augustine
|
07.07.2006, 20:01 / 3 x geändert
|
|
DIE STERBENDE
ihre zimmertür offen
verloren im gitterbett und geborgen
in vielen weichen kissen
eine zierliche greisin
gestern neunzig jahr
zum fötus gerollt
die wächsernen beine
nackt bis zur windel
ein feines nachthemd mit spitzen
hitzeflirrende nachmittagssonnenstreifen
erleuchten im fahlen gesicht
einen offenen mund
der atmet noch
mühsam hebt sie die lider aus ihrem schlaf
erkennt mich oder nicht
schließt sie wieder
spricht noch
kurzes verworrenes
darin klar:
bleiben sie bei mir
sitzend neben dem gitterbett
nehme ich durch die stäbe
eine zitternde pergamentene hand
die beruhigt sich in meiner
mit rostigem atem sing' ich für sie
bachs todesgesang
sie glaubt daran
bald fehlt uns ihr atem
weitergewandert der lichtstrahl indes
liebkost bleiche kniee
anmutig wie die eines mädchens
auf dem verwandelten gesicht
erscheint
ein glanz von schönheit
der vergeht wieder
Niemand hat diesen Abschied gestört.
Nun wird getan, was zu tun ist.
Die Änderung betraf die Zeile: "mit rostigem Atem sing ich (neu:) für sie.

|  |
ear
|
08.07.2006, 09:13 / 1 x geändert
|
|
augustine, dein Gedicht beschreibt sehr klar das Verloeschen eines hoch- betagten Menschenlebens in Frieden, ohne Schmerzen und Kranksein. Das kurz vor dem Ende sich klaerende Bewusstsein, das sich Verjuengende, die Moeglichkeit eines angedeutenden "Mitsingens":;das waere ein Tod, den man sich ertraeumt.
Niemand hat Einfluss auf seine Tiodesstunde; man ist abhaengig von anderen Menschen, hilflos in den Zustand eines Kindes zurueckgekehrt.Der Kreis hat sich fast geschlossen.
Gruss, ear.

|  |
Elise
|
Hallo, augustine!
Schreibe eigentlich ungern Kommentare: was bringt es? - denke ich, denn: meine haben doch nicht "den Biß". Aber: dies wollte ich noch einmal herholen. Kleinigkeiten dazu:
- beim Lesen: da ist eine "Botschaft", die mich erreicht, also: es spricht zu mir (als Leserin).
- der Text spricht in deiner Sprache, damit meine ich: du hast deinen Stil!
- den Lichtstrahl hebe ich hervor, er geht als Leitstrahl durch den Text. Gut. Auch eine Metapher für die weitergleitende (Lebens)Zeit, auch für das, worin menschliches Leben eingebunden ist, was nicht stockt, nicht stillsteht plötzlich (so wie menschl. Leben) - das Große Fließen, panta rhei .... ist für mich in diesem wandernden Licht ....
- anderes wichtiges Detail: die "Handreichung" vom einen Menschen zum anderen, natürlich!
- manches würde ich vielleicht weglassen, z.B. Zeile 5 komplett: gestern 90 jahr. Ich kann mir schon denken, daß du Gründe hast, es hinzuschreiben, aber es ist nicht "notwendig" für den Fluß, für die Botschaft.
- Zeile 15 bis 20 würde ich versuchen, zu straffen, mehr auf den Punkt zu bringen, um den es da geht: bleiben sie bei mir.
- winziges Detail: der "rostige" Atem stört (mich). Ja, ich weiß, warum er da ist, aber das Wort stört mich einfach.
Das nur kleinste Anmerkungen. Danke, daß du es hereingegeben hast.
Viele Grüße, Elise.
Ach ja: ich nehme an, du hast es "genau so" erlebt. Keine Fiktion...

