Besuch beim Onkel · StahlKocher · Kurzgeschichten

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     StahlKocher



Besuch beim Onkel

   08.12.2005, 19:57



Besuch beim Onkel

Wenn ich etwas Zeit habe und das schlechte Gewissen mich plagt, wenn jedermann seine Familie oder das, was davon noch übrig ist zusammenzusuchen und für die Unaufmerksamkeiten des Jahres zu entschädigen bestrebt ist, dann ist es soweit: ich besuche den Onkel. Warum ich mich immer in der Weihnachtszeit entschließe, ihm einen Besuch abzustatten, weiß ich nicht genau. Auch muss gesagt werden, dass es sich streng genommen gar nicht um einen Onkel im genealogischen Sinne handelt. Eher so, wie man kleinen Kindern nahe zu legen pflegt, dass einer Person, gehört sie auch nicht zur Familie, doch durchaus zu trauen sei und dass es sehr wahrscheinlich ist, ihrer im Weiteren öfter ansichtig zu werden, so sagte man auch mir eines Tages: „Siehe, der Onkel baut etwas mit dir“. Wenn ich ehrlich bin, kann ich nicht einmal sagen, in welcher und ob überhaupt ich zu diesem Mann in verwandtschaftlicher Beziehung stehe, schlimmer noch: allein bei der Frage, ob es sich nun um einen Mann oder gar eine Frau handelt, bin ich mir letztlich nicht ganz sicher. Was mir bleibt, ist die Aussicht auf eine herzliche Begrüßung und die Gewissheit, dass alle Unsicherheiten, wer oder was der Besuchte überhaupt ist, sich ins Unermessliche verflüchtigen, stehen wir uns erst einmal gegenüber. In freudiger Erwartung steige ich die steilen Gassen hoch. Ich beachte das Schwirren über meinem Kopf nicht, zu oft schon habe ich geglaubt, über mir müssten große Vögel meinen Weg nachempfinden. Blickte ich jedoch auf, war es, als ob jemand schnell flüchtete und nur das entfernte Rauschen mächtiger Schwingen ließ sich vernehmen, so leise, als würde Einbildung das Gehör verlachen. Ich steige hoch empor. Die kleinen Häuser und Straßen im Tal beobachtend, schreite ich durch ein großes Tor, von welchem niemand so recht weiß, welchem Zweck es einmal gedient hat. Es heißt, dass man eines Tages Geld bezahlen konnte, um es durchschreiten zu dürfen. Nach welchen Kriterien man vor der Erfindung des Geldes das Durchschreiten erlaubt oder verboten bekam, ist mir unbekannt. Endlich stehe ich vor einem großen Haus. Durch die ebenso großen Fenster kann man sehen, dass in einem großen Raum eigentlich nur ein großer Stuhl steht. Die Türe ist nicht abgeschlossen, ich gehe hinein und trete – wie immer – fast auf eines der kleinen Figürchen, welche in unzählbarer Menge des Onkels Haus bevölkern. Es ist dies nämlich ein kleiner Spleen, ein Zeitvertreib, jedoch in ungeheurem Ausmaß. Schon lange hat der Onkel nämlich nicht mehr in seinem schönen Stuhle Platz genommen. Besucht man ihn unangemeldet - und zu solch kleiner Formlosigkeit ist man gezwungen, denn der Onkel hat kein Telefon – so findet man ihn in einer Art Werkstatt kniend vor. Welche Gewalt dies Spiel über ihn hat, lässt sich gleichsam an seinem zerfurchten und ergrimmten Minenspiele ersehen, welchem er, wähnt er sich unbeobachtet, freien Lauf gewährt. Wird er jedoch eines Besuchers gewahr, geht von ihm schlagartig das gütigste Lächeln aus und die Kälte, die man ob der großen Höhe eben noch zu spüren sich ganz sicher war, weicht einer zärtlichen Wärme, wie man sie noch schwach und eher wie im Traum aus