Roter Mohn · Städter · Alltag

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     Willimox



Roter Mohn

   28.11.2010, 15:42 / 2 x geändert



Salute, einige Lektoratsansätze:

Hier gibt es (gewollte?) Rhythmusabweichungen:

nichts geht mehr, bringt ihn zur Räson.

Allerdings: die Doppelbetonung "nichts" und "geht" recht interessant.

Hier gibt es Verstehensprobleme:

Vergessen nichts, vergeben alles,
wahrhaftig bleibt die Zeit im Fluss
und kehrt der Frühling, Bestenfalles,
ist längst begnadigt dieser Schuss.

"Wahrhaftig" als Adverb? es ist wahr, dass sie in Fluss bleibt? Ein Prädikativum? Als wahre bleibt sie in Fluss? Fluss als Wasser? Fluss als Bewegliches, das sich ändert und sich gleichbleibt? Da ist zu viel Polysemie drin, das holpert eher,als das es schöne Enträtselungen generiert.

Flüchtgkeitsfehlerchen das großgeschriebene "Bestenfalls"?

Und was für ein "Schuss" ist das und wieso ist er "begnadigt"?
Der Leser denkt erstmal, da hat es eine Aggressionshandlung immensen Ausmaßes gegeben. Und wenn jemand begnadigt wurde oder absolviert, dann wohl der Schussabgeber, nicht der Schuss selber.

Schreibsituation:
Beim Aufblättern eines Buches mit getrockneten nostalgie-induzierenden Blumen, die gleich als "Strauß" (?), vertrocknet im Buch??

greetse

wiwa

 

     Willimox



Roter Mohn

   30.11.2010, 05:55



Salute, Städter,

aus Textinteresse und unabhängig von
(un)erwiderter Liebe zur Lyrik.

Wie ist das mit dem '"Schuss" zu verstehen?

greetse

wiwa

 

     Willimox



Roter Mohn

   02.12.2010, 17:33 / 1 x geändert



Bei einem ersten Überfliegen:
Die story gefällt mir im Duktus sehr viel besser als das Gedicht und seine Faktur. Eine sehr berührende Geschichte. Trotzdem sicher auch berechtigt, Technische Marginalien:

a) Einige Momente später öffnete Seller seine Augen wieder, nahm die Arme von der Lehne und beendete auch das Verschränken der Beine. {seltsam knöchern-technisch-bürodeutsche Formulierung}

b) sein Leben mit Maria, dass ! nun, allein, nichts mehr wert war

c) Drei Geräusche hielt die noch junge Nacht bereit. Das Krächzen eines schwarzen Vogels, der aufgeschreckt, flatternd seinen Schlafplatz verließ, das schwere Klatschen eines Gegenstandes, der ins Wasser gefallen war und einen Schuss, den man bis oben in den Stadtpark, dort bei der alten Kirche hören konnte. [Reihenfolge ändern?)

Unabhängig davon, das Gedicht hat seine Problemstellen behalten:

a) Die Eröffnung im Präsens "du gehst" (und nicht "Du bist gegangen") stellt noch weniger als das Perfekt auf die übertragene Bedeutung "aus dem Leben gehen" ein. So vermutet man also, dass eine Frau ihren Mann/Freund verlässt.
Und dann geht die Struktur des ganzen Gedichtes ab der ersten Strophe doch recht in Schleudern.

b) Die Syntax und die Bildführung in der letzten Strophe scheinen mir recht holprig.

greetse

wiwa

 

     gregor libkowsky



Roter Mohn

   02.12.2010, 21:03 / 1 x geändert



Die Verbesserung "Haltung Seller" bringt eine feine Nuance der intimen Zweisamkeit des Paares in die Geschichte. Gefällt mir.

In der Idealisierung der Beziehung und der dargestellten Konsequenz des alten Mannes nach dem Ableben seiner Frau liegt der Charme der Geschichte, allerdings auch die Crux, ist der Preis doch eine gewisse Erfüllung des erwarteten Klischeefeldes.

Doch es gibt ja noch das Tagebuch. Obwohl der Sachverhalt auch künstlich konstruiert wirkt, werden an dieser Stelle Frage aufgeworfen, die in der Geschichte nicht weiter zum Tragen kommen. Was steht im Tagebuch? Ist es die zu erwartende Ergänzung des Teilaspektes seines Lebens oder werden gerade hier Fragen aufgeworfen, die ein Weiterleben für den Mann unmöglich machen. Das könnte sich der Leser an dieser Stelle fragen.
Andersherum gedacht: Ein Tagebuch enthält Geheimnisse. Mit dem Lesen des Tagebuches schließt sich der Kreis für Constantin Seller. Mehr wissen zu wollen in einem Leben, wäre maßlos.
Die Bedeutung des Tagebuches ist in der Geschichte mit den angedachten Varianten für mich ein zentraler Punkt.

Ich mag die Sprache, derer du dich bedienst. Mit wenigen Pinselstrichen gelingt es dir, Atmosphäre zu schaffen. Ähnlich auch hier nachzulesen: Klick.

