Versäumnisse der Marie P. · Jolante · Philosophie

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     Jolante



Versäumnisse der Marie P.

   17.05.2010, 14:23 / 5 x geändert



einmal im leben
zur rechten zeit
das unmögliche nicht
geglaubt zu haben

einmal im leben
zur rechten zeit
das mögliche nicht
abgelehnt zu haben

einmal im leben
zur rechten zeit
die weiße wolke nicht
erkannt zu haben

das sind die versäumnisse einer
die beim anblick des himmels
das blau nicht aushalten konnte

 

     Gretchen Darloni



Marie A. und Marie P.

   17.05.2010, 19:47



Heia Jolante,

Erinnerung an die Marie A. , Brechts berühmtes Liebesgedicht mit der weißen Wolke, die einen Augenblick später schon "nimmer da" ist, bildet die Folie, auf der Du eigene Gedanken zum Umgang mit dem Augenblick wie Aperçus formulierst, nämlich als "Versäumnisse" der Marie P., als verpasste Gelegenheiten und Lebenschancen.
Die Wirkung beruht, denk ich mal, auf der parallelen Gestaltung - ja, und natürlich auf den feinen Verbindungslinien zu Motiven des Brecht-Gedichts.

Maigretchengrüße

 

     zuppanova



Chronos und Kairos

   18.05.2010, 00:13



Ein melancholischer Text. Möchte die "Marie P." gern etwas entlasten und die Frage stellen, ob sie sich wohl wirklich "Versäumnisse" anzulasten habe? Denn was ist die weiße Wolke anderes als der "Kairos"?

Alles, was man tun kann, hat seinen Kairos, seinen richtigen Moment. Dieser Moment ist ein Einschnitt im Fließen des Chronos. Kairos teilt die Chronos-Zeit, rhythmisiert sie und macht sie so zur Harmonie jenseits der Mechanik.

Den Kairos aber bestimmen, herbeiführen oder berechnen zu wollen ist "Haschen nach Wind": Niemand weiß die Stunde der Geburt oder des Todes. Nur das, dass sie kommt, kann man wissen. Man weiß und muss wissen, dass man sterblich ist.
Daher die Rede vom Kairos als Fülle der Zeit bzw. vom Einbruch der Ewigkeit in die Zeit, das heißt in der theologischen Diktion auch Menschwerdung Gottes, Inkarnation und Erlösung. Kairos ist verknüpft mit Gnade. Er ereignet sich, fällt zu - oder auch nicht. Ein Geschenk.

---

Der strenge formale Aufbau, das, was Gretchen "parallel" nennt, die Wortwiederholungen, bildet vielleicht den Takt des Chronos ab. Die Melancholie, das Reflektieren der Versäumnisse - das wäre dann ein Kairos-Element im Text.

Nur so als Gedankensplitter dazu: zuppa.

 

     gregor libkowsky



Versäumnisse der Marie P.

   18.05.2010, 12:11 / 1 x geändert



Kommen die ersten Strophen fast klagend, selbstanklagend daher - gespeist aus einer "Was-wäre-wenn -Stimmung" - spricht die vierte Strophe entlastend von Versäumnissen und nennt auch gleich den Grund dafür: Das Blau des Himmels.
Das Nichtaushaltenkönnen des Idealzustandes im Sinne eines lebensgereiften Zweifels und das eigene Wissen um das Nichtgeschaffensein für so viel "Blau" konkretisieren sich in der letzten Strophe zu einem nicht aufzulösenden Gegensatzpaar. Einerseits das fehlende "Blau" einklagen, sich danach sehnen und andererseits wissen, dass es diese geträumte und ersehnte Vollkommenheit nicht geben kann. Im Wort Versäumnis steckt letztendlich das Eingeständnis und die bittere Wahrnehmung eigener Unzulänglichkeit und Unvollkommenheit, die unserem Menschsein entspringen.