der Zeit im Mutterleibe erinnert. Möglicherweise liegt es am mangelhaften Einfühlungsvermögen des spielsüchtigen Kindes, dass ich mich des Verdachts nicht erwehren kann, die Bedeutung, die das Spiel für den Onkel hat, sei im Laufe der Jahre eine andere geworden. Diente es anfangs noch der Zerstreuung vom Tagewerk, worin genau dieses bestand kann ich nicht sagen, so scheint die anfängliche Freude einem latenten Zorn gewichen zu sein, einem Ringen um den guten Ausgang einer zum Bösen neigenden Sache. Manchmal, wenn ich versuche mich zu erinnern wie es anfing, ist mir, als ob wirkliche Freude und unbeschwertes Schaffen, mit denen man eine wahre Passion verfolgt, nur ungefähr eine Woche oder sieben Tage gehalten haben. Kurz darauf, so scheint mir, hat der Onkel sich zum ersten Male sehr erbost und erzürnt und auch zwei oder drei Verwünschungen ausgesprochen, was er sonst nie tat. Ist auch bei jedem Menschen unweigerlich der eigene Zustand daran beteiligt, wie man denjenigen seiner Mitmenschen betrachtet und erkennt man an, dass ich selbst der einen oder anderen Schwankung unterliege, so bin ich doch der Meinung, den Onkel niemals so unbeherrscht und leidend gesehen zu haben, wie heute. Nur halbherzig und doch unter Einsatz großer Anstrengung versucht er, sich freudig überrascht zu geben, hat er mich erst erblickt. Ob ich denn nicht lieber mit ihm nach oben, in die große Halle gehen möge, fragt er mich. Dies war jedoch nicht die Weise, in der mit Gästen zu verfahren ich von ihm gewohnt war. Hatte seine Beschäftigung auch längst nicht mehr den Charakter eines Kinderspieles, welches am besten mit Leichtmut und Frohsinn einhergeht, so hatte er doch immer mit Ernst und umso größerem Stolz vorgezeigt, womit er seine Zeit verbrachte und wohinein er all seine Liebe gab. Geradezu unmöglich war es sonst gewesen, ihn zu besuchen, ohne einige Zeit mit der Betrachtung der von ihm geschaffenen Wunderlichkeiten zu verbringen und so beharre ich, auch aus Anstand, darauf, des Onkels Werk betrachten und mich ein wenig in den Stand der Dinge eindenken zu dürfen. Nur zögerlich und mit scheuen Versuchen, mir doch den Aufenthalt in der Halle schmackhaft zu machen, lässt er mich gewähren. Ich trete also näher, nicht ohne insgeheim eine Bestätigung für meinen Verdacht zu erhoffen. Einen Zusammenhang zwischen des Onkels seelischer Veränderung und dem Spiele zu entdecken, hatte ich mich anheischig gemacht und mit Bestürzung muss ich einen Triumph hinnehmen, der von so zweifelhafter und bittersüßer Qualität ist. Was ich erblicke, ist das Chaos! Die kleinen Figürchen rennen durcheinander, in ihren Gesichtern der Hass, eingebrannt, wie wenn man einen heißen Topf auf eine empfindliche Oberfläche stellt. Nichts von der Liebe, mit der man sie erschaffen hat, sind sie in der Lage einander wieder zu geben, hoffnungslos scheint ihr gesamtes Werden dem Untergang geweiht. Rastlos scheinen sie damit beschäftigt, alles ihnen zur schönen Existenz dahingegebene, einzig zu Qual und Folter ihresgleichen zu verwenden. So gut und so schön auch jeder Vorsatz gewesen sein mag, so hässlich und ärgerlich wird an allem gezerrt und gewirkt, bis die Zerstörung sichtbar wird und mit offenbarer Befriedigung werden neue Ziele gesucht. Als ich aufsehe, steht der alte ratlos in einer Ecke. Eine große Träne wird in einem Winkel der