|  |
augustine²
|
Liebe Elis, danke, dass Du diesem Text eine so sorgfältige Lektüre und Kommentierung gewidmet hast. (Die ernstesten Texte kriegen das häufig nicht, finde ich.)
Ob ich "meinen Stil" habe, weiß ich nicht - in Gedichten jedenfalls probiere ich verschiedene. In Prosa ist es anders.
Ich habe alles erlebt bis auf eine Einzelheit, aber an verschiedenen Personen, das 'Eigentliche' (oder wie soll ich da sagen?) aber an einer, vor nicht sehr langer Zeit.
Doch: "gestern neunzig jahr" IST nötig für die 'Botschaft': eine meiner literarischen Anspielungen; hier ist es Uwe Johnson: "Heute 90 Jahr" - unvollendet, weil er darüber gestorben ist (es ist was da, auch gar nicht so wenig; es hätte ein Stück Vorgeschichte zu den 'Jahrestagen' sein sollen); das sind so Abwägungen: es hätte 'richtig' Goethe sein müssen, aber der hat eine Ausgabe letzter Hand hinterlassen, nichts Großes Unfertiges; die 90 Jahre 'stimmen', und die 'Botschaft' sollte doppelt sein: ist nicht jedes Leben am Ende vollendet (so habe ich hauptsächlich die Erwähnung der Fötusstellung gemeint; wie ear schrieb: der Kreis hat sich geschlossen) UND unvollendet?
Der 'rostige atem' war meiner; ich konnte mal gut singen, habe viele große Oratorien mitgesungen; sagt also was zu meiner wie unser aller Vergänglichkeit aus - und zur Überwindung, etwas zu singen, an das ich nicht mehr glaube ("Vor deinen Thron tret ich hiermit"). -
Der Lichtstrahl war da, UND er dient als Metapher. Fötus-Mädchen-Greisin (ich kannte sie nur so), die "neunzig Jahr" stehen für die erwachsene Literaturkennerin; aber das ist wirklich kaum zu erkennen.
Grüße in eine Sommernacht! augustine

|  |
Elise
|
Liebe augustine
gut, daß du dich zu dem Text auch nochmal geäußert hast. Die Uwe-Johnson-Anspielung konnte ich nicht verstehen, hab das nicht gewußt. Literarisch weiß ich SEHR wenig! Und die rostige Stimme, das begreife ich nun auch. Ja.
Liebe Grüße, Elis (immer auf dem Weg per aspera ad astra ...)

|  |
Jolante
|
Augustine,
heute wurde ich mit dem Sterben meiner 89jährigen Tante konfrontiert. Ihr Bett stand im Durchzug auf dem Flur einer Intensivstation, sie war gefesselt an Schläuche und Drähte, um sie herum herrschte hektisches Treiben. Da waren kein Lichtstrahl, keine schützenden Kissen, kein Todesgesang. Dein Gedicht "Die Sterbende", an das ich mich dankbar erinnerte, gab mir die Kraft, ihre Hand zu halten, es bei ihr "auszuhalten" und -wenigstens in Gedanken- für sie zu singen: "O Tod, wie wohl tust du dem Dürftigen, der da schwach und alt ist, der in allen Sorgen steckt und nichts Bessers zu hoffen, noch zu erwarten hat. O Tod, wie wohl tust du !" Sie starb, während ich bei ihr war, und alles um uns herum hat diesen Abschied gestört.
LG Jolante

|  |
augustine²
|
02.08.2006, 23:51 / 1 x geändert
|
|
Ich habe Jolantes Eintrag grade noch vorm Ausmachen des PCs gelesen. Ich habe ihr privat geantwortet. So nochmals existentiell gelesen und erlebt dies Gedicht - ich fasse es noch kaum.
augustine

|  |
rollerball
|
Liebe Augustine,
das Gedicht berührt mich sehr, weil vor einer Woche eine sehr liebe alte Freundin gestorben ist (sie wurde aber leider nicht 90, sondern nur 58 und hatte viel zu leiden).
Leider hatte ich keine Gelegenheit, sie am Sterbebett zu besuchen, doch möchte ich gern denken, dass der Abschied von ihren Liebsten ähnlich harmonisch und friedlich verlaufen ist wie in der von dir so überzeugend und eindrucksvoll geschilderten Szene. Den "rostigen Atem" finde ich übrigens sehr plausibel und originell ...

|  |
Irene
|
Hallo Augustine!
Ich finde das Gedicht auch sehr berührend.
Vor allem die Zeile "bald fehlt uns ihr atem" ist sehr gut ausgewählt - sie beschreibt den Punkt, an dem die alte Dame verstorben ist ohne dezitiert das Sterben noch einmal auszusprechen - so erfolgt ein ganz ruhiger Übergang, den das Gedicht ja auch ausdrücken möchte.
Liebe Grüße
Irene

|  |
|
|
| |