Was mir nicht gefällt: Der Sohn, der sich auf einer Expedition durchs Eismeer befindet. Das scheint mir zu weit her geholt. Nur damit er weit weg ist. Eine nicht örtlich benannte Abwesenheit hätte hier meines Erachtens ausgereicht.

Ja, das Gedicht erklärt sich erst durch die Geschichte, besonders der Schuss in der letzten Strophe.

Es grüßt Gregor Libkowsky

 

     Pega Mund



Roter Mohn

   03.12.2010, 02:21



Naja, so summasummarum empfinde ich Gedicht und Geschichte ganz ähnlich wie meine Vorredner. Willimox zumal hat auf kritische Stellen im Gedicht hingewiesen. Kann ein Schuss begnadigt werden? Oder doch nur der Schütze? Nimmt sich das Gedicht hier eine poetische Lizenz ("Wie heißt dieses Stilmittel gleich noch?")? Oder ist die Formulierung eine Verlegenheitslösung? Können Schatten verwegen fort fliehen? Fliehen und Verwegenheit - passt das zusammen? Ist das nicht ein Widerspruch, eine hier ungünstig gesetzte Friktion?

Was ist mit der Syntax (z.B. zweites Sinneinheitenpaket, Zeile 8-12; oder vgl. auch, was wiwa zu wahrhaftig bleibt die Zeit im [in?] Fluss sagt)? Und die eigenwillige Satzzeichensetzung? Absicht? Wenn ja, wenn Absicht: Was wird gewonnen damit?

Im zweiten Sinneinheitenpäckchen, Zeile 12, bricht der Ton. Dieses nichts geht mehr fällt raus, passt nicht zum restlichen Sprachstil, der einigermaßen homogen ist, und könnte fast ein wenig komisch wirken; auch der Wolf ist für mein Empfinden schon beinah bisschen grenzwertig; von dem Wolfstier geht eine gewisse akute Klischeegefahr aus.

Wenn ich versuchen dürfte, mal zu formulieren, was für mich das grundsätzliche Problem bei dem Gedicht Roter Mohn ist, würd' ich etwa so sagen: Die Bilder sind teils zu flach und insgesamt zu disparat, um ausreichend Sog und Suggestionskraft zu entwickeln, dass ich als Leserin Lust bekäme, mich um eine Interpretation überhaupt zu bemühen. Oder, anders formuliert, der Flow des Autors überträgt sich nicht auf mich beim Lesen. Es ist ein bisschen so, als würfe der Autor Wattebällchen auf's Wasser in der Hoffnung, damit wachsende Ringe zu erzeugen. (Das ist nicht garstig gemeint und nicht geschrieben, um Dich zu ärgern, Städter. Wenn Du sauer bist, garstelst Du einfach zurück, ja!)


. . . . . . . Krötchengrüße

. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> zum Sehnsuchtslied

 

     aswad



Roter Mohn

   03.12.2010, 09:05 / 7 x geändert



Du gehst, mir bleibt die tiefe Wunde,
die du geschlagen; scharfes Schwert


Die zwei ersten Zeilen zerstören meine Unvoreingenommenheit. "Tiefe Wunde" und "scharfes Schwert" lassen Fantasytrash vermuten - das Gedicht gerät in die Defensive, muss beweisen, dass es kein Kitsch ist.

tiefe Wunde ...
scharfes Schwert ...
kaltem Stahl ...
schwarzen Vögel ...
Flügel schwer ...


Die an sich schon dichterisch-ausgelutschten Substantive werden durch Adjektive noch pathetisch aufgeblasen, wodurch das Ganze ein wenig ins Lächerliche abdriftet.


Ebenfalls problematisch, wobei man diese Begriffe und Klischees für sich allein genommen ja noch stehen lassen könnte - gehäuft und zusammen auftretend bilden sie jedoch die Achse des Bösen:

Rosen einst ...
Reif in Auen ...
Fell vom Wolf ...
Meer der Ären ...
Liebesschweiß ...
Wasser wallt ...
das Wahre ...
Schatten ...
Frühling ...
Liebe ...
Blut ...



Dann das hier:

nichts geht mehr, bringt ihn zur Räson.

... passt tatsächlich gar nicht zum Stil, wie andere schon sagten.

ist längst begnadigt dieser Schuss.

Ich habe ernsthaft diese Nacht geträumt, ich hätte jemanden erschossen. Das war ganz schön schlimm, ein Alptraum. Ich habe mir überlegt, wie ich die Spuren verwische, hatte Angst vor der Polizei. Zum Glück bin ich irgendwann aufgewacht. Hängt wohl echt mit Deinem Gedicht zusammen, hab's vor dem Schlafengehen gelesen.


Fazit: Deine Prosa-Sachen find ich exzellent, da kann man gar nicht genug bekommen davon. Die Dichterei, na ja ...



Edit ... gar direkt SO drastisch solltest Du die Kritik nicht verstehen - das Dichten sollst Du nicht aufgeben, überhaupt nicht.

 

Roter Mohn




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