großen Augen sichtbar und das hilflose Zucken der Schultern verleiht dem Wesen den Anschein eines Gebrochenen Greises. Nun erst erahne ich die verzehrende Macht des Schmerzes, die in der zusammengesunkenen Gestalt Ausdruck findet. Wie jemand, der sein einziges Kind hingegeben hat, um aller Aussichtslosigkeit zum Trotze, die Wendung eines Schicksals herbeizuführen, das doch so eindeutig und entschlossen in seiner Unveränderlichkeit scheint. Einen Zusammenbruch des stumm Leidenden befürchtend, halte ich es für das Beste, dem vorherigen Wunsch zu entsprechen und nach oben in die große Halle zu gehen. Ich greife nach dem knöchernen und ausgezehrten Arm, drehe den fragilen Leib vorsichtig, wie beim navigieren eines morschen Ruderbootes und wir steuern auf die Türe zu. Indes scheint dies keine normale Türe zu sein, eher an ein Schot erinnert die schwere Stahlkonstruktion, wie man es auf Schiffen verwendet, um auch mit einer defekten Außenhülle weiteres Eindringen von Wasser und somit den vollständigen Untergang zu verhindern. Uns stumm anblickend, sind wir uns doch über unser weiteres Vorgehen einig. Während ich unter großer Mühe die Türe schließe, wird neben mir ein großer Hebel umgelegt. Bevor die große Türe in ihre massiven Schlösser fällt, sehe ich, wie drinnen das Licht ausgeht und nur das rötliche Glimmen brennender Städte übrig bleibt. Vorsichtig steigen wir die Treppe hinauf, langsam, den so gebrechlich gewordenen Leib schonend. Oben angekommen, setze ich meine vor Anstrengung zitternde Fracht in den großen Stuhl. Beinahe lächerlich nimmt sich das ausgebrannte Körperchen auf dem nun viel zu groß anmutenden und einem Thron nicht unähnlich wirkenden Sitzmöbel aus und man möchte vor Mitleid, angesichts der verbrauchten Kreatur fast weinen. Zu reden gibt es nichts. Still ist das große Haus und nur durch einzelne, leichte Erschütterungen lässt sich erahnen, mit welch entfesselter und aus der Kontrolle geratenen Wut unten zu Werke gegangen wird. Leise verabschiede ich mich, wohl wissend, dass ich nicht im Geringsten von Hilfe sein kann und strebe zur Tür. Den Mut nicht aufbringend, mich umzublicken, verlasse ich das große Haus, fast in Eile, dass die gewaltige Traurigkeit meiner nicht noch habhafter wird. Als ich wieder auf der Gasse bin, kann ich es doch nicht lassen, mich noch einmal umzublicken. Schweigend steht das Haus da, Risse ziehen sich durch die Fassade. Die großen Fenster scheinen plötzlich blind und undurchsichtig, verwildert harrt der Garten, welcher nur durch das seltsame Leuchten eines einem Schwert ähnelnden Baumes erleuchtet wird, längst geschuldeter Pflege. Bevor ich weitergehe, fällt mein Blick auf den überfüllten Briefkasten, welcher, seit Jahren nicht geleert, Briefe und Karten nicht länger bei sich zu halten fähig war und seinen Inhalt vor sich auf den moosigen Gehsteig gespuckt hat. „Lieber Theo“, lese ich dort flüchtig, doch ich bekümmere mich nicht weiter, und setze meinen Weg fort in die Niederungen, die mir vertrauter sind und wo man dieser Tage nur Nächstenliebe und Frohsinn verbreitet. Beim Abstieg fällt mir das Leuchten im Tal auf, mich an die letzten Augenblicke im Keller erinnernd und mit Beklemmung frage ich mich, ob dies Glimmen wohl durch die Bäume kommt, die man zur Feier von irgendjemandes Geburtstag in jedermanns Vorgarten sehen kann.