Lese ich Marie A. und dann Marie P. umfängt mich ein melancholischer Ton, in welchem sich auch ein klein wenig Bitternis einschleicht. Wir müssen uns ständig entscheiden - und wollen doch alles. Jedoch, könnten wir in die Zukunft schauen, wir ertrügen das "Blau" unseres vollkommenen Lebensentwurfes nicht.

Gern gelesen, Kommandant Libkowsky.

P.s: in S1 die Großschreibung von Unmöglich - Tippfehler?

 

     augustine



Versäumnisse der Marie P.

   18.05.2010, 23:41 / 2 x geändert



Drei Überlegungen zu diesem Gedicht stehen nun schon hier. Gern würd ich mich anschließen und sagen: finde ich so ähnlich.
"Marie P." hat Erinnerungen (so bei Brechts "Marie A.") - Versäumnisse genannt, drei. Und ich weiß nicht, ob ich ihr das so ("melancholisch" also) abnehmen soll.
Denn:
Könnte nicht, das Unmögliche nicht geglaubt zu haben zu einer nicht planbaren "rechten Zeit" (ja, einem kairos) gerade richtig gewesen sein?? Es nämlich in seiner Unmöglichkeit erkannt zu haben? (religiösen Kontext vermute ich.)
Könnte es nicht auch richtig gewesen sein, das Mögliche, als es da war und ergriffen werden konnte, nicht wegzustoßen, sondern anzunehmen?
Mit der weißen Wolke freilich weiß ich noch nicht so recht. Ist sie bei Brecht Symbol schnell vergänglicher Liebe und deshalb "ungeheuer oben"? Wird da, bei B., Liebe suggeriert, an die vielleicht ein Mädchen glauben wollte, die der Mann aber gar nicht so ernst gemeint hat? Da wär's dann vielleicht für "Marie P." auch richtig gewesen, einer Liebesverlockung gerade nicht gefolgt zu sein.
M. P. hat die weiße Wolke nicht erkannt. Hätte sie sie erkannt, wäre der Himmel nicht so unerträglich blau (so eintönig blau) gewesen. Wollte sie das so?? Ist damit ein Lebenszwiespalt angedeutet?

Gehört vielleicht diese Geschichte irgendwie in den Zusammenhang von Strophe 3?

Danke, Jolante!!
augustine

 

     Jolante²



Versäumnisse der Marie P.

   02.07.2010, 19:17



gretchen, zuppanova, gregor libkowsky, augustine,

soeben ist mir aufgefallen, dass ich es beinahe versäumt hätte, mich bei euch für die Beschäftigung mit den "Versäumnissen der Marie P." zu bedanken. Das möchte ich hiermit nachholen, denn ich habe mich über eure verschiedenen Lesarten, die ich alle nachvollziehen kann, sehr gefreut. Eine eigene Interpretation brauche ich nicht nachzuliefern, die ist in dem Kommentar von dir, Kommandant, vollständig erhalten.

Beste Grüße
Jolante
(bewölkt)

 

     Willimox



Versäumnisse der Marie P.

   02.07.2010, 19:36



Jetzt aus Gründen des Verstehens und Erlebens dann doch den Bertolt Brecht jetzt hier, auch wenn von gretchen schon verlinkt:

Erinnerungen an Marie A.

1
An jenem Tag im blauen Mond September
Still unter einem jungen Pflaumenbaum
Da hielt ich sie, die stille bleiche Liebe
In meinem Arm wie einen holden Traum.
Und über uns im schönen Sommerhimmel
War eine Wolke, die ich lange sah
Sie war sehr weiß und ungeheuer oben
Und als ich aufsah, war sie nimmer da.

2
Seit jenem Tag sind viele, viele Monde
Geschwommen still hinunter und vorbei
Die Pflaumenbäume sind wohl abgehauen
Und fragst du mich, was mit der Liebe sei?
So sag ich dir: Ich kann mich nicht erinnern.
Und doch, gewiß, ich weiß schon, was du meinst
Doch ihr Gesicht, das weiß ich wirklich nimmer
Ich weiß nur mehr: Ich küsste es dereinst.

3
Und auch den Kuss, ich hätt' ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke da gewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

 

Versäumnisse der Marie P.




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