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     Pega Mund



Friederike Kempner, Poesie ist Leben

   11.07.2010, 03:14



Poesie ist Leben,
Prosa ist der Tod,
Engelein umschweben
Unser täglich Brot.

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augustine hat sich geoutet: Sie lese abends immer Friederike Kempner, sagt sie -> hier.
Das ist sicher entspannend. Und inspirierend.

Friederike, geboren 1836 in Posen als Tochter jüdischer Eltern, mit denen sie später nach Schlesien übersiedelte, entwickelte großes Interesse an sozialen und medizinischen Fragen, arbeitete als Krankenpflegerin, engagierte sich immer wieder karitativ, z.B. in der Armenfürsorge, und verbrachte einen großen Teil ihrer Zeit damit, Bittbriefe zu schreiben, etwa an Kaiser Wilhelm I., dem sie die Einrichtung von Leichenhäusern vorschlug, damit künftig keine Scheintoten mehr bestattet würden. (Ein Problem, das im 18.und 19. Jh. auch Menschen wie J.W. Goethe oder E.A. Poe sehr erregte.)

Stürmisch ist die Nacht,
Kind im Grab erwacht:
"Mutter, wo bist Du?"
Überall ist's zu.
Endlich stirbt das Kind,
Froh die Engel sind!

Mit etwa 30 Jahren fing Friederike Kempner, kritisch und sozialreformerisch engagiert, dabei in ihrem ganzen Wirken auch ein typisches Kind ihrer Zeit, zu dichten an. Ihre Verse sind ausgerichtet am hohen Ton nachklassischer Lyrik. Bis heute gilt sie, genannt "schlesischer Schwan" oder "schlesische Nachtigall", als Königin der lyrischen Verirrung und Meisterin der unfreiwilligen Komik.

Wie auch immer - eine akzentuierte Persönlichkeit war sie bestimmt, und die Goldschnitt-Lyrik der Gründerzeit wäre ohne sie um ein charmantes Highlight "tiefer Erhabenheit" ärmer.

Gedichte von Friederike Kempner findet man online z.B. -> hier.

 

     toltec-head



Ob mich dies Jahr einer will?

   30.10.2012, 20:40 / 4 x geändert



Im Narratorium von Holbein - der auf diesen Seiten in einem hübschen Gedicht verwurstet ist, das ich leider nicht mehr finde -, taucht sie überraschend auf. Die Kröte. Die Kempner. Irgendwo zwischen John Harvey Kellog und Jiddu Krishnamurti. Wollt den Eintrag, als ich ihr Foto sah, erst gar nicht lesen. Hab´s dann aber doch gemacht. Und nicht bereut. In einem Buch, das mir an mehreren Stellen die Freude eines befreienden Gelächters bescherte, hab ich so laut nirgends gelacht.

Holbein: "Friederike Kempner stocherte - ganz ohne helle Momente - vorauseilend in den schwachen Minuten jeglicher Hausfrauenlyrik, wenn nicht gar Lyrik. Keine Lyrikerin ahnte, wie fatal jede Lyrikerin sich nach jener Lyrik anhörte, die fatal nach Lyrik roch"

Frühling ist, wenn frohgemut
Man Schnittlauch sich aufs Rührei tut.

-

Willst verdienten Preis gewinnen,
Muß der Schweiß herunter rinnen
Von der Decke bis zur Diele.

-

Welche Wonne, welches Glück
Welcher Jubel kehrt zurück!
Einzig Glück wohnt nur im Licht,
Gott, ich lese ein Gedicht.

Holbein: "Seit ihrem Vers >>Das waren die Spiele,/Das kindliche Glück./O ruft mir Gefühle/Der Kindheit zurück<< konnte sogar Hölderlin sich fast nach Kempner anhören. Neben reifen Kempnerversen >>Mit regem Dankgefühl/Send ich euch wieder mal/Euch Blätter ohne Zahl/Ins menschliche Gewühl" kochte Goethe plötzlich auch bloß mit Wasser, reimte irdisches Gewühle auch nur auf Gefühle, und Gesträuch auf Zweig. Hätt Schiller >>Edel sei der Mensch, hilfreich und gut<< verzapft, wär´s bloß Gedankenlyrik, aber wenn´s von der Kempner gewesen wär, hätten sich erst recht alle Leser inhuman die Schenkel geschlagen."