 

     zuppanova



RE: Besuch beim Onkel

   14.12.2005, 00:02 / 1 x geändert



servus StahlKocher, das lässt sich lesen!
hat einen guten bogen, der sprachstil ist sauber durchgehalten, viele details umgesetzt, so dass der leser immer wieder diesen kleinen kick kriegt, wenn er etwas "wiedererkennt".
ganz konkret: Es heisst, dass man eines Tages.... - hier musst du anders formulieren, etwa "vor langer Zeit" oder "in früheren Tagen" denn "eines Tages" weist in die zukunft, nicht in die vergangenheit, und du willst ja den ablasshandel beschreiben.
gut wäre es vielleicht, den ganzen text sprachlich nochmal zu polieren, z.b. würde ich bei ...in ihren Gesichtern der Hass, eingebrannt, wie wenn man einen Topf... alles ab "wie wenn" weglassen, so auch an einigen anderen stellen noch kürzen, straffen, natürlich ohne den stil zu verlieren. aber manchmal scheint mir die sprache etwas zu umständlich, langatmig, der fluss der geschichte könnte noch gewinnen.
ja, jetzt noch was zur inneren logik: icherzähler führt onkel theo hinauf in die grosse halle, später fühlt sich erzähler aber an den keller erinnert --- irgendwas stimmt da nicht, den ablauf nochmal durchgehen ab dem moment, wo erzähler und onkel im schutzraum sind.
sehr gelungen finde ich den blick des erzählers zurück auf den überquellenden briefkasten und den verwilderten paradiesgarten. hübsches detail auch die engel in der luft am anfang. also: polieren und wackerhalten.
bis bald, zuppa wars.

 

     StahlKocher²



RE: Besuch beim Onkel

   14.12.2005, 00:16



hallo zuppanova,

vielen dank für deinen kommentar, ich freue mich riesig! gruß....

 

     augustine



RE: Besuch beim Onkel

   15.12.2005, 21:41



Hallo, StahlKocher - Du kannst aber mehr als Stahl kochen - nämlich feingewirkte Satzkonstruktionen spinnen, mit Genitivobjekten und Dativ-e, sorgsam im Dienst einer Sache, einer Weihnachtsgeschichte eigener Art. Dass ich Deinen Text GROSSARTIG finde, wollte ich schon schreiben, als ich ihn zuerst las: die gewollte Unklarheit (ungeheuer/unermesslich/unzählbar ... gehören dazu) von allem ist in großer Präzision beschrieben - an Kafka geschult.
Trotzdem ein paar Hinweise - irgendwann wird man ja blind beim Eigenen:
* den 'Onkel' sieht das Ich nur zu Weihnachten (das Wort vielleicht am Anfang vermeiden, zu banal): schlechtes Gewissen/freudige Erwartung widersprechen sich;
* [Stadttore - ein solches müsste das "große Tor" doch wohl sein -, also Städte gab's nicht vor dem Geld]
* wenn der Besuch nur einmal im Jahr stattfindet, hat der Besucher keine Gelegenheit, Verläufe festzustellen ("wähnt er sich unbeobachtet"; die zunehmende Gewalt, die das "Spiel" über den Onkel hat; die Beobachtungen des Kindes, das der Erzähler war, und des Erwachsenen, der den erzählten Weihnachtsbesuch macht, ist etwas unklar, nicht gewollt unklar; ist anfangs das Kind eine Woche beim Onkel?
* der Onkel wird kaum immer knien, wenn man ihn jährlich besucht
* die Figuren - die von ihm im Spiel geschaffenen Figuren - werden sie lebendig? die Gewalt, die sie ausüben, geht bis zur körperlichen und seelischen Zerstörung des Onkels - UND DAS IST DAS, WAS DU EIGENTLICH ERZÄHLEN WILLST; ist das richtig gesehen? das ist, alles in allem, sehr, sehr gut
* die Tür wird von innen geschlossen - dann kann aber der Erzähler das Haus nicht verlassen
* nicht alle Vergleiche finde ich gelungen oder erhellend (Traum wie aus der Zeit im Mutterleib; das Ruderboot)
* einen seit Jahren nicht geleerten Briefkasten kann's nicht geben: das Gebrachte würde irgendwann weggeweht auch bei moosigem Untergrund; irgendwann würde ein Briefträger doch was merken ...

