Th. W. Adorno, aus: minima moralia · augustine · Lange Zitate

3841 Aufrufe

Neue Beiträge   |  Forenliste   |  Registrierung   |   Archiv   |   a n m e l d e n

 

     augustine



Th. W. Adorno, aus: minima moralia

   18.12.2010, 23:06 / 1 x geändert



Theodor W. Adorno, MINIMA MORALIA, Reflexionen aus dem beschädigten Leben,
zuerst Frankfurt a. M. 1951

"118
Hinunter und immer weiter. - Es scheinen die privaten Beziehungen zwischen den
Menschen nach dem Modell des industriellen bottleneck sich zu formen. Noch in der
kleinsten Gemeinschaft gehorcht das Niveau dem Subalternsten ihrer Mitglieder. Wer
in der Konversation etwa über den Kopf auch nur eines einzigen hinwegredet, wird
taktlos. Der Humanität zuliebe beschränkt das Gespräch sich aufs Nächste, Stumpfste
und Banalste, wenn nur ein Inhumaner anwesend ist. Seitdem die Welt den Menschen
die Rede verschlagen hat, behält der Unansprechbare recht. Er braucht bloß stur auf
seinem Interesse und seiner Beschaffenheit zu beharren, um durchzudringen. Schon
daß der andere, vergeblich um Kontakt bemüht, in plädierenden oder werbenden
Tonfall gerät, macht ihn zum Schwächeren. Da das bottleneck keine Instanz kennt,
die übers Tatsächliche sich erhöbe, während Gedanke und Rede notwendig auf eine
solche Instanz verweisen, wird Intelligenz zur Naivetät, und das nehmen die
Dummköpfe unwiderleglich wahr. Das Eingeschworensein aufs Positive wirkt als
Schwerkraft, die alle hinunterzieht. Sie zeigt der opponierenden Regung sich
überlegen, indem sie in die Verhandlung mit dieser gar nicht mehr eintritt. Der
Differenziertere, der nicht untergehen will, bleibt zur Rücksicht auf alle
Rücksichtslosen strikt verhalten. Von der Unruhe des Bewußtseins brauchen diese
nicht länger sich plagen zu lassen. Geistige Schwäche, bestätigt als universales
Prinzip, erscheint als Kraft zum Leben. Formalistisch-administratives Erledigen,
schubfächerweise Trennung alles dem Sinne nach Untrennbaren, verbohrte Insistenz
auf der zufälligen Meinung bei Abwesenheit jeglichen Grundes, kurz die Praktik,
jeden Zug der mißlungenen Ichbildung zu verdinglichen, dem Prozeß der Erfahrung
zu entziehen und als das letzte So bin ich nun einmal zu behaupten, genügt,
unbezwingliche Positionen zu erobern. Man darf des Einverständnisses der anderen,
ähnlich Deformierten, wie des eigenen Vorteils gewiß sein. Im zynischen Pochen auf
den eigenen Defekt lebt die Ahnung, daß der objektive Geist auf der gegenwärtigen
Stufe den subjektiven liquidiert. Sie sind down to earth wie die zoologischen Ahnen,
ehe diese sich auf die Hinterbeine stellten.



Warum der Text?

Ich brauche manchmal mehr als einen Anstoß, mich mit etwas zu befassen. Der erste kam von hier, von zuppa. Der lag (gut: sehr, allzu) lange im Hinterkopf, verschwand aber nicht wieder. Dann kaufte ich endlich das Buch, und dann ging das mit Koinzidenzen dazu noch weiter. Und dann begann ich zu lesen. Dies hier ist eine Gesprächssituation, wie ich sie manchmal erlebe und mich in ihr dann als hilflos. Vielleicht geht es anderen ähnlich.

Und: Wie aktuell! Auch wenn die Technologien heute andere sind als damals und unser Leben nicht in einem Sinn beschädigt ist wie seins.

Darum der Text.