O Röslein mein, Mimöslein mein/
Und lustiges, hüpfendes Vögelein.

-

Sperrt euch ein in große Städte,
Athmet ein die dicke Luft
Was ein Andrer ausgeathmet,
Nein, das ist kein süßer Duft.

-

Jegliche Verstopfung weicht,
Alle Herzen werden leicht.
Und das meine fragt sich still
"Ob mich dies Jahr einer will".

Holbein: "Nicht jede Lyrikerin des 20. Jhrdts. konnte verbergen, eine kempnerische Familienähnlichkeit aufzuweisen. Jede litt am Damokleskochlöffel: >>Können schöne Seelen und gute Menschen Kunstwerke gebären?<<, als wären Ulla Hahn, Reiner Kunze, Hans-Joachim Griebe, Sarah Kirsch ganz andere lyrische Kaliber."

Heil´ge Gottheit, höre mich,
Tief im Staube preis ich Dich!

 

     Pega Mund²



Einer will immer!

   01.11.2012, 19:22



Heiala Tolteke, schöner Fund! Und:

Die Kempner (man mag nun Wasauchsonstnoch
von ihr denken oder halten!), hat es also immerhin
ins -> holbeininger'sche Narratorium (klickn) geschafft.


Wer kann sich damit schmücken? Viele nicht ...

. . .Gretchen grüßt

. . . . . . . . . . . . -> Zum Kartoffelbrei (klickx)

 

     augustine



am Ende stirbt man

   09.07.2013, 22:23 / 1 x geändert



Nun ja, des Abends lese ich Friederike Kempner, das habe ich ja schon bekannt.
Dass ich in Breslau auf dem Jüdischen Friedhof ihren Grabstein finden würde, habe ich zuvor nicht geahnt.

Hier: http://i248.photobucket.com/albums/gg186...empnerklein.jpg


Mal sehen.
augustine

 

     Pega Mund²



Zufallsfund

   12.07.2013, 17:40



Zufällig Kempners Grab entdecken - Picasso drückt das so aus:

Ich suche nicht, ich finde.

Was die -> Kempner angeht, so berührt sie mich auf eine ähnliche Art wie -> Erich Mühsam es tut.
Unbeirrt blieb sie den Zielen, die ihr wichtig waren, treu; blieb sich selbst treu, mochten auch die Leute schwätzen, spotten, sie belächeln, kränken. Offensichtlich hatte FK ein waches Auge für die Verwerfungen ihrer Zeit; im Rahmen ihres philanthropisch-sozialreformerischen Engagements verfolgte sie sehr konkrete soziale Ziele, die sie im Alltag durchzusetzen versuchte und nicht nur auf dem Papier. Sie prangerte Klassenunterschiede und die fehlende soziale Verantwortung der Oberschicht an, betätigte sich in der Armenfürsorge als Krankenpflegerin und Sterbebegleiterin, kämpfte vehement gegen Antisemitismus, gegen die Einzelhaft lebenslänglich Verurteilter, gegen die Vivisektion von Tieren, gegen die Benachteiligung der Frau.
Gretchen-> Christine Lavant


Es ringt der Regen mit dem Winde, / Es ringt der Segen mit dem Fluch,
Es ringt das Alter mit dem Kinde, / Es ringt die Sage mit dem Buch.
Es ringt die Tugend mit dem Bösen, / Es ringt die Arbeit mit dem Gold,
Es ringt ein jeglich, jeglich Wesen: / Ob es, und ob es nicht gewollt!

(FK)

 

Friederike Kempner, Poesie ist Leben




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