Ich bin dem Text gefolgt. Habe den Eindruck, ihm eigentlich nicht gerecht geworden zu sein, es nur zu können, wenn ich alle Aussagen in Übereinstimmungen, Entwicklungen, Gegensätzen zusammen schriebe - aber die Zeit habe ich nicht. Es ist ja auch die Frage, ob Du es wolltest.

zu zuppanova: Wieso denn "Ablasshandel"?
"eines Tages" weist nach vorwärts UND nach rückwärts (wie "einst").
Grüße augustine

 

     Elise



RE: Besuch beim Onkel

   15.12.2005, 23:36



Ja, da schliesse ich mich einfach gleich an augustine an und sags halt ganz pauschal: ein FEINER Text.
Es grüßt Elis.

 

     Marcel Frank



RE: Besuch beim Onkel

   16.12.2005, 02:01



Also, weitestgehend (und das sei nicht gesagt, nur um es gesagt zu haben ...) pflichte ich den Lobgesängen bei ! Die literarische Verortung würde ich anders vornehmen: Diese Verrätselungen (u.a. "Glimmen", "Werk", "brennende Städte") versperren mir einen Zugang zu erzähllogischen Erwägungen. Was ist schon logisch ? Cortázar light. So wenig mir - aufgrund der Länge - einige der Wie-Vergleiche gefallen ("wie man es auf Schiffen verwendet, um auch mit einer defekten Außenhülle weiteres Eindringen von Wasser und somit den vollständigen Untergang zu verhindern"), so sehr fühle ich mich bestätigt, dass sie inhaltlich (Türen, Tore, Schlösser) zu einem "Couvrieren" beitragen wollen. In das, was da pseudo-hermetisch abgeriegelt wird, verorte ich die (bedingt weihnachtliche) "Onkel-Welt". Und: Dort gibt es keine Werthers Echte zu holen ("mal ablassen") ! Mag sein, dass der Auftakt (die offene Warum-Frage allerdings wäre ein idealer Beginn) einen kafkaesken Zug hat. Als Attribut. Möglicherweise ist die Kurzgeschichte ein einziger Abgesang. Jenes Ich wäre dann eine ziemlich miese Sau. Zum Beleg führe ich den, wenn er affirmativ gelesen würde, schlechtesten Satz an: "Beinahe lächerlich nimmt sich das ausgebrannte Körperchen auf dem nun viel zu groß anmutenden und einem Thron nicht unähnlich wirkenden Sitzmöbel aus und man möchte vor Mitleid, angesichts der verbrauchten Kreatur fast weinen." Das ist das große Plus.

