was am Titel zu bekritteln: den Zusatz in Klammern. Ich denke, das ist ein Gedicht, dass noch eine Weile liegen darf. Aber es hat schon viel Schönes, ne.
So also ist der Blick auf dieses Gedicht durch die Augen der Handpuppe meinerselbst, die ich bin.
Grüße
S.L.
po.skr.: Eine "Schlussfassung" - gibts sowas, solang der Verfasser noch lebt?
EDIT:
po.po.skr.: Und dann wiederum wird man Paranoid und fragt sich... war das Gedicht nun ernst gemeint oder wurde ich von einer Handpuppe getrollt? Das gibt dem ganzen einfach eine ganz neue Handlungsebene. Ich verstehe nicht, wie man davon nicht begeistert sein kann!
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Willimox
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30.03.2011, 22:45 / 1 x geändert
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Interessant, was Du schreibst, SL.
Bin am Überlegen, ob nicht doch zwei Lesarten gleichzeitig möglich sind, Lesarten der adressierten "jungen Geliebten":
Einmal die junge euopäische Welt in der Tradition des aufklärenden Sokrates, diese Welt als Junge Geliebte (metaphorisch) und dies in einem archaisch-brutalen, mitleidlos-indifferenten Evolutionsprozess ohne göttlich-väterliche Großinstanz.
Dann aber eine junge, echte Geliebte (ohne Metaphernkonstrukt) wie Vogelfedern leicht und anmutig, aber auch so fern von Eigensteuerung, eingebettet in den schwermütig machenden Prozessen der Präzivilisation und der Zivilisationswerdung mit all ihren Brüchen.

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