Gern verlinke ich auch dies: http://www.literature-online.de/thema105...=minima+moralia

augustine

 

     Pega Mund



Heute Geburtstag: 110

   11.09.2013, 23:37 / 1 x geändert



Kein richtiges Leben im falschen, sagt er, gebe es; Theorie ist ihm mehr als nur eine Sammlung von Erklärungen, ist ihm Weltveränderungshandwerkszeug und überhaupt: einer, der -> hinter die Prämissen der öffentlich akzeptierten Problembeschreibungen zurückfragt.

Theodor W. Adorno, eigentlich Theodor Ludwig Wiesengrund
* 11. September 1903 in Frankfurt am Main
† 06. August 1969 in Visp, Schweiz
Gretchengrüße-> zum Weihnachtsdenker


 

     toltec-head



Th. W. Adorno, aus: minima moralia

   13.09.2013, 11:05 / 1 x geändert



http://www.keinverlag.de/texte.php?text=346005
ich danke augustine für die anregung :)

 

     Pega Mund



Anpaasung

   29.09.2013, 12:06



Es macht mich Staunen, wie geschmeidig dieser Adorno ist, wie anpassungsfähig, wie vielseitig
verwendbar. So 1 zu 1 ins Hier & Jetzt gesetzt fast ohne Jetlag, ohne nennenswerte
Akklimatisierungsprobleme oder andere Nebenwirkungen. Brav -
Gretchengruß -> zum Schwänzchen (klick!)

 

     toltec-head



Anpaasung

   07.10.2013, 19:15 / 1 x geändert



Magnus Klaue schreibt in der neusten Ausgabe von konkret Lesenswertes über soziale Netzwerke, zu denen ja auch Internetliteraturforen zählen.

http://www.konkret-magazin.de/hefte/aktu...e-vernunft.html

Zitat:

"Die »kommunikativ verflüssigte Ich-Identität«, die Jürgen Habermas einst als Telos einer von ihren metaphysischen Verkrustungen befreiten Vernunft ausmachte, hat sich im Zeitalter von social media völlig anders realisiert, als das gedämpfte Nuscheln des Meisters ahnen ließ. An die Stelle des geltungsanspruchsbetonierten Herumräsonierens öde selbsttransparenter Diskursautomaten ist die totalentzerrte Assoziation kommunikativ verknäuelter Borderline-Bürger getreten. Die drei Kriterien, nach denen Habermas zufolge die Elaborate der kommunikativen Vernunft beurteilt werden können – Richtigkeit, Wahrhaftigkeit und Wahrheit –, sind zu dem allein gültigen der Authentizität zusammengeschmolzen: Die Behauptungen und Meinungen, die die Gesprächskombattanten sich im weltweiten Netz um die Ohren hauen, mögen sachlich noch so falsch, argumentativ noch so schlecht begründet und moralisch noch so korrumpiert sein, sie gelten als unbedingt zu respektierende Wahrheit des Subjekts, sobald sie mit der wütenden, weinerlichen, munteren oder sonstwie von Betroffenheit zeugenden Verve des engagierten Meinungskämpfers vorgebracht werden."

Der Tonfall der minima moralia ist unverkennbar. Und im Jahre 2013 doch auch ein bisschen nervig. Es gibt kein richtiges Leben im falschen. OK. Aber warum sich als Spielverderber aufspielen, wenn ein richtiges eh nicht nur nicht in Sicht ist, sondern auch keiner mehr weiß, was "richtig" überhaupt bedeuten soll?

 

Th. W. Adorno, aus: minima moralia




  SYNEKDOCHE.DE
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Impressum

  Online

  Aktuelle Themen

Ruhmeshalle der Unzulänglichkeit

Meinung

Basissatz: Inhalt oder Gehalt?

Kurzreferat zu Friedrich Nagelmann

2zeilenTiere + Konsorten

Amiland

tasmanischen Silberbäumen lauschen

Glühender Sand

Das leere Schlachtfeld

Hoher Geburtstag

Antifeudale Lyrik im Stile Bürgers?

Klug geschissen

Schnapsidee

Nicht

Denk ich an Deutschland...

Kitsch als legitiemer Begriff in der

Der Ablaut und Ablautsystem

Hilfe! Suche...

Fiktionale vs. faktuale Erzählung

was wir geben (so nett, en passant)