Weiter oben war von "Sprachstil" die Rede und "Details". Nun, Dein Text ist auch eine kleine Zeitreise: Verbphrasenfetischismus ("die man ob der großen Höhe eben noch zu spüren sich ganz sicher war" | "nicht länger bei sich zu halten fähig war") oder - ab und zu - Nominalstil und forcierte Nomen-Verb-Kollokationen, darunter eine "Unglücklichste" ("Eine große Träne wird in einem Winkel der großen Augen sichtbar und das hilflose Zucken der Schultern verleiht dem Wesen den Anschein eines Gebrochenen Greises" | "Nun erst erahne ich die verzehrende Macht des Schmerzes, die in der zusammengesunkenen Gestalt Ausdruck findet" | "dass ich mich des Verdachts nicht erwehren kann" | "welcher nur durch das seltsame Leuchten eines einem Schwert ähnelnden Baumes erleuchtet wird"), Stelzungen ("um aller Aussichtslosigkeit zum Trotze, die Wendung eines Schicksals herbeizuführen"), Retro-Lexikon a la "wähnen" und "ob" (synonym: "wegen"), Genitiv-Konstruktionen, die es nie gab ("zwischen des Onkels seelischer Veränderung") und als Gewürz hie und da ein Partizip I. Den Konjunktiv I habe ich hingegen vermißt. Ich weiß, das man diesen Einwand in den Wind schlagen kann, indem man sagt: Das war alles Absicht (gute, alte Zeit und so). Im übrigen: Hätte ich für das Letztgenannte nicht eine gewisse Vorliebe, wäre ich außerstande, es so feierlich aufzuzählen. Also: Unentschieden. Das umgs. "nämlich" (2x) und die Fingerfertigkeiten des Genitivs an einem Stück sind entweder freiwillig oder unfreiwillig komisch ("... welche in unzählbarer Menge des Onkels Haus bevölkern. Es ist dies nämlich ein kleiner Spleen, ein Zeitvertreib, jedoch in ungeheurem Ausmaß. Schon lange hat der Onkel nämlich ...").

Ich bin durch diese Geschichte befriedigt. Dieses augustin´ische Unbehagen empfinde ich ebf. So wirft der Text einen 2er ...

Der Nikolaus !

 

     StahlKocher²



RE: Besuch beim Onkel

   16.12.2005, 22:58



hallo ihr lieben,

danke für die zeit, die ihr meinem text gewidmet habt. ich habe mich über zuppanova´s beitrag so gefreut, weil jemand so ohne weiteres "raushaut", was ich versucht habe zu chiffrieren. tatsächlich wollte ich darstellen, das jemand gottvater besucht. der wohnt bekanntlich im himmel, deshalb steigt man in die höhe. die engel beschauen sich, wie man das himmelstor erreicht und dieses unbewacht findet. die sache mit dem geld = "ablasshandel": volltreffer! jetzt kommt das buch genesis dran: sieben tage wird an der welt gebaut, wenig später gibt´s den ersten ärger, gott spricht in der folge drei flüche aus. viele darstellungen gottvaters aus der renaissance haben pate gestanden, als es um die beschreibung des thrones und des gesamten umfeldes ging. Die menschheit ist das spiel - ein blick in die nachrichten zeigt den status quo. es ist einfach dargestellt, wie jemand einer sache leben einhaucht und wie diese ihm dann um die ohren fliegt. kennt ihr diese freaks, die in ihrem bastelkeller zweitausend meter schienen verlegt haben und mehdorn spielen? so einer hockt da und hat völlig die kontrolle verloren. "theo" sollte dann nur noch der letzte wink mit dem zaunpfahl sein und das glimmen stellt die identität zwischen den figürchen und den menschen her. das nautische im text kam mir durch die arche in den sinn. letztlich liegt hier mein persönlicher gedanke zur theodizee vor: als der große mann feststellen musste, dass wir nichts taugen, hat er die tür zum bastelraum zugeschmissen und das licht ausgemacht. - frohes fest!

 

     Marcel Frank



RE: Besuch beim Onkel

   17.12.2005, 15:02



Mein lieber Schwan !

Ziemlich speckig das "Bedeutete" (Zeichen und so) ! Deine Erläuterungen lösen jede weitere Spekulation um f(x)=y auf (eine Abschlußerklärung ?). In der Tat ist das eine Fiktionalisierung. Das Abstecken ihres Einzugsbereichs ("Endgültigkeit") nimmt meinem ersten Absatz gehörig den Wind aus den Segeln. Jetzt ließe sich über Autorwille vs. Text-Autonomie herumphilosophieren. Und über das "Wie". Die umfänglichen Feedbacks: körnchen feucht höriger wellensittiche (Leser).

 

Besuch beim